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Lehrer fordern: Politik muss mehr für Flüchtlingskinder tun – sonst haben sie kaum Chancen auf Bildungserfolg

WIESBADEN. Es ist eine riesige pädagogische Herausforderung: Bundesweit müssen Zehntausende Flüchtlingskinder unterschiedlichen Alters, aus verschiedenen Ländern, mit teilweise traumatischen Erfahrungen und oftmals ohne, dass sie auch nur ein Wort Deutsch können, in die Schulen integriert werden. In Hessen hat sich jetzt ein breites Aktionsbündnis formiert, an dem auch Lehrer beteiligt sind. Es fordert: Mehr Lehrer, Deutsch-Intensivkurse und eine längere Schulpflicht für asylsuchende Kinder und Jugendliche. Die Jahrestagung der Landesfamilienminister nahm unterdessen ein besonderes Problem in den Fokus – das der Betreuung von unbegleiteten jugendlichen Flüchtlingen.

Immer mehr Flüchtlingskinder sind in den Schulen zu unterrichten. Foto: VinothChandar / Flickr (CC BY 2.0)

Immer mehr Flüchtlingskinder sind in den Schulen zu unterrichten. Foto: VinothChandar / Flickr (CC BY 2.0)

Im vergangenen Jahr haben mehr als 200.000 Menschen Asyl in Deutschland beantragt – fast viermal so viel wie 2011. In den ersten fünf Monaten dieses Jahres waren es weitere 114.000 Asylsuchende; die Zahl dürfte am Ende des Jahres bei mehr als 300.000 liegen, und viele davon sind Kinder und Jugendliche.

Ende des vergangenen Jahres wurden, so stellte nun die Familienminister der Bundesländer auf ihrer Jahrestagung im saarländischen Perl fest, rund 18.000 junge Flüchtlinge, die ohne Familie nach Deutschland gekommen waren, in der Obhut der Jugendämter oder bei Pflegeeltern, in Wohnheimen und anderen Einrichtungen untergebracht. Allerdings: Bisher würden die Jugendlichen nur in den Jugendämtern weniger Kommunen betreut. Die Folge: Dort ballten sich die Probleme. In Bayern lebten 38 Prozent aller in Deutschland angekommenen „minderjährigen unbegleiteten Flüchtlinge”, in Hessen 14 Prozent. Die Länderminister forderten nun vom Bund, für eine bessere Verteilung zu sorgen.

Die Ministerinnen aus dem Saarland und aus Nordrhein-Westfalen, Monika Bachmann (CDU) und Ute Schäfer (SPD), betonten, es gehe auch darum, die oft traumatisierten Kinder und Jugendlichen optimal zu betreuen und ihnen eine Perspektive zu geben. Daran hapert es offenbar zunehmend. Die schulische Betreuung von jugendlichen Flüchtlingen hat sich im laufenden Schuljahr nach Ansicht von Sozialverbänden verschlechtert – in Hessen jedenfalls. Angesichts steigender Asylbewerberzahlen forderten sie, zusammengeschlossen im Bündnis „Gute Bildung in Hessen“, von der Landesregierung ein Gesamtkonzept zur Bildungsintegration.

Flüchtlingskinder ohne Deutschkenntnisse müssen nach Darstellung der Fachleute oft monatelang warten, ehe sie an einer Schule einen Sprachkurs beginnen können. Die Intensivklassen seien zu groß, um sich jedem einzelnen Schüler ausreichend widmen zu können. Noch schlechter sehe es für Heranwachsende aus, die wegen ihrer Flucht die Schule verpasst haben und nun schon älter als 18 Jahre sind. Für sie sei gar kein Recht auf Schulbesuch vorgesehen. Dabei gelte der Grundsatz, so meinten der Chef des Länderausländerbeirates, Enis Gülegen, Inge Müller von der LAG Jugendsozialarbeit und die GEW-Landesvorsitzende Birgit Koch in Wiesbaden: Je früher und intensiver mit der Integration von Seiteneinsteigern begonnen werde, desto eher könnten bei den Kindern und Jugendlichen Frust vermieden und Lernerfolge erzielt werden. Schwarz-Grün stelle aber zu wenige Mittel für dies Aufgabe bereit.

Diese Kritik wies das Kultusministerium zurück. «Hessen investiert in den Bereich der Deutschfördermaßnahmen im laufenden Schuljahr so viel Geld wie nie zuvor», sagte ein Sprecher. Die Zahl der Lehrerstellen für diese Kurse sei noch einmal um 50 auf 350 aufgestockt worden.

Gülegen allerdings unterrichtet selbst als Lehrer in Frankfurt Deutsch in Intensivkursen – und er hat andere Erfahrungen. Nach seinen Angaben hat sich die Wartezeiten für die Aufnahmen dieser Kinder an den Schulen deutlich verlängert. Sie bewegten sich in der Finanzmetropole zwischen sechs Wochen und drei Monaten. Dazu komme, dass Flüchtlinge vorher oft wochenlang auf ein Gesundheitszeugnis warten müssten.

Außerdem sei die Zahl der Unterrichtsstunden in den Klassen für intensives Deutschlernen von 28 auf 25 gekürzt worden. Es gebe daher dringend Handlungsbedarf, betonte Gülegen. «Sonst schicken wir diese Kinder direkt in die unteren Berufsschichten.» Er sprach sich dafür aus, diese Intensivkurse viel mehr an Gymnasien anzusiedeln, da viele Zuwandererkinder dieses Potenzial hätten. Die Absenkung der Stundenzahl sei nötig gewesen, um möglichst viele Intensivklassen einrichten zu können, hielt ein Sprecher von Kultusminister Alexander Lorz (CDU) dagegen.

Das Bündnis, an dem sich große Sozialwerke wie Caritas, AWO, Diakonie und der Landesverband der Jüdischen Gemeinden beteiligen, sprach sich für das Recht auf einen Schulbesuch für die 16 bis 21 Jahre alten Zuwanderer auch über die Schulpflicht hinaus aus. Bei weniger als acht Jahren Schule im Herkunftsland sollte sich das Recht auf den Schulbesuch auf das 27. Lebensjahr verlängern. «Wenn wir für diese Gruppe die Schulpflicht auf 18 Jahre begrenzen, vergeben wir viele Chancen», betonte Koch.

Das Bündnis befürwortete das erst am Dienstag von der Landesregierung verkündete Programm zur Sprachförderung von jungen Flüchtlingen im Alter 16 bis 18. Dass nur 150 Lehrerstellen und 26 Posten für Sozialpädagogen für das flächendeckende Angebot bereitgestellt werden sollen, sei aber viel zu wenig, betonten Koch und Gülegen. Zudem gebe es keine neuen Stellen für das Programm, das bei den Berufsschulen angesiedelt werden soll. «Diese Stellen werden bei den Grundschulen und Oberstufen geklaut», kritisierte die Gewerkschafterin. News4teachers / mit Material der dpa

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