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Flüchtlingskinder: GEW fordert mehr Lehrer – und schlägt notfalls Einsatz von Pensionären vor

OSNABRÜCK. Rund 400.000 Flüchtlingskinder werden in diesem Jahr wohl in die deutschen Schulen kommen, schätzt GEW-Chefin Marlis Tepe. Und sie fordert die Politik zum Handeln auf: Die Länder müssten mehr Lehrerinnen und Lehrer einstellen, nötigenfalls auch pensionierte Pädagogen zum Einsatz bringen. Der Bund habe finanzielle Unterstützung zu leisten. Der VBE stößt ins gleiche Horn.

Syrisches Flüchtlingskind. Foto: MaximillianV / flickr (CC BY 2.0)

Syrisches Flüchtlingskind. Foto: MaximillianV / flickr (CC BY 2.0)

„Die Politik soll Ressourcen in die Hand nehmen und mehr Geld in die Länder überweisen. Warten ist nicht der richtige Weg“, sagte Tepe in einem Interview mit der „Neuen Osnabrücker Zeitung“. Von den 800.000 für das Jahr 2015 erwarteten Flüchtlingen seien rund die Hälfte Kinder, die der Schulpflicht unterlägen, erklärte die GEW-Vorsitzende gegenüber dem Blatt. Um der Lage gerecht zu werden, verfügten die Länder über zu wenige Lehrkräfte. Wenn sich auf dem Arbeitsmarkt nicht genügend Bewerber finden ließen, sei es eine Möglichkeit, auf pensionierte Lehrkräfte zurückzugreifen, meinte Tepe.

Auch langfristig sei das Problem in den Blick zu nehmen: So müssten Lehrer besser ausgebildet werden, um neu angekommene Flüchtlingskinder, so genannte Seiteneinsteiger, in die Schulen zu integrieren. Schon angehende Lehrkräfte sollten im Studium auf die Herausforderungen vorbereitet werden. Heißt konkret: Nicht nur Deutschlehrer sollten wissen, wie sie Schülern die deutsche Sprache näher bringen können. „In jedem Fach sollte Sprachförderung ein wichtiges Thema sein“, forderte Tepe. In Sprachlernklassen komme es teilweise vor, dass die Schüler acht verschiedene Sprachen sprechen – eine große Herausforderung für die Lehrer. Damit sie jedem einzelnen Kind gerecht werden könnten, sollte in derartigen Klassen die Zahl der Schüler nicht höher als 15 liegen, forderte die GEW-Vorsitzende.

Den Flüchtlingskindern die deutsche Sprache beizubringen, sei jedoch nicht die einzige Kompetenz, über die Lehrer verstärkt verfügen sollten. Da viele Schüler aus Krisenländern stammten und durch die Geschehnisse in der Heimat traumatisiert seien, müssten Lehrkräfte auch psychologisch geschult sein, meint die Gewerkschafts-Chefin.

Auch der VBE fordert mehr Ressourcen, um der wachsenden Zahl von Flüchtlingskindern begegnen zu können. Mit Blick auf Nordrhein-Westfalen meint VBE-Vorsitzender Udo Beckmann: Die Landesregierung agiere zu kurzatmig. Die Schulen lebten immer noch von der Hand in den Mund. Beckmann: „Klassen permanent aufzustocken, damit die Kinder aus den Kriegsgebieten zu ihrem Recht auf Bildung kommen, kann keine Dauerlösung sein.“

Der VBE-Vorsitzende erwartet von der Landesregierung längerfristige Lösungen. „Die Zahl der Flüchtlinge wird in der nächsten Zeit eher zu- als abnehmen – die Schulpolitik muss darauf reagieren und bereits jetzt Maßnahmen in die Wege leiten, die auf lange Sicht eine optimale Beschulung von Flüchtlingskindern möglich machen.“ Dazu gehöre es auch, die Schülerzahlprognose anzupassen, die die Basis für den Schulhaushalt bildet. Die Ressourcen müssten dringend angepasst werden, damit die regulären Klassen, die die Flüchtlingskinder aufnehmen, nicht das Nachsehen hätten. „Das Land muss dem Bildungsanspruch aller Kinder gerecht werden. ‚Stamm-Schüler‘ und Flüchtlingskinder dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden“, betont Beckmann.

Damit die Flüchtlingskinder in ihrer neuen Heimat schnell ankommen, werde ein interdisziplinäres Netzwerk benötigt, so Beckmann weiter: „Die Kinder, die – oft unbegleitet – nach Deutschland kommen, stammen aus verschiedenen Bildungsschichten. Einige können nicht lesen und schreiben, oder sie beherrschen andere Schriftzeichen, die in Deutschland nicht üblich sind. Einige sind traumatisiert von den Erlebnissen in ihrem Heimatland und auf der Flucht. Diese Kinder brauchen Dolmetscher, Psychologen und Schulsozialarbeiter, die mit ihnen Hemmschwellen abbauen und konkrete Hilfestellungen geben können.“ Mit befristeten Sonderprogrammen sei das nicht zu machen, stellt Beckmann klar, Nachhaltigkeit sei auch hier wichtig. Dazu gehöre, junge Menschen mit Migrationshintergrund für den Lehrerberuf zu gewinnen.

„Schulen fühlen sich mit der Sicherstellung der Beschulung von Flüchtlingskindern weitgehend allein gelassen“, so Beckmann, „dies umso mehr, da sie auch in der Frage des gemeinsamen Unterrichts von behinderten und nichtbehinderten Kindern nach wie vor die notwendige Unterstützung vermissen.“ news4teachers

Zum Bericht: Evangelische Schulen wollen Flüchtlingskinder aufnehmen – Aber: „DaF-Lehrer sind Mangelware“

3 Kommentare

  1. Den Forderungen kann ich mich voll anschließen.
    „Klassen permanent aufzustocken, damit die Kinder aus den Kriegsgebieten zu ihrem Recht auf Bildung kommen, kann keine Dauerlösung sein.“ So ist es bei uns in der Vergangenheit geschehen. Das ist unbefriedigend, da die Deutschkenntnisse mit ganz wenig Differenzierungsstunden von ehrenamtlichen Helfern und einem Deutschförderkurs von einer Stunde in der Woche nur langsam vorangehen. Ich erinnere mich an ein Kind aus einem Kriegsgebiet, das plötzlich bei einer Klassenfahrt schlecht Luft bekam (wahrscheinlich psychisch bedingt durch die Erlebnisse), das aber nicht mit uns auf deutsch darüber kommunizieren konnte, obwohl es schon fast ein Jahr in Deutschland war. Auch auf dem Pausenhof fallen mir Kinder auf, die schon länger hier sind, aber wenig mit uns kommunizieren können.
    In Bezirken, wo es in der Vergangenheit mehr Aylsuchende gab, wurden speziellen Klassen für solche Kinder eingerichtet, doch dies scheint sehr schwierig bzw. anstrengend für eine Lehrkraft zu sein, da die Klassenstärke viel zu hoch ist.
    Vielleicht müsste man kleine Gruppen bilden, die zuerst einmal einen intensiven Deutschunterricht erhalten um in den Regelklassen gut mitzukommen und sich bei Alltagsdingen ausdrücken können. Hier könnte ich mir vorstellen, dass geschulte Kräfte dazu bereit sind, wenn sie es z.B. mit nur 5-8 Kindern zu tun haben. Diese verlieren vielleicht erst einmal ein Jahr, aber sie hätten einen besseren Start, denn einfach Kinder in eine Klasse zu stecken und darauf hoffen, dass die Lehrkraft dies durch Differenzierung hinbekommt, ist Utopie.
    Wichtig wäre für jedes Kind eine Art psychologische Erstbetreuung oder zumindest eine entsprechende Unterweisung der Eltern.

  2. Und damit nicht jede Schule wieder von vorne und alleine Konzepte und Materialien entwirft:
    – Elternbriefe, die an zentraler Stelle in ganz viele Sprachen übersetzt werden und selbstverständliches Erklären (Anmeldung, Schule, Klasse etc.)
    – Materialien für den Unterricht – ZENTRAL angeboten und für alle Schulen zugänglich
    – Hotline oder Mail-Adresse ZENTRAL, bei der es Hilfe gibt für Übersetzungen und genau DA kann man auch Psychologen zur Verfügung stellen, die bei Traumata u.a. helfen können und deren Informationen dann auch gleich mit übersetzt werden

    Meiner Meinung nach kann die KMK GEMEINSAM solche Projekte auf die Beine stellen, gemeinsam finanzieren und gemeinsam daran teilhaben. Das sollte im digitalen Zeitalter möglich sein.

    Und natürlich beinhaltet das Wort „Soforthilfe“, dass man sich jetzt kümmert, die Lehrkräfte brauchen nämlich die Unterstützung.

    (Ich bin kein Anhänger des Zentralismus, aber ich bin es leid, dass sich jede Lehrkraft selbst um diese Dinge bemühen muss und immer allein damit steht.)

    • wieso soll das ministerium bzw. die kmk geld ausgeben, wenn die lehrer das auch unbezahlt selber machen oder aus eigener Tasche bezahlen? nein sagen dürfen sie nicht und die vorbereitung lassen sie aus angst um das kindeswohl bzw. aus berufsehre nicht weg. besonders auf letzteres können sich die Länder verlassen.

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