KÖLN. Kinderarmut ist nicht nur ein gesellschaftliches Problem. Eine neue Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) im Auftrag von Unicef beziffert die finanziellen Folgen fehlender Chancen auf durchschnittlich 216.500 Euro pro betroffenem Kind. Investitionen in Ganztagsschulen, Familienzentren und gezielte Förderung würden sich deshalb für den Staat langfristig auszahlen. Die Untersuchung liefert damit ein ökonomisches Argument für eine Bildungspolitik, die benachteiligte Kinder frühzeitig unterstützt: Wer heute an ihnen spart, muss später womöglich deutlich mehr bezahlen.

Die Auswirkungen von Kinderarmut und fehlenden Bildungschancen kommen die öffentlichen Haushalte einer Studie zufolge teuer zu stehen. Ein Kind, das in Deutschland unter schwierigen Bedingungen aufwächst, trägt demnach im Laufe seines Lebens zu den öffentlichen Haushalten schätzungsweise 216.500 Euro weniger bei als ein Kind, das diese Einschränkungen nicht hat. «Es ist eine einfache Kosten-Nutzen-Rechnung», sagte Axel Plünnecke vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW), der das Gutachten im Auftrag des UN-Kinderhilfswerks Unicef erstellt hat.
Im Durchschnitt trägt ein Mensch in Deutschland demnach in seinem Leben gut 300.000 Euro mehr zu den öffentlichen Haushalten bei, als der Staat für ihn ausgibt. Das ist jedoch nur der Durchschnittswert – in vielen Fällen weicht die Bilanz nach oben oder unten ab. Erreiche ein Kind später als junger Erwachsener einen akademischen Bildungsweg, ergebe sich für den Staat letztlich eine geschätzte Steuerbilanz von 943.000 Euro, sagte Plünnecke. Bei Kindern mit einem beruflichen Bildungsweg betrage die Bilanz immerhin noch 117.600 Euro. Bei Kindern ohne berufsqualifizierenden Abschluss falle die Bilanz dagegen mit minus 377.100 Euro negativ aus. Im Laufe der Jahre gebe der Staat für diese Gruppe mehr aus, als er einnehme.
Studie: Wie man als Kind lebt, prägt das ganze weitere Leben
Immer wieder haben Studien gezeigt, dass der schulische Erfolg von Kindern in Deutschland besonders stark vom Bildungs- und Einkommensniveau der Eltern abhängt. «Das bedeutet, dass der Staat eigentlich mehr tun müsste, um die Kinder und ihre Eltern zu unterstützen – etwa durch Ganztagsschulen und Familienzentren», sagte Plünnecke.
Ein weiterer wichtiger Faktor sei die Gesundheit im Kindes- und Jugendalter. Wer in der Kindheit zum Beispiel regelmäßig Obst und Gemüse esse und Sport treibe, bringe dem Staat später im Durchschnitt mehr als 130.000 Euro mehr als jemand, der schon als Kind einen eher ungesunden Lebenswandel habe. Auch die psychische Gesundheit wirke sich aus: Depressionen könnten sogar zu einem fiskalischen Minus von bis zu 345.500 Euro führen, so Plünnecke.
Bei Berücksichtigung all dieser Faktoren ergebe sich unterm Strich, dass ein in Armut aufwachsendes Kind später 216.500 Euro weniger zu den öffentlichen Haushalten beitrage. Aus Plünneckes Sicht lässt dieses Ergebnis nur eine Schlussfolgerung zu: Wenn es gelinge, Kinder mit einer besseren Infrastruktur besser zu fördern, bedeute dies für den Staat, dass die Kinder als Erwachsene erfolgreicher seien, mehr Steuern und Abgaben zahlten und weniger Sozialtransfers benötigten. «Und das ist ja noch einmal wichtiger, wenn wir an die Demografie denken. Das Verhältnis von Ein- zu Auszahlern wird durch die steigende Rentnerzahl sowieso schon ungünstiger.»
Unicef-Chef: An Kindern zu sparen, ist wirtschaftliche Dummheit
Derzeit wachsen nach Unicef-Angaben mehr als eine Million Kinder in Deutschland unter schwierigen Bedingungen auf. Sie haben zum Beispiel kein zweites Paar Schuhe, keinen Zugang zu vollwertigen Mahlzeiten oder weder Platz noch Ruhe für Hausaufgaben. Besonders besorgniserregend sei, dass jedes Jahr rund 65.000 junge Menschen die Schule ohne Abschluss verlassen.
«Wir müssen aufhören, Ausgaben für Kinder nur als Kosten zu betrachten», sagte der Vorsitzende von Unicef Deutschland, Georg Graf Waldersee. «Unser Gutachten zeigt: In Kinder zu investieren, und zwar gezielt in die besonders benachteiligten Kinder, ist nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit, sondern auch ökonomisch einfach vernünftig.» News4teachers / mit Material der dpa
IW-Studie: Deutschland gibt immer mehr für Alterssicherung aus – und spart dafür bei der Bildung










Eine sinnvolle Argumentation – ich würde die Kosten sogar noch viel höher beziffern (wie viele z.B. Kontrolleure, Verwalter, Büroflächen für diese und dafür wieder ’nen Hausmeister usw.usf. braucht man dadurch alleine mehr).
Die stringente Argumentation hat leider eine Schwachstelle:
Sie setzt LANGFRISTIGES Denken/Planen der verantwortlichen „Spielteilnehmer“ voraus, also der „shot caller“/faktischen Entscheider. Denn das Spielbrett ist hierarchisch aufgebaut.
Und das ist in diesem Fall (sehr unmittelbar und ungefiltert-direkt) die … Bildungspolitik(er).
Womit dann alles gesagt wäre… 🙁
„Einfache Kosten-Nutzen-Rechnung“
Ja, das ist halt das Problem mit den einfachen populistischen Antworten. Sie sind eben zu einfach.
In den Annahmen gibt es einen Sprung, der durch keinerlei Daten gedeckt ist. Die persönliche und wirtschaftliche Entwicklung eines Grundschulkindes bis zum Rentenalter lässt sich nicht durch eine kleine Handvoll Variablen sinnvoll beschreiben. Es gibt keine Daten
Und immer nur die gleiche Leier, in der die Abhängigkeit des Erfolgs vom Elternhaus bemängelt wird. Man wird viele Eltern höchstens mit brachialen totalitären Maßnahmen davon abhalten können, ihre Kinder bestmöglich zu fördern. Es gibt aber auch keine Möglichkeit, dass ein Schulsystem die gleiche Leistung wie ein engagiertes Elternhaus erreichen kann. Das ist schon mathematisch nicht möglich. Wir reden oft von 2 Personen auf 1-2 Kindern und viele Stunden intensive Betreuung und Förderung pro Woche. Wer will das leisten?
„Wer in der Kindheit zum Beispiel regelmäßig Obst und Gemüse esse und Sport treibe, bringe dem Staat später im Durchschnitt mehr als 130.000 Euro mehr“
Das ist doch eine offensichtliche Korrelation. Genauso haben Kinder, die im Haushalt arbeiten übernehmen, bessere Mathe Noten. Sollten wir für die Schulen Spülmaschinen anschaffen, die statt Matheunterricht ständig ein- und ausgeräumt werden? Genauso verrückt ist es, auf Staatskosten Obst und Gemüse zu kaufen, mehr Stunden Ernährung statt Schreiben und Rechnen in den Lehrplan zu packen und auf bessere Ergebnisse zu hoffen.
Vereinssport ist in Deutschland meistens günstig und einfach erreichbar. Trotzdem nimmt ein Teil diese Angebote wahr und ein anderer nicht. Es handelt sich um Menschen mit anderen Meinungen und Prioritäten.
Diese Rechnungen aufzustellen und von Investitionen zu sprechen halte ich für falsch und auch unethisch. Investitionen sind Geldausgaben, die einen Return on Investment bringen müssen. Keine Firma investiert in die Low Performer Produkte. Bildung ist aber ein anderes Gut, die muss unabhängig von einem materiellen ROI gesehen werden. Dabei solche Milchmädchen Rechnungen fern der Realität aufzumachen ist unehrlich.
Ich gebe Ihnen Recht, dass man das Engagement der Eltern nicht nachmachen kann. Gleichzeitig gibt es Schulsysteme, wo mindestens teilweise ein Angebot da ist, bei welchem sich sogar die ambitionierten Eltern zurücklehnen und nichts weiter fördern wollen. Ich meine Ganztagsschulen mit richtig hohen Anforderungen. Diese können die _fähigen_ Kinder aus prekären Verhältnissen gut auffangen und fördern. An dieser Stelle lassen sich die Unterschiede zwischen den Elternhäusern ausgleichen. Bei dem individuellen Förderbedarf ist es schwieriger, da hier ein öffentliches Bildungssystem nicht so viel machen kann wie engagierte und gebildete Eltern.
Und die Ökonomisierung der Bildung, die Transformation von Menschen in Humankapital schreitet voran.
Man ist ja manches gewohnt hier bei N4T an unkritischer Übernahme von Narrativen aus der Wirtschaftslobby, aber hier schüttelt man noch mehr den Kopf als sonst.
Was wäre denn, wenn Kinder in Armut *keine* volkswirtschaftlichen Kosten generieren würden? Dann wäre es vertretbar, sie hungern oder sozialverträglich frühableben zu lassen?
Lesetipp: Christoph Butterwegge zum neoliberalen Mythos, wir müssten „alles tun“, um den Kindern „bestmögliche Bildung“ zu ermöglichen. Butterwegge sagt: Armut bekämpft man nicht, indem man noch mehr Geld in ein hoffnungslos gescheitertes Bildungssystem steckt. Gebt es lieber direkt den Familien. Die sind nicht arm, weil sie keine Bildung haben, sondern sie haben keine Bildung, weil sie arm sind.
„Gebt es lieber direkt den Familien. Die sind nicht arm, weil sie keine Bildung haben, sondern sie haben keine Bildung, weil sie arm sind.“
Das wird doch quasi schon getan. Leuten einfach noch mehr Geld zu geben, wenn sie nicht wissen, wie sie es sinnvoll ausgeben können, wäre fatal.
Viel mehr Geld ins Bildungssystem zu geben, hieße, dass es mehr Personal geben könnte, weil man u.a. auch bessere Arbeitsbedingungen schaffen und die Tätigkeiten im Bildungsbereich attraktiver machen könnte.
Kleinere Lerngruppen, Sprachkurse, Assistenzen, Schulpädagog*innen … würden z.B. die geforderten multiprofessionellen Teams leichter ermöglichen.
„Gebt es lieber direkt den Familien. Die sind nicht arm, weil sie keine Bildung haben, sondern sie haben keine Bildung, weil sie arm sind.“
Das ist doch ein „pipe dream“ eines hauptberuflichen „Bildungsexperten“, der überhaupt nicht im täglichen Leben mit dieser Klientel zu tun hat. Wenn man die Autoindustrie und Elektronikindustrie auf diesem Weg aber subventionieren möchte, dann ok…
Es muss genau umgekehrt laufen: Direkte Zahlungen reduzieren, dafür die staatlichen Bildungsangebote massiv ausbauen: Kostenlse Kita ab 3 Jahren (wie in Frankreich), kostenloses Schulessen (wie in Frankreich), kostenlose Lehrmaterialien (wie in Frankreich), Fachkräfte (sozial, medizinisch, sonderpädagogisch) an jede Schule (sogar die USA, der Hort des „bösen“ Kapitalismus macht das so…)
Diese sogenannten Analysen des IW sind einfach nur abstoßend. Wie weit ist der Weg von ‚kostet mehr, negative Kosten-Nutzen-Rechnung‘ zu ‚lohnt sich nicht‘? Das ist doch das Risiko bei solchen Argumentationen! Was sagt denn ‚immerhin noch‘ und ‚…gebe der Staat für diese Gruppe mehr aus, als er einnehme.‘ über die gemeinten Gruppen aus, ist das tatsächlich ganz neutral, rein sachlich? ‚Die Würde des Menschen…‘ wird nicht beeinträchtigt, wenn man ihn auf Kosten oder Nutzen reduziert? Das sehe ich dann doch etwas anders.
Nicht die unzureichende Förderung von Kindern aus armen Familien, hinlänglich dokumentiert seit der ersten PISA-Studie vor 25 Jahren, ist der Skandal – sondern die Folgen für Staat und Gesellschaft aufzuzeigen? Sehen wir anders.
Herzliche Grüße
Die Redaktion
Naja, liebe Redaktion… Das, was Sie PISA als große Leistung zuschreiben, hätten Sie auch schon vor 150 Jahren bei Karl Marx nachlesen können.
Aber sei’s drum. Dass Sie es anders sehen, ist ja okay. Meinungsvielfalt eben. Für den einen zählt halt der ökonmische Nutzen eines Menschen und seine Rolle als Kostenverursacher für den Staat; andere finden es interessanter, inwiefern ein Mensch nicht auch ganz unabhängig von seinem Beitrag zur Volkswirtschaft einen Wert an sich hat.
Eine Empörung, die sich der Problembeschreibund widmet – und nicht dem Problem -, wirkt ein bisschen künstlich.
Dass Marx Bildungsstudien verfasst hat, war uns allerdings neu.
Herzliche Grüße
Die Redaktion
Marx hat zwar keine Bildungsstudien verfasst, aber sich in seinen Werken durchaus mit Bildung für die „Proletarier“, also die „unterdrückten“ Schichten beschäftigt. Was dann aus seinen Ideen in der sowjetunion u. a. sozialistischen Ländern gemacht wurde, entspricht nicht unbedingt den Marx´schen Gedanken!
Die Marx’sche Bildungskonzeption und die zweite Polytechnisierung’ der Sowjetschule | APuZ 49/1958 | bpb.de
„… notwendig, in wenigen Zügen die Idealgestalt der genuinen Marxschen Bildungskonzeption aus der frühen Philosophie des jungen Marx herauszustellen. Im Machtbereich der Sowjet-Union sind die Marxschen Frühschriften und diesem dem deutschen Idealismus sehr nahe Bildungskonzeption tabuiert, weil aus dem universalen und humanistischen Ansatz der Frühschriften ein Kritiker jener Verhältnisse erwächst, die sich im Namen von Karl Marx etablierte, sein Denken jedoch aushöhlten und an die Stelle seines im Frühwerk konzipierten philosophischen Standpunktes die Menschheitsmission Rußlands setzten. Die aus dem Geiste Marxens geborene „Pädagogik“ als Negation der traditionellen Pädagogik mündet jedoch durch das seines eigentlichen menschlichen Gehaltes entleerten Gattungswesen in ein Dilemma, dem Marx auch nicht begegnen konnte, in dem er aus seinem Spätwerk einen anderen Bildungsbegriff entließ, der als „polytechnische Erziehung“ in unserer Gegenwart besondere Aktualität gewann.“
Man sollte den gesamten Artikel lesen! Nicht nur den ersten Teil!
Naja man kann beides tun. Was Moralisten aber leider selten verstehen, ist, dass ökonomische Gesetze sich durch Moral nicht außer Kraft setzen lassen. Wir können uns alle gerne gegenseitig vergewissern wie toll wir sind, davon werden wir aber auch nicht reicher wenn keiner netto was erwirtschaftet.
Wir werden ein armes Land werden, wenn wir anfangen, ökonomische Gesetze und Regeln aus Ideologie schlichtweg zu ignorieren