BERLIN. Die Bundesregierung will mit strengeren Regeln bei Krankmeldungen die Zahl der Fehltage senken. Fachleute bezweifeln jedoch, dass die geplante Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag die eigentlichen Ursachen hoher Krankenstände trifft. Gerade im Bildungsbereich sprechen aktuelle Daten und Erfahrungen aus der Praxis für ein anderes Bild: Lehrkräfte und pädagogische Fachkräfte fehlen vor allem wegen Atemwegsinfekten und psychischer Belastungen – es sind also die Bedingungen, die den Beschäftigten zusetzen.

Die Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Lufthygiene (DAGL) hält den Ansatz, den Druck auf die Beschäftigten zu erhöhen, um die Krankenstände zu senken, für verfehlt. „Statt Arbeitnehmer*innen und Praxen unter Generalverdacht zu stellen und zusätzliche Bürokratie aufzubauen, sollten wir die wahren Ursachen der hohen Krankenstände anerkennen und darauf richtig reagieren“, erklärt Vorstand Dr. Jörg Danzer. Die geplanten Änderungen adressierten weder die tatsächlichen Ursachen der Fehlzeiten noch würden sie die Zahl der Erkrankungen nachhaltig verringern. Stattdessen drohten vollere Wartezimmer mit infektiösen Patientinnen und Patienten sowie zusätzlicher Präsentismus, wenn Beschäftigte trotz Krankheit zur Arbeit gingen.
Nach Auffassung der DAGL liegt ein wesentlicher Grund für die anhaltend hohen Krankenstände in der veränderten Infektionslage seit der Corona-Pandemie. Mehr als ein Drittel aller registrierten Arbeitsunfähigkeiten gehe laut AOK-Fehlzeiten-Report 2025 auf Atemwegserkrankungen zurück. Seit Ende 2019 zirkuliere mit SARS-CoV-2 dauerhaft ein weiterer Erreger neben Influenza-, Rhino-, Adeno- und anderen überwiegend luftübertragenen Viren. Dadurch habe sich die Gesamtlast viraler Infektionen erhöht. Hinzu komme, dass Covid-19 das Immunsystem beeinträchtigen und dadurch Folgeinfektionen mit anderen Viren und Bakterien begünstigen könne. Darüber hinaus bestehe nach einer Covid-Infektion weiterhin ein relevantes Risiko für Long Covid. Sechs Jahre nach Beginn der Pandemie blendeten die Reformpläne diese zusätzlichen Faktoren weitgehend aus, kritisiert die DAGL.
„Wir sollten den Fokus von Krankmeldungen auf Krankheitsprävention verschieben und in gesunde Raumluft investieren“
Auch die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung hält der Verein für kein geeignetes Instrument zur Senkung der Krankenstände. Ihr Anteil habe zwischen 2020 und 2023 lediglich 0,8 bis 1,5 Prozent aller ausgestellten Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen betragen. Der statistische Anstieg der Krankmeldungen sei zudem teilweise auf die Einführung der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung zurückzuführen. Dadurch würden inzwischen auch Kurzzeiterkrankungen erfasst, die früher häufig gar nicht in den Statistiken der Krankenkassen erschienen seien. Die höheren Krankenstände seien deshalb zumindest teilweise auch Folge einer vollständigeren Erfassung.
Gerade für Schulen und Kindertageseinrichtungen hat diese Argumentation Gewicht. Der Fehlzeiten-Report 2025 des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO), über den News4teachers bereits berichtet hat, zeigt tatsächlich, dass Beschäftigte im Bereich „Erziehung und Unterricht“ verhältnismäßig oft durch Atemwegsinfekte belastet sind – und durch psychische Erkrankungen. Jeder fünfte Fehltag des Personals in den Bildungseinrichtungen entfällt demnach auf Atemwegserkrankungen, 17 Prozent aller Fehltage auf psychische Diagnosen.
Woher diese hohe psychische Belastung kommt, beschreibt die private Krankenversicherung Die Bayerische, die zahlreiche verbeamtete Lehrkräfte versichert. Sie bezeichnet den Lehrerberuf als einen „Knochenjob“. Von Lehrkräften werde heute weit mehr verlangt als die Vermittlung von Fachwissen. Sie müssten Kinder und Jugendliche „nicht nur fachlich unterrichten, sondern sie auch bei der persönlichen Entwicklung leiten und begleiten“. Das Anforderungsprofil habe sich über die Jahre erheblich verändert – durch größere Erwartungen der Gesellschaft, veränderte Rollenbilder sowie zunehmende Konflikte mit Schülerinnen und Schülern und Eltern.
Die Leistungen der Lehrkräfte würden dagegen häufig nur unzureichend anerkannt. „Vor allem fehlt es dabei oft an motivierender Anerkennung und Bestätigung von außen“, heißt es. Gleichzeitig würden Lehrerinnen und Lehrer „immer häufiger für negative Entwicklungen und Handlungen der Kinder und Jugendlichen verantwortlich gemacht, kritisiert und angefeindet“. Besonders konfliktträchtig sei inzwischen auch das Verhältnis zwischen Schule und Elternhaus. „Für Lehrkräfte beginnt dann oft ein nervenaufreibender Spagat zwischen objektiver Leistungsbeurteilung und Konfliktlösung mit Schülern und Eltern. Nicht selten müssen sie bei Konflikten ihre Beurteilungen dann auch noch vor der Schulleitung verteidigen. Dies birgt alles eine dauerhaft hohe psychische Belastung, die oftmals an ihre Grenzen stößt“, heißt es.
Als weitere Stressfaktoren nennt Die Bayerische unter anderem große Klassen, überdurchschnittlich hohe Arbeitszeiten, Konflikte mit verhaltensauffälligen Schülerinnen und Schülern, fehlende Rückzugsräume an vielen Schulen, zu kurze Pausen zwischen den Unterrichtsstunden sowie zusätzliche Anforderungen durch Inklusion und individuelle Förderung. Hinzu komme, dass ein erheblicher Teil der Arbeitszeit zu Hause geleistet werde und deshalb häufig weder vollständig erfasst noch ausgeglichen werde. Auch Teilzeitkräfte arbeiteten vielfach deutlich mehr, als ihre Unterrichtsverpflichtung vermuten lasse. Neben diesen strukturellen Belastungen spielten auch individuelle Faktoren wie fehlende Möglichkeiten zum Stressausgleich oder mangelnder kollegialer Austausch eine Rolle.
„Die hohen Anforderungen und komplexen Aufgabengebiete im Lehralltag sind zweifellos äußerst anstrengend und belastend und können nachweislich die Gesundheit gefährden“
Nach Darstellung des Versicherers spiegeln sich diese Belastungen zunehmend in den Krankheitsbildern wider. „Über die letzten Jahre stiegen die Krankschreibungen aufgrund eines Burnout-Syndroms oder anderen psychischen Überbelastungen bei Lehrerinnen und Lehrern weiter an“, heißt es. Viele Studien deuteten darauf hin, dass Angehörige dieser Berufsgruppe „überdurchschnittlich oft an emotionaler Erschöpfung leiden“. Auffällig seien außerdem „die hohe Quote von Prüfungen der Dienstfähigkeit und Frühpensionierungen“.
Die Bayerische folgert: „Die hohen Anforderungen und komplexen Aufgabengebiete im Lehralltag sind zweifellos äußerst anstrengend und belastend und können nachweislich die Gesundheit gefährden.“ Im schlimmsten Fall könne dies zu einer krankheitsbedingten Frühpensionierung führen. Nach Angaben des Versicherers treten „über 50 Prozent“ der Lehrkräfte vorzeitig aus gesundheitlichen Gründen in den Ruhestand.
Die DAGL plädiert für einen anderen Ansatz, um die Krankenstände in den Bildungseinrichtungen zu senken. Statt strengerer Nachweispflichten müsse die Prävention stärker in den Mittelpunkt rücken. Schlechte Luft in Innenräumen fördere nicht nur die Verbreitung luftübertragener Krankheitserreger, sondern beeinträchtige auch Konzentration, Leistungsfähigkeit und Wohlbefinden. Der Verein fordert verbindliche Standards für die Luftqualität in Schulen, Kitas, Büros und anderen Innenräumen – unter anderem durch kontinuierliche CO₂-Messungen, bedarfsgerechten Luftaustausch und den Einsatz von HEPA-Filtern. „Wir sollten den Fokus von Krankmeldungen auf Krankheitsprävention verschieben und in gesunde Raumluft investieren“, sagt DAGL-Vorstand Florian Weber. Das könne Fehlzeiten nachhaltiger verringern und zugleich die Leistungsfähigkeit verbessern.
Zu ergänzen wäre: Das gilt für die übrigen Belastungsfaktoren natürlich ebenso. News4teachers









