Start Tagesthemen Mehr KI, weniger Latein: Bildungsminister treibt Lehrplanreform voran

Mehr KI, weniger Latein: Bildungsminister treibt Lehrplanreform voran

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WIEN. Österreichs Bildungsminister Christoph Wiederkehr (NEOS) hat eine weitreichende Reform der Lehrpläne für die Allgemeinbildenden Höheren Schulen angekündigt. Ziel sei es, das Bildungssystem stärker an gesellschaftliche und technologische Veränderungen anzupassen. Konkret sollen in der AHS-Oberstufe neue Unterrichtsangebote zu Künstlicher Intelligenz sowie zu Medien- und Demokratiebildung geschaffen werden. Dafür soll unter anderem das Stundenausmaß in Latein reduziert werden.

Einstürzende Altbauten (Symbolbild.) Illustration: News4teachers

Wiederkehr erläuterte die Stoßrichtung der Reform in einem Beitrag auf der Plattform LinkedIn. Als Bildungsminister sehe er es als seine Aufgabe, „mutige Reformen im Bildungssystem voranzubringen“. Jugendliche müssten besser auf das Leben vorbereitet werden, weshalb er zwei neue Fächer im Gymnasium einführen wolle: „Informatik & KI“ sowie „Medien & Demokratie“. Gleichzeitig solle die Autonomie der Schulen gestärkt werden. Finanziert werden sollen die neuen Schwerpunkte unter anderem durch eine Reduktion des Lateinunterrichts in der Oberstufe von derzeit zwölf auf künftig acht Wochenstunden.

Details zu den geplanten Änderungen wurden in den vergangenen Tagen durch Medienberichte bekannt. Die Kronen Zeitung berichtete unter Berufung auf das Umfeld des Bildungsministeriums, dass ab dem Schuljahr 2027/28 in der AHS-Oberstufe eine zusätzliche Unterrichtsstunde vorgesehen sei, die dem Themenfeld Künstliche Intelligenz gewidmet ist. Der bisherige Gegenstand Informatik soll demnach zu „Informatik und Künstliche Intelligenz“ erweitert werden, mit entsprechend erhöhtem Stundenausmaß. Zusätzlich ist die Einführung eines neuen Pflichtgegenstands „Medien und Demokratie“ geplant.

„Wir müssen diesen Schritt ins 21. Jahrhundert machen, ohne Latein als wichtige kulturelle Sonde unserer Vergangenheit über Bord zu werfen“

Für diese Neuerungen soll insbesondere der Lateinunterricht gekürzt werden. Derzeit umfasst Latein in der AHS-Oberstufe insgesamt zwölf Wochenstunden über vier Jahre, künftig sollen es nur noch acht sein. Das bedeutet in der Regel eine Reduktion von drei auf zwei Wochenstunden pro Schulstufe. In Realgymnasien, in denen Latein nicht verpflichtend ist und alternativ eine zweite lebende Fremdsprache gewählt werden kann, sollen ebenfalls Kürzungen erfolgen, allerdings in geringerem Umfang. Eine weitere durch die Reform frei werdende Unterrichtsstunde sollen die Schulen autonom vergeben können. Offen ist laut Kronen Zeitung bislang auch, welche Lehrkräfte das neue Fach „Medien und Demokratie“ unterrichten sollen.

Auch international fand die Reform Aufmerksamkeit. Der Spiegel ordnete die Pläne unter der Überschrift „Mehr ChatGPT, weniger Fremdsprachen“ ein. Das Magazin verwies darauf, dass Wiederkehr bereits im November bei einer Grundsatzrede eine „Entrümpelung“ der Lehrpläne angekündigt hatte und für den März einen umfassenden Reformplan in Aussicht gestellt hatte. Die Kürzung bei Latein bestätigte das Bildungsministerium dem Spiegel gegenüber ausdrücklich. Pro Schulstufe stünden in den meisten Fällen künftig nur noch zwei statt drei Wochenstunden Latein auf dem Stundenplan.

Aus dem Bildungsministerium heißt es, Schulen hätten den Auftrag, Jugendliche auf das wirtschaftliche, gesellschaftliche und kulturelle Leben vorzubereiten. Der zuständige Sektionschef Martin Netzer wird im Spiegel mit den Worten zitiert: „Wir müssen diesen Schritt ins 21. Jahrhundert machen, ohne Latein als wichtige kulturelle Sonde unserer Vergangenheit über Bord zu werfen.“ Lob für den Vorstoß kam laut Spiegel aus der Industrie sowie vom Kinderhilfswerk Unicef, das in der stärkeren Medien- und Digitalkompetenz eine „positive Entwicklung“ sieht.

Deutliche Kritik kommt hingegen aus der Fachwissenschaft und von Lehrervertretungen. Nina Aringer vom Institut für Klassische Philologie, Mittel- und Neulatein der Universität Wien äußerte sich im ORF-Magazin „Wien heute“ skeptisch zu den Reformplänen. Sie erklärte: „Ich bin ein großer Fan dieser Inhalte, aber die in alle Fächer zu implementieren, erscheint mir deutlich sinnvoller als ein aus dem Boden gestampftes Schulfach, wo es noch keinen Lehrplan und noch keine adäquate Ausbildung gibt.“

Aringer, die laut ORF selbst am aktuellen Latein-Lehrplan mitgearbeitet hat, warnte davor, neue Fächer auf einer rein theoretischen Ebene anzusiedeln. Wenn es nicht bei „theoretischer Wolkenschieberei“ bleiben solle, müssten Lehrkräfte die Inhalte fachlich durchdringen können, damit Schülerinnen und Schüler tatsächlich in die Tiefe gehen könnten – auch über Sprachfächer hinaus.

„Wenn aber etwas Neues dazukommt, muss auch etwas wegfallen“

Scharfe Worte fand zudem die Lehrergewerkschaft. Herbert Weiß, Vorsitzender der AHS-Lehrergewerkschaft, bezeichnete die Reformpläne im Ö1-Mittagsjournal als „Anschlag auf das Gymnasium, die Allgemeinbildung und die Studierfähigkeit“. Die Einschränkung von Sprachen in Zeiten der Globalisierung halte er „grundsätzlich für einen Fehler“. In eine ähnliche Richtung argumentierte Werner Hittenberger, Landesvorsitzender der GÖD AHS in Oberösterreich. Die Förderung digitaler und demokratischer Bildung dürfe nicht „auf Kosten jener Fächer gehen, die kritisches Denken, Textkompetenz, Argumentationsfähigkeit und demokratisches Verständnis überhaupt erst ermöglichen“.

Das sieht Minister Wiederkehr naturgemäß anders. Er verweist auf gesellschaftliche Umbrüche, die sich aus seiner Sicht im Schulalltag bislang nur unzureichend widerspiegelten. „Wir leben in turbulenten Zeiten, die sich rasant ändern. Wenn wir jedoch auf unsere Schulen blicken, sehen wir: Diese gesellschaftlichen Veränderungen sind dort noch nicht ausreichend angekommen“, schreibt der Minister. Zugleich betont er, Latein bleibe ein wichtiger Bestandteil humanistischer Bildung. „Wenn aber etwas Neues dazukommt, muss auch etwas wegfallen“, so Wiederkehr. News4teachers

Latein und Altgriechisch: Alte Sprachen sind noch gefragt – warum eigentlich?

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Katze
2 Monate zuvor

Österreich will mehr KI und deshalb weniger Latein.
So lautet die neueste bildungspolitische Offenbarung. Offenbar gehört es inzwischen zum neuen Normal, ausgerechnet dort zu kürzen, wo noch Substanz vorhanden ist. Und natürlich wieder die unvermeidlichen Schlagworte:
„Wiederkehr hatte bereits im November … eine ‚Entrümpelung‘ der Lehrpläne angekündigt und für März einen umfassenden Reformplan in Aussicht gestellt.“ Bei den Ösis also auch immer mehr von der bekannten Medizin.
Entrümpelung? Von Lehrplänen, die ohnehin schon wie die Restbestände einer einst ernst gemeinten Allgemeinbildung wirken? Man fragt sich langsam, ob hier überhaupt noch etwas übrig ist, das man entrümpeln könnte.
Nur fachliches Entrümpeln führt zuverlässig ins relaxte Vorsichhintümpeln.
Und dann die unvermeidlichen Suggestivfragen, die sich inzwischen von selbst schreiben:
Wenn es mit weniger Latein geht – geht es dann nicht auch mit weniger Physik und Chemie? Ist ja ohnehin zu anstrengend. Und wer braucht strukturiertes und logisch-abstraktes Denken, wenn man stattdessen irgendein Modul „Medienbildung“ absolvieren kann, das inhaltlich kaum über das Bedienen eines Touchscreens hinausgeht?
Oder anders gefragt:
Gibt’s in Österreichs Lehrplänen wirklich noch so viel zu entrümpeln – oder sind die längst auf deutschem Niveau angekommen, wo das Niveaulimbo seit Jahren als politisch sauber „bestellte“ Reformleistung durchgewunken wird?
Man bestellt Absenkung – und bekommt sie zuverlässig geliefert.
Herbert Weiß nennt das im Ö1‑Mittagsjournal einen „Anschlag auf das Gymnasium, die Allgemeinbildung und die Studierfähigkeit“.
Und tatsächlich: Die Anschläge – oder besser gesagt Einschläge – auf alles, was einmal Bildungstiefe hieß, kommen inzwischen im Dauerfeuer. Bei den Ösis wie auch im Land der Dichter und Denker.

Walter Hasenbrot
2 Monate zuvor
Antwortet  Katze

Latein ist nun wirklich verzichtbar.

Ich habe in meiner Schulzeit noch ín der Sexta mit Latein begonnen, in der zehten Klasse das Letinum gemacht und meine Lateinkenntnisse seitdem nie weider gebraucht.

Im Unterricht leite ich mit den Schülern Fremdwörter aus dem Englischen oder Französichen ab. Latein ist wirklich verzichtbar.

Augenblickfang
2 Monate zuvor

„Wenn aber etwas Neues dazukommt, muss auch etwas wegfallen“
Das ist ein weiser Satz! Es wird uns so oft etwas aufgebrummt, ohne dass etwas wegfällt und wir wissen nicht, wie wir das alles schaffen sollen… Und unter uns gesagt: Wir schaffen ja auch vieles nicht. Wir lassen es einfach selber weg.

unfassbar
2 Monate zuvor
Antwortet  Augenblickfang

Nur dass das Neue tendenziell niederschwelliger als das Weggelassene ist.

Katze
2 Monate zuvor
Antwortet  unfassbar

So ist es. Niederschwellige (unterschwellige) Reize lösen aber keine Aktionspotentiale aus.

Realist
2 Monate zuvor
Antwortet  Augenblickfang

Richtig. Nur, fällt wirklich etwas weg? Oder wird der Lateinunterricht nur “komprimiert”? Und den f… S… die Schuld gegeben, wenn die Schüler am Ende weniger Latein können?

dickebank
2 Monate zuvor
Antwortet  Realist

Da ist NRW schon weiter und hat den LATEIN-Unterricht komplett gestrichen und durch “Lateinisch” ersetzt.

GraueMaus
1 Monat zuvor

Was soll denn die Reduzierung beim Lateinunterricht großes bewirken, wenn Latein ohnehin nicht mehr Pflicht ist? In Deutschland ist Latein auch an Gymnasien freiwillig, man kann andere Fremdsprachen wählen. Und die werden dann auch gekürzt? Herr Kretschmann mit seinem Knopf im Ohr braucht ja gar keine Fremdsprachen, mal sehen, wie Herr Özdemir das sieht. Ob er wohl Türkisch für wichtig hält? Oder sollen die Deutsch-Türken sich künftig mit ihren Großfamilien in der Türkei auch per Knopf im Ohr unterhalten? Wozu gibt’s eigentlich bei der EU in Brüssel noch Simultanübersetzer, genügt der Knopf im Ohr nicht?