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Erziehermangel: Wird Rechtsanspruch auf U3-Betreuung zum Fiasko?

GÜTERSLOH. Bis zu 42.000 Erzieherinnen werden bundesweit zusätzlich benötigt, wenn in einem Jahr der Rechtsanspruch auf Betreuung auch für unter Dreijährige gilt. Die Bertelsmann Stiftung empfiehlt, die vielen Teilzeitstellen in den Kitas aufzustocken.

Lassen sich Arbeitslose problemlos zu Erzieherinnen umschulen? Foto: Thomas Pompernigg/Flickr (CC BY-SA 2.0)

Lassen sich Arbeitslose problemlos zu Erzieherinnen umschulen? Foto: Thomas Pompernigg/Flickr (CC BY-SA 2.0)

Ein Jahr vor dem Inkrafttreten des Rechtsanspruchs auf Betreuung für Kleinkinder zeichnet sich immer deutlicher ein Mangel an Fachkräften ab. Mehr Anreize für eine Vollzeitbeschäftigung könnten dazu beitragen, den wachsenden Bedarf an Erzieherinnen in Kindergärten zu befriedigen, heißt es in einer Analyse der Bertelsmann Stiftung. Demnach arbeiten fast zwei Drittel (60 Prozent) der Kita-Erzieherinnen in Teilzeit.

Allein für den zum 1. August 2013 greifenden Rechtsanspruch für Kinder ab dem zweiten Lebensjahr würden bis zu 15.000 Erzieherinnen fehlen, heißt es in der Analyse. Und der Bedarf steige weiter: In Westdeutschland wachse der Wunsch nach einer Ganztagsbetreuung für Kinder ab drei Jahre. Derzeit ist dort noch nicht einmal jedes dritte Kind dieser Altersgruppe (30 Prozent) mehr als sieben Stunden täglich in der Kita.

Im Osten gebe es zwar keinen Mangel, die Kindergruppen seien aber vergleichsweise groß. Von 2006 bis 2011 habe sich dort das Verhältnis von Erzieherzahl zu Kinderzahl zwar von 1 zu 6,7 auf 1 zu 5,7 verbessert. In den westlichen Bundesländern liege der Wert aber bei 1 zu 3,8 und sei damit weitaus günstiger für eine gute Betreuung. Zudem ist im Osten fast ein Fünftel der Erzieherinnen (19,4 Prozent) 55 Jahre und älter.

Auch das Bundesfamilienministerium sieht in der Umwandlung von Teilzeit- in Vollzeitarbeitsplätze ein erhebliches Potenzial. «Es bedarf aber noch großer Anstrengungen von allen Seiten, um im nächsten Jahr eine ausreichende Zahl an Betreuungsplätzen sowie Erzieherinnen und Erziehern zur Verfügung zu stellen», hieß es in einer Mitteilung. Eine vom Ministerium eingesetzte Arbeitsgruppe werde dazu Vorschläge erarbeiten.

Die Arbeiterwohlfahrt bezweifelte, dass der Fachkräftemangel allein mit dem Personalstamm der Kitas gelöst werden kann. «Es ist ein Irrglaube, anzunehmen, dass alle Erzieherinnen Vollzeit arbeiten wollen», sagte AWO Vorstandsmitglied Brigitte Döcker. Vereinbarkeit von Familie und Beruf sei auch für das Kita-Personal ein Thema. Döcker forderte, auf das geplante Betreuungsgeld zu verzichten und damit bis zu 50.000 Erzieherstellen zu schaffen.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft warnte davor, die Erzieherinnen-Lücke mit ungelerntem Personal zu schließen. Die Erzieherinnen seien nicht darauf vorbereitet, solche Quereinsteiger im laufenden Betrieb auszubilden, sagte GEW-Vorstandsmitglied Norbert Hocke.

Thomas Rauschenbach vom Deutschen Jugendinstitut in München sagte: «Ich habe nichts gegen Quereinsteiger und späte Wechsler. Aber es darf nicht an der Qualität gespart werden. In der Umschulung müssen diese Menschen fachlich gut qualifiziert werden.»

Rauschenbach sieht grundsätzlich großen Nachholbedarf in den Kitas. «Trotz aller Anstrengungen der letzten Jahre ist die frühkindliche Bildung immer noch der stille Skandal in dieser Republik», sagte er. «Wir tun nämlich so, als wäre der Beruf der Erzieherin eine unqualifizierte oder minderwertige Tätigkeit, die weniger wert ist als etwa das Unterrichten in der Schule.»  In der Kita reiche eine Ausbildung, in der Schule hätten die Lehrer ein Hochschulstudium hinter sich und würden weitaus besser bezahlt. «Als wären die Kinder, die den Kindergarten verlassen und in die Schule kommen, plötzlich in einer Entwicklungsphase, wo das Menschsein erst beginnt. Hier gibt es großen Nachholbedarf.»

Dazu gehöre die Bezahlung. «Alle sagen, dass die ersten sechs Lebensjahre enorm wichtig sind. Nur über die Bezahlung des Personals wird überhaupt nicht diskutiert», kritisierte der Erziehungswissenschaftler. «Über kurz oder lang wird es notwendig sein, dass die Kita-Fachkräfte ebenfalls an Hochschulen ausgebildet werden.» dpa
(19.7.2012)

 

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