Start Themenmonate Guter Ganztag „Im Ganztag können wir Kinder wirklich begleiten“ – Schulleiterin im Interview

„Im Ganztag können wir Kinder wirklich begleiten“ – Schulleiterin im Interview

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BREMEN. Mit dem Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung beginnt für Grundschulen eine neue Phase. Doch wie sieht guter Ganztag in der Praxis aus? Silke Zimmermann, Schulleiterin einer gebundenen Ganztagsschule und Mitglied im Bundesvorstand des Ganztagsschulverbands, spricht über Bildungsgerechtigkeit, multiprofessionelle Teams, soziale Herausforderungen – und darüber, warum Kinder vor allem eines brauchen: Zeit.

„Den Tag aus der Perspektive der Kinder denken“: Schulleiterin Silke Zimmermann. Foto: privat

News4teachers: Ab dem Schuljahr 2026/27 gilt schrittweise der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung für Grundschulkinder. Welche Bedeutung hat der Ganztag für Ihre Schule und für die Familien in Ihrem Stadtteil?

Silke Zimmermann: Wir arbeiten bereits als gebundene Ganztagsschule. Alle Kinder bleiben bis mindestens 15 Uhr bei uns. Für unsere Schule ändert sich durch den Rechtsanspruch deshalb zunächst nicht viel. Ich freue mich aber sehr, dass künftig deutlich mehr Kinder die Chance auf einen Ganztagsplatz haben werden.

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Mir ist allerdings wichtig, dass wir Ganztag nicht auf Betreuung reduzieren. Natürlich schafft er Verlässlichkeit für Familien. Sein eigentlicher Wert liegt aber woanders: Ganztag gibt Kindern Zeit – Zeit zum Lernen, Zeit für Beziehungen und Zeit, sich in ihrem eigenen Tempo zu entwickeln. Gerade Kinder, die mit schwierigeren Voraussetzungen in die Schule kommen, profitieren enorm davon.

Der Ganztagsschulverband: Vernetzung und Expertise

Der Ganztagsschulverband e.V. ist der zentrale Fachverband für den Ganztag in Deutschland. Wir unterstützen alle Akteure im Ganztag auf Bundes- und auf Länderebene. Dabei verfolgen wir zwei Ziele: ein zukunftsfähiges Bildungssystem und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Im hochaktuellen Feld der Ganztagsbildung möchten wir Ideen vermitteln und Vernetzung z. B. durch Fachtage, Kongresse sowie Online-Veranstaltungen ermöglichen. Unsere vielfältige Expertise zeigt sich in unserer Fachzeitschrift „Die Ganztagsschule“ sowie in Veröffentlichungen, Seminaren und Vorträgen der Vorstandsmitglieder.

Aktuell mischen wir uns politisch ein, damit der Rechtsanspruch auf einen Ganztagsplatz ab August 2026 bestmöglich umgesetzt wird. Jährlich veranstalten wir einen dreitägigen Bundeskongress, der in diesem Jahr vom 25. bis 27. November 2026 in Kiel stattfinden wird. Wir freuen uns über neue Mitglieder (Schulen, Institutionen, Privatpersonen), die mit uns für einen hochwertigen Ganztag arbeiten!

Kontakt: Christoph Bülau, Geschäftsführer
buelau@ganztagsschulverband.de 
Kochstraße 113, 04277 Leipzig
www.ganztagsschulverband.de

News4teachers: Die Grundschule Sodenmatt gilt als Beispiel für gelungenen gebundenen Ganztag. Was macht Ihre Schule aus?

Silke Zimmermann: Ich glaube, wir versuchen konsequent, den Tag aus der Perspektive der Kinder zu denken. Das Erste, was morgens passiert, ist nicht Unterricht. Die Kinder kommen erst einmal in Ruhe an. Wir schauen: Wie geht es dir heute? Wer ist fröhlich? Wer wirkt traurig oder erschöpft? Wer braucht vielleicht gleich am Morgen jemanden, der zuhört? Gerade in unserem Stadtteil sind diese ersten Minuten unglaublich wichtig.

Seit einigen Monaten bieten wir außerdem schon vor Unterrichtsbeginn eine kostenlose Brotzeit an. Das hat einen ganz praktischen Hintergrund: Manche Kinder kommen ohne Frühstück in die Schule. Dann denken sie erst einmal an ihren Hunger und nicht an Mathematik oder Deutsch. Eine Kleinigkeit zu essen verändert oft den ganzen Start in den Tag.

Erst danach beginnt der Unterricht. Uns ist wichtig, dass sich konzentrierte Lernphasen, Bewegung und Erholung sinnvoll abwechseln. Ein fester Bestandteil ist unser tägliches Leseband. Dabei lesen die Kinder nicht einfach still vor sich hin. Sie lesen sich gegenseitig vor, üben Partnerlesen oder setzen Geschichten als Theaterlesen um. So erleben sie Lesen als etwas Gemeinsames und entwickeln Freude daran.

Außerdem arbeiten wir projektorientiert. Themen aus dem Sachunterricht werden nicht isoliert behandelt, sondern tauchen in verschiedenen Unterrichtsfächern und Zusammenhängen wieder auf. Wenn wir uns zum Beispiel mit Verkehrserziehung beschäftigen, passiert das nicht nur im Sachunterricht, sondern auch im Sport, in Kunst oder im Deutsch- oder Matheunterricht. So lernen Kinder Zusammenhänge kennen und erleben Schule nicht in lauter kleinen Einzelteilen.

Zum Ganztag gehören für uns selbstverständlich auch Bewegung, Kreativität und freie Zeit. Nach dem Mittagessen können die Kinder zwischen vielen Arbeitsgemeinschaften wählen – Sport, Schach, Chor, Programmieren, Kochen oder kreative Angebote. Genauso wichtig ist aber das freie Spiel. Viele Kinder kommen heute mit deutlich weniger Spielerfahrung zu uns als noch vor einigen Jahren. Dabei lernen sie gerade dort Rücksicht zu nehmen, Regeln einzuhalten, sich abzuwechseln oder Konflikte selbst zu lösen. Auch das ist Bildung.

„Im klassischen Unterricht muss in wenigen Stunden sehr viel vermittelt werden. Für vieles, was Kinder darüber hinaus brauchen, bleibt kaum Raum“

News4teachers: Viele Menschen verbinden Ganztag vor allem mit Betreuung. Was entgegnen Sie ihnen?

Silke Zimmermann: Ich würde sagen: Wer Ganztag darauf reduziert, greift viel zu kurz. Der größte Unterschied zum Halbtag ist die Zeit. Im klassischen Unterricht muss in wenigen Stunden sehr viel vermittelt werden. Für vieles, was Kinder darüber hinaus brauchen, bleibt kaum Raum.

Im Ganztag können wir Kinder wirklich begleiten. Wenn zwei Kinder Streit haben, wird der Konflikt nicht einfach unterbrochen, weil die nächste Unterrichtsstunde beginnt. Wir können gemeinsam nach Lösungen suchen und den Kindern zeigen, wie sie Konflikte künftig selbst lösen können. Das soziale Lernen ist für uns kein Nebenschauplatz, sondern gehört genauso zu Bildung wie Mathematik oder Deutsch.

Gerade in unserem Stadtteil erleben wir außerdem, dass viele Kinder außerhalb der Schule schon sehr früh Verantwortung übernehmen oder auf sich allein gestellt sind. Deshalb ist Ganztag für uns auch ein Ort verlässlicher Beziehungen. Kinder erleben Erwachsene, die Zeit für sie haben, zuhören und sie in ihrer Entwicklung begleiten.

Deshalb sage ich immer: Der größte Gewinn des Ganztags ist nicht die längere Betreuungszeit. Der größte Gewinn ist die zusätzliche Zeit für jedes einzelne Kind.

News4teachers: Ganztagsschulen sollen zu mehr Bildungsgerechtigkeit beitragen. Welche Wirkung beobachten Sie bei Ihren Schülerinnen und Schülern?

Silke Zimmermann: Besonders deutlich sehen wir die Entwicklung im sozialen Bereich. Die Kinder verbringen den ganzen Tag miteinander. Sie lernen nicht nur lesen, schreiben oder rechnen, sondern auch zuzuhören, Konflikte auszutragen, Rücksicht zu nehmen und Verantwortung füreinander zu übernehmen. Das klingt selbstverständlich, ist es aber längst nicht mehr. Gerade nach längeren Ferien merken wir oft, dass manche dieser Fähigkeiten erst wieder eingeübt werden müssen.

Auch unser tägliches Leseband zeigt Wirkung. Viele Kinder entwickeln dort Freude am Lesen und gewinnen Sicherheit. Gleichzeitig beobachten wir, dass die Voraussetzungen, mit denen Kinder eingeschult werden, immer unterschiedlicher werden. Manche bringen schon viele Kompetenzen mit, andere haben große sprachliche oder motorische Schwierigkeiten oder können sich nur kurze Zeit konzentrieren.

Deshalb haben wir ein sogenanntes Startklar-Team eingerichtet. Eine Sonderpädagogin und eine Erzieherin arbeiten dort mit Kindern aus den ersten beiden Jahrgängen, die besonders intensive Unterstützung brauchen. Uns geht es dabei nicht nur um schulische Inhalte. Die Kinder sollen erleben: Ich kann etwas. Ich schaffe das. Man macht am liebsten das, was man kann. Wenn Kinder Erfolg erleben und merken, dass sich Anstrengung lohnt, entwickeln sie Selbstvertrauen und Freude am Lernen. Genau diese Erfahrung möchten wir ihnen ermöglichen.

„Die Kinder entdecken neue Interessen, erleben Erfolgserlebnisse außerhalb des Klassenzimmers und erweitern ihren Horizont“

News4teachers: Welche Rolle spielen außerschulische Partner in Ihrem Ganztagskonzept?

Silke Zimmermann: Eine sehr große. Wir arbeiten mit Sportvereinen, der Kunsthalle, der Stadtteilfarm, Arbeit&Ökologie und anderen Partnern zusammen. Dadurch öffnen wir den Kindern Türen zu einer Welt, die viele von ihnen sonst kaum kennenlernen würden.

Viele Familien verfügen nicht über die Möglichkeiten, regelmäßig Museen zu besuchen oder Sportangebote wahrzunehmen. Deshalb holen wir diese Erfahrungen in den Schulalltag. Die Kinder entdecken neue Interessen, erleben Erfolgserlebnisse außerhalb des Klassenzimmers und erweitern ihren Horizont. Für uns gehört das selbstverständlich zu einem guten Ganztag dazu.

News4teachers: Wo stoßen Sie im Alltag an Grenzen?

Silke Zimmermann: Die größte Herausforderung ist ganz klar der Fachkräftemangel und die finanziell abgesichterte Unterfütterung. Ganztag lebt von multiprofessionellen Teams. Sobald mehrere Kolleginnen oder Kollegen gleichzeitig krank werden, gerät dieses System schnell unter Druck. Dann müssen Aufgaben umverteilt werden und die Belastung für alle steigt.

Hinzu kommen die räumlichen Bedingungen. Kinder verbringen den ganzen Tag in der Schule. Deshalb brauchen sie nicht nur Klassenräume, sondern auch Orte, an denen sie sich zurückziehen, in kleinen Gruppen arbeiten oder einfach einmal zur Ruhe kommen können. Solche Räume fehlen an vielen Schulen noch.

Gerade deshalb reicht es aus meiner Sicht nicht, Schulen personell gerade so auszustatten. Ganztag braucht Reserven. Nur dann können Ausfälle aufgefangen werden, ohne dass die Qualität leidet.

News4teachers: Was empfehlen Sie Schulen, die den Ganztag aufbauen oder weiterentwickeln möchten?

Silke Zimmermann: Das Wichtigste sind Menschen, die den Ganztag wirklich gestalten möchten. Gute Konzepte entstehen nicht am Schreibtisch, sondern gemeinsam im Kollegium. Jede und jeder bringt eigene Stärken mit – sei es im Sport, in der Musik, beim Lesen oder in kreativen Angeboten. Wenn diese Begeisterung spürbar wird, profitieren auch die Kinder davon.

 

Mindestens genauso wichtig ist es, feste Zeiten für Teamarbeit einzuplanen. Ganztag funktioniert nur, wenn Lehrkräfte, Erzieherinnen und Erzieher sowie weitere pädagogische Fachkräfte eng zusammenarbeiten. Dafür braucht es Zeit – und die muss bewusst eingeplant werden.

Außerdem würde ich jeder Schule empfehlen, andere Ganztagsschulen zu besuchen. Niemand muss das Rad neu erfinden. Wir selbst profitieren sehr vom Austausch mit anderen Schulen. Gute Ideen weiterzugeben und voneinander zu lernen, gehört für mich zu einer echten Ganztagskultur.

Es lohnt sich, gut miteinander vernetzt zu sein. Der Ganztagsschulverband organisiert jährlich stattfindende Kongresse auf Bundesebene und die Vernetzung in den Landesverbänden ermöglicht darüber hinaus konkrete Unterstützungsangebote zur Weiterentwicklung.

Die Serviceagentur „ganztägig lernen“ hilft ebenso, den Ganztag sinnvoll, kindgerecht und mit einem Blick auf die Qualität durch Hospitationsreisen, Veranstaltungen und Beratungen voranzubringen.

News4teachers: Wenn Sie einen Wunsch an die Bildungspolitik frei hätten – was müsste passieren, damit guter Ganztag gelingt?

Silke Zimmermann: Der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung ist eine große Chance. Jetzt kommt es darauf an, ihn mit Qualität zu füllen. Gute Ganztagsschulen entstehen nicht allein durch ein Gesetz.

Wir brauchen erstens ausreichend Personal. Ganztag ist Teamarbeit. Lehrkräfte und pädagogische Fachkräfte müssen den Schulalltag gemeinsam gestalten können. Verlässliche Doppelbesetzungen sind deshalb kein Luxus, sondern eine wichtige Voraussetzung für gute pädagogische Arbeit. Angesichts der hohen Anforderungen im Ganztag und in sozial besonders herausfordernden Kontexten ist eine Absenkung der Wochen- bzw. Jahresarbeitszeit für das pädagogische Personal notwendig.

Zweitens brauchen wir eine starke Schulsozialarbeit. Gerade an Schulen in sozial herausfordernden Stadtteilen begleitet sie Kinder und Familien weit über den Unterricht hinaus. Diese Arbeit entscheidet oft mit darüber, ob Kinder gute Bildungschancen bekommen. Hier gibt es einen stetig wachsenden Bedarf!

Und drittens brauchen wir Schulen, die auch räumlich auf Ganztag ausgelegt sind – mit Lernräumen, Bewegungsflächen und Rückzugsmöglichkeiten.

Ganztag darf nicht auf Betreuung reduziert werden. Er ist ein pädagogisches Konzept. Wenn wir Kindern Zeit geben, sie individuell begleiten und ihnen verlässliche Beziehungen ermöglichen, profitieren sie weit über die Grundschulzeit hinaus. Genau darin liegt aus meiner Sicht die große Chance des Ganztags. News4teachers / Nina Odenius führte das Interview

Hier geht es zu allen Beiträgen des News4teachers-Themenmonats “Guter Ganztag”. 

Wenn Lehrkräfte und Fachkräfte gemeinsam den Ganztag als Lern- und Lebensraum gestalten – das Beispiel Helios-Grundschule

Hier geht es zu allen Beiträgen des News4teachers-Themenmonats “Guter Ganztag”. 

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1 Kommentar
Opossum
1 Tag zuvor

Das Konzept hört sich gut an. Allerdings hoffe ich, dass der gebundene Ganztag nicht die Regel wird, sondern Kinder frei eine Schule mit dem offenen Ganztag auswählen dürfen. Besonders in weiterführenden Schulen.