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Experte: Amokläufer handeln aus einer tiefen Kränkung heraus

BERLIN. Wie sollen die Kinder, die den Amoklauf in Newtown überlebt haben, je wieder zur Schule gehen? Und was könnte den Täter zu dem Massaker bewegt haben? Der Psychiater Andreas Heinz versucht Antworten zu geben.

police line do not cross

Bei dem Amoklauf im US-Staat Connecticut sind mindestens 18 Kinder ums Leben gekommen (Symbolbild). Foto: quinn.anya,/Flickr (CC BY-SA 2.0)

Zu lasche Waffengesetze, brutale Videospiele, Sätze wie: «Der war schon immer merkwürdig» – nach einem Amoklauf suchen alle nach Erklärungen für die schreckliche Tat. «Ich denke, man muss aufpassen, dass man nicht zu schnell mit allgefälligen Erklärungen versucht, den Schrecken zu vertreiben», sagte der Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Charité Berlin, Andreas Heinz.

«So eine Tat ist eine Art, das eigene Selbst im Tod zu vergrößern. Man hat den Eindruck, dass die Amokläufer ihre Vorgänger nachahmen. Dass sie versuchen, noch auffälliger zu sein und immer mehr Menschen zu töten, bevor sie selber sterben.» Den Schützen als Vertreter des «Bösen» hinzustellen, sei nicht richtig. «Wirklich böse sind die, die im Namen einer vermeintlich besseren Idee morden, so wie Anders Breivik (der norwegische Massenmörder) zum Beispiel. Die morden meist sehr viel mehr und sehr viel gezielter», sagte Heinz. «Aber diese jungen Menschen handeln eigentlich aus einer tiefen Kränkung heraus.»

Killerspiele setzen die Hemmschwelle herab

Der Psychiater ist überzeugt, dass sogenannte Killerspiele und der selbstverständliche Besitz von Waffen die Hemmschwelle herabsetzt, auf andere zu schießen. «Das hat aber immer etwas mit einer gesamten Kultur zu tun und nicht nur mit der Verfügbarkeit der Waffen», betonte er. «Die Mutter dieses Jungen hatte offenbar zwei Pistolen und ein Schnellfeuergewehr zu Hause – ich sag’ mal, in Deutschland wäre das hochgradig ungewöhnlich.» Ein Kind, das eine solche Waffenverliebtheit in der Familie erfahre, habe sicherlich weniger Hemmungen, sie auch einzusetzen.

Die Kinder, die die Bluttat miterleben mussten, werden vermutlich ihr ganzes Leben darunter leiden, meint Heinz. «Traumatisierungen sind besonders schwer, wenn man hilflos ist und die Gewalt gezielt ist. Ein Erdbeben, das alle gleichermaßen trifft und für das niemand etwas kann, verursacht viel weniger Traumatisierung als gezielte Gewalt.» Außerdem litten Kindern oft besonders, da sie die Ereignisse viel mehr auf emotionaler als auf Verstandesebene verarbeiten.

In der Schule müsse man dem Trauma künftig möglichst viele positive Erfahrungen entgegensetzen. «Dass die Kinder in irgendeine Schule gehen müssen, ist klar, aber genau diese sollte es wahrscheinlich nicht sein», sagte der Psychiater.

Heinz ist es wichtig, dass das Thema aus psychiatrischer Sicht nicht «wegerklärt» wird. «Man bleibt ein Stück sprachlos, und ich finde, man soll auch ein Stück sprachlos bleiben. Eine Erklärung kann einer solchen Tat nie gerecht werden.» SOPHIA WEIMER, dpa

 

  • Zum Bericht: “Amok: Althusmann fordert ein Trauma-Netzwerk für Kinder”

 

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