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PCB: Angeblich kaum belastete Schule wird jetzt doch sofort saniert

NEUSS (Mit Kommentar). Überraschende Wende: Ein Grundschulgebäude im rheinischen Neuss, dessen PCB-Belastung noch unlängst von einem Gutachter im Auftrag der Stadtverwaltung als unbedenklich beschrieben worden war, wird jetzt doch umgehend saniert – und später sogar womöglich abgerissen.

Dies hat laut einem Bericht der „Westdeutschen Zeitung“ der Schulausschuss der Stadt in einer eigens anberaumten Sondersitzung einstimmig beschlossen. Vorausgegangen war eine Demonstration von Lehrern, Schülern und Eltern, die das Gutachten und die daraufhin von der Verwaltung herausgegebene Entwarnung anzweifelten.

Das Umweltgift PCB lauert in Schulgebäuden aus den 70-er und 80-er Jahren - wie hier in Neuss. Foto: Priboschek

Das Umweltgift PCB lauert in Schulgebäuden aus den 70-er und 80-er Jahren - wie hier in Neuss. Foto: Priboschek

Mitunter hilft nur öffentlicher Druck. Mit einer Unterschriftensammlung, die von 3000 Bürgern unterstützt wurde, und einer Kundgebung von Betroffenen vor dem Rathaus („PCB ist doof“, so stand auf einem Transparent zu lesen) wurde möglich, was in mehr als zehn Jahren zuvor nicht zu erreichen war: dass die Stadt sich endlich der Giftstoff-Belastung in der Dreikönigenschule annimmt. So lange nämlich ist bereits bekannt, dass das Gebäude aus den 70er Jahren Polychlorierte Biphenyle, kurz PCB genannt, ausdünstet. Damals war „mittelfristig“ eine Sanierung empfohlen worden, doch das Gutachten geriet offenbar in Vergessenheit. Lehrer und Eltern seien in der ganzen Zeit nie ausführlich über die PCB-Belastung informiert worden, hieß es nun seitens der Schulpflegschaft, die nach eigenen Angaben „zufällig“ dann doch von der alten Empfehlung erfuhr – und nun endlich eine Sanierung forderte.

„Niemand muss sich ernste Sorgen machen“

Die Verwaltung reagierte auch. Allerdings nur, indem sie nochmal messen ließ. Ergebnis laut „Neuss-Grevenbroicher Zeitung“ (NGZ): „PCB-Entwarnung für Schule“. Die gemessenen Werte seien tolerabel, so lange regelmäßig gelüftet werde. Nicht einmal die Tatsache, dass bei Lehrern der Schule erhöhte PCB-Werte im Blut gemessen wurden – bei einer Lehrerin sogar zwei Drittel der Belastung, die als akut kritisch angesehen wird – focht den von der Stadt beauftragten Gutachter, Prof. Ulrich Ewers vom Hygiene-Instituts des Ruhrgebietes, an. „Von den zwölf auf PCB-Belastung untersuchten Beschäftigten an der Dreikönigenschule muss sich niemand ernste Sorgen um seine Gesundheit machen“, so zitierte ihn die „NGZ“. Das Gutachten sorgte allerdings nicht für die von der Stadtverwaltung erhoffte Ruhe. Im Gegenteil. Der öffentliche Druck wurde so groß, dass Bürgermeister Herbert Napp (CDU) dann doch ein schnelles Handeln zusagte.

Tatsächlich soll jetzt umgehend saniert werden. In einem sofort erfolgenden ersten Schritt werden laut Bericht mit Spezialfolien die Stellen abgedichtet, wo der Giftstoff ausgast – also vor allem alte Fugen. Dies könne bis zum Ende der Ferien geschehen und sei mit 180.000 Euro auch gar nicht so teuer, hieß es. Warum ist das denn nicht schon längst gemacht worden, wollte daraufhin laut „NGZ“ ein verwunderter Grünen-Vertreter im Schulausschuss von der Verwaltung wissen. Antwort: Man habe nicht Pilotanwender einer nicht getesteten Technik sein wollen. Der Grüne insistierte weiter: Seit wann gelten die Folien denn als erprobt? Antwort: Seit fünf Jahren.

In Deutschland ist PCB seit 23 Jahren verboten. Die giftige Chlorverbindung wurde vor allem in den 70-er Jahren im Bau verwendet. Das Gift steckt zum Beispiel in Kabelummantelungen der Haustechnik, in Lacken oder Betonfugen. Experten warnen auch heute noch vor den Altlasten der Giftstoffe in Betongebäuden. PCB gelangt über die Atemwege in den Organismus und kann den Körper schwer schädigen, es gilt als krebserregend und erbgutschädigend. NINA BRAUN
(6.7.2012)

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