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„Wir werden unserem eigenen Anspruch als Bildungsnation nicht gerecht“: PISA – schon wieder ein Debakel (so schlecht wie nie)

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BERLIN. Deutschlands Schulen fallen bei PISA auf einen historischen Tiefstand: Die 15-Jährigen erreichen in Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften die niedrigsten Kompetenzwerte seit Beginn der Erhebungen. Besonders schwer wiegt, dass inzwischen bis zu einem Drittel der Jugendlichen selbst grundlegende Anforderungen nicht bewältigt – während zugleich die Gruppe der Leistungsstarken schrumpft. Und noch ein Befund verschärft die Bilanz: Wie erfolgreich Jugendliche lernen, hängt in Deutschland weiterhin so stark von ihrer sozialen Herkunft ab wie in keinem anderen vergleichbaren Industriestaat.

Immer schiefer? (Symbolfoto.) Foto: Shutterstock / Thoom

In der neuen Bildungsstudie PISA schneiden Schülerinnen und Schüler in Deutschland so schlecht ab wie nie zuvor. In Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften wurden bei den hier getesteten 15-Jährigen «die niedrigsten Kompetenzwerte seit Beginn der PISA-Erhebungen erzielt», heißt es in der neuen Ausgabe der internationalen Vergleichsstudie. Die Ergebnisse liegen somit auch niedriger als bei der ersten PISA-Studie im Jahr 2000.

Damals hatten die schwachen Werte in Deutschland eine intensive Debatte und Bildungsreformen ausgelöst – der sogenannte PISA-Schock. «Ich möchte nicht bewerten, ob wir jetzt vom nächsten PISA-Schock sprechen müssten», sagt Studienleiter Prof. Samuel Greiff von der Technischen Universität München. «Aber ich kann sagen, dass wir bei PISA 2025 historisch niedrige Kompetenzstände sehen.»

Als Gründe gelten eine veränderte Schülerschaft und schwierige Lernvoraussetzungen. Als wichtigste Rezepte zur Besserung nennt Greiff frühkindliche Bildung und eine datengestützte Entwicklung des Unterrichts.

Immer mehr ohne Basiskompetenzen

Die Studie gliedert die Testergebnisse in sechs Kompetenzstufen. Jugendliche, die Kompetenzstufe II nicht erreichen, verfügen nicht über die grundlegenden Fähigkeiten, die sie benötigen, um Anforderungen in Ausbildung, Beruf und Alltag sicher bewältigen zu können.

In der aktuellen Studie fehlen einem Viertel der rund 6.700 in Deutschland getesteten Jugendlichen die Basiskompetenzen in Naturwissenschaften. In Lesen und Mathematik gilt das laut PISA sogar für ein Drittel der Schülerinnen und Schüler – der Anteil habe sich seit 2015 verdoppelt. Zugleich sinkt laut Studie der Anteil der Jugendlichen mit besonders hohen Kompetenzen und liegt in allen drei Gebieten nun bei weniger als zehn Prozent.

«Wir haben eine immer größer werdende Gruppe von Jugendlichen, die mit sehr grundlegenden Anforderungen große Probleme haben», sagt Greiff. Die Forscher zeigen sich jetzt vor allem alarmiert über den wachsenden Anteil junger Leute, denen Basiskompetenzen fehlen. Bei etwa einem Fünftel der Jugendlichen fehlt es in allen drei Testfeldern am Grundsätzlichen.

«Die Jugendlichen in Deutschland erzielen in Naturwissenschaften, im Lesen und in Mathematik so niedrige Ergebnisse wie noch nie seit Beginn der PISA-Studien», fassen die in Deutschland verantwortlichen Forscher ihre Ergebnisse zusammen. Konkret erreichen die Jugendlichen in Naturwissenschaften als Mittelwert 486 Punkte, im Lesen 465 Punkte und in Mathematik 464 Punkte. Alle Werte sind niedriger als 2022, die damals schon als historisch schwach galten: Damals waren es 492 in Naturwissenschaften, 480 im Lesen und 475 in Mathematik. Zum Vergleich: Japan erreicht nun einen Mittelwert von 538 Punkten in Naturwissenschaften, 503 Punkten beim Lesen und 525 bei Mathematik.

Allerdings gilt auch: Selbst mit den gesunkenen Punktzahlen liegt Deutschland bei allen drei Testfeldern etwa im OECD-Durchschnitt und teils leicht über dem EU-Schnitt. Bei Naturwissenschaften ist Deutschland im Mittel besser als etwa Frankreich oder Spanien. Ähnlich sieht es bei Mathematik und bei der Lesekompetenz aus.

Zusätzlich wurde in dieser PISA-Studie untersucht, wie gut 15-Jährige mit digitalen Werkzeugen komplexe Probleme strukturieren und lösen können. Auch bei diesem sogenannten modellbasierten Problemlösen liegen die Fähigkeiten der Jugendlichen in Deutschland auf dem OECD-Durchschnittsniveau.

Deutschland ist Durchschnitt

Auch in anderen OECD-Staaten zeige sich ein Negativtrend, allerdings falle der in Deutschland besonders deutlich aus, erklären die Studienmacher. Doch etliche liegen eben besser als Deutschland, so etwa Großbritannien und die baltischen Staaten.

In insgesamt 14 OECD-Staaten sind die Ergebnisse in der Studie klar besser als in Deutschland, darunter Estland, Kanada, die Schweiz und Österreich. Länder wie die Niederlande oder Frankreich liegen mit Deutschland etwa gleich auf. «Wir sind zwar nicht dramatisch abgehängt», sagt Greiff. «Aber wir werden unserem eigenen Anspruch als Bildungsnation nicht gerecht. Wir spielen nicht mit unter den Top-Staaten.» Weltweit durchliefen 760.000 Jugendliche in 91 Staaten die Vergleichstests, darunter auch Nicht-OECD-Staaten.

Elternhaus gibt den Ausschlag

PISA 2025 bestätigt die Erkenntnis, dass in Deutschland der schulische Erfolg stärker als in anderen Ländern vom Elternhaus abhängt. Seit 2015 nimmt diese Kluft sogar wieder zu. Dieser Zusammenhang ist in fast keinem anderen Staat derart ausgeprägt. «Der Zusammenhang zwischen dem sozioökonomischen Status und dem Bildungserfolg ist in Deutschland etwa dreimal so stark wie in Kanada und doppelt so stark wie in Dänemark oder Norwegen», sagt Greiff. «In Deutschland sind nur zwei von 100 sozial benachteiligten Schülern leistungsstark. Unter sozial Privilegierten sind es 25 von 100.»

Der Bildungsforscher betont: «Wir können es uns als Gesellschaft nicht leisten, dass so viele Talente ungenutzt bleiben. Anderen Staaten gelingt es deutlich besser, die Abhängigkeit des Bildungserfolgs von den familiären Voraussetzungen zu entkoppeln.»

Auf die Frage nach den Gründen für den Abwärtstrend beim Bildungserfolg nennt Greiff mehrere Faktoren. «Nach PISA 2000 haben wir uns deutlich verbessert, das hat unglaubliche Reformkräfte freigesetzt», sagte der Psychologe und Bildungsforscher. «Aber seit 10 Jahren beobachten wir einen Knick. Es war offenbar der Eindruck, dass wir jetzt ganz gut dastehen und dass die große Aufholjagd geschafft ist. Und dann wurde das Thema Bildung nicht mehr ganz so wichtig genommen.»

Kommt das Schulsystem mit?

Zugleich sei die Schülerschaft in den vergangenen Jahren unterschiedlicher geworden, fügt Greiff hinzu. Grund sei nicht nur Zuwanderung. Es gebe stärkere soziale Unterschiede und immer mehr psychosoziale Problemlagen. «Die Trennlinie läuft nicht zwischen Jugendlichen mit und ohne Zuwanderungshintergrund, sondern zwischen Jugendlichen aus sozial privilegierten und sozial benachteiligten Familien», sagt der Experte.

«Die Frage ist, wie gut das Bildungssystem auf Unterschiede eingestellt ist», fügt er hinzu. «Viele Staaten schaffen es, unterschiedliche Voraussetzungen in eine Stärke der Vielfalt umzuwandeln.» In Deutschland klappe das nicht überall. Als Problemlagen nannte Greiff frühkindliche Bildung, Lehrkräftemangel und Digitalisierung.

Was kann helfen? Greiff und sein Team machen drei konkrete Vorschläge: Schon im Vorschulalter sollten mögliche Lernprobleme entdeckt und angegangen werden. «Vor allem Kenntnis der Unterrichtssprache ist der Schlüssel zu allen anderen Fächern», sagt Greiff.

Der zweite Vorschlag ist die «datenbasierte» Entwicklung des Unterrichts. Gemeint sind häufige Tests, nicht für Noten, sondern für ein individualisiertes Gegensteuern, um nicht Rückstände auflaufen zu lassen. Vorbild ist für Greiff dabei Kanada.

Und Ansatz Nummer drei: mehr Geld für Schulen mit besonders vielen Kindern in schwierigen Lebenslagen. «Wenn Schulen sehr unterschiedliche Herausforderungen bewältigen müssen, dürfen sie nicht alle gleich ausgestattet werden», mahnen die Forscher.

Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) analysiert die Lage ähnlich. «Unser Bildungssystem in Deutschland steht vor enormen Herausforderungen», sagt sie. Wichtige Weichen seien schon gestellt, meint Prien: «Mehr Bedeutung für die frühkindliche Bildung, besserer Übergang zwischen Kita und Schule, vor allem die Stärkung der sogenannten basalen Kompetenzen: Lesen, Schreiben, Rechnen.»

Weiter erklärt sie: «Die Schülerschaft hat sich verändert, keineswegs nur durch Zuwanderung, sondern auch durch Erziehungsmethoden, durch die Art und Weise, wie Familien leben, die Anzahl der Alleinerziehenden, den Einfluss von Bildschirmzeiten und durch Social Media.» Schulen müssen heute viel mehr für Bindung und Erziehung leisten als früher, fügt sie hinzu. «Es nützt aber nichts, darüber zu lamentieren. Das ist die Realität, und darauf muss sich das Schulsystem insgesamt besser einstellen.» News4teachers / mit Material der dpa

Bildungsforscher ziehen Bilanz: Fast alle schulpolitischen Maßnahmen seit dem ersten PISA-Schock sind – gescheitert

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2 Kommentare
Josi1
1 Stunde zuvor

Ein Privileg ist eine rechtliche Sonderregelung oder ein besonderes Recht, das einer Person, Gruppe, Stadt, Institution oder einem Stand von einer höheren Autorität verliehen wird.

Inwiefern werden hier besondere Rechte gewährt und durch wen?

Udo Beckmann
1 Stunde zuvor

PISA 2025: Wir wissen längst, was schiefläuft
Seit rund 40 Jahren beobachte ich das deutsche Bildungswesen. In dieser Zeit habe ich viele Reformen erlebt, viele neue Programme, viele Versprechen und mindestens ebenso viele Erklärungen dafür, warum grundlegende Veränderungen Zeit brauchen.
PISA 2025 zeigt nun erneut: Diese Zeit haben viele Kinder nicht.
Deutschland liegt bei den zentralen Kompetenzen nur noch im OECD-Mittelfeld. Noch schwerer wiegt für mich jedoch etwas anderes: Der Bildungserfolg hängt weiterhin massiv von der sozialen Herkunft ab. Und die Unterschiede werden nicht kleiner, sondern größer.
Das ist der eigentliche Skandal.
Wir reden seit Jahrzehnten über Chancengerechtigkeit. Wir wissen seit Jahrzehnten, dass Kinder nicht mit denselben Voraussetzungen in Kita und Schule starten. Und dennoch organisieren wir unser Bildungssystem noch immer so, als könne man sehr unterschiedliche Ausgangslagen mit weitgehend gleichen Mitteln ausgleichen.
Das kann nicht funktionieren.
Eine Schule in einem wohlhabenden Stadtteil hat andere Bedingungen als eine Schule in einem Quartier mit hoher Kinderarmut, Sprachförderbedarf und großen sozialen Belastungen. Wer beiden Schulen im Kern dasselbe gibt, behandelt sie formal gleich – aber nicht gerecht.
Genau hier müsste sich etwas grundlegend ändern.
Schulen mit den größten Herausforderungen brauchen die besten Bedingungen. Nicht irgendwann, nicht im Modellversuch und nicht für drei Jahre. Sondern dauerhaft.
Sie brauchen mehr Personal. Sie brauchen multiprofessionelle Teams. Sie brauchen Zeit für Förderung. Sie brauchen starke Schulleitungen, verlässlichen Ganztag und Unterstützung, die nicht von der nächsten Förderperiode abhängt.
Vor allem aber müssen wir viel früher anfangen.
Wenn Kinder bereits bei Schuleintritt sehr unterschiedliche sprachliche, soziale und kognitive Voraussetzungen haben, ist es zu spät, erst in der dritten oder vierten Klasse über Förderung nachzudenken. Gute frühkindliche Bildung ist keine Vorstufe von Schule. Sie ist einer der entscheidenden Orte für Bildungsgerechtigkeit.
Natürlich sind Programme wie Startchancen sinnvoll. Aber wir sollten uns davor hüten, Programme mit Veränderung zu verwechseln.
Ein neues Förderprogramm ist noch keine neue Wirklichkeit.
Nach so vielen Jahren Bildungsdebatte erscheint mir ohnehin etwas anderes bemerkenswert: Uns fehlt es kaum noch an Erkenntnissen. Wir kennen die Probleme. Wir haben Daten. Wir haben Studien. Wir kennen viele wirksame Ansätze.
Was fehlt, ist Konsequenz.
Vielleicht ist das inzwischen die unangenehmste Wahrheit: Das deutsche Bildungssystem hat weniger ein Erkenntnisproblem als ein Umsetzungsproblem.
Und bei jeder neuen Studie beginnt das gleiche Ritual. Betroffenheit. Ankündigungen. Arbeitsgruppen. Strategien. Der Hinweis, dass Reformen einen langen Atem brauchen.
Das stimmt sogar.
Nur: Ein Kind hat keinen langen Atem.
Ein Kind, das heute in der fünften Klasse den Anschluss verliert, kann nicht darauf vertrauen, dass eine Reformgeneration später alles besser wird. Seine Schulzeit läuft jetzt.
Deshalb sollte PISA 2025 nicht vor allem die Frage auslösen, welches neue Programm wir brauchen.
Die wichtigere Frage lautet:
Sind wir endlich bereit, Ressourcen konsequent dorthin zu geben, wo die Not am größten ist?
Wenn wir Bildungsgerechtigkeit ernst meinen, darf soziale Benachteiligung nicht länger durch das Bildungssystem verstärkt werden.
Nach 40 Jahren Beobachtung dieses Systems wünsche ich mir deshalb weniger neue Versprechen und mehr sichtbare Konsequenz.
Eine wirkliche Trendumkehr beginnt für mich dort, wo die Herkunft eines Kindes spürbar weniger darüber entscheidet, welche Zukunft ihm offensteht.
Davon sind wir noch immer zu weit entfernt.