FAGERSTA/SCHONGAU. Ein 18-jähriger Schüler soll im schwedischen Fagersta eine 17-Jährige getötet und drei Jungen verletzt haben. Recherchen der Zeitung Expressen zufolge bewegte sich der Tatverdächtige zuvor in einer Online-Subkultur, in der Schulmörder und andere Attentäter mit Videos, Memes und KI-generierten Bildern verherrlicht werden. Der Fall weist damit auffällige Parallelen zur Gewalttat am Welfen-Gymnasium im bayerischen Schongau im Juli auf – und zu einem digitalen Milieu, das deutsche Sicherheitsforscher erst vor wenigen Monaten systematisch untersucht haben. Ob die beiden Tatverdächtigen tatsächlich derselben Szene angehörten, ist allerdings nicht belegt.

Es sind Bilder und kurze Videos, die zunächst kaum erkennen lassen, welch krude Welt sich dahinter verbirgt. Zusammengeschnittene Aufnahmen, Musik, Effekte, animierte Figuren. „Edits“ heißen solche Clips in den sozialen Medien. Der 18-Jährige, der am Freitag an der Brinellschule im schwedischen Fagersta mit einem Schwert Mitschüler angegriffen haben soll, produzierte nach Recherchen der Zeitung Expressen solche Videos selbst. Seine Protagonisten: Schulmörder und andere Attentäter.
Eine 17-jährige Schülerin wurde bei dem Angriff getötet. Drei Jungen im Alter zwischen zwölf und 17 Jahren wurden verletzt, zwei von ihnen schwer. Nach Angaben von Expressen ging der erste Notruf am Freitag, 21. August, um 14.06 Uhr ein. Wenige Minuten später war die Polizei an der Schule. Beamte schossen auf den mutmaßlichen Täter und nahmen ihn fest. Der 18-Jährige war selbst Schüler der Brinellschule (News4teachers berichtete).
Was über sein digitales Leben bekannt wird, erinnert auffällig an einen Fall, der sich erst wenige Wochen zuvor an einer deutschen Schule ereignet hatte.
Am 8. Juli hatte ein 16-Jähriger das Welfen-Gymnasium im bayerischen Schongau betreten und zwei 13-jährige Schülerinnen schwer verletzt. Gegen ihn war bereits im Jahr zuvor ermittelt worden, weil er Mitschüler bedroht und Amokläufe in sozialen Netzwerken verherrlicht haben soll.
Nach der Tat tauchte ein 19-seitiges englischsprachiges Dokument auf, das dem Jugendlichen zugeschrieben wurde. Die Staatsanwaltschaft München II prüfte Herkunft und Echtheit. Nach damaligen Recherchen des Spiegel sprachen verschiedene Indizien dafür, dass es tatsächlich von dem Tatverdächtigen stammen könnte. Belegt war dies zum Zeitpunkt der Berichterstattung allerdings nicht.
Der Verfasser bezeichnete sich darin nach Angaben des Spiegel als „rechtsgerichtet“ und „faschistischer Akzelerationist“, äußerte antisemitische und islamfeindliche Positionen, wertete Frauen massiv ab und verherrlichte frühere Attentäter. News4teachers hatte deshalb über mögliche Verbindungen zur sogenannten Attentäter-Fanszene berichtet.
Nun tauchen in Schweden ähnliche Muster auf – allerdings in einer anderen Ausprägung.
„Das ausgewertete Personenspektrum ist zu 100 % männlich“
Auch beim Tatverdächtigen von Fagersta führt die Spur in ein digitales Milieu, in dem frühere Gewalttäter verehrt werden. Auf einem TikTok-Konto, das der Polizei bekannt sei (aber von ihr offiziell noch nicht bestätigt wurde), habe der 18-Jährige nach Recherchen von Expressen Fanvideos über verschiedene Massenmörder veröffentlicht. In den Videos wurden unter anderem die Schießerei an einer Schule in Örebro 2025, die Attacke am Malmö Latin 2022 und der Schulangriff in Trollhättan 2015 aufgegriffen. Auch Schulmassaker in den USA und Russland sowie die rechtsextremen Terroranschläge Anders Behring Breiviks in Norwegen 2011 seien Gegenstand solcher Inhalte gewesen.
Besonders intensiv soll sich der 18-Jährige mit Anton Lundin Pettersson beschäftigt haben. Dieser hatte 2015 an der Schule Kronan in Trollhättan drei Menschen getötet. Lundin Pettersson trug bei seiner Tat eine schwarze Maske, einen Helm, einen langen schwarzen Mantel und führte ein Schwert mit sich. Zeugen der Attacke von Fagersta berichteten Expressen, auch der 18-Jährige habe einen Helm und eine Maske getragen.
Ob darin tatsächlich eine bewusste Nachahmung des Täters von Trollhättan lag, ist bislang nicht geklärt. Ebenso wenig ist bekannt, ob die Beschäftigung mit früheren Schulattacken für die Tat in Fagersta ursächlich war. Die Polizei hat bislang kein Motiv genannt. Die Parallele ist dennoch relevant. Denn die Verehrung früherer Täter und die Übernahme ihrer Ästhetik gehören zu den Merkmalen eines digitalen Milieus, das Sicherheitsbehörden auch in Deutschland seit einigen Jahren beobachten.
„Plötzlich hat man also eine Community, die Massenmörder verehrt und glorifiziert und die gleichzeitig Mörder produziert, die sie dann verehren und glorifizieren kann“
Eine bundesweite Hellfeldstudie der Staatsschutz Analyse- und Forschungseinheit SAFE des Staatsschutz- und Anti-Terrorismuszentrums Baden-Württemberg beschreibt die sogenannte „Attentäter-Fanszene“ als eine „gewaltorientierte Online-Subkultur“, deren Akteure auf Social-Media-Plattformen Attentäter unterschiedlicher Couleur glorifizieren. Zum Nutzerkreis gehörten vor allem anonym und allein agierende Personen, die teilweise einen regelrechten Kult sowohl um Amoktäter als auch um rechtsextremistische Terroristen betrieben. „Das ausgewertete Personenspektrum ist zu 100 % männlich.“
Die Forscher untersuchten sämtliche bis zum Erhebungsstichtag bekannten 37 Fälle aus den Jahren 2020 bis 2025, in denen Personen in Deutschland mit Bezug zur sogenannten Terrorgramszene polizeilich oder justiziell auffällig geworden waren. Es handelt sich ausdrücklich um eine Hellfeldstudie: Erfasst wurden nur Fälle, die Sicherheitsbehörden bereits kannten. Aussagen darüber, wie groß die Szene insgesamt ist, lassen sich daraus nicht ableiten.
Terrorgram bezeichnet dabei ein spezifisches, stark im militanten Rechtsextremismus und Akzelerationismus verwurzeltes, zugleich aber loses und dynamisches Online-Milieu.
Expressen beschreibt das Milieu, in dem er aktiv gewesen sein soll, als Teil der „True Crime Community“, kurz TCC. Eine Gleichsetzung von TCC und Terrorgram geben die bislang vorliegenden Quellen nicht her. Auch eine direkte Verbindung zwischen den Tatverdächtigen von Fagersta und Schongau ist nicht bekannt. Die Überschneidungen in der digitalen Kultur sind allerdings bemerkenswert.
Nach der SAFE-Studie spielt Selbstdarstellung in der Attentäter-Fanszene eine zentrale Rolle. Codes, Memes, Videos und bestimmte ästhetische Stilmittel dienen der Zugehörigkeit und Anerkennung. Erfolgreiche Attentäter werden innerhalb der Terrorgramszene als „Heilige“ verehrt und glorifiziert. Die Szene produziert eigene Videos und Memes, in denen Terroristen verherrlicht und teilweise zur Nachahmung aufgerufen wird.
In Fagersta scheint sich ein ähnlicher Mechanismus in besonders anschaulicher Form zu zeigen. Nach den Recherchen von Expressen erhielt der 18-Jährige für seine „Edits“ Anerkennung von anderen Nutzern. Sie baten ihn, Videos über bestimmte Täter herzustellen, erkundigten sich nach seinem Material und lobten seine Produktionen. Er selbst reagierte dem Bericht zufolge mit Herz-Emojis oder Anime-Clips.
Der Jugendliche soll zudem sogenannte „Rampage Dances“ produziert haben: KI-generierte Videos, in denen Bilder von Massenmördern so animiert werden, dass die dargestellten Personen tanzen. Nach Expressen nutzte er dafür eine KI-Video-App.
Aftonbladet berichtet aktuell, dass mehrere Videos mehr als 10.000 Aufrufe hatten, das Konto bei der Dokumentation rund 3.500 Follower und fast 50.000 Likes aufwies und der 18-Jährige von anderen Nutzern als einer der besten Videoersteller des Milieus bezeichnet worden sei. Andere internationale Nutzer hätten ihn als Inspiration für eigene Videos genannt.
Für den britischen Forscher und Berater Joseph Ondrak, den Expressen als Experten für die TCC befragt hat, handelt es sich dabei nicht um harmlose True-Crime-Faszination. Solche Produktionen seien „ein Weg, bestimmte Massenmörder und die Angriffe, die sie verübt haben, zu glorifizieren“. Der Tatverdächtige habe mit seinen Produktionen innerhalb dieses Teils der Community große Anerkennung erfahren.
Dass Anerkennung innerhalb eines digitalen Milieus eine Rolle bei Radikalisierungsprozessen spielen kann, gehört auch zu den auffälligsten Ergebnissen der deutschen SAFE-Studie. Für 29 der 37 untersuchten Fälle lagen Informationen über mögliche Motive und Antriebsfaktoren vor. Besonders häufig fanden die Forscher Hass und Wut, die Suche nach Zugehörigkeit, Anerkennung, Status und Respekt sowie eine Faszination für Gewalt und Waffen.
Gerade das Zusammenspiel dieser Faktoren sei relevant: Erfahrungen von Mobbing, Diskriminierung oder Ausgrenzung könnten in den untersuchten Fällen Menschenhass und Gewaltfaszination verstärken, während die virtuelle Szene zugleich Gemeinschaft, Identität und Anerkennung biete. Die Studie warnt allerdings ausdrücklich davor, daraus ein einheitliches Täterprofil abzuleiten. Auch sozial gut integrierte Jugendliche aus intakten Familien finden sich unter den untersuchten Personen.
Über den Tatverdächtigen von Fagersta berichteten mehrere Personen gegenüber Expressen, er habe sich vor der Rückkehr in die Schule gefürchtet, sei depressiv gewesen und gemobbt worden. Das sind Aussagen von Personen aus seinem digitalen Umfeld und keine bislang behördlich bestätigten Feststellungen. Sie erlauben insbesondere keine Aussage darüber, warum der 18-Jährige die Tat begangen haben soll.
Eine weitere Überschneidung zeigt sich in den Inhalten des digitalen Milieus: Frauenhass spielt dort eine auffällige Rolle. Viele der von SAFE untersuchten Jugendlichen zeigte ausgeprägt misogyne Einstellungen; auch das mutmaßliche Manifest von Schongau enthält nach den bisherigen Recherchen massive Herabwürdigungen von Frauen. Nun berichtet Aftonbladet, dass Elliot Rodger zu den Tätern gehörte, die der 18-Jährige von Fagersta besonders häufig in seinen Videos verarbeitet haben soll. Rodger ermordete 2014 in Kalifornien sechs Menschen und hinterließ ein von Frauenhass geprägtes Manifest.
Bezeichnend auch, was nach der Tat im Netz geschah.
Noch am Freitagabend, so berichtet Expressen, seien in dem digitalen Milieu erste neue „Edits“ aufgetaucht, die nun den Tatverdächtigen selbst und seine Tat verherrlichten. KI-generierte Bilder sollen rekonstruiert haben, wie er während des Angriffs gekleidet gewesen sei. Diese Bilder dienten wiederum anderen Nutzern als Material für eigene Videos.
Einen solchen Mechanismus beschreibt Ondrak für Teile der Community: In weniger extremen Teilen produzierten Mitglieder Fanvideos und anderes Material über Mörder. In extremeren Fällen könne ein Angehöriger des Milieus schließlich selbst eine Gewalttat begehen. Danach verfolge die Gemeinschaft dessen Geschichte weiter. „Plötzlich hat man also eine Community, die Massenmörder verehrt und glorifiziert und die gleichzeitig Mörder produziert, die sie dann verehren und glorifizieren kann“, sagt Ondrak. News4teachers
Hier lässt sich die vollständige Studie „Teenage-Terrorists in Deutschland“ herunterladen.










Erschütternd, aber ehrlichgesagt nicht wirklich verwunderlich, oder?
Als Nächstes wird es schnell verdrängt, denn „die“ können, DÜRFEN bloß nichts mit unserem Umfeld zu tun haben – bei uns gibt es sowas nicht usw. 🙁
Verwunderlich ist daran garnichts, auch wenn karriereförderliche Neubegriffe wie „Terrorgram“ geschaffen werden:
– Jugendlich mit null Sozialstatus
– Extremes Mobbingopfer
– Keinerlei Hilfszugang erfolgt
– Kombi aus Depression/autistischen Zügen, unbehandelte Geisteskrankheit
– Unfähigkeit, Aggression ausdrücken zu können bei gleichzeitiger völliger Abwesenheit von coping
Also kurzum:
Das absolut typische Amokläuferprofil seit Harris & Clebolt / Columbine school shooters bzw. dem Erfurter Amoklauf in der BRD.
„Das absolut typische Amokläuferprofil seit Harris & Clebolt / Columbine school shooters bzw. dem Erfurter Amoklauf in der BRD.“
Wenn es kein Internet geben und sowas nicht religiös, politisch und/ oder durch Algorithmen würde.
Aber Rechtsterrorismus wäre wahrscheinlich wieder zu nah am eigenen Wohlbefinden dran. Sind bestimmt alles genau die gleichen Kranken wie vor fast 30 Jahren und im Forum hocken dann islamistische und rechtsextreme Amokfans in Eintracht zusammen…
Das ist so erschütternd. Und so völlig unsensibel gegenüber Kindern und Jugendlichen, die wirklich angesichts von Gewalt und Krieg leben müssen. Vielleicht ein erzieherischer Aufenthalt dieser Jungs als Ersthelfer in Gaza, in Kolumbien, in Ukraine…?