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Studie: Lehrer bewerten auffälliges Verhalten von Schülern zu oft als ADHS

HAMBURG. Unruhiges Verhalten im Unterricht und Konzentrationsschwierigkeiten – diese Anzeichen lassen nicht nur bei Lehrern den Verdacht auf eine Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung, kurz ADHS, aufkommen. Eine Studie der Erziehungswissenschaftlerin Nicole Becker legt nun jedoch nahe, dass Lehrer Schüler möglicherweise zu oft für krankhaft hyperaktiv erklären.

Anhand ihrer Untersuchung ermittelte Nicole Becker, dass der erste Verdacht auf das sogenannte „Zappelphilipp-Syndrom“ häufig von Lehrern stammte, manchmal auch von Erzieherinnen und Sozialpädagoginnen. Das berichtet die Erziehungswissenschaftlerin in einem Interview mit der Online-Ausgabe der Wochenzeitung „DIE ZEIT“. Nur vier von 21 Kindern, die in Verdacht standen, unter der Aufmerksamkeitsstörung zu leiden, wurden in ihrer Studie tatsächlich mit ADHS diagnostiziert. „Die meisten hatten andere Probleme, wie etwa emotionale Störungen oder Störungen des Sozialverhaltens. Es gab aber auch Kinder, bei denen gar keine klinisch relevanten Auffälligkeiten festgestellt wurden“, zitiert Zeit-Online die Erziehungswissenschaftlerin.

Kinder können ganz schön laut sein - auch im Unterricht. Foto: Greg Westfall / flickr (CC BY 2.0)

Hinter auffälligem Verhalten im Unterricht steckt nicht immer eine Aufmerksamkeitsstörung. Foto: Greg Westfall / flickr (CC BY 2.0)

Nicole Becker sieht vor allem zwei Gründe als ausschlaggebend für falsche Verdachtsfälle: Zum einen identifizierten Pädagogen oft einzelne Verhaltensweisen an Kindern als typisch für ADHS, die aber, für sich genommen, nicht ausreichen, um die Diagnose zu stellen und zum anderen brächten sie Probleme mit ADHS in Verbindung, die nicht zum Störungsbild gehören. Gibt es mit einem Kind viele Konflikte und Spannungen, weise das beispielsweise nicht auf das Zappelphilipp-Syndrom hin, so Becker gegenüber Zeit-Online. Als eine mögliche Ursache für auffälliges Verhalten nennt Becker das Gefühl der Überforderung, das beispielsweise Unterrichtskonzepte auslösen könnten, die ein hohes Maß an Selbstständigkeit verlangen. Einige Kinder müssten dann „zunächst mal lernen, sich zu organisieren und zu konzentrieren.“ Das könne dazu führen, dass sie sich ausklinken und lieber mit etwas anderem beschäftigen.

Daneben existieren noch zahlreiche weitere Thesen zu den Ursachen auffälligen Verhaltens bei Kindern. Nach Angaben von Schlafforschern des Robert-Koch-Krankenhauses Apolda würden oft auch die Folgen von Schlafstörungen fälschlicherweise als ADHS-Symptome interpretiert, denn unausgeschlafene Kinder seien zappelig und unaufmerksam. Die Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung geht davon aus, dass bei etwa 20 Prozent aller Kinder Schlafstörungen auftreten. Eine andere Erklärung liefern kanadische Forscher von der University of British Columbia in Vancouver. Demnach wird bei früh eingeschulten Kindern besonders häufig zu Unrecht eine Aufmerksamkeitsstörung diagnostiziert und behandelt. Die Forscher gehen davon aus, dass das im Verhältnis zu den älteren Klassenkameraden unreifere Verhalten irrtümlich als krankhaft angesehen werde.

Das ADHS-Medikament Methylphenidat, besser bekannt unter dem Markennamen Ritalin, wird oft an Kinder in Deutschland verschrieben. Foto: ADHD Center / Flickr (CC BY-NC 2.0)

Ritalin ist eines der bekanntesten Medikamente, mit denen ADHS in Deutschland behandelt wird. Der Konsum des zentralen Ritalin-Wirkstoffs Methylphenidat ist nach Angaben des BfArM 2013 erstmals zurückgegangen.  Foto: ADHD Center / Flickr (CC BY-NC 2.0)

Unabhängig davon, welche Ursachen tatsächlich hinter dem Verhalten steckt, das als ADHS gedeutet wird, seien Eltern Becker zufolge letztlich alle bereit, Medikamente zu Therapiezwecken einzusetzen. Die Präparate, wie Ritalin, sollen dabei den schulischen Abstieg des Kindes verhindern, zitiert Zeit-Online die Erziehungswissenschaftlerin. Insgesamt hat aber die Zahl der Kinder und Jugendlichen zwischen sechs und 17, die mit Medikamenten gegen ADHS behandelt werden, von 2009 bis 2012 nach Angaben der Techniker Krankenkasse um 3,4 Prozent abgenommen. Eine aktuelle Statistik des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) zeigt sogar, dass der Konsum des zentralen Ritalin-Wirkstoffs Methylphenidat im vergangenen Jahr erstmals zurückgegangen ist. Danach wurden 2013 bundesweit 1803 Kilogramm Methylphenidat verbraucht, zwei Prozent weniger als noch 2012. mit dpa

 

Zum vollständigen Interview mit Nicole Becker auf Zeit-Online: Entspannt euch!

Zum Beitrag: Trendwende? Erstmals seit 20 Jahren weniger Ritalin an Kinder verabreicht

Zum Beitrag: Schlafstörungen erzeugen bei Kindern ähnliche Symptome wie ADHS

Zum Beitrag: ADHS-Fehldiagnose betrifft häufig früh eingeschulte Kinder

10 Kommentare

  1. Gerüchteweise hat die Pharmaindustrie die Krankheit AD(H)S erfunden. Schließlich hat es solche Kinder vor 50 Jahren nicht gegeben. Mit AD(H)S kann man erzieherisches Versagen des Elternhauses politisch korrekt erklären. Außerdem ist eine Krankheit für den Lehrer mit sehr viel weniger Arbeit und Ärger verbunden, mehr als ein eventueller Nachteilsausgleich ist nicht nötig. Aus dem gleichen Grund ist die durch Lehrer erkannte LRS-Erkrankung auch sehr viel häufiger als eine tatsächliche LRS-Erkrankung.

    • Sehr wirres Zeug! Was hat ADHS mit LRS zu tun? LRS (falls damit die Lese-Rechtschreib-Schwäche gemeint ist) ist sicher keine Erkrankung, ADHS sicherlich in einigen Fällen schon. Oft ist es in meinen Augen auch nur schlechte Erziehung, aber genau das sagt die Studie ja auch.

      • LRS ist nur ein zweites Beispiel, vollkommen unabhängig von AD(H)S zu lesen. Ein Absatz wäre wäre vielleicht besser gewesen …

        • Eine anerkannte LRS bedeutet doch nur, dass der Schüler in seinen Lese- und Schreibleistungen deutlich hinter den sonstigen Leistungen zurückbleibt. Deshalb wird ein IQ-Test gemacht und ein Lese-Rechtschreibtest und wenn der IQ-Test deutlich besser ist als der LR-Test, wird eine LRS festgestellt. Ein Sinn könnte sein, Schulkarrieren nicht ohne Not zu gefährden (man kann durchaus Abitur machen und dann Chemie studieren, obwohl man nur die Rechtschreibleistung eines schwachen Realschülers hat).
          Das hat doch mit einer Krankheit nichts zu tun. AD(H)S wird aber als Krankheit diagnostiziert und behandelt und ich vermute, bei einem gewissen Prozentsatz ist auch eine Krankheit in irgendeiner Form vorhanden (ganz sicher nicht bei allen).

          • Genau das meinte ich mit meinen Beiträgen inkl. der für alle Beteiligten sehr viel bequemeren Krankheits“privilegien“ nach einem positiv ausgefallenen Schnelltest in der Schule.

  2. Diesen Zusammenhang habe ich schon lange vermutet:

    „Als eine mögliche Ursache für auffälliges Verhalten nennt Becker das Gefühl der Überforderung, das beispielsweise Unterrichtskonzepte auslösen könnten, die ein hohes Maß an Selbstständigkeit verlangen. Einige Kinder müssten dann „zunächst mal lernen, sich zu organisieren und zu konzentrieren.“ Das könne dazu führen, dass sie sich ausklinken und lieber mit etwas anderem beschäftigen.“

    • War nicht eine der herauszubildenden Kompetenzen die Erziehung zur Selbstständigkeit?

      Vielleicht sollten die Eltern (als Personengruppe) aufhören, ihren Kindern etwas zuzutrauen, sie spätestens ab dem zweiten Schultag der ersten Klasse nicht mehr zur Schule bringen bzw. sie abzuholen. Spart nebenbei noch Benzinkosten, ist gut für die Umwelt und die Kinder bewegen sich mehr.

      • Sie haben sich verschrieben. Statt „aufhören“ meinten Sie offensichtlich „anfangen“.
        Es ist wahr: Eltern – aber auch andere Erzieher und „Experten“ – sollten den Kindern mehr zutrauen, sie weniger in Watte packen, ihnen nicht jede Aufgabe abnehmen, nicht Wünsche oder Bedürfnisse vorschnell erfüllen, sie nicht ständig in Schutz nehmen, sondern Auseinandersetzungen durchstehen und entsprechende Erfahrungen wie die von eigener Schuld machen lassen…usw.
        Nur so wird wehleidigen, undisziplinierten und leistungsschwachen Jammergestalten mit großer Klappe vorgebeugt, die kein Unrechtsbewusstsein kennen und von anderen viel, von sich selbst aber wenig verlangen.
        Selbstdisziplin und Vertrauen in das eigene Wissen und Können sind m. E. auch ein guter Schutz vor zeitgenössischen „Krankheiten“ wie dem Zappelphilipp-Syndrom.

      • Mein zitierter Textausschnitt beschreibt aber einen anderen möglichen Zusammenhang. Nämlich eine Überforderung bei selbstständigem Lernen und daraus resultierendem auffälligen Verhalten.
        Das betrifft leider gerade die lernschwachen Kindern, die besondere Unterstützung brauchen. In meiner näheren Umgebung habe ich das bei einem Kind in der GS erlebt. Nach dem Übergang auf die Oberschule (Nieders.), auf der mehr lehrerzentriert gearbeitet wird, gibt’s keine Probleme mehr mit dem Lernstoff, und das Kind blüht regelrecht auf.

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