IFFEZHEIM. Psychische Erschöpfung, Rückzug aus dem Beruf, steigende Belastungen bei Kindern und Jugendlichen: Die Warnsignale aus dem deutschen Bildungssystem liegen seit Jahren auf dem Tisch. Dennoch bleibt die Frage offen, warum sich an den strukturellen Bedingungen vieler Schulen so wenig verändert. Der Schulleiter und Buchautor Carsten Bangert argumentiert in seinem Gastbeitrag für News4teachers, dass die Debatte über Lehrkräftegesundheit zu oft bei individuellen Belastungen stehen bleibt – obwohl die Forschung längst auf einen anderen entscheidenden Faktor verweist: Führung.

Gesunde Lehrkräfte. Gesunde Schülerinnen und Schüler. Lebendige Schule.
Was wir wissen, was wir tun können – und warum Führung der entscheidende Hebel ist
Stellen Sie sich vor, ein Unternehmen stellt eine Studie vor, in der fast die Hälfte der Mitarbeitenden als gefährdet, wenig Sinn in ihrem Tun erkennen oder bereits erkrankt eingestuft werden. Die Reaktion wäre sofortige Krisenkommunikation, ein Notfallprogramm, ein Aufsichtsratsbeschluss. In der deutschen Bildungslandschaft hingegen sind solche Zahlen seit über zwei Jahrzehnten bekannt – und dennoch allzu oft ohne die politische Dringlichkeit, die sie verdienen.
Es wird Zeit, das zu ändern. Dieser Beitrag fasst zusammen, was wir über die Gesundheit von Lehrkräften und Schülerinnen und Schülern in Deutschland wissen, was Schule verändern kann – und muss – und welche konkreten Impulse aus der Forschung und der Praxis vorliegen.
Was wir wissen: Das ernüchternde Bild der Potsdamer Lehrerstudie
Kaum eine Untersuchung hat die Diskussion um Lehrergesundheit so nachhaltig geprägt wie die Potsdamer Lehrerstudie von Prof. Dr. Uwe Schaarschmidt und Dr. Andreas W. Fischer. Das Herzstück der Studie: das Verfahren AVEM (Arbeitsbezogenes Verhaltens- und Erlebensmuster), das individuelle Bewältigungsmuster gegenüber beruflichen Anforderungen erfasst. Die Bewertungsdimensionen umfassen Arbeitsengagement (u. a. Bedeutsamkeit der Arbeit, Verausgabungsbereitschaft, Perfektionsstreben), psychische Widerstandskraft (u. a. Distanzierungsfähigkeit, Resignationstendenz, innere Ausgeglichenheit) sowie Emotionen im Berufserleben. Ergänzt wird das Instrument AVEM durch die Beschwerdeliste (BESL) und den Arbeitsbewertungscheck für die Schule (ABC-S). Gemeinsam bilden sie das Analyseinstrument IEGL (Inventar zur Erfassung von Gesundheitsressourcen in der Schule). Im vorliegenden Artikel fokussiere ich mich auf AVEM.
Die vier AVEM-Muster im Überblick
- Muster G – Gesundheit: Hohes, aber nicht überhöhtes Engagement, verbunden mit Widerstandsfähigkeit und Wohlbefinden. Das Wunschmuster.
- Risikomuster A – Anspannung/Anstrengung: Überhöhtes Engagement bei gleichzeitiger Einschränkung von Widerstandsfähigkeit und Wohlbefinden. Erholungsunfähigkeit und „Gratifikationskrise“ – viel gegeben, wenig zurückbekommen.
- Risikomuster B – Burn-out: Verringertes Engagement bei deutlichen Einschränkungen in Widerstandsfähigkeit und Wohlbefinden. Resignation und chronische Erschöpfung. Das problematischste Muster mit den stärksten Gesundheitsbeeinträchtigungen.
- Muster S – Schonung und Schutz: Geringes Engagement bei relativer Widerstandsfähigkeit. Häufig ein Signal des Rückzugs aus unbefriedigenden Arbeitsverhältnissen.
Was 20 Jahre Forschung zeigen: Es wird nicht besser
Die aktuellste Auswertung aus der Erhebungsperiode 2022–2024 (Fischer & Schaarschmidt 2025: Gesund bleiben. Risiken und Ressourcen am Arbeitsplatz Schule, Beltz) zeichnet ein alarmierendes Bild im Vergleich zu den Ausgangsdaten von 2000–2002:
- Muster G (Gesundheit): von 17 % auf 18,9 % – kaum Veränderung
- Risikomuster A (Anspannung): von 29 % auf 17,6 % – scheinbar besser
- Risikomuster B (Burn-out): von 30,5 % auf 25 % – verbessert, noch immer besorgniserregend
- Muster S (Schonung): von 23,5 % auf 38,5 % – stark erhöht
Was auf den ersten Blick wie eine Verbesserung bei Muster A aussieht, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als Verschiebung ins Muster S, was nicht unbedingt als Gewinn verbucht werden kann. Das “distanzierte Verhältnis gegenüber den Arbeitsanforderungen ist mit dem Erleben von Freude an der täglichen Arbeit, Sinnerfüllung und beruflichem Erfolg nur schwer zu vereinbaren.[…] Denn oftmals geht es bei Muster S um einen Rückzug aus defizitären Arbeitsverhältnissen vor Ort.”, so die Autoren der Studie.
Die Forschungsergebnisse zeigen zudem: Frauen sind stärker belastet als Männer, Berufsanfängerinnen und -anfänger zeigen kurz nach dem Einstieg bereits eine deutliche Verschlechterung ihrer gesundheitlichen Verfassung. Dennoch zeigen jüngere Kolleg/innen ein günstigeres Bild im Vergleich zu ihren älteren Kolleg/innen – und Teilzeitarbeit schützt nicht automatisch vor Belastung.
Führung als Schutzfaktor
Der vielleicht wichtigste Befund der aktuellen Erhebung: Psychisch gesunde Schulleitungen führen besser – und machen ihre Kollegien gesünder. Je besser die psychische Verfassung der Schulleitungen, desto positiver wird ihr Führungsverhalten eingeschätzt. Psychische Gesundheit ist damit keine Privatsache, sondern eine Führungsvoraussetzung. Schulleitungen können die Gesundheit ihrer Kollegien spürbar beeinflussen – durch ihr Verhalten, das Klima im Kollegium und eine gute Arbeitsorganisation.
Dafür gilt es die erforderlichen Voraussetzungen zu schaffen (nach Schaarschmidt und Fischer, mit eigenen Ergänzungen):
- Abbau von einem Zuviel an rechtlichen Vorgaben und an Bürokratie,
- Schaffung von zeitlichen Ressourcen, die den Belangen der Lehrkräfte zugutekommen – Überarbeiten des Arbeitszeitmodells (Deputatsmodell) der Lehrkräfte,
- qualifizierte Schulung in der Praxis der Personalführung.
- Entlastung durch eine weniger kontrollierende, sondern vorrangig unterstützende und ermutigende Schulaufsicht. So schlagen die Autoren der Studie eine Namensänderung vor. Vielleicht braucht es wieder mehr “Schulräte”…
Es bleibt zu betonen, dass gesunde Führung nicht meint, jedem Wunsch einer jeden Lehrkraft zu entsprechen, sondern vielmehr durch Klarheit und Authentizität einen Rahmen zu schaffen, in dem Schule professionell gestaltet werden kann in den vier Dimensionen: Ziele, Vorbild, Motivation und Schutz.
Auf die grundsätzlichen Probleme unseres Bildungssystems (Zielkonfusion und Verantwortungsdiffusion, Kopplung der Bildungspolitik an die Legislaturperioden, Föderalismus als strukturelle Hürde und das ABC der Ineffizienz) gehe ich in meinem Buch “Schule erfolgreich gestalten” ausführlich ein.
Was wir ebenfalls wissen: Die Schülerinnen und Schüler
Das Deutsche Schulbarometer der Robert Bosch Stiftung (März 2026) zeigt: Die psychische Belastung von Kindern und Jugendlichen nimmt erstmals seit der Corona-Pandemie wieder zu (News4teachers berichtete). 25 % der Schülerinnen und Schüler weisen psychische Auffälligkeiten auf, 26 % berichten eine geringe Lebensqualität, und 30 % erleben regelmäßig Mobbing. Besonders betroffen: Kinder aus einkommensschwachen Familien. Und die große Mehrheit der Lernenden wünscht sich mehr Mitsprache – fühlt sich bisher kaum gehört.
Die AVEM-Daten der Lehrkräfte und das Schulbarometer der Schülerinnen und Schüler erzählen dieselbe Geschichte: Schule ist für zu viele Menschen kein guter Ort. Weder für die, die dort arbeiten, noch für die, die dort lernen.
Was zu tun ist: Fünf Handlungsfelder
Die gute Nachricht: Wir wissen, was hilft. Die Forschung und die Praxis engagierter Schulen zeigen klare Wege auf.
1. Echte Partizipation ermöglichen
Schule kann nur ein guter Lebensort werden, wenn alle Beteiligten wirklich mitgestalten können. Partizipation stärkt Bindung, Engagement und Wohlbefinden – bei Schülerinnen und Schülern ebenso wie bei Lehrkräften. Konkret: Stufenteam-Vertretungen mit Schülerinnen und Schülern, Eltern und Lehrkräften im regelmäßigen Austausch. Schulentwicklungsprozesse und Zukunftswerkstätten nicht über die Köpfe der Beteiligten hinweg, sondern ausschließlich gemeinsam.
2. Selbstregulation stärken – bei Lernenden und Lehrkräften
Selbstregulation ist die Schlüsselkompetenz für Lernerfolg, Resilienz und Wohlbefinden. Für Schülerinnen und Schüler bedeutet das: Lernen sichtbar machen, Ziele setzen, Feedback verarbeiten, Autonomie schrittweise aufbauen. Für Lehrkräfte: Eigene Belastungsmuster kennen, innere Antreiber identifizieren, eigene Ressourcen stärken. Belastungsmodelle aus der Psychologie belegen: Nicht die objektive Belastung allein entscheidet – sondern die Gedanken, Gefühle, Werte und Kompetenzen, die dazwischenliegen.
Die Aufgabe von Schule wird es sein, Lernende in genau diesen Bereichen zu stärken, damit es ihnen später gelingt, besser zu kollaborieren, kommunizieren, kreativ zu sein und kritisch zu denken. Und: Die Lehrerkollegien sollten genau dies vorleben.
3. Lehrkräfte professionell entlasten
Lehrkräfte werden zu oft für Aufgaben eingesetzt, die nicht ihr Kerngeschäft sind. Ein professionelles multiprofessionelles Unterstützungsnetz – mit Sozialpädagoginnen, Schulpsychologinnen, Lerntherapeutinnen, Ergotherapeutinnen, Netzwerkadministratoren – entlastet die Lehrkräfte und erhöht die Qualität der Unterstützung für die Kinder. Hier können und müssen wir von Estland lernen, wie ich auf dem ISTP 2026 selbst gesehen habe. Starke Teams brauchen laut der Aristoteles-Studie von Google vor allem psychologische Sicherheit, klare Strukturen und das Erleben von Sinn und Wirksamkeit – in den Klassen, in den Kollegien und in den Schulleitungsteams. Beim Aufbau dieser Kompetenzen benötigen sowohl die Lernenden als auch die Lehrenden den notwendigen Support.
4. Schule als Lernort neu denken – und rechtlich nutzen, was möglich ist
Wenn Schule wirklich auf die Zukunft vorbereiten soll, muss sie sich verändern. Lernarrangements, die Sinn stiften, Freude machen und Zukunftskompetenzen fördern, sind keine Utopie – sie existieren bereits. Angebote wie Lernbüros, Lernen nach dem Dalton-Plan, Projektfächer wie “L.E.B.E.N” (Ernst-Reuter-Schule Karlsruhe), “Ready for Life” bzw. „Pimp up our Pausenhof“ an unserer Maria-Gress-Schule oder das Duke-of-Edinburgh-Programm zeigen: Partizipation, Selbstregulation und echtes Lernen lassen sich gestalten und ergänzen das übliche Lehren und Lernen, wie wir es kennen.
Und es geht rechtlich. In Baden-Württemberg ermöglicht die Stundentafel-Öffnungsverordnung Epochenunterricht, schuljahresübergreifende Verlegungen und fächerübergreifendes Arbeiten. Die Bildungsreform 2025 des Landes benennt mit ihren fünf Innovationselementen ausdrücklich, wie wichtig “Engagement und Verantwortung”, selbstreguliertes Lernen (“Zeig, was Du kannst”), Mentoring, die Stärkung der Berufsvorbereitung und MINT-Berufe, sowie der Basiskompetenzen sind. Es ist also nicht nur möglich – es ist politisch gewollt.
Ebenso die Notenbildungsverordnung (zumindest jene für Realschulen und Gymnasien aus Baden-Württemberg): Sie sieht lediglich in den Kernfächern mindestens vier Klassenarbeiten vor. In sämtlichen Nebenfächern dürfen “höchstens” vier schriftliche Arbeiten im Schuljahr angefertigt werden. Das ermöglicht Spielräume für alternative Leistungsmessung, die selten ausgeschöpft werden. Es gibt klügere, lernwirksamere und sinnstiftendere Möglichkeiten als in der Vorweihnachtszeit in drei Wochen neun Klassenarbeiten in neun verschiedenen Fächern zu schreiben (siehe auch https://pruefungskultur.de/).
5. Schulleitung als gesundheitsfördernde Führung
Schulleitungen gestalten das Klima. Die Forschung zeigt eindeutig: Wo Schulleitungen psychisch gesund, kooperativ und führungsstark sind, sind auch die Kollegien gesünder. Gesunde Führung ist keine Fürsorge von oben, sondern eine strategische Investition in die Qualität der Schule.
Ein Lernort macht es vor: BildungsCampus Leadership Sachsen-Anhalt
Mit dem BildungsCampus Leadership Sachsen-Anhalt wurde im März 2025 am Landesinstitut für Schulqualität und Lehrerbildung Sachsen-Anhalt ein innovativer Lernort geschaffen, um schulische Führungskräfte gezielt in ihrer Handlungskompetenz zu stärken. Vier Formate finden dort Anwendung: ThemenCampus, Campus+, Praxismodul und CampusDialog. Der Themencampus ist dabei das Format für die intensive Bearbeitung eines konkreten Führungsthemas, während die anderen Formate Ergänzungen für Transfer, Praxis und Dialog bieten. Die Qualifizierungsmaßnahme entsteht in Kooperation mit der Heraeus Bildungsstiftung – einem Partner mit ausgewiesener Expertise in schulischer Führung.
„Starke Schulleitungen sind das Rückgrat eines leistungsfähigen Bildungssystems.“ – Ehemalige Bildungsministerin Eva Feußner, Sachsen-Anhalt
ThemenCampus 3: „Schule gesund führen und gestalten“
Das Format der vier ThemenCampi folgt einem durchdachten Drei-Phasen-Modell, das Theorie, Reflexion und Transfer konsequent verbindet.
Phase 1 – Vorbereitung (Treffen)
Vor der Präsenzphase reflektieren die Teilnehmenden online ihr eigenes Führungserleben. Ein Lernjournal dient als Instrument zur Selbsterkundung. Eine Lernlandkarte gibt Überblick über alle Formate. Bibliotheksangebote ermöglichen gezieltes Nachlesen und Vertiefen. So kommen alle gut vorbereitet in die Präsenzphase.
Phase 2 – Präsenz (Zeigen)
In intensiven Präsenztagen – u. a. zu Salutogenese, inneren Antreibern nach der Transaktionsanalyse, Positive Leadership, Strategieplanung und kollegialer Fallarbeit – begegnen sich Führungskräfte im vertrauensvollen Austausch. Schulleitungen lernen, die Gesundheitsmuster im eigenen Kollegium zu lesen und mit konkreten Maßnahmen zu antworten. Dabei denken sie stets auf allen vier Wirkfeldern des Systems Schule: “Ich”, “Schulleitungsteam/Kollegium”, “Schüler/innen” und “Umfeld” (Eltern, Bildungspartner, Schulträger, Aufsicht, Politik, etc.).
Phase 3 – Transfer (Gestalten)
Das Gelernte bleibt nicht im Seminarraum. Online-Workshops ermöglichen kollegiale Fallberatung zu aktuellen Herausforderungen. Tandemarbeit und Sparring helfen, die nächsten Schritte im Führungsalltag umzusetzen. Individualfeedback unterstützt bei der Bewältigung spezifischer Herausforderungen. Der BildungsCampus als Resonanzraum fördert Austausch, gemeinsames Lernen, Reflexion und Vernetzung.
Weitere Informationen: www.bildung-lsa.de/informationsportal/lehrkraeftebildung/bildungscampus_leadership.htm
Ein Schlussgedanke

Die Daten sind eindeutig. Die Ansätze sind vorhanden. Die rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen eröffnen Spielräume. Was fehlt, ist der kollektive Mut, diese Spielräume konsequent zu nutzen.
Schule verändert sich nicht durch Beschlüsse allein – sie verändert sich durch Menschen, die aufhören zu warten, bis die Bedingungen ideal sind, und stattdessen im Rahmen des Möglichen anfangen. Und der ist größer, als wir oft denken.
„Unsere Zukunft entscheidet sich in unseren Schulen.“ – Julian Nida-Rümelin und Klaus Zierer
Ins Wasser fällt ein Stein – ganz heimlich, still und leise. Und ist er noch so klein, er zieht doch weite Kreise. (Der Ripple-Effekt)
Carsten Bangert ist Schulleiter der Maria-Gress-Schule im baden-württembergischen Iffezheim, Buchautor im Beltz Verlag (Vertreib die Affen mit den Kieselsteinen, 2019; Was gute Lehrerinnen und Lehrer ausmacht, 2023; Schule erfolgreich gestalten, 2025) und gemeinsam mit seinen Konrektoren Philipp Wetzel und Markus Burster Preisträger des Deutschen Lehrkräftepreises 2024 (Vorbildliche Schulleitung). Er war Mitglied der deutschen Delegation beim Internationalen Bildungsgipfel ISTP 2026 in Tallinn. https://carsten-bangert.de
Hier geht es zu allen Beiträgen des News4teachers-Themenmonats „Gesunde Schule“.









Wer von Lehrergesundheit spricht und die fehlende Arbeitszeiterfassung verschweigt, ist unredlich.
„Stellen Sie sich vor, ein Unternehmen stellt eine Studie vor, in der fast die Hälfte der Mitarbeitenden als gefährdet, wenig Sinn in ihrem Tun erkennen oder bereits erkrankt eingestuft werden.“
Und dann stellt man sich weiter vor, in diesem Unternehmen würden rechtswidrigerweise die Arbeitszeit- und Arbeitschutzgesetze nicht angewendet und eingehalten – und als Lösung würde eine Stärkung der Führungsebene vorgeschlagen…
Kann man sich nicht ausdenken.
Ich kann mir nicht helfen, aber für mich klingt das nach mehr Arbeit, nicht nach weniger.
„Entwickeln Sie bis zum Ende des Halbjahres ein Schutzkonzept zur Verbesserung der Lehrer- und Schülergesundheit. Das Konzept wird ein Schwerpunkt im anstehenden QA-Bericht sein.“ So etwa?
Das wäre der Klassiker.
„ChatGPT – bitte übernehmen!“
Jaha…. aber dennoch werden die KuK zu einer verpflichtenden Dienstveranstaltung einbestellt – natürlich in Präsenz und natürlich vor Ort – inkl. Anwesenheitsliste … die Sitzung ist – aufgeteilt in 5 themendifferierte AGs – auf ca 4 Stunden angelegt, zu deren Ende dann der allseits beliebte „Marktrundgang“, beibdem die jeweiligen Gruppen allen anderen ihre tollen Arbeitsergebnisse vorstellen … diese Art der Konzeption sorgt mittlerweile dafür, dass ein Großteil meiner KuK sich dann quasi die vorher einverleibten Nahrungsmittel nochmal durch den Kopf gehen lassen.
So sieht das Grauen aus. Bei den letzten Veranstaltungen dieser Art bin ich immer Kaffee trinken gegangen oder war eine Stunde auf dem Klo.
Dafür hatten wir immer einen Notvorrat Eierlikeur im Teamzimmer – zur Steigerung der Resilienz.
Es gibt so Veranstaltungen im Rahmen der SchILF, da fragt man sich immer, warum es an solchen Tagen keinen Probefeueralarm oder zumindest einen probeweisen Amokalarm gibt. Bei jedem Passieren der Brandmeldeeinrichtungen zuckt es einem unwillkürlich in den Fingern.
Exakt so!!
„Schule verändert sich nicht durch Beschlüsse allein – sie verändert sich durch Menschen, die aufhören zu warten, bis die Bedingungen ideal sind, und stattdessen im Rahmen des Möglichen anfangen. Und der ist größer, als wir oft denken.“
Kann ich im Prinzip zustimmen. Aber nur im Prinzip.
In der Realität haben wir viele Bedigungen, die wir nicht aus uns selbst heraus ändern können, die aber unbedingt anders werden müssten, um echte Veränderungen zu ermöglichen.
Dazu gehören aus meiner Sicht
Gruppengrößen (nein, nicht immer noch einfach einen Stuhl mehr dazu stellen, die Kinder haben so sehr andere Bedarfe als früher, da reicht Umverteilung vorhandener Ressourcen nicht mehr aus)
bauliche Voraussetzungen (Unterrichten in überhitzten Räumen; keine Ruhezonen… bis hin zum unbeleuchteten Parkplatz, fehlenden Lademöglichkeiten für Autos…)
Arbeitszeiten (irgendwann steckt man es nicht mehr weg, morgens um 8 die Schule zu betreten und nach der letzten Konferenz um 18 Uhr nach Hause zu fahren – dafür ist die Arbeit vor Ort zu konzentrationsintensiv/fordernd – und dann noch Vorbereitungen zu machen oder alles was zu viel ist aufs Wochenende zu schieben…)
Ausstattung (mangels Hilfen sucht jeder Lehrer selbst seine Softwarelösung, wie wir früher „nur“ jeder unsere eigenen Kulis und Druckerpatronen gekauft haben…)
gesellschaftliche Achtung für den Beruf (viele von uns haben den Spruch von den „faulen S…“ im Ohr und gehen auch damit regelmäßig weit über die Grenzen der eigenen Leistungsfähigkeit)
Erwartungen an den Lehrerberuf anders steuern (Lehrer können nicht jede „Störung“ bei Schülern aus eigener Ressource heraus „heilen“;
damit zusammenhängend auch spürbare Altersentlastungen (Lehrer zu sein ist psychisch und physisch ein sehr anstrengender Beruf, nicht nur Dachdecker oder Polizisten schaffen mit 60 nicht mehr das, was sie mit 30 locker konnten)
Mitverantwortung der Eltern/Erziehungsberechtigten (abgeben mit 6 und abholen mit Abitur, dazwischen in vielen Fällen nur Auftauchen, um Lehrer zu bashen – das darf nicht weiterhin die Anspruchshaltung der Gesellschaft sein)
……..
„Schule verändert sich nicht durch Beschlüsse allein – sie verändert sich durch Menschen, die aufhören zu warten, bis die Bedingungen ideal sind, und stattdessen im Rahmen des Möglichen anfangen. Und der ist größer, als wir oft denken.“
Kann es sein, dass wir alle genau das viel zu lange versucht haben?
Wir haben uns immer eingeredet, dass sich bestimmt mehr machen lässt als auf den ersten Blick erkennbar – man muss nur die Energie investieren statt sie zum „Motzen“ und „Warten“ zu vergeuden. Also haben wir gemacht… positiv denken, machen, Augen zu und durch, wird schon besser werden, andere schaffen das ja auch, man muss nur Zeit/Arbeit/Energie sinnvoller und effektiver einteilen… letztlich haben wir den Fehler bei uns gesucht und noch mehr aus dem „Rahmen des Möglichen“ rausgeholt…
Irgendwann geht es nicht mehr. Das kann auch keine motivierende Schulleitung ändern.
Spielräume nutzen allein reicht nicht mehr aus!
Viele können nicht mehr.
Das ist nicht der Fehler der jeweils betroffenen Kollegen, die Jahrzehnte alles gegeben haben.
Um den Beruf lebbar zu machen, braucht es mehr als das Nutzen vorhandener Spielräume.
35-Stunden Woche
Prämie und Zulagen
Homeoffice
Absolute Zustimmung!
Danke! Das trifft genau meinen Punkt. Ich denke, wir haben über viele Jahre auf Kosten der eigenen Kapazitätsgrenze viele Dinge möglich gemacht und die Entscheidungsträger haben sich darauf ausgeruht. Ein klitzekleines Stück weit haben wir selber damit zu den Zuständen beigetragen. Aus meiner heutigen Sicht hätte ich „meine“ Karren einfach viel früher gegen die Wand fahren lassen sollen. Hätte langfristig bestimmt mehr verändert.
….. und warum haben wir das eigentlich gemacht?
( die beste Antwort wäre eine Prämie wert @ Redaktion – Mac Sunday ? )
Wenn ich bei mir suche – ich mag den Job ( Lehrer ) einfach – noch immer.
Die Fiesemantenten, die Niederträchtigkeiten, die teils menschenunwürdige Behandlung durch sämtliche Ebenen des Olymps konnte ich meistens umgehen; es hat trotzdem Kraft gekostet, ….Viele schafft es.
„….. und warum haben wir das eigentlich gemacht?“
„Herr/ Frau Lehrer(in)! Ich weiß es! … wegen der leu…. K…Au…!
Bekomme ich jetzt ein Eis?“ 🙂
Immer diese Kampfphrase von der Luminesenz juveniler Okuli
Tatsächlich ist es bei mir (auch?) so, dass mich das ständige Anforderungsgenörgele von außen und die elenden Neiddebatten aus dem Umfeld mittlerweile am meisten triggern. Aber dagegen lässt sich ja was tun.
Mein Kerngeschäft mache ich immer noch sehr gerne – auch wenn ich merke, dass seit dem Dienstjubiläum meine Erholungszeiten länger werden… .
Das ist der Weg.
„zeichnet ein alarmierendes Bild im Vergleich zu den Ausgangsdaten von 2000–2002:
Ach nee, echt jetzt? Wer den Wahnsinn der Schulpolitik in den letzten beiden Jahrzehnten miterlebt hat, der hat entweder in die „LMAA“ bzw. „Schonhaltung“ gewechselt oder mittlerweile ein psychisches Wrack, in Frühpension oder hat einen Schlaganfall bekommen.
Ich finde daran nun wirklich nichts Überraschendes.
Muster S – erneut ist diese Drohne beim stärksten Wachstumsbereich ganz vorne mit dabei. Yeah!
Muster S ist die logische Reaktion auf Muster A (Ausbeutung), Muster V (Verächtlichmachung) sowie Muster Z (zynische Ratschläge).
Bei uns verschaffen sich die Lehrkräfte selbst Entlastung: Wenn es nach der Hofpause zum Reingehen klingelt, sitzen sie weiter gemütlich im Lehrerzimmer. Erst wenn es zur Stunde klingelt, macht sich die Hälfte mindestens auf den Weg. Die kommen dann ca. 3,4,5 Minuten nach Unterrichtsbeginn in ihren Klassen an. Dann müssen sie sich natürlich erstmal vorbereiten und die Klasse zur Ruhe bringen. So kann man ganz einfach den „nervigen Unterricht“ von 45 auf 35 Minuten reduzieren. Entlastung eben.
Aufsichtspflicht? Ach, merkt doch keiner. Und die Schulleitung sagt nichts dazu.
Voll schade, wo doch alle Schüler immer pünktlich nach der Pause am Platz sitzen und mit leuchtenden Augen auf den Beginn des Unterrichts warten.
Spaß beiseite: Ich bin immer vor Beginn der Stunde im Klassenraum und sorge für einen möglichst reibungslosen Ablauf. Kann ich deshalb pünktlich mit dem Unterricht beginnen? Natürlich nicht. Einige kommen immer zu spät, einige haben immer Streit, einige müssen immer nach der Pause aufs Klo, einige haben irgendwas irgendwo liegen lassen und müssen es erst holen, einige brauchen Pflaster, Kühlpacks, einen Therapeuten…
Angesichts der Anstrengung, die es erfordert, dem zu trotzen, habe ich größtes Verständnis für alle Mechanismen des Selbstschutzes, die man dann über die Jahre entwickelt.
Statt sich über 3 Minuten aufzuregen, in denen einige Lehrer es vorzuehen, Kevin und Chantalle nicht bei ihrem Disput über den Grad der Adiposität ihrer Mütter beizuwohnen, sollten Sie lieber die wahren Zeitfresser in den Blick nehmen. Permanente Störungen, Unterbrechungen, Unruhe, herbeiphantsierte Pseudo-Konflikte, Asi-TV live.
Schon wieder diese leuchtenden Schüleraugen…