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Erwachsenen-PISA: Eine Problemgruppe zieht das Ergebnis nach unten

BERLIN. Jeder sechste Erwachsene kann nur wie ein Zehnjähriger lesen und Texte verstehen. Arbeitsämter, Weiterbildung und Volkshochschulen müssen aus dem ersten PISA-Test für Erwachsene Konsequenzen ziehen.

Jeder sechste Erwachsene in Deutschland liest auf dem Niveau eines Grundschülers. Foto: Will Palmer / Flickr (CC BY 2.0)

Jeder sechste Erwachsene in Deutschland liest auf dem Niveau eines Grundschülers. Foto: Will Palmer / Flickr (CC BY 2.0)

Fast auf den Tag genau vor 40 Jahren erschien ein kleines Büchlein. Titel: «Wirtschaftsriese – Bildungszwerg». Es war die kritische Analyse eines damaligen OECD-Bildungsreports über Deutschland. 1973 scheiterte im föderalen Wirrwarr der Bundesrepublik der Versuch, einen gemeinsamen Bund-Länder-Plan für den Ausbau des deutschen Bildungssystems zu entwickeln.

Auch heute gilt die deutsche Wirtschaftskraft weltweit als vorbildlich. Politik, Wirtschaft und auch die Gewerkschaften preisen das duale System der Berufsausbildung mit seinem Zusammenspiel von Betrieb und staatlicher Berufsschule als beispielgebend. Einige sehen es gar als «deutschen Exportschlager», den sie auch in Spanien oder Italien etablieren möchten.

Doch mit der Allgemeinbildung und den Basiskompetenzen der Bevölkerung zwischen 16- und 65-Jahren ist es in Deutschland gar nicht so gut bestellt – wie mancher Politiker nach Veröffentlichung des ersten PISA-Tests für Erwachsene glauben machen wollte. Es sind eben nicht nur die 17,5 Prozent der Erwachsenen, die nur auf dem Niveau Zehnjähriger lesen und Texte verstehen können.

Zwar zieht eine solch große Problemgruppe den deutschen Leistungsschnitt im weltweiten Vergleich kräftig nach unten. Aber ebenso fehlt es in dem ehemaligen «Land der Dichter und Denker» heute an Spitzenlesern in den oberen Leistungsgruppen.

Und in Sachen «alltagsmathematische Kompetenz» kommen die Bundesbürger aus dem Heimatland von Rechenkünstler Adam Riese mit ihren Gesamtleistungen auch nur knapp ins internationale Mittelfeld. 18,5 Prozent der Testpersonen in Deutschland schaffen laut OECD-Bericht häufig nicht mehr als nur einfaches Zählen und Sortieren. Schwacher deutscher Trost: Im Schnitt der anderen Industrienationen sind dies sogar 19 Prozent.

Anfang der 1970er Jahre waren die Kultusminister der damals noch elf Bundesländer die ständige internationale Kritik am deutschen Bildungssystem leid und klinkten sich bei den OECD-Studien wie auch anderen weltweiten Untersuchungen einfach aus. Erst seit Ende der 1990er Jahre stellt sich die deutsche Bildung wieder internationalen Vergleichen. Die erste PISA-Schulstudie, die 2001 von der OECD veröffentlicht wurde, löste in Deutschland wegen der offenkundig gewordenen Leistungsschwächen der 15-Jährigen einen Schock aus. Zahlreiche Schulreformen waren die Folge. Nur langsam geht es aufwärts – aber immerhin.

Es ist vor allem der harte Kern der Leistungsschwächsten, der den Bildungspolitikern große Sorge macht. Zwar ist die Zahl der Schulabbrecher zurückgegangen – mit knapp 60.000 jungen Menschen pro Jahr aber immerhin noch ein beträchtlicher Teil. 2,2 Millionen junge Erwachsene zwischen 20 und 35 Jahren haben keinen Berufsabschluss und sind auch nicht mehr in Fort- oder Weiterbildung.

Arbeitsstaatssekretär Gerd Hoofe verwies bei der Präsentation der OECD-Studie darauf, dass jeder zweite Arbeitslose keinen Berufsabschluss hat. Das aktuelle Programm der Bundesagentur, mit dem jetzt 100.000 junge Menschen nachqualifiziert werden sollen, erscheint angesichts der großen Zahl von Ungelernten eher wie ein Tropfen auf den heißen Stein.

Doch wie will man diese Problemfälle erreichen? Lesen und Textverständnis gilt in der Pädagogik als die wichtigste Schlüsselqualifikation für das Lernen überhaupt – nicht nur für die Erstausbildung, sondern auch für die spätere Weiterbildung. Bei den 15-Jährigen ist diese harte Problemgruppe zwischen dem ersten Pisa-Test (Veröffentlichung 2001) und dem jüngsten (2009) von knapp 25 auf knapp 20 Prozent zurückgegangen. Der nächste PISA-Schultest wird am 3. Dezember vorgelegt.

Eindringlich plädieren die PISA-Forscher dafür, die Weiterbildung für die Problemgruppen der jugendlichen wie erwachsenen Schwachleser zu öffnen. Denn Weiterbildungsangebote werden in Deutschland wie auch anderswo vornehmlich von den Gruppen genutzt, die ohnehin schon eine gute oder gar beste Vorbildung besitzen. Häufig erfahren Schwachleser gar nicht von den Möglichkeiten, die Volkshochschulen oder andere Institutionen anbieten. Die Zahl der «funktionalen Analphabeten» wird in Deutschland auf 7,5 Millionen geschätzt. Der alte Grundsatz «Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr» soll nach diesen Forderungen endlich durchbrochen werden. KARL-HEINZ REITH, dpa

2 Kommentare

  1. Wie verträgt sich die OECD-Kritik am deutschen Bildungswesen Anfang der 1970er Jahre mit der Tatsache, dass die getesteten deutschen Schülerleistungen in den 1960er Jahren noch zur Weltspitze gehörten? Sind diese von heut auf morgen in sich zusammengesackt oder hat sie der Geist der sog. 68er in Windeseile vertrieben, der damals gemeinsam mit der OECD die „soziale Ungerechtigkeit“ durch das 3-gliedrige deutsche Schulsystem aufs Korn nahm?
    Nicht die Schülerleistungen im Lesen, Schreiben und Rechnen waren damals nämlich Grund für die OECD-Kritik, sondern das „unsoziale“ deutsche Bildungswesen.
    Es ist Augenwischerei, wenn OECD-Kritiken in einen Topf geworfen werden, obwohl sie Unterschiedliches beinhalten.
    Nach der Sozialkritik Anfang der 1970er Jahre begann der allmähliche Vormarsch der Gesamtschulen, die ausdrücklich nicht dazu da waren, um Schülerleistungen zu verbessern – die damals sowieso noch gut waren – sondern um die Schulwelt sozialer zu machen. Der Begriff „Leistung“ entwickelte sich in manchen Bundesländern sogar zum Unwort, da er als Zeichen für Unterdrückung und Benachteiligung stand. Darum wurde er aus der ein’ oder anderen Schulordnung verbannt. Wenn ich mich nicht irre, war das z. B. in Hamburg der Fall.
    Die OECD sorgte gemeinsam mit ideologischen Kräften in Deutschland für eine jahrzehntelange Leistungsvernachlässigung, die heute von den Verantwortlichen scheinheilig bedauert wird, so als könne niemand dafür, weil doch die OECD schon vor 40 Jahren Bildungsmängel festgestellt habe .
    Dazu sei nochmals gesagt: Vor Jahrzehnten ging es der OECD um soziale Mängel. Mäßige Schülerleistungen wurden erst sehr viel später festgestellt und verursachten dann den sog. „Pisa-Schock“, weil fast niemand auf sie vorbereitet war. Wie denn auch? Es gab keine Vorwarnungen – erst recht nicht Anfang der 1970er Jahre.
    Und das Spiel geht munter weiter. Im Mittelpunkt bildungspolitischer Überlegungen stehen nach wie vor soziale Überlegungen, während Leistungsdefizite im Lesen, Schreiben und Rechnen nur dann eine Rolle spielen, wenn sie gerade mal wieder Gegenstand einer Pisa-Studie sind.
    Diesmal war es ein Erwachsenen-Test, der bestens geeignet ist, um Sorgen und Zweifel zu vertreiben. Beweist er nicht, dass die früheren Schüler auch nur mäßig lesen, schreiben und rechnen konnten?
    Wer’s glaubt, wird zwar nicht selig, darf sich aber beruhigt zurücklehnen und das ganze Bildungsgedöns hinter sich lassen. Was bleibt, ist vielleicht noch der Spruch: Mehr Geld für Bildung!

    • Ja, es wird viel getan, um den Eindruck zu erwecken, dass vor Jahrzehnten die Schülerleistungen so im Argen lagen, dass Deutschland aus den OECD-Vergleichen Anfang der 1970er Jahre ausgestiegen ist. Allein der Ausstieg suggeriert jedem, der es nicht besser weiß, dass die Schüler damals so wenig gelernt haben, dass die Politik sich dieser Schande nicht anders zu erwehren wusste als durch Flucht vor vergleichenden Tests.
      Ich bin dankbar für Ihre Klarstellung, denn ich erinnere mich als Zeitzeugin genau an das, was tatsächlich war. Aber das glaubt einem heute ja kaum jemand mehr. Jeder ist sehr schnell bei der Hand mit dem Urteil: Die Alten haben schon immer gesagt „früher war alles viel besser“.

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