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Minister provoziert: Lehrer sollen Praktika machen – in den Ferien

STUTTGART. Kurz vor Ende des Schuljahres packt Kultusminister Stoch (SPD) noch ein heißes Eisen an. Lehrer sollen Praktika machen – in den Ferien. Die Pädagogen spielen den Ball zurück und laden den Juristen zu einem Schulpraktikum ein.

«Auch das noch», mögen die Lehrer im Endspurt zu den Sommerferien denken. Nach dem Eingriff in die Besoldungserhöhung für Beamte traktiert sie ihr oberster Dienstherr Andreas Stoch (SPD) mit weiteren Nadelstichen. Die vom Kultusminister ausgelöste Diskussion um Lehrerfortbildung in den Ferien ist nicht neu, aber für die Betroffenen immer wieder unangenehm.

Zuerst mahnte Stoch im Landtag, Lehrer müssten sich nicht alle Selbstverständlichkeiten außerhalb des Unterrichts anrechnen lassen. Nun will er vor allem Gymnasiallehrern Betriebspraktika vorschreiben: «Wir brauchen Lehrkräfte, die mal einen Betrieb von innen gesehen haben», sagte der SPD-Politiker in den «Stuttgarter Nachrichten». Handwerk und Mittelstand vermissten bei den Schulabgängern Verständnis für Wirtschaft. Außerdem werde noch immer zu viel Fortbildung in der Unterrichtszeit absolviert.

Stochs Vorgänger hatten sich bereits des öfteren mit dem Thema Fortbildung auseinandergesetzt. So etwa Marion Schick, die 2010 im Einklang mit dem damaligen Finanzminister Willi Stächele (beide CDU) forderte, Lehrer müssten sich prinzipiell außerhalb der Unterrichtszeit fortbilden. Mehrere Kommission haben sich an dem grundlegenden Thema Lehrerarbeitszeit die Zähne ausgebissen.

Unter Druck: Baden-Württembergs Kultusminister Andreas Stoch (SPD). Foto: Staatskanzlei Baden-Württemberg

Unter Druck: Baden-Württembergs Kultusminister Andreas Stoch (SPD). Foto: Staatskanzlei Baden-Württemberg

Der Landeschef des Gymnasiallehrerverbands, Bernd Saur, sprach am Freitag von einer «alten Leier». Stoch Bemerkungen seien niveaulos und populistisch. In der Praxis falle bei Fortbildungen während der Unterrichtszeit nicht allzu viel Unterricht aus, zumal viele davon auch in den Ferienzeiten seien. Schulferien seien bei Lehrern nicht mit Urlaub gleichzusetzen: Sie dienten der Korrektur von Klassenarbeiten und der Vorbereitung von Unterricht.

Seine Kollegin von der GEW, Doro Moritz, meinte: «Wenn selbst der zuständige Minister die Arbeitssituation und die Herausforderungen der pädagogischen Profis nicht sieht, ist das in höchstem Maße demotivierend.» Lehrer kämen auf deutlich mehr als die 1804 Stunden Arbeit, die sich aus ihrer Wochenarbeitszeit von 41 Stunden und 30 Urlaubstagen im Jahr ergeben.

Die sogenannten Pädagogischen Tage, von denen es nur einen pro Jahr für jede Schule gibt, werden nach Angaben von Philologenverband und GEW ohnehin in der Schulkonferenz mit Eltern und Schülern abgestimmt. Dabei beschäftigen sich Kollegien – manchmal gemeinsam mit den Eltern – mit Fragen wie Schulentwicklung, -profil oder Doppelstundenmodelle. GEW-Sprecher Matthias Schneider räumt zwar ein, dass diese Tage früher eher Lehrerausflügen glichen. Aber: «Das ist längst vorbei.»

Moritz spielt den Ball an Stoch zurück und schlägt dem Juristen vor, er müsse dringend mal ein Praktikum in einer Schule machen. Stochs Aussagen zeigten, dass er noch mehr Erfahrungen über den Schulalltag sammeln müsse. Es gebe an Gymnasien unzählige Kooperationsprojekte mit der Wirtschaft. Man dürfe auch nicht vergessen, dass es nicht Aufgabe allgemeinbildender Gymnasien sei, die Schüler auf einen Beruf vorzubereiten. Auch Saur empörte sich über das «Vorurteil anti-wirtschaftlicher Stimmung» an Gymnasien. Außerdem seien die Hauptabnehmer der Absolventen nicht Mittelstand und Handwerk, sondern die Universitäten.

FDP-Chef Hans-Ulrich Rülke sagte, Stoch sei ein Beispiel dafür, wie durch Äußerungen zum falschen Zeitpunkt die letzten Reste von Vertrauen zwischen dem Kultusminister und den Lehrern gefährdet werden können. «Angesichts des Beharrens von Stoch auf der Kürzung der Anrechnungsstunden für Aufgaben außerhalb des Unterrichts und für besondere Belastungen, wirkt der im Grunde richtige Vorschlag wie eine Provokation.»

Der bildungspolitische Sprecher der CDU-Landtagsfraktion, Georg Wacker meinte: «Wollte der Kultusminister wirklich die Lehrerfortbildung verbessern, so könnte er die Fortbildungsmittel erhöhen und eine engere Verzahnung der Lehrerfortbildung mit den Pädagogischen Hochschulen, Universitäten und den Seminaren für Lehrerausbildung anstreben.»

Der VBE appellierte an Politik und Gesellschaft, von ständig neuen Forderungen an Schule und Lehrerschaft Abstand zu nehmen und realistische Ziele zu setzen. Lehrer könnten nicht jedes Problem der Gesellschaft lösen und schon gar nicht jeden Wunsch der Wirtschaft erfüllen.

Die Fraktionsvorsitzende der Grünen, Edith Sitzmann, war überrascht über die harsche Reaktion der Lehrerverbände. Es müsste im ureigenen Interesse der Lehrkräfte sein, gelegentlich Einblick in die sich ständig verändernde Arbeitswelt zu erhalten. Man sollte den Vorschlag Stochs gründlich prüfen.

Die Arbeitgeber dagegen begrüßen das klare Bekenntnis Stochs zur Berufsorientierung an Schulen. «Wir sehen das als originäre Aufgabe aller Schularten – auch der Gymnasien», sagte ein Sprecher der Arbeitgeber Baden-Württemberg. Der Verband werde gerne bei der Organisation von Praktika helfen. Am besten wäre es allerdings, sie zum verpflichtenden Teil der Lehrerausbildung zu machen. Das sieht der Handwerkstag ebenso, lehnt aber eine Zwangsverpflichtung ab. Der Vorstoß sei zu begrüßen, unterstrich Verbandspräsident Joachim Möhrle: «Nur wer selber die Arbeitswelt kennt und versteht, kann dies auch seinen Schülern vermitteln.»

Auch die Industrie – und Handelskammern in Baden-Württemberg befürworten den Vorstoß von Stoch. «Der Trend, den Minister Stoch damit verfolgt, ist aus Sicht der Wirtschaft richtig. Wir liegen da auf einer Linie», sagt Andreas Richter, Hauptgeschäftsführer der IHK Region Stuttgart und Federführer Ausbildung der IHKs in Baden-Württemberg.

Von den Unternehmenspraktika versprechen sich die Kammern, dass Lehrer einen besseren Zugang zu Themen aus der Wirtschaft bekommen und dieses Wissen in den Unterricht einfließen lassen. Richter: «Wenn Lehrer von der Hochschule kommen, hatten sie bislang kaum Kontakt zur Wirtschaft. Hier müssen wir helfen und unterstützen.» Die IHK Region Stuttgart habe Stoch als Einstieg angeboten, 30 Praktikumsplätze in Unternehmen zu organisieren. Die IHKs fordern seit langem einen praxisnahen Unterricht, der den Schülern mehr Einblicke in die Wirtschaft und das Berufsleben bietet. Hintergrund ist die oft mangelnde Ausbildungsreife der Schüler und fehlende Berufsorientierung. Julia Giertz/dpa

Ein Kommentar

  1. Platte Polemik. Eine ehrliche Analyse wäre mir lieber. Statt dauernd auf den Lehrern herumzuhacken sollte er eine Studie in Auftrag geben in der die Arbeitszeit der Lehrer ermittelt wird, nach Fächern und Schularten gegliedert. Aus den Ergebnissen können dann weitere Forderungen abgeleitet werden. Vielleicht sollte auch durch Praktika von Leuten aus der Wirtschaft an Schulen das Verständnis für die Belange der Schule erhöht werden.

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