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Fileccias Stammestrommel: Ich war offline

OBERHAUSEN. „Stammestrommel“, die Medienkolumne von Marco Fileccia, Lehrer in Oberhausen. Heute: Ferien vom Digitalen Ich – ein unfreiwilliges Selbstexperiment.

Ich war offline. Geschlagene zwei Wochen. Unfreiwillig. Ob man das wirklich noch Ferien nennen kann… die Antwort steht ganz unten. Denn einerseits hat es wirklich etwas Meditatives frei jeder digitalen Verführung, andererseits stammte meine letzte bewusst erlebte Phase der Internet-Abstinenz aus dem Jahr als Steffi Graf ihren Rückzug aus dem Profi-Tennis verkündete und beide Ereignisse hatten – ich schwöre – nichts miteinander zu tun.

Ich war tief im Osten Deutschlands und man hatte zeitweilig den Eindruck, das Internet stamme noch aus DDR-Zeiten, was ein Widerspruch in sich ist, denn die DDR hätte das Internet wohl nicht überlebt. Andererseits… sogar Nordkorea hat seit 2010 eine eigene, bunte Internet-Seite: www.korea-dpr.com. Wer weiß, vielleicht hätte Honecker getwittert und Mielke eine Facebook-Fanpage seines Ministeriums eingerichtet…

Derlei schräge Gedanken hat man als Politiklehrer, wenn man am Strand von Usedom statt auf die Ostsee auf den Seitenaufbau 50px/min starrt. Denn das war das eigentliche Problem. Wer es sich vor Augen führen will, darf den „Breitbandatlas“ (der heißt tatsächlich so) des Verkehrsministeriums aufrufen: http://zukunft-breitband.de/Breitband/DE/Breitbandatlas/BreitbandVorOrt/breitband-vor-ort_node.html. Mit Ausnahme von Flecken um die Großstädte (natürlich) Berlin, aber auch Rostock, Leipzig und Dresden gibt es dort kaum Internetzugänge, die mehr erlauben als Bilder in dreistelliger Pixelbreite, von Hardcore-Anwendungen wie HD-Streaming ganz zu schweigen. Da verzichten die Hoteliers und Campingplatzbetreiber und Ferienwohnungsvermieter gerne auf W-LAN für ihre Gäste. Aus technischen, nicht ideologischen Gründen.

Wohin entwickelt sich das Internet? Diese und andere Fragen treibt unseren Kolumnisten Marco Fileccia um. (Foto: privat)

Wohin entwickelt sich das Internet? Diese und andere Fragen treibt unseren Kolumnisten Marco Fileccia um. (Foto: privat)

Neben den weißen digitalen Flecken hat aber der Osten touristisch eine Menge zu bieten. Und hier wird es eng. Die Papier-Zeitungen (die man notgedrungen statt Online-Ausgaben kaufen musste) meldeten für den Sommer Schwierigkeiten der Handynetze, wegen des Ansturms der Urlauber, die fleißig Fotos mit hohem Neidfaktor vom Strand per WhatsApp an die Daheimgebliebenen schicken… wollten. So wie ich.

Wie sehr das Smartphone zur Fernbedienung des Lebens wird, kann man erst ermessen, wenn es nichts mehr fernzubedienen gibt. Denn ein Smartphone ohne Internet-Zugang ist immer noch ein nützliches Spielzeug, aber irgendwie amputiert. Ich hatte mich also damit abgefunden, keine Live-Bilder vom Strand, von Sonnenuntergängen bei Rotwein und üppigen Eisportionen mit lustigen Schirmchen obenauf nach Hause schicken zu können. Und man konnte auch irgendwie damit leben, nicht ständig durch Nachrichten von WhatsApp, oder SMS, oder E-Mail, oder Snapchat oder Twitter gestört zu werden. Ja, es gab mir das Gefühl von Naivität und die Meldungen aus dem Sekretariat würden mich ja schließlich später noch erreichen. Zwischendurch sagte ich es mir aus dem Gedächtnis vor: „Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen, bitte denken Sie daran in den ersten Schultagen…“.

Aber tragisch-schmerzhaft wurde es für mich, sich dem Wetter schutzlos ausgeliefert zu sehen. Keine Wetter-App mit den Vorhersagen der Regenwahrscheinlichkeiten der nächsten drei Tage, kein aktueller Regen-Radar mit Vorhersage wo und wann es wie stark regnen wird. Wie haben Menschen das Jahrtausende lang gemacht?

Oder ein ordentliches Tank-Management? Wie soll es gehen ohne die Tanken-App, die mir sagt, wann jetzt in dieser Sekunde der Sprit am billigsten ist? Oder die Abhängigkeit der vollen Stunde zur Informationsbeschaffung über die Weltereignisse? Also aufpassen, dass man keine Nachrichtensendung im Radio verpasst. Oder das Lokal „Strandblick“ finden können? Das GPS funktioniert auch ohne Internet-Zugang, die dazugehörige Karte nicht unbedingt. Es kam soweit, dass ich mich nach Schildern mit dem fetten „i“ umgeschaut habe, auf denen Stadtpläne abgedruckt waren oder in der „Tourist-Information“ nach einem kostenlosen Stadtplan fragen musste. Zum Glück kann ich so etwas – können Schüler das noch? – lesen!

Ohne Shazam, um Lieder erkennen zu können, keine Bahn-Tickets von unterwegs, kein Quiz-Duell zur Ablenkung, kein Online-Einkauf der Dinge, die einem plötzlich einfallen (habe ich noch ausreichend Rotstifte?), kein Zugriff auf die Dropbox (habe ich ein Arbeitsblatt zur Kompetenzvermittlungskompetenz 2b? oder nicht?) und kein WDR per Streaming (und damit keine Verkehrsmeldungen der A40).

Selten so gut erholt.

 

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