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Wissenschaftsrat fordert: Studium und Lehre nicht gegeneinander ausspielen

BERLIN. 2013 gab es erstmals mehr Studienanfänger als neue Lehrlinge. Wirtschaft und konservative Politiker fürchten bei weiter zunehmender Akademisierung eine Aushöhlung der betrieblichen Ausbildung. Der Wissenschaftsrat fordert Reformen – in beiden Bildungsbereichen.

Der Wissenschaftsrat warnt davor, Hochschulstudium und betriebliche Lehre gegeneinander auszuspielen. Beide Bildungsbereiche müssten sich weiterentwickeln. «Das Ausbildungsprofil aller Berufe muss insgesamt verschoben werden hin zu mehr wissensbasierter Qualifikation», sagte der Vorsitzender des Expertengremiums, Wolfgang Marquardt, bei der Vorstellung von Empfehlungen zur «Balance» von Studium und betrieblicher Ausbildung in Berlin.

Gefordert wird darin mehr Berufsorientierung schon in der Oberstufe der Gymnasien, mehr Durchlässigkeit zwischen den Bildungsbereichen, die gegenseitige Anerkennung erbrachter Leistungen, mehr kombinierte Ausbildungen in Betrieb und Studium sowie Hilfen für Studienabbrecher beim Wechsel in eine Lehre.

Auslöser der Debatte sind jüngste Warnungen aus der Wirtschaft und von konservativen Politikern, weiter steigende Studienanfängerzahlen und eine zunehmende Akademisierung der Gesellschaft gefährdeten das deutsche System der betrieblichen Berufsausbildung. Mit über 500 000 Erstsemestern hatten im vergangenem Jahr erstmals mehr junge Menschen ein Studium aufgenommen als eine Lehre neu begannen (482 000). Dazu hatten allerdings auch die doppelten Abiturientenjahrgänge in Folge der Schulzeitverkürzung beigetragen.

Lehrlinge

Die Gesellschaft braucht beides – Auszubildende und Studenten, mahnen Experten. Foto: BIBB

Marquardt sagte, niemand könne heute eine Quote nennen, wie viele betrieblich Ausgebildete und wie viele Akademiker der Arbeitsmarkt in Zukunft benötige. «Beide Beine müssen kräftig sein und beide Beine gut koordiniert voranschreiten, um die wirtschaftliche Entwicklung auch in Zukunft tragen zu können.» Es gehe darum, für die Gewinnung von Fachkräften «alle gesellschaftlichen Talentpotenziale zu erschließen».

Der Wissenschaftsrat, der die Regierungen von Bund und Ländern berät, plädiert für mehr Durchlässigkeit zwischen Berufs- und Hochschulbildung – in beide Richtungen. Unter anderem schlägt das Gremium vor, bei der Studienzulassung von Nicht-Abiturienten auf die heute in der Regel noch übliche Fachbindung der bisherigen Ausbildung zu verzichten. Praktisch heißt das, dass ein Mechatroniker auch Germanistik studieren kann. Es handele sich hierbei meist um besonders hochmotivierte Studieninteressenten, sagte Marquardt.

Der Wissenschaftsrat geht allerdings davon aus, dass der Studentenanteil beruflich Qualifizierter ohne Abitur in Deutschland weiter eher gering bleiben wird. Für bedeutsamer hält er dagegen die Entwicklung «hybrider Ausbildungsformate», etwa duale Studiengänge von Hochschule und Betrieb oder berufliche Bildungsgänge, die mit wissenschaftlichen Modulen angereichert werden.

Zugleich regt er regionale Kooperationsplattformen an, wo Schulen, Hochschulen, Kammern, Betriebe und Arbeitsagenturen zusammenarbeiten und örtlich abgestimmte Bildungs- wie Weiterbildungsangebote entwickeln sollen. Die am Montag vorgelegten Empfehlungen sind der erste Teil einer insgesamt vierteiligen Serie des Wissenschaftsrates, die sich mit dem Thema berufliche und akademische Bildung befasst.

Die IG Metall nannte die vom Wissenschaftsrat geforderte Aufwertung der dualen Ausbildung als «bitter notwendig». IG-Metall-Chef Detlef Wetzel sagte dem «Handelsblatt» (Dienstag): «Berufliche Qualifikationen müssen auch in Zukunft das Rückgrat der deutschen Wirtschaft bilden. Die Arbeitgeber haben es selbst in der Hand, eine schleichende Erosion des Berufsbildungssystems durch eine einseitige Akademisierung zu vermeiden.» Die Betriebe müssten wieder mehr ausbilden und stärker um Nachwuchs werben. Karl-Heinz Reith/dpa

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