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Schüler als Facebook-Freunde: Ein Modell für Lehrer aus der Praxis

HAMM (Mit Leserkommentaren). Über Facebook mit Schülern zu kommunizieren, hat für Lehrer durchaus Vorteile. Allzu privat sollten die Kontakte im sozialen Netzwerk aber nicht werden. Ein Modell mit zwei “Identitäten” zeigt eine mögliche Lösung.   

Die Grenzen zwischen Privatem und Dienstlichem verschwimmt in einem sozialen Netzwerk wie Facebook. Foto: Alexander Klaus / pixelio.de

Die Grenzen zwischen Privatem und Dienstlichem verschwimmt leicht in einem sozialen Netzwerk wie Facebook. Foto: Alexander Klaus / pixelio.de

Die private Facebook-Welt der Deutschlehrerin Marie-Theres Johannpeter ist sehr geordnet. 74 virtuelle «Freunde» in streng getrennten Gruppen. Es gibt kaum Fotos, meist Schnappschüsse aus dem Urlaub. Bei Kontakten kann die Pädagogin zum Beispiel lesen, dass eine Kollegin heute krank ist. Der dienstliche Facebook-Zugang der 28-Jährigen führt in eine ganz andere Welt: bunt, prall und voller Partys. 255 «Freunde». Alles Schüler.

Sie tanzen, knutschen, grüßen und schreiben über ihren Liebeskummer. Und Frau Johannpeter liest mit, auch wenn sie selbst hier kaum etwas schreibt. Über Facebook ist Frau Johannpeter ihren Schülern an der Karlschule in Hamm auch nach Unterrichtschluss nah, aber nur über die Zweitidentität. Das ist so gewollt beim bundesweiten Vorreitermodell.

Die Lehrerin für Deutsch und Biologie weiß, wie viel Vertrauen die Hauptschüler ihr im Netz entgegenbringen. «Solange das Grundgesetz nicht verletzt wird, schreite ich bei den Fotos der Schüler nicht ein. Es ist immerhin ein Vertrauensbeweis, dass sie mich bei Facebook als Freund annehmen und ich ihr Profil sehen darf.» Ab und zu klickt sie auf «Gefällt mir!» oder kommentiert nette Fotos. Sie ist als Account «Frau Johannpeter» mit den Schülern befreundet. Damit reagierte sie auf Freundschaftsanfragen der Jugendlichen. Die Idee der Zweit-Identität habe sie vor Monaten auf einer Schulkonferenz vorgestellt. Am Anfang hatten manche ihrer Kollegen große Vorbehalte.

“Respektgrenze muss erhalten werden”

«Die ältere Generation ist damit nicht aufgewachsen», erläutert Diplompädagogin Ingrid Wrede. «Sie haben regelrecht Angst vor Sozialen Netzwerken und vor dem, was dort über sie stehen könnte.» Wrede hat sich auf Erwachsenenbildung spezialisiert und arbeitet in Münster in einer Social-Media-Schule. Dort zeigen sie und ihre Kollegen, wie Facebook & Co. im Beruf richtig eingesetzt werden können. Das Zweitprofil in Hamm sei dafür ein gutes Beispiel.

Allerdings betont Ingrid Wrede, dass die Facebook-Kommunikation zwischen Lehrern und Schülern nicht zu privat werden dürfe. «Die Respektgrenze zum Lehrer muss erhalten bleiben», sagt die Expertin.

An der Karlschule wurde das Modell inzwischen für das Kollegium verpflichtend eingeführt. Wer bei Facebook unterwegs ist, soll mit Schülern dort nur über diesen Weg Kontakt haben. Mittlerweile ist ein Drittel des Kollegiums bei Facebook angemeldet. In ihrem beruflichen Benutzerkonto haben diese Lehrer für jede Klasse einen Gruppenchat, in dem sie Termine oder Änderungen des Stundenplans mitteilen.

Schülersprecherin Veronika Foppe ist mit Frau Johannpeter im Netz befreundet. Seitdem gehe sie viel bewusster mit Facebook um, sagt die 17-Jährige. «Ich überlege bei Bildern und Kommentaren immer, was okay ist und was nicht. Das hat für mich etwas mit Respekt zu tun», erklärt die Schülerin der Abschlussklasse. Veronika hat ihre Deutschlehrerin einmal aus privaten Gründen angeschrieben, und sofort vereinbarten sie einen Termin in der nicht-digitalen Welt. Der Internetchat soll das persönliche Gespräch nicht ersetzen.

Die Kommunikation bei Facebook kostet Marie-Theres Johannpeter einen Teil ihrer freien Zeit. Sie versucht, Arbeit und Privatleben strikt zu trennen. Um mal eben in die virtuelle Welt der Schüler einzutauchen, braucht sie nur wenige Klicks. «Daher ist es sinnvoll, sich selber ein zeitliches Limit zu setzen, um in den Gesprächen nicht zu versacken», sagt die Pädagogin. Im privaten Facebook hat sie gerade ihr Tageshoroskop gepostet – unsichtbar für ihre Schüler. MARIE RÖVEKAMP, dpa
(1.5.2012)

Zum Bericht: “Facebook & Co: Freundschaft zwischen Lehrern und Schülern?”  

6 Kommentare

  1. Scheint wohl an der Kombi Deutsch/Bio zu liegen, dass diese Lehrer einfach cleverer sind 😉
    So mache ich es nämlich auch seit einigen Monaten und ich muss sagen, das klappt gut. So kann man Schülern auch mal schnell eine Nachricht zukommen lassen und bei der Häufigkeit, die diese bei Facebook online sind, wird die Nachricht meist früher gelesen, als ich die SuS wiedersehe.

  2. Ich habe in 2 Jahren nur die besten Erfahrungen mit facebook gemacht. Der Kontakt zu Schülerinnen und Schülern ist diesen sehr wichtig. Die Hemmschwelle zur Kontaktaufnahme ist deutlich niedriger. So lassen sich sehr gut ‘Hilferufe’ bei Mobbing, Gewalt in der Familie, Lebens- und Prüfungsängsten usw. empfangen, um sie dann im wirklichen Leben aufarbeiten zu können. Ich habe auch gute Erfahrungen mit Hausaufgaben gemacht – die Motivation ist enorm.
    Die Idee mit zwei Identitäten? Jede(r) sollte selber wissen, was sie/er einem sozialen Netzwerk anvertraut – aber wem’s hilft… Es ist (und so muss es bleiben) allen freigestellt!
    Das darf natürlich kein Freibrief sein!
    Die von Herrn Rörig angemahnten Dinge sind absolute Selbstverständlichkeiten. Das so etwas jetzt in die Öffentlichkeit gezerrt wird, erweckt bei mir den Anschein einer Rechtfertigung (Seht her, wir tun etwas!). Peinlich, bigott und sinnlos – die genannten Tatbeständen sind eh schon strafbewehrt. Leider lassen sich die Täter davon auch nicht sonderlich schrecken.
    Möge sich eine Jede/ ein Jeder seine eigenen Gedanken dazu machen.
    Wichtiger ist mir die Devise der Zivilcourage: ‘Wegschauen ist Mitgemacht’!

  3. Ich unterrichte in Berlin an einer Grundschule, also bis zur 6.Klasse.
    Bei facebook bestätige ich nur “Ehemalige”. So habe ich die Freude, den Werdegang der älteren Schüler noch zu verfolgen und Kontakt zu halten.
    Damit fahre ich die letzten Jahre gut.
    Ein Verbot für Lehrer halte ich für nicht zeitgemäß.

  4. Den Original-Facebook-Account Schülern zugänglich zu machen, halte ich für falsch. Aber tatsächlich kann über ein Extra-Profil bzw. ein Zweitprofil für Schüler vieles erleichtert werden, schnelle Absprachen und Informationsweitergaben, Fragen können geklärt werden, etc. Und wenn die SuS etwas verantwortlicher mit ihren eigenen Pinnwänden umgehen, hat das einen guten Nebeneffekt.

  5. Wenn man mit Facebook umgehen kann (Sicherheitseinstellungen, Listen…) dann braucht man kein zweites, zeitaufwändiges Profil.

  6. … und wer nur Zugang zu den Schülern für Mitteilungen braucht kann eine Gruppe gründen. So muss man Schüler nicht in die Freundesliste aufnehmen

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