NEUKIRCH. Wie viel Bildschirmzeit ist für Grundschulkinder angemessen? Welche Regeln sollten für Computerspiele, Klassenchats und Smartphones gelten – und wer setzt sie durch? An der Lessinggrundschule im sächsischen Neukirch haben sich 165 Kinder aus acht Klassen gemeinsam mit ihren Eltern und Lehrkräften auf die Suche nach Antworten gemacht. Statt Medienregeln einfach vorzugeben, setzt die Schule auf einen gemeinsamen Entwicklungsprozess, der auch den digitalen Alltag in den Familien einbezieht.

An der Lessinggrundschule in Neukirch im Landkreis Bautzen sollen Kinder nicht einfach nur lernen, welche Regeln für Handys, Tablets und Computerspiele gelten. Sie sollen selbst darüber nachdenken, welche Regeln sinnvoll sind. Was tut ihnen an digitalen Medien gut? Wann wird die Nutzung zu viel? Welche Schwierigkeiten entstehen beim Spielen, beim Anschauen von Videos oder in der digitalen Kommunikation? Und welche Unterstützung brauchen sie von Erwachsenen?
Mit solchen Fragen beschäftigen sich nach Angaben der Präventionsinitiative „Offline Helden“ insgesamt 165 Schülerinnen und Schüler aus acht Klassen. Auch ihre Eltern und die Lehrkräfte werden einbezogen. Gemeinsam entwickelt die Schulgemeinschaft Medienleitlinien, die nicht allein den Schulalltag betreffen, sondern auch Familien Orientierung für den Umgang mit digitalen Geräten geben sollen.
Das Vorhaben trägt den Titel „Gesunde Schule – Stark mit Medien“ und verbindet Medienkompetenz mit Gesundheitsförderung. Die Initiative Offline Helden begleitet den Prozess, der von der Techniker Krankenkasse (TK) unterstützt wird. Die Schule beschränkt sich dabei nicht auf eine Handyordnung oder einzelne Präventionsveranstaltungen, sondern organisiert die Medienerziehung als Schulentwicklungsprojekt.
Der Ansatz berücksichtigt, dass sich ein großer Teil des digitalen Alltags außerhalb der Schule abspielt. Während Schulen die Nutzung von Smartphones im Unterricht und auf dem Schulgelände regeln können, entscheiden zu Hause zunächst die Familien über Geräte, Bildschirmzeiten und digitale Angebote. Gleichzeitig wirken sich Erfahrungen aus diesem Bereich auf das Zusammenleben in der Schule aus – etwa wenn Konflikte in Klassenchats entstehen oder Kinder übermüdet zum Unterricht kommen. Die Initiative beschreibt die Ausgangsidee in ihrer Projektdokumentation so: „Die Schule wollte keine einzelnen Aktionen, sondern ein Schulentwicklungsprojekt über das gesamte Schuljahr.“
Dafür wird das Vorhaben über mehrere Schritte organisiert. Eine Steuergruppe koordiniert den Prozess. Eltern werden befragt, Kinder nehmen an Workshops teil, Lehrkräfte erhalten Weiterbildungen. Hinzu kommen gemeinsame Abstimmungen über die Inhalte der Leitlinien. Insgesamt sind nach Angaben des Projektträgers rund 400 Menschen beteiligt.
Im Mittelpunkt der Workshops stehen die Erfahrungen der Kinder. Welche digitalen Angebote nutzen sie besonders gern? Wann empfinden sie die Nutzung als belastend? Welche Konflikte erleben sie beim Spielen oder in der Kommunikation mit anderen? Die Schülerinnen und Schüler sollen nicht nur über Risiken informiert werden, sondern eigene Vorstellungen von einem sinnvollen Umgang mit digitalen Medien entwickeln. „In allen acht Klassen erarbeiten die Schüler ihre eigene Sicht auf Medien, altersgerecht und in ihrer Sprache“, heißt es in der Projektdokumentation.
„Es geht nicht darum, digitale Medien pauschal schlechtzureden. Kinder sollen verstehen, was ihnen guttut, wo Grenzen liegen und wie sie sich Unterstützung holen können“
Dabei unterscheidet die Schule zwischen den ersten und zweiten sowie den dritten und vierten Klassen. Während jüngere Kinder bei digitalen Angeboten stärker auf die Begleitung Erwachsener angewiesen sind, gewinnen bei älteren Grundschulkindern eigenständige Entscheidungen und die Kommunikation mit Gleichaltrigen an Bedeutung.
Die Themen reichen von Bildschirmzeiten, Smartphones und Tablets über Computerspiele und soziale Medien bis zu Klassenchats. Auch Stress, psychische Gesundheit und Bewegung gehören zum Konzept. Mit dem Angebot „Aktive Pause“ wird körperliche Aktivität ausdrücklich als Ausgleich zur Mediennutzung aufgegriffen.
Die Eltern werden über Befragungen, Veranstaltungen und gemeinsame Abstimmungen beteiligt. Sie sollen ihre Erfahrungen aus dem Familienalltag einbringen und zugleich Anregungen für den Umgang mit digitalen Geräten zu Hause erhalten. Denn dort entstehen viele der Fragen, die sich durch schulische Regeln allein nicht beantworten lassen: Wann bekommen Kinder eigene Geräte? Wie viel Zeit dürfen sie damit verbringen? Welche Spiele und Kommunikationsangebote sind altersgerecht? „Die Eltern bekommen Orientierung für den Medienalltag zu Hause und bringen ihre Perspektive ein“, beschreibt Offline Helden das Ziel.
Die unterschiedlichen Vorstellungen der Familien spielen dabei eine wichtige Rolle. Was für die einen eine angemessene Begrenzung der Bildschirmzeit darstellt, erscheint anderen möglicherweise zu streng oder zu großzügig. Hinzu kommt, dass digitale Medien für Kinder zunehmend auch soziale Kontakte ermöglichen. Wer bestimmte Kommunikationsangebote nicht nutzen darf, kann sich von Aktivitäten der Gleichaltrigen ausgeschlossen fühlen.
Deshalb werden die Kinder selbst an der Entwicklung der Vereinbarungen beteiligt. Sie sollen nachvollziehen können, weshalb Grenzen sinnvoll sein können, und zugleich Gelegenheit erhalten, ihre eigenen Bedürfnisse zu formulieren.
Begleitet wird das Vorhaben vom Psychologen Florian Buschmann, dem Gründer von Offline Helden, gemeinsam mit der Sportwissenschaftlerin Anne-Sophie Reißig und der Schulsozialarbeiterin Maria Kirschner. Die Lehrkräfte erhalten Fortbildungen, um die Themen Mediennutzung, Stress und Gesundheitsförderung im Schulalltag aufgreifen zu können.
Buschmann betont die Bedeutung der Beteiligung: „Prävention funktioniert besonders gut, wenn Kinder ernst genommen und aktiv beteiligt werden“, erklärt er. „Es geht nicht darum, digitale Medien pauschal schlechtzureden. Kinder sollen verstehen, was ihnen guttut, wo Grenzen liegen und wie sie sich Unterstützung holen können. Die Medienleitlinien schaffen dafür eine gemeinsame Grundlage im Schulalltag.“
Wie intensive Social-Media-Nutzung mit dem psychischen Wohlbefinden Jugendlicher zusammenhängt, zeigen Daten der Techniker Krankenkasse zu einer allerdings deutlich älteren Altersgruppe. Für ihren Social-Media-Report „Jugend zwischen Like und Limit“ wurden im April und Mai 2026 bundesweit 1.400 Jugendliche zwischen zwölf und 17 Jahren befragt. Jugendliche mit mindestens vier Stunden täglicher Social-Media-Nutzung berichten deutlich häufiger von gesundheitlichen Beschwerden als Gleichaltrige, die ein bis zwei Stunden damit verbringen. So nennen 49 Prozent der intensiven Nutzerinnen und Nutzer häufige oder ständige schlechte Laune, gegenüber 20 Prozent in der Vergleichsgruppe.
Das Neukircher Projekt setzt bereits im Grundschulalter an. Ob sich der gemeinsam entwickelte Ansatz im Schul- und Familienalltag bewährt, soll nach Angaben der Projektinitiative Offline Helden im Rahmen einer Evaluation überprüft werden. News4teachers / mit Material der dpa
Social Media: Prien will Elternpflicht zur Medienerziehung gesetzlich festschreiben










Die Grundschule ist die einzige des sehr kleinen Ortes in Ostsachsen. Da ist es kein Wunder, dass das stufenübergreifend funktioniert. Man versuche das mal in Neukölln oder Ludwigshafen.