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Ein Jahr Inklusion – Kritiker: “Die Förderung hat sich dramatisch verschlechtert”

WIESBADEN. Um das Kind im Rollstuhl geht es nur am Rande, wenn von Inklusion die Rede ist. Meist sind es lernbehinderte oder verhaltensauffällige Schüler, die die Schulen in den Regelunterricht eingliedern müssen. Ein Bericht aus Hessen, in dem der gemeinsame Unterricht seit einem Jahr Praxis werden soll.

2011 erließ Hessen ein neues Schulgesetz: Lernschwache und behinderte Schüler sollen an Regelschulen unterrichtet werden. So will es die UN-Behindertenrechtskonvention. Nun ist das erste Schuljahr vorbei, in dem die Inklusion ihren Praxistest bestehen musste. Die Bilanz könnte unterschiedlicher nicht sein.

«Die sonderpädagogische Förderung hat sich dramatisch verschlechtert», sagt Irmtraud Schnell vom Institut für Sonderpädagogik an der Frankfurter Goethe-Universität. Bei der Landesregierung in Wiesbaden hingehen sieht man das Thema «auf einem guten Weg». Und die Bertelsmann-Stiftung kommt zu dem Schluss: «Die Inklusion im hessischen Schulsystem macht Fortschritte und Rückschritte zugleich.»

Der gemeinsame Unterricht von behinderten und Nichtbehinderten Kindern wird in Hessen schon kurz nach seiner Einführung stark kritisiert. (Foto: New Jersey State Libary/Flickr CC BY-NC 2.0)

Der gemeinsame Unterricht von behinderten und nicht-behinderten Kindern – hier behinderte und nicht-behinderte Kinder in einer amerikanischen Bibliothek – wird in Hessen schon kurz nach seiner Einführung stark kritisiert. (Foto: New Jersey State Library/Flickr CC BY-NC 2.0)

Kurz vor den Ferien erreichte Kultusministerin Nicola Beer (FDP) ein Offener Brief von sechs Frankfurter Schulleitern. Sie beklagen, dass «die gemeinsame Unterrichtung von behinderten und nicht behinderten Kindern und Jugendlichen nicht verbessert, sondern erschwert wird». Schuld sei der sogenannte Ressourcenvorbehalt: Ob Kinder an Regelschulen aufgenommen werden, hängt davon ab, ob vor Ort die baulichen und personellen Voraussetzungen erfüllt sind.

Ein weiterer Kritikpunkt: Früher waren Fachkräfte vielerorts direkt an einer Regelschule tätig, heute sind sie in sogenannten Beratungs- und Förderzentren zusammengefasst und werden nur nach Bedarf den Schulen zugewiesen. «Damit besteht die Gefahr, dass bei der Schaffung eines neuen Systems Bewährtes zerschlagen wird», warnt nicht nur die Frankfurter Bildungsdezernentin Sarah Sorge (Grüne).

Den viel gerühmten «Gemeinsamen Unterricht» habe es hessenweit nur an wenigen Schulen gegeben, kontert das Kultusministerium. Die personellen Ressourcen, die dort gebunden gewesen seien, hätten anderswo gefehlt. Jetzt gehe das Angebot «mehr in die Fläche». Die Zahl der Kinder mit Förderbedarf, die an eine Regelschule wollen, dort aber abgelehnt würden, habe sich schon im ersten Jahr halbiert. Laut Ministerium stellten im vergangenen Schuljahr 2664 Kinder in Hessen einen Antrag auf Unterricht an einer Regelschule. Davon besuchen jetzt 518 Kinder eine Förderschule – 140 Mal gegen den Willen ihrer Eltern.

«Wenn man Inklusion ernst nimmt, müsste man sagen, wir schicken keine neuen Kinder mehr an Förderschulen», sagt Wissenschaftlerin Schnell. In Hessen gibt es laut Ministerium noch immer 246 Förderschulen. Dort arbeitet ein Großteil der rund 4100 hessischen Förderlehrer. Nur gut 1600 von ihnen unterrichten an Regelschulen.

In Hessen besuchen zwar immer mehr behinderte Kinder eine Regelschule – gleichzeitig wächst aber auch der Anteil von Förderschülern. Zu diesem Ergebnis kam im Frühjahr eine Studie des Bildungsökonomen Professor Klaus Klemm im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung. Seit 2009 sei in Hessen zwar der Anteil von Förderschülern in Regelschulen von 11,0 auf 17,3 Prozent gestiegen. Allerdings habe sich in den vergangenen vier Jahren auch der Anteil von Förderschülern von 4,3 auf 4,5 Prozent erhöht.

Die Studie beziehe sich auf die Zeit vor dem neuen Schulgesetz, kontert das Ministerium, und sei daher «kaum aussagekräftig». Außerdem habe Hessen eine niedrigere Förderschüler-Quote als der Bundesdurchschnitt, wo 6,4 Prozent aller Schüler in Förderschulen unterrichtet werden. Sandra Trauner/dpa

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