PARIS. Frankreichs Schülerproteste haben sich zu einer landesweiten Bewegung entwickelt, begleitet von gewaltsamen Ausschreitungen und umstrittenen Polizeieinsätzen. Was als Protest gegen Unterrichtsausfall, marode Schulen und ungleiche Bildungschancen begann, ist zu einer grundsätzlichen Auseinandersetzung über die Zukunft der jungen Generation geworden. Viele Jugendliche erleben das Vorgehen der Sicherheitskräfte als Bestätigung ihrer Überzeugung, von Politik und Staat nicht gehört zu werden. Sozialwissenschaftler untersuchen, wie solche Erfahrungen junge Menschen politisieren, ihre Haltung gegenüber staatlicher Autorität verändern – und den Konflikt verschärfen können.
„Trop jeunes pour être écoutés, mais assez grands pour se faire gazer.“ Zu jung, um gehört zu werden, aber alt genug, um mit Tränengas beschossen zu werden. Der Satz gehört zu den Parolen der französischen Schülerbewegung. Er beschreibt eine Erfahrung, die für Jugendliche während der Proteste zum Gegenstand ihres politischen Engagements geworden ist: Sie verlangen, dass ihre Beschwerden ernst genommen werden, erleben den Staat bei Demonstrationen aber vor allem in Gestalt seiner Sicherheitskräfte.
Die Politikwissenschaftlerinnen Annabelle Allouch und Katharine Throssell haben vor und während der Proteste mit Jugendlichen gesprochen, die sich an Demonstrationen beteiligen, aber auch mit solchen, die nicht auf die Straße gehen. In einem Beitrag für das Wissenschaftsmedium The Conversation beschreiben sie, wie sich die Unzufriedenheit mit den eigenen Schulen zu einem grundsätzlicheren Misstrauen gegenüber politischen Institutionen entwickelt.
Eine 16-jährige Demonstrantin schildert ihre Wahrnehmung der Polizeieinsätze mit den Worten: Dès qu’on s’exprime, on se fait réprimer dans la violence.“ – Sobald wir unsere Meinung äußern, werden wir mit Gewalt unterdrückt. Eine 17-jährige Schülerin formuliert dagegen eine grundsätzliche Erwartung an demokratische Institutionen: „Eigentlich sollte der Staat direkt auf die Bevölkerung hören.“ Zwei unterschiedliche Stimmen, die einen gemeinsamen Konflikt erkennen lassen: Die Jugendlichen verlangen Mitsprache – und stellen fest, dass ihre Möglichkeiten, tatsächlich Einfluss auf ihr Leben zu nehmen, begrenzt sind.
Allouch und Throssell beschreiben einen Unterschied zwischen den Gesprächen vor und während der Protestbewegung. Zunächst richtete sich das Gefühl, nicht gehört zu werden, vor allem gegen die Schule. Jugendliche beklagten fehlende Gelegenheiten für ernsthafte Diskussionen und schulische Mitwirkungsgremien, deren Einfluss sie als gering empfanden. Während der Proteste übertrugen sie diese Erfahrung zunehmend auf andere staatliche Institutionen.
Die Wissenschaftlerinnen sehen zwei Erfahrungen als prägend für das politische Selbstverständnis der Jugendlichen an: dass sie ihre Unzufriedenheit weder in der Schule noch innerhalb politischer Institutionen wirksam ausdrücken können und dass sie sich von den politisch Verantwortlichen nicht gehört fühlen. Sie sprechen ausdrücklich vom „Gefühl, von der politischen Macht nicht gehört zu werden“ – im Original: „sentiment de ne pas être écouté par le pouvoir politique“. Aus dieser Verbindung habe sich eine politische Haltung entwickelt, die weit über den Anlass der gegenwärtigen Proteste hinausreiche.
„Selbst bei Jugendlichen, die nicht demonstrieren, politisiert der Anblick, wie Gleichaltrige mit Tränengas beschossen werden, die Erfahrung, nicht gehört zu werden“
Deutlich wird dies auch beim Verhältnis zur Polizei. Nach den Beobachtungen der Forscherinnen verändern die Einsätze gegen demonstrierende Jugendliche auch die politische Wahrnehmung von Schülerinnen und Schülern, die selbst nicht an den Protesten teilnehmen. „Même chez les non-manifestants, voir leurs pairs se faire gazer politise ce constat de non-écoute“, schreiben Allouch und Throssell. Auf Deutsch: „Selbst bei Jugendlichen, die nicht demonstrieren, politisiert der Anblick, wie Gleichaltrige mit Tränengas beschossen werden, die Erfahrung, nicht gehört zu werden.“
Die beiden Wissenschaftlerinnen sprechen deshalb von politischer Sozialisation durch die Demonstrationen. Jugendliche lernen Politik nicht nur durch Unterricht oder institutionalisierte Beteiligungsformen kennen, sondern durch die Erfahrung, dass sie öffentlich Forderungen stellen, auf Widerstand stoßen und sich mit anderen zusammenschließen. Auch wer nicht selbst demonstriert, kann durch die Ereignisse beginnen, das Verhältnis zwischen demokratischem Anspruch und staatlichem Handeln infrage zu stellen.
Wie weit die Ursachen dieser Mobilisierung reichen, erklärt der Soziologe und Ethnograf Romain Huët von der Universität Rennes 2. In einem Interview mit The Conversation, das auch die Universität veröffentlicht hat, verweist er zunächst auf die ungewöhnliche Breite der Bewegung. Selbst Schulen und Hochschulen, deren materielle Ausstattung vergleichsweise gut sei und die zuvor kaum von Protesten betroffen gewesen seien, beteiligten sich aus Solidarität. Das sei ein Hinweis darauf, dass es nicht allein um unmittelbar sichtbare Missstände gehe. Huët spricht von einer „saturation psychique“, einer psychischen Überlastung der Jugendlichen. Diese entstehe, weil sie ständig unter Druck gesetzt würden, insbesondere durch die Plattformen für Bewerbung und Auswahl im Hochschulbereich, von Parcoursup bis Mon Master.
In regelmäßigen Abständen müssten junge Menschen im Rahmen ihrer Bildungsentscheidungen eine Vorstellung von ihrer beruflichen Zukunft entwickeln. Huët hält diese Anforderungen für widersprüchlich. Es sei merkwürdig, von Jugendlichen eine so genaue Festlegung zu verlangen, obwohl die Welt selbst von grundlegender Unsicherheit geprägt sei.
Die schulischen Probleme sind aus dieser Perspektive Teil eines umfassenderen Konflikts. Zu Leistungsdruck und Zukunftsentscheidungen kommen wirtschaftliche Unsicherheit, die Folgen der Coronapandemie, ökologische Krisen und Kriege. Huët sieht darin eine wachsende Ablehnung gesellschaftlicher Verhältnisse, die jungen Menschen immer weniger erstrebenswert erscheinen.
Er spricht von einer starken Ablehnung des „monde d’hier“, der „Welt von gestern“. Damit meint er nicht nur einzelne politische Entscheidungen, sondern die Art, wie die Gesellschaft bislang funktioniert. Die Jugendlichen stellten das bestehende System infrage, das angesichts ökologischer Krisen und drohender Kriege kaum noch Zukunftsversprechen bereithalte.
„In dem, was gerade geschieht, steckt eine gewisse ‚revolutionäre‘ Absicht“
Huët geht deshalb über die Deutung der Proteste als gewöhnliche bildungspolitische Bewegung hinaus. „Il y a une intention un peu ‘révolutionnaire’ dans ce qui est en train de se passer“, sagt er. Übersetzt: „In dem, was gerade geschieht, steckt eine gewisse ‚revolutionäre‘ Absicht.“
Die Bewegung erinnert ihn sowohl an die französischen Studentenproteste von 1968 als auch an die Gelbwestenproteste von 2018 und 2019. Es gehe darum, die bisherigen Verhältnisse grundsätzlich infrage zu stellen. Allerdings betont Huët ausdrücklich, dass dahinter kein klar definiertes politisches Projekt stehen müsse. Er erkennt vielmehr einen deutlichen Wunsch nach einem Bruch mit dem Bestehenden.
Dabei widerspricht er der Darstellung, Jugendliche würden von politischen Organisationen instrumentalisiert. Wer ihnen unterstelle, sie seien bloß manipuliert, spreche ihnen die Fähigkeit ab, eigenständig politische Urteile zu bilden. Huët bezeichnet eine solche Sichtweise als „âgisme“, als Altersdiskriminierung. Schließlich könnten die Jugendlichen selbst am besten beurteilen, unter welchen Bedingungen sie zur Schule gingen.
Auch die Frage nach der Gewalt ordnet Huët in diesen Zusammenhang ein. Er kritisiert, dass die öffentliche Debatte über Ausschreitungen häufig die ursprünglichen Forderungen verdränge. Zudem hält er es für problematisch, Gewalt von Demonstrierenden und Gewalt durch Sicherheitskräfte ohne Berücksichtigung ihrer unterschiedlichen Folgen gegenüberzustellen. „Mais il me paraît secondaire par rapport à l’interpellation très directe de notre société par les lycéens et les étudiants“, sagt er über die Gewaltdebatte. In deutscher Übersetzung: „Aber sie erscheint mir zweitrangig gegenüber der sehr direkten Herausforderung unserer Gesellschaft durch die Schülerinnen, Schüler und Studierenden.“
Huët bestreitet damit nicht, dass Gewalt ein Gegenstand öffentlicher Auseinandersetzung sein muss. Er verlangt jedoch, zuerst zu verstehen, welche politischen Hindernisse und Erwartungen sich in den Protesten ausdrücken.
Die Bildungshistorikerin Laurence De Cock, die viele Jahre als Lehrerin gearbeitet hat, beschreibt eine weitere Ursache dieser Entwicklung. In einem Interview mit dem linken Magazin Marx21 verweist sie auf die Lebensbedingungen an Schulen in sozial benachteiligten Stadtteilen. Sie berichtet von dauerhaft genutzten Provisorien, beschädigten Fenstern, unzureichenden Sanitäranlagen, kaputtem Mobiliar und fehlenden Reparaturen. Hinzu kämen überfüllte Klassen und Lehrkräfte, die angesichts der Arbeitsbedingungen an ihre Grenzen gerieten. Für die Jugendlichen seien solche Zustände keine abstrakten bildungspolitischen Probleme, sondern tägliche Erfahrungen.
De Cock sieht darin eine Ursache für die schnelle Ausbreitung der Proteste. Besonders in sozial benachteiligten Gegenden erlebten Schülerinnen und Schüler, wie stark die Bedingungen ihrer Ausbildung vom Wohnort und vom sozialen Umfeld abhingen. Zugleich hätten sich Jugendliche aus besser ausgestatteten Schulen solidarisiert. Die Historikerin verweist unter anderem darauf, dass Schülerinnen und Schüler des renommierten Lycée Henri-IV in Paris zusätzliche Mittel für Schulen im Département Seine-Saint-Denis forderten.
Damit widerspricht De Cock auch der Vorstellung einer einheitlichen Gruppe protestierender Jugendlicher. Die Bewegung umfasse unterschiedliche soziale Milieus und Schulformen. Gemeinsam sei vielen Beteiligten die Erfahrung, dass ihre Lebensbedingungen und ihre Anliegen von Erwachsenen nicht ausreichend berücksichtigt würden. Doch die Jugendlichen seien keineswegs darauf angewiesen, dass Erwachsene ihre Forderungen für sie formulierten. „Die Schülerinnen und Schüler finden gerade ihre eigenen Worte dafür“, sagt De Cock. „Sie zeigen neue Wege auf – gehen wir sie mit.“ News4teachers
Nach Schülerprotesten eskaliert die Gewalt in Frankreich: Tausende Jugendliche festgenommen









