LUDWIGSHAFEN. Gewalt unter Jugendlichen, Amokalarme, eine zerstrittene Lehrerschaft und zum Schuljahresbeginn 18 krankgemeldete Lehrkräfte: Die Krise an der Karolina-Burger-Realschule plus, «Deutschlands gefährlichste Schule», hat sich seit Jahren hochgeschaukelt. Ursache sind offensichtlich ein Bündel von Problemen – von schwierigen sozialen Verhältnissen über Konflikte innerhalb der Schule bis hin zu möglichen Versäumnissen ihrer Führung und Aufsicht. Die Landesregierung will mit einer neuen Leitung einen Neustart erzwingen. Doch ein aktuelles Schreiben von Lehrkräften aus dem Kollegium lässt zweifelhaft erscheinen, ob ein personeller Schnitt an der Spitze genügt.

Die jüngsten Vorfälle liefern wieder jene Bilder, die der Karolina-Burger-Realschule plus inzwischen bundesweit einen zweifelhaften Ruf eingebracht haben. Erst vor wenigen Tagen rückte die Feuerwehr wegen Fehlalarmen an, auf dem Schulgelände prügelten sich 14-Jährige. In den vergangenen Jahren wurde Reizgas versprüht, die Polizei musste zu Großeinsätzen kommen. Im Mai 2025 attackierte eine Schülerin eine Lehrerin mit einem Messer; ein Gericht verfügte später ihre Einweisung in eine psychiatrische Einrichtung.
Aus einzelnen Vorfällen ist längst eine Erzählung über die ganze Schule geworden. Von «Deutschlands gefährlichster Schule» ist die Rede, von Angst und Kontrollverlust. Die Polizei selbst warnt allerdings davor, aus spektakulären Fällen vorschnelle Schlüsse über die Entwicklung der Kriminalität an der Schule zu ziehen. Körperverletzungen kämen dort seit Jahren vor, erklärt das Polizeipräsidium. Ein allgemein herrschendes «Klima der Angst» bestätigt die Behörde jedoch nicht.
Das Land hat dennoch entschieden, dass es so nicht weitergehen kann. Die rheinland-pfälzische Bildungsministerin Ute Eiling-Hütig (CDU) erklärte nach den Sommerferien, die Probleme seien «innerhalb der bestehenden Strukturen» nicht mehr zu lösen. Das Land müsse Verantwortung übernehmen und Lösungen ermöglichen. «Dafür braucht es einen Neustart.» Die Leitung der Schule soll neu aufgestellt werden.
Dass inzwischen auch die organisatorische Funktionsfähigkeit der Schule infrage steht, zeigen die Zahlen zum Schuljahresbeginn. Nach Angaben der Schulaufsicht meldeten sich 18 der insgesamt 56 Lehrkräfte krank. Hinzu kommen Brandbriefe, anonyme Vorwürfe, öffentliche Auseinandersetzungen und Unruhe über mögliche personelle Konsequenzen auch innerhalb des Kollegiums. Gespräche darüber sind nach Darstellung des Ministeriums noch nicht abgeschlossen.
Doch ob sich die Krise tatsächlich vor allem an der früheren Schulleitung festmachen lässt, ist innerhalb der Schule offenbar umstritten.
Eine dem Lokalmedium MRN-News vorliegende Stellungnahme von Lehrkräften aus dem Kollegium zeichnet ein wesentlich komplizierteres Bild. Die Autoren bestreiten weder die erheblichen Probleme an der Schule noch Fehler der früheren Führung. Sie wenden sich jedoch gegen die Vorstellung, mit dem Weggang von K. oder einem Austausch weiterer Personen ließen sich die Ursachen der Krise beseitigen.
«Die Probleme der Schule sind nicht erst unter der jetzigen Schulleitung entstanden», heißt es in der Stellungnahme, die ersichtlich noch aus der Phase stammt, in der K. die Schule leitete. Die Karolina-Burger-Realschule plus sei ein großes Schulsystem «mit einer in Teilen sehr herausfordernden Schülerschaft». Gewalt, massive Unterrichtsstörungen, Bedrohungen, Sachbeschädigungen und andere schwere Vorfälle habe es bereits lange vor dem Amtsantritt von K. gegeben.
Als Beispiel nennen die Lehrkräfte einen Toilettenbrand aus dem Jahr 2021. Auch Bedrohungen, Zerstörungen und Erpressungen durch Schülerinnen und Schüler seien schon aus früheren Jahren bekannt gewesen. Eine Erklärung, nach der die heutigen Zustände erst unter K. entstanden seien, greife deshalb zu kurz. Die Krise hat eine längere Vorgeschichte.
Nach Darstellung der Lehrkräfte war die Schule über Jahre stark auf ihr Kerngeschäft Unterricht konzentriert. Schulentwicklung, eine Öffnung in den Stadtteil oder der Aufbau zusätzlicher Angebote hätten dagegen eine geringe Rolle gespielt. Das habe das Kollegium einerseits entlastet, weil zusätzliche Aufgaben weitgehend ferngehalten worden seien. Andererseits habe sich so eine Arbeitskultur herausgebildet, in der neue Projekte, zusätzliche Verantwortung und Veränderungen etablierter Abläufe wenig Platz gehabt hätten.
Unter K. sollte sich das ändern – und zwar grundlegend.
Die Stellungnahme listet eine Reihe von Projekten auf, die in den vergangenen Jahren aufgebaut, wiederbelebt oder ausgebaut worden seien: Streitschlichtung und Krisenteam, Schulsanitätsdienst und Brandschutz, eine intensivere Berufsorientierung, Kooperationen mit sozialen Einrichtungen und dem Stadtteil sowie die Umsetzung des Startchancen-Programms. Lehrkräfte seien stärker ermuntert worden, Fortbildungen zu besuchen und sich beruflich weiterzuentwickeln.
Der Ansatz dahinter sei richtig gewesen, schreiben die Autoren. Gerade angesichts der sozialen und pädagogischen Herausforderungen könne eine Schule wie die Karolina-Burger-Realschule plus nicht allein Unterrichtsanstalt sein. Sie brauche Elternarbeit, sozialpädagogische Unterstützung, Berufsorientierung und die Zusammenarbeit mit Einrichtungen außerhalb der Schule. Nicht jedes Angebot sei im Kollegium allerdings auf Zustimmung gestoßen.
«Veränderungsprozesse hätten deshalb vermutlich langsamer (vollzogen), stärker moderiert und teilweise besser kommuniziert werden müssen»
Die Reformen seien teilweise zu schnell erfolgt. K. habe innerhalb kurzer Zeit sehr viele Entwicklungen gleichzeitig anstoßen wollen. Das sei auf ein System getroffen, das zuvor über Jahre mit deutlich anderen Strukturen und Erwartungen gearbeitet habe. «Veränderungsprozesse hätten deshalb vermutlich langsamer (vollzogen), stärker moderiert und teilweise besser kommuniziert werden müssen», heißt es in der Stellungnahme. Nicht alle Beschäftigten hätten sich ausreichend mitgenommen gefühlt. Zudem sei von Lehrkräften stärker als zuvor selbstständiges und eigenverantwortliches Arbeiten verlangt worden.
Dass dabei Führungsfehler gemacht wurden, stellen die Autoren ausdrücklich nicht in Abrede. «Es wäre deshalb falsch zu behaupten, bei der Führung und Kommunikation seien keine Fehler gemacht worden.» Ebenso falsch sei allerdings die umgekehrte Schlussfolgerung, dass die grundlegenden Probleme der Schule erst durch diese Fehler entstanden seien. Der Streit habe sich zunehmend auf die Person von K. verengt. Dadurch gerieten die strukturellen Probleme aus dem Blick.
Innerhalb der Lehrerschaft gebe es unterschiedliche Einschätzungen zur Schulentwicklung und zur aktuellen Situation. Beschäftigte, die sich keiner Seite zuordnen wollten oder die Entwicklung differenzierter beurteilten, erlebten die Atmosphäre teilweise als schwierig. «Die Auseinandersetzung sollte deshalb nicht weiter als Konflikt „Schulleiter gegen Kollegium“ geführt werden», heißt es in der Stellungnahme. Die Positionen innerhalb eines großen Kollegiums seien deutlich vielfältiger.
Welche Folgen die inneren Auseinandersetzungen inzwischen haben, zeigt sich gerade zu Beginn des neuen Schuljahres. Fast ein Drittel des Kollegiums war nach Angaben der Schulaufsicht krankgemeldet. Die Lehrkräfte, die weiter im Dienst seien, müssten nun nicht nur Unterricht auffangen, sondern auch zusätzliche organisatorische Aufgaben übernehmen, schreiben die Verfasser der Stellungnahme. Sie versuchten, «so viel Unterricht und schulischen Alltag wie möglich aufrechtzuerhalten».
Die öffentliche Wahrnehmung konzentriere sich dagegen weitgehend auf Krise und Konflikt.
Das betrifft nach Einschätzung der Lehrkräfte vor allem diejenigen, um die es eigentlich gehen müsste: die Schülerinnen und Schüler. Die große Mehrheit der Jugendlichen habe mit den öffentlich bekannt gewordenen Gewalttaten und anderen Vorfällen nichts zu tun. Trotzdem trügen sie inzwischen das Etikett, eine der problematischsten Schulen Deutschlands zu besuchen.
Für Jugendliche, die einen Abschluss schaffen und anschließend einen Ausbildungsplatz finden wollen, könne der schlechte Ruf der Schule zum zusätzlichen Problem werden. Gleichzeitig gefährde die Krise ausgerechnet jene Angebote, die ihre Chancen verbessern sollen: Berufsorientierung, Kooperationen mit Unternehmen und Einrichtungen, sozialpädagogische Projekte und Präventionsangebote – so weit die Binnensicht.
«Eine zerstrittene Lehrerschaft, ein umstrittener Schulleiter, vielleicht eine schwache Schulaufsicht – da kommen mehrere Faktoren zusammen»
Dass die Ursachen weit über die Person des früheren Schulleiters hinausreichen dürften, legt auch die Einschätzung eines ranghohen Beamten nahe, der namentlich nicht genannt werden will. «Das Problem ist multikausal», sagt er. Es gebe Eltern, «die null interessiert, was ihre Kinder in der Schule machen. Ob die bildungsmäßig etwas hinkriegen, ist denen völlig egal.» Hinzu kämen interne Faktoren: «Eine zerstrittene Lehrerschaft, ein umstrittener Schulleiter, vielleicht eine schwache Schulaufsicht – da kommen mehrere Faktoren zusammen.»
Die Lehrkräfte, die sich mit ihrer Stellungnahme zu Wort melden, fordern deshalb eine wesentlich langfristigere Unterstützung der Schule. Sie nennen eine engmaschige Begleitung durch Schulaufsicht und Schulträger, professionelle Supervision für Schulleitung und Kollegium sowie eine externe Moderation des verhärteten Konflikts. Denkbar seien auch zusätzliche erfahrene Führungskräfte beziehungsweise Schulmanager. Darüber hinaus brauche die Schule stärkere multiprofessionelle Teams, ausreichend Schulsozialarbeit, sozialpädagogische Unterstützung und Hilfe bei der Schul- und Organisationsentwicklung.
Die Probleme der Karolina-Burger-Realschule plus sollten weder «kleingeredet noch beschönigt» werden, schreiben sie. Sie seien jedoch «nicht innerhalb weniger Jahre entstanden» und könnten deshalb auch nicht einer einzelnen Person zugeschrieben werden. Entscheidend sei nun vor allem eins: zu klären, «welche dauerhaften personellen, pädagogischen und organisatorischen Strukturen braucht diese Schule, damit die Schülerinnen und Schüler die Unterstützung und Bildung erhalten, die ihnen zusteht?» News4teachers / mit Material der dpa










Meiner Meinung nach hilft bei der Schule erst einmal die Konzentration der Lehrer auf den Unterricht mit dem beschulbaren Teil der Jugendlichen und parallel dazu ein massiver Ausbau der Sozialarbeit für die anderen Jugendlichen. Allerdings nicht mit den üblichen Methoden der Sozialarbeiter, sondern angepasst an die wirksamen Maßnahmen für die jeweiligen Jugendlichen, auch wenn das der Ausbildung der Sozialarbeiter diametral gegenüber steht. Wird so aber vermutlich nicht passieren, weil das Geld kostet.
„…auch wenn das der Ausbildung der Sozialarbeiter diametral gegenüber steht.“
Was verbirgt sich denn dahinter – der Wunsch nach Lynchjustiz?
Herzliche Grüße
Die Redaktion