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Schülerproteste: Wie rechte Politiker die Ausschreitungen für Hetze gegen Migranten nutzen

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BERLIN/PARIS. Aus Protesten für bessere Schulen ist in Frankreich eine gesellschaftliche Krise geworden. Die schweren Ausschreitungen werden von rechten Politiker inzwischen genutzt, um gegen Migranten zu hetzen. US-Präsident Donald Trump, AfD-Chefin Alice Weidel und Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) stellen die Gewalt pauschal in einen Zusammenhang mit Einwanderung – ohne dafür belastbare Belege vorzulegen. Auch Frankreichs Rechtsnationale instrumentalisieren die Krawalle für ihre migrationspolitische Agenda. Dabei geraten die sozialen Ursachen der Gewalt aus dem Blick: Armut, Ausgrenzung und fehlende Bildungschancen, wie die Frankreich-Korrespondentin des Redaktionsnetzwerks Deutschland betont.

Bundesinnenminister Alexander Dobrindt sieht hinter den schweren Ausschreitungen in Frankreich eine Verbindung zwischen Linksextremisten und Menschen aus migrantisch geprägten Milieus. „Wer nicht klar benennt, dass sich hier Linksextremisten und ein migrantisches Milieu zum gemeinsamen Kampf gegen das demokratische System auf der Straße treffen, hat die Situation nicht verstanden“, sagte der CSU-Politiker der „Bild“.

Dobrindt verurteilte die Gewalt scharf. „Wer Straßen in Schlachtfelder verwandelt, Polizisten angreift und Rathäuser anzündet, demonstriert nicht für bessere Bildung, sondern führt einen bewaffneten Kampf gegen die freiheitliche Gesellschaft und unseren Lebensstil“, erklärte er.

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Mit dieser Deutung steht der Bundesinnenminister nicht allein. US-Vizepräsident JD Vance machte Einwanderung aus ärmeren Ländern für die Krawalle verantwortlich. Präsident Donald Trump griff die Argumentation auf. „Die Zuwanderung von Menschen aus einer komplett anderen Welt, von Menschen mit hasserfüllten Herzen, hat dieses einst so großartige Land zerrüttet“, erklärte er auf seiner Plattform Truth Social. AfD-Fraktionschefin Alice Weidel bezeichnete die Ausschreitungen als Alarmsignal für ganz Europa und machte offene Grenzen sowie Massenmigration dafür verantwortlich.

Die Aussagen unterscheiden sich in ihrer Wortwahl, folgen jedoch einem ähnlichen Muster: Aus der Beteiligung einzelner Menschen mit Migrationsgeschichte an Gewalttaten wird eine pauschale Schuldzuweisung an Einwanderer. Die Ausschreitungen dienen als Anlass, Migration insgesamt als Bedrohung darzustellen. Dass sich die Proteste ursprünglich gegen Missstände im Bildungssystem richteten und später auf soziale Forderungen ausweiteten, spielt in dieser Darstellung kaum eine Rolle.

Eine belastbare statistische Grundlage für die Behauptung, Einwanderung sei die wesentliche Ursache der Ausschreitungen, ist bislang nicht erkennbar. Zwar berichten französische Behörden von der Beteiligung ultralinker Gruppen sowie von Plünderungen durch Jugendliche aus sozial benachteiligten Vorstädten. Eine verlässliche Aufschlüsselung der Festgenommenen nach Staatsangehörigkeit oder Migrationshintergrund liegt in den bislang ausgewerteten offiziellen Angaben jedoch nicht vor. Auch wäre zwischen französischen Staatsbürgern mit familiärer Einwanderungsgeschichte und Menschen ohne französische Staatsangehörigkeit zu unterscheiden.

„Ihr Tun hat nichts mit ihrer Hautfarbe und auch nichts mit der Herkunft ihrer Eltern zu tun, aber viel mit den Lebensumständen junger Leute, die sich als ‚Franzosen zweiter Klasse‘ empfinden“

Die Frankreich-Korrespondentin Birgit Holzer widerspricht der migrationspolitischen Schuldzuweisung in einem Kommentar für das Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) ausdrücklich. Sie schreibt: „Die Erklärung, die rechte Ideologen weltweit für die jüngsten Ausschreitungen in Frankreich gefunden haben, klingt so ‚schön‘ einfach: Schuld an dem Chaos und der Gewalt sei die Masseneinwanderung, schließlich seien die Täter überwiegend Menschen mit Migrationshintergrund. Diese vor Rassismus triefende Behauptung passt mehr in die typischen Erklärungsmuster jener, die sie verbreiten, als in die Realität.“

Holzer unterscheidet zwischen politisch motivierter Gewalt ultralinker Gruppierungen und Plünderungen durch Jugendliche aus den sozial benachteiligten Vorstädten. Bei Letzteren handele es sich tatsächlich häufig um junge Menschen mit familiärer Einwanderungsgeschichte, die aber vielfach selbst französische Staatsbürger seien. Die Journalistin betont: „Ihr Tun hat nichts mit ihrer Hautfarbe und auch nichts mit der Herkunft ihrer Eltern zu tun, aber viel mit den Lebensumständen junger Leute, die sich als ‚Franzosen zweiter Klasse‘ empfinden.“

Damit rückt die Frage in den Mittelpunkt, weshalb gerade in den französischen Banlieues die gesellschaftlichen Spannungen besonders ausgeprägt sind. In zahlreichen dieser Stadtviertel konzentrieren sich Armut, Arbeitslosigkeit, Diskriminierung und fehlende Aufstiegsmöglichkeiten. Jugendliche erleben, dass ihre Wohnadresse oder ein arabisch klingender Name bei Bewerbungen zum Nachteil werden können. Auch das Verhältnis zur Polizei ist vielerorts von Misstrauen geprägt.

Relevant ist dabei die Rolle der Schulen. Gerade in sozial benachteiligten Stadtvierteln sind die Probleme groß, gegen die Schülerinnen und Schüler seit Wochen demonstrieren: Unterrichtsausfall, fehlendes Personal und unzureichende Ausstattung. Das Versprechen, durch Bildung gesellschaftlich aufsteigen zu können, wird unter solchen Bedingungen für viele Jugendliche fragwürdig. Die französische Republik garantiert formal gleiche Rechte und Chancen. Ob diese tatsächlich eingelöst werden, hängt jedoch erheblich von den sozialen Lebensbedingungen ab.

Holzer sieht darin einen wesentlichen Grund für die Wut. Die Perspektivlosigkeit in den Banlieues und die gesellschaftliche Stigmatisierung würden seit Jahrzehnten hingenommen. Die daraus entstehende Frustration rechtfertige weder Zerstörungen noch Plünderungen. Wer die Gewalt dauerhaft eindämmen wolle, müsse jedoch nicht nur die Straftaten verfolgen, sondern auch ihre tieferen gesellschaftlichen Ursachen angehen.

Auch in Frankreich selbst nutzt die extreme Rechte die Ausschreitungen für ihre migrationspolitische Agenda. Jordan Bardella, Vorsitzender des Rassemblement National (RN), forderte am Montagmorgen bei Europe 1 und CNews ausdrücklich einen Stopp der Einwanderung. „Il faut arrêter l’immigration“ – „Wir müssen die Einwanderung stoppen“, erklärte er. Einen großen Teil der Plünderer bezeichnete er als Menschen mit Einwanderungsgeschichte, die sich nicht als Franzosen fühlten und jede Gelegenheit nutzten, ihren Hass auf das Land auszudrücken. Einen wesentlichen Teil der Probleme Frankreichs führte Bardella auf eine gescheiterte Integration zurück. Belege für seine pauschalen Zuschreibungen nannte er nicht.

Wie gezielt die Ausschreitungen zur Stimmungsmache gegen Migranten genutzt werden, zeigt auch ein Faktencheck des ZDF. In sozialen Netzwerken verbreiteten rechte Accounts alte oder aus dem Zusammenhang gerissene Videos als vermeintliche Belege für migrantische Gewalt während der Schülerproteste. So wurde ein bereits 2023 wegen eines technischen Defekts brennender Bus als Folge der Einwanderung dargestellt. Ein Musikvideo schwarzer Jugendlicher mit Messern wurde als Aufnahme gewalttätiger französischer Schüler ausgegeben. Und aus einem Unfall mit einer explodierenden Spraydose wurde die falsche Behauptung, junge Migranten hätten einen Feuerwehrmann angezündet. Einige dieser Beiträge erreichten Millionen Menschen. News4teachers / mit Material der dpa

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18 Kommentare
SchadeMarmelade
3 Tage zuvor

Es spielt keine Rolle mehr wer da nun wirklich agressiv vorgegangen ist.
Die Proteste sind eskaliert. Es wird wahrscheinlich massenhaft Zulauf für rechte Parteien geben und die Schuldigen sind die „Ausländer“. Das Kind ist in den Brunnen gefallen.
Das nächste klingt böse. Aber: Selbst Schuld. Ob die Proteste legitim waren, was sie garantiert sind, ob sie ein gutes Ziel hatten, was sie hatten, all das spielt ab jetzt keine Rolle mehr im Diskurs.
Man hätte sich als Veranstalter sofort gegen Gewalt bekennen sollen. Man siehe Martin Luther Kings Weg da als Beispiel. Der wusste wie der Hase läuft und wie ein Narrativ gedreht werden kann. Gewalt wurde da nicht angewandt.
Gewalt bringt nur Gegengewalt und wenn man protestiert bringt es wesentlich mehr Polizeigewalt „auszuhalten“ und diese als solche bloß zu stellen.
Man siehe dazu auch diverse ICE Raid Vorfälle in den USA.

Cassiopeia66
3 Tage zuvor

Im weiten Bekanntenkreis werden die Migrannten für gewalttätige Ausscheitungen verantwortlich gemacht. Auch wenn AFD und Vance still wären, ist diese Meinung weit verbreitet und bleibt bestehen.

SchadeMarmelade
2 Tage zuvor
Antwortet  Redaktion

Die Frage ist ja, kann man denn schon von einem Progrom sprechen? Nur andersrum in Frankreich?
Bisher wurde in Kirchen und Synagogen eingebrochen und diese wurden teils schwer beschädigt. Zudem wurden regierungsstätten angegriffen. Aber eben auch viele Geschäfte…
Zu Moscheen in die eingebrochen wurde und die beschädigt wurden gibt es keine Berichte. Die Frage ist wieso?

Rainer Zufall
2 Tage zuvor
Antwortet  Cassiopeia66

„Im weiten Bekanntenkreis werden die Migrannten für gewalttätige Ausscheitungen verantwortlich gemacht.“
Und wahrscheinlich für alles andere auch…

Opossum
2 Tage zuvor

Ich sehe ein Problem darin, dass Gewalt bei Protesten oder einfach als Reaktion auf bestimmte Ereignisse wie Fußball Spiel öfter vorkommt, und der Staat wirkt hilflos. Wenn aber er reagiert, werden alle Menschen bestraft: in Frankreich werden Ausganssperren jetzt verhängt, in Deutschland nach Silvester Kravallen wird Feuerwerkverbot für alle besprochen, nach Messerattacken gibt’s Messerverbot für alle (ich hatte früher ein Messer dabei für Äpfel Shneiden), nach Terrorattacken werden Sicherheitskosten bei öffentlichen Festen so hoch, dass sie abgesagt werden.
Es ist schon egal, wer Schuld daran hat, rechtsextreme Kräfte waren noch nicht an der Macht und können behaupten, sie hätten die Lösung. Und Menschen sind oft einfach müde.

Emcy
1 Tag zuvor

Warum immer dieses „Entweder-oder“? Natürlich können Armut, Perspektivlosigkeit und schlechte Bildungschancen Ursachen der Krawalle sein. Aber warum darf gleichzeitig nicht über gescheiterte Integration und migrantisch geprägte Problem­milieus gesprochen werden?
Auch Friedrich Merz sieht Migration und mangelnde Integration als Faktoren bei den aktuellen gesellschaftlichen Spannungen. Das bedeutet nicht, sämtliche Migranten pauschal verantwortlich zu machen.Besonders problematisch finde ich daher die Formulierung von der „vor Rassismus triefenden Behauptung“. Damit wird eine notwendige Debatte moralisch aufgeladen, bevor sie überhaupt sachlich geführt worden ist. Zwischen „Migranten sind schuld“ und „Migration und Integrationsprobleme können ein relevanter Faktor sein“ besteht ein erheblicher Unterschied.Eine ernsthafte Debatte müsste soziale Unruhen und Integrationsprobleme gleichzeitig betrachten. Wer bereits die Frage nach einem Zusammenhang mit Migration als „Hetze“ oder „Rassismus“ abtut, trägt nicht zur Aufklärung bei, sondern verhindert sie.

Emcy
22 Stunden zuvor
Antwortet  Redaktion

Danke für Ihre Antwort. Allerdings geht sie an meinem eigentlichen Einwand vorbei. Ich habe keineswegs bestritten, dass Zuwanderung für den deutschen Arbeitsmarkt wichtig ist und viele Menschen mit Einwanderungsgeschichte einen unverzichtbaren Beitrag leisten.

Gerade deshalb halte ich eine differenzierte Betrachtung für notwendig: Migration ist nicht gleich Migration und gelungene Arbeitsmigration ist nicht dasselbe wie die Frage nach Integrationsproblemen in bestimmten sozialen Milieus.
Interessanterweise zeigt auch der von Ihnen verlinkte Beitrag, dass sich die Arbeitsmarktintegration nach Herkunftsregion und Aufenthaltsdauer deutlich unterscheidet. Warum sollte man vergleichbare Differenzierungen bei gesellschaftlichen Konflikten nicht vornehmen dürfen?

Mir ging es konkret um die Ausschreitungen in Frankreich und um die Frage, ob neben Armut, Perspektivlosigkeit und Bildungsproblemen auch misslungene Integration in bestimmten Milieus eine Rolle spielen kann. Die Feststellung, dass Zuwanderung in Deutschland zur Sicherung von Arbeitskräften beiträgt, beantwortet diese Frage nicht. Genau das meine ich mit „Entweder-oder“: Man kann anerkennen, dass Migration u.a. Deutschland wirtschaftlich nützt, und trotzdem offen über Integrationsprobleme sprechen.

Emcy
21 Stunden zuvor
Antwortet  Redaktion

Genau an dieser Stelle liegt offenbar unser grundlegender Dissens.
Sie schreiben, misslungene Integration sei„gleichbedeutend“ mit Armut, Perspektivlosigkeit und Bildungsproblemen und folgern:„Wer jungen Menschen gute Bildung und damit Perspektiven gibt, hat keine Integrationsprobleme.“
Das halte ich für zu kurz gegriffen. Bildung und soziale Chancen sind ohne Zweifel wesentliche Voraussetzungen gelingender Integration. Aber Integration umfasst doch mehr als die Frage, welche Chancen eine Gesellschaft einem Menschen zur Verfügung stellt.
Zu Integration gehören meines Erachtens immer zwei Seiten: Eine Aufnahmegesellschaft muss faire Bildungs- und Aufstiegschancen ermöglichen, Diskriminierung entgegenwirken und gesellschaftliche Teilhabe eröffnen. Gleichzeitig setzt Integration aber auch die Bereitschaft voraus, diese Möglichkeiten wahrzunehmen, die Sprache zu erlernen, Gesetze und demokratische Grundwerte zu respektieren und sich als Teil dieser Gesellschaft zu verstehen.
Gerade deshalb halte ich die Aussage, mit guter Bildung und guten Perspektiven gebe es keine Integrationsprobleme“, für erstaunlich absolut. Integration ist ein wechselseitiger Prozess. Auch Migration selbst ist kein völlig homogenes Phänomen. Unterschiedliche Migrationsgeschichten und Ausgangsvoraussetzungen können mit unterschiedlichen Herausforderungen für Integration verbunden sein. Differenzierung bedeutet dabei gerade nicht, Menschen aufgrund ihrer Herkunft pauschal zu beurteilen.

Und damit bin ich wieder bei meinem ursprünglichen Punkt: Warum sollte man bei den Ausschreitungen selbstverständlich nach Armut, Bildungschancen und Ausgrenzung fragen dürfen, nicht aber ebenso nach möglichen Integrationsproblemen, Einstellungen gegenüber Staat und Gesellschaft oder anderen Faktoren?

Emcy
17 Stunden zuvor
Antwortet  Redaktion

Da argumentieren Sie erneut mit einem Entweder-oder. Selbstverständlich muss der Staat gute Bildungs- und Sprachförderangebote schaffen. Das bestreite ich überhaupt nicht.
Aber daraus folgt doch nicht, dass Integration ausschließlich eine Bringschuld der Aufnahmegesellschaft ist. Integration ist ein wechselseitiger Prozess und braucht gute Bedingungen und Chancen, aber ebenso Mitwirkung und Eigenverantwortung, natürlich altersangemessen. Gute Bildung ist eine zentrale Voraussetzung für Integration, aber nicht mit Integration gleichzusetzen.

Und ich habe mich an keiner Stelle über den „mangelnden Integrationswillen“ von Kindern „mokiert“. Diese Zuspitzung stammt von Ihnen, nicht von mir.

Emcy
1 Stunde zuvor
Antwortet  Redaktion

Natürlich können nicht deutschsprachige Eltern ihren Kindern kein korrektes Deutsch beibringen. Das habe ich auch nicht verlangt. Der Staat muss Förderung und Chancen schaffen. Daraus folgt jedoch nicht, dass Integration ausschließlich seine Verantwortung ist.

Förderung schafft Möglichkeiten. Ob daraus gelingende Integration entsteht, hängt m.E.n. nicht allein vom Förderangebot ab.

Lera
21 Stunden zuvor
Antwortet  Redaktion

Stabil!

Es ist doch müßig, den Spaltpilz im Kopf weiter zu füttern.

Alle Menschen wollen gut leben.

Der Diskurs muss darum gehen, wie man das erreicht.

Kulturelle Schuldzuweisung ist wohl wenig förderlich für künftiges Zusammenleben.