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Nicht nur „essen was auf’s Tablett kommt“ – Wie Schüler zum Schulessen verführt werden können

STUTTGART. Besonders im Südwesten nehmen nur wenige Schüler das Mittagessensangebot an Schulen wahr, ermittelten Hamburger Wissenschaftler. Dabei komme dem Mittagessen mit dem Ganztagsschulausbau zunehmende Bedeutung zu und schon jetzt geht ein Drittel aller Kosten im Gesundheitswesen auf das Konto ernährungsbedingter Erkrankungen. Mit einer stärkeren Beteiligung von Schülern sowie regelmäßigen Umfragen zur Zufriedenheit können Mensenbetreiber für mehr Akzeptanz sorgen, raten Experten.

Schüler wollen nicht immer nur Pizza, Pasta und Pommes essen – Salatbuffets haben durchaus Chancen in Schulmensen. Die Schüler würden sich am liebsten ihr Menü individuell zusammenstellen, aber die Wahl einzelner Komponenten sei an den wenigsten Schulen möglich, erläuterte die Leiterin einer Studie zum Schulessen, Ulrike Arens-Azevedo. Nach ihren Angaben bieten dies im Südwesten nur 7,1 Prozent (Bund: 7,6) Prozent aller Schulträger bei den weiterführenden Schulen an und nur knapp vier Prozent an den Grundschulen wie im Bund.

Zunehmende Erwerbstätigkeit von Frauen macht gesunde Ernährung von Kindern außer Haus immer wichtiger. Experten fordern, dass Kinder und Jugendliche mehr Einfluss auf den Speisezettel bekommen. Foto: calaggie Flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Zunehmende Erwerbstätigkeit von Frauen macht gesunde Ernährung von Kindern außer Haus immer wichtiger. Experten fordern, dass Kinder und Jugendliche mehr Einfluss auf den Speisezettel bekommen. Foto: calaggie Flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Möglicherweise wäre die freiere Auswahl ein Lockmittel, denn der Anteil der Kinder, die im Südwesten in ihren Schulen zu Mittag essen, ist unterdurchschnittlich. Laut der Studie der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg werden 40 Prozent aller Grundschüler und 21 Prozent der Schüler an weiterführenden Schulen in der Schulmensa verpflegt. «Das ist zu wenig», meinte Arens-Azevedo bei einer Tagung des Verbraucherministeriums. Starke Konkurrenten zum Schulessen seien der familiäre Mittagstisch sowie der Supermarkt.

Der Südwesten liegt mit diesen Werten im Bundesvergleich auf den hinteren Plätzen. Bremen ist bei den Grundschülern mit einer Teilnahmequote von 94 Prozent, Berlin mit einem Anteil von 57 Prozent bei den Schülern weiterführender Schulen Spitzenreiter. Dabei gewinnt das Mittagessen im Südwesten mit dem Ausbau der Gemeinschaftsschulen, die immer Ganztagsbetrieb haben, und der Ganztagsschulen immer mehr an Bedeutung.

Die Schüler im Südwesten geben ihren Mittagessen-Angeboten nur mittelmäßige Noten: Auf einer Skala von eins (sehr gut) bis fünf (sehr schlecht) erhalten die Grundschulen im Schnitt eine 2,6 (Bund: 2,5), die weiterführenden Schulen eine 2,6 wie im Bund.

Dennoch zahlen die Familien sowohl in den Grund-, als auch in den weiterführenden Schulen mehr für ihr Essen als in den meisten anderen Bundesländern. Der Verkaufspreis liegt nach Angaben der Schulträger bei mehr als drei Euro in den Grundschulen und bei 3,25 Euro in den weiterführenden Schulen. Im Bundesschnitt beträgt der Preis 2,83 Euro an Grundschulen und 3,05 Euro an weiterführenden Schulen. Am billigsten kommen die Schüler dank hoher Zuschüsse der öffentlichen Hand in Bremen weg. Sie zahlen 1,50 Euro pro Mahlzeit.

Vielleicht würde den Schülern ihr Essen besser schmecken, wenn sie beim Erstellen des Speiseplans mitreden dürften. Bei der Beteiligung ist im Südwesten noch besonders viel Luft nach oben: Hier werden nur 7,9 Prozent der Schüler einbezogen, im Bundesschnitt 12,3 Prozent. Fragt man die Schüler selbst, wollen sie zumindest eine «Motz- und Wunschbox». Klar ist laut der Hamburger Studie allerdings, was Schüler gar nicht mögen: Ganz oben auf der Liste der «Ätzgerichte» steht der Spinat, gefolgt von Suppen, Fisch und Kartoffeln.

«Mit einer stärkeren Beteiligung von Schülern sowie regelmäßigen Umfragen zur Zufriedenheit können Mensenbetreiber für mehr Akzeptanz sorgen», unterstrich auch der Amtschef des Verbraucherministeriums, Wolfgang Reimer. Er machte mit Blick auf das Motto der Tagung «Gutes Schulessen zahlt sich aus» auf die Folgen ungesunder Ernährung von Kindern und Jugendlichen aufmerksam. Etwa ein Drittel aller Kosten im Gesundheitswesen würden durch ernährungs(mit)bedingte Erkrankungen verursacht wie beispielsweise Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes mellitus, Fettstoffwechselstörungen und orthopädische Beschwerden.

Das Land fördert gesunde Schulspeisung über die Vernetzungsstelle Kita- und Schulverpflegung. Diese Einrichtung berät Schulen und Schulträger und erhält vom Land in diesem Jahr 200 000 Euro.

Was kommt in den Schulen auf den Mittagstisch?

Das Kochen in Schulen ist im Südwesten die Ausnahme. Nur in jeder zehnten Schule mit Mittagstisch stellen eigene Küchen das Essen bereit. Die meisten (56,3 Prozent) überlassen Lieferanten die Verpflegung. Laut weiteren Angaben aus einer Studie der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg greift ein Drittel auf Tiefkühlkost oder auf nach dem Cook&Chill-Verfahren verarbeitete Speisen zurück. Diese werden dann vor Ort aufgewärmt.

In der Mehrheit der Fälle stehen den Schülern zwei Menüs zur Auswahl (66,7 Prozent der Schulträger von Grund- und 71,4 Prozent der weiterführenden Schulen). Der Anteil der Angebote mit nur einem Menü liegt an Grundschulen bei 14,8 Prozent und an weiterführenden Schulen bei 3,7 Prozent. Mehr als zwei Menüs zur Auswahl stellen 14,8 Prozent der Schulträger bei den Grundschulen bereit, 17,8 Prozent bei Haupt-, Realschulen und Gymnasien. Obwohl bei Schülern am beliebtesten offerieren eine freie Auswahl verschiedener Speisen nur 3,7 Prozent der Schulträger in den Grundschulen an und 7,1 Prozent in den weiterführenden Schulen.

42 Prozent der Schulträger haben vertraglich festgelegt, dass die Speisen den Qualitätsstandards der Deutschen Gesellschaft für Ernährung entsprechen. Allerdings fehlt es an der Durchsetzung, denn nur 15 Prozent haben eine Qualitätskontrolle vereinbart. Kriterien für die Auswahl der Anbieter sind Qualität, Preis, Handhabung von Bestellung und Abrechnung sowie Referenzen.

Fast 60 Prozent aller Schulen mit Mittagstisch verwenden Bioprodukte, 87,5 Prozent regionale Produkte. Interessant ist, dass die Bundesländer ihren Kinder ganz unterschiedlich viel Zeit für das Mittagessen geben. Mehr als 70 Prozent aller Kinder im Südwesten erhalten mehr als 45 Minuten, um sich zu stärken. In Berlin, Sachsen-Anhalt und Thüringen muss sich jeweils ein vergleichbar hoher Anteil mit 20 bis 30 Minuten begnügen. Eine Besonderheit ist im Südwesten, dass in 72 Prozent der Schulen Lehrkräfte den Mittagstisch begleiten – deutlich mehr als im Bundesschnitt. An den Mensen kritisieren die Schüler vor allem mangelnde Gemütlichkeit und – den selbst verursachten – hohen Geräuschpegel. (Julia Giertz, dpa)

• zur Studie: „Qualität der Schulverpflegung“ (Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg)

• zum Bericht: Servicestelle: Schulessen ist zu billig, um gut zu sein
• zum Bericht: Schulessen ist zu schlecht – Foodwatch fordert: Ergebnisse von Kontrollen bei Caterern offenlegen

2 Kommentare

  1. Das Essen würde erheblich besser werden, wenn es durch städtische Betriebe ohne Gewinnstreben gekocht werden würde. Denn bei EUR 3,- pro Mahlzeit inkl. Steuern, Lohnkosten und Gewinnmarge bleibt nicht viel als Tütenkram übrig. Daran hat die Kommune als Schulträger aber weder das Geld noch Interesse. Schüler sind ja keine Wähler.

    • Es gibt keine Betribe ohne Gewinnstreben. Nicht einmal städtiche Eigenbetribe oder gemeinnützige Gesellschaften können sich das erlauben. Der Gewinn darf nur nicht so hoch ausfallen, weil ansonsten kommerzielle Anbiter lauthals schreien, dass sei Wettbewerbsverzerrung.

      Fällt hingegen der Zuschuss zum laufenden Betrieb aus öffentlichen (Steuer-)Mitteln zu hoch aus, schreit jeder: „Typisch ÖD, die können nicht mit Geld umgehen:“

      De facto ist einschließlich aller Kosten eine Mittagsverpflegung für 3 EUR nicht leistbar. Convinience-Produkte sind gar nicht so schlecht, wie sie hier dargestellt werden. Essen in jeder Schule zu kochen, ist eine wirtschaftliche Unsinnigkeit. Bleibt nur die Möglichkeit im sogenannten Cook-and-chill-Verfahren Essen vorzubereiten und im Nachhinein vor der Essensausgabe in Konvektomaten (Dampgherden) „aufzuwärmen“. Werden die Betriebe, die das Essen erzeugen, als gemeinnützige Inklusionsbetriebe geführt, haben sie eine reelle Chance auf Zuschüsse zu den Personalkosten durch die Öffentliche Hand.

      Bleibt noch das Problem der Essensausgabe, die wohl nur kostengünstig funktionieren kann, wenn sie durch Freiwillige oder Geringbeschäftigte erfolgt.

      Im übrigen finde ich, dass genauso wie bei Dienstreisen, den Erziehungsberechtigten ein Eigenanteil an der Mittagsverpflegung anzurechnen ist, und der rest aus steuermitteln bezuschusst werden sollte.
      Also 3,00 EUR von den Eltern und weitere 1,50 EUR aus öffentlichen Mitteln. Für 4,50 EUR lässt sich eine ausgewogene, abwechslungsreiche Mittagsverpflegung organisieren. 60 EUR für die Mittagsverpflegung im Monat sollten die Kinder ihren Eltren schon wert sein. Die Mehrzahl der Eltern sind übrigens Steuerzahler und keine Empfänger von staatlichen Transferleistungen. Denen sollte im gegenzug zugestanden werden die Kosten für den erhöhten Verpflegungsaufwand ihrer Kinder steuerlich in Abzug zu bringen. Den eigenen Aufwand können sie ja auch steuermindernd ansetzen.

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