Startseite ::: Leben ::: Nach fünf Jahren Schweigen – Hartmut von Hentig äußert sich zum Odenwald-Skandal: „Schweres Unrecht“

Nach fünf Jahren Schweigen – Hartmut von Hentig äußert sich zum Odenwald-Skandal: „Schweres Unrecht“

BIELEFELD. Ein wichtiger Pädagoge wird 90 Jahre alt. Hartmut von Hentig hat mit seinem Lebenswerk die Schullandschaft in Deutschland verändert. Seit ein paar Jahren liegt allerdings ein Schatten auf seinem Wirken. Jetzt äußert er sich dazu.

Galt als renommiertester Pädagoge in Deutschland: Hartmut von Hentig, hier auf einem Foto von 1972. Sein Freund Gerold Becker leitete die Odenwaldschule (großes Foto) – und war einer der Haupttäter im Missbrauchsskandal. Fotos: Jakob Montrasio / flickr (CC BY 2.0) / Bundesarchiv, Engelbert Reineke / Wikimedia commons (CC-BY-SA)

Galt als renommiertester Pädagoge in Deutschland: Hartmut von Hentig, hier auf einem Foto von 1972. Sein Freund Gerold Becker leitete die Odenwaldschule (großes Foto) – und war einer der Haupttäter im Missbrauchsskandal. Fotos: Jakob Montrasio / flickr (CC BY 2.0) / Bundesarchiv, Engelbert Reineke / Wikimedia commons (CC-BY-SA)

Er wird in einem Atemzug genannt mit Johann Heinrich Pestalozzi oder Maria Montessori. In dem 2010 erschienenen Buch «Zeitgemäße Klassiker der Pädagogik» steht der Name Hartmut von Hentig ebenso auf dem Buchtitel wie Martin Buber oder Friedrich Nietzsche. Er gilt als Vordenker der Gesamtschule. Seit ein paar Jahren gibt es allerdings einen Schatten: den Skandal um sexuellen Missbrauch an der 2015 geschlossenen Odenwaldschule. Sein enger Freund Gerold Becker (1936-2010) war dort lange Leiter. Vor seinem 90. Geburtstag am 23. September äußert sich Hentig erstmals wieder.

Zuletzt hat sich von Hentig dazu vor fünf Jahren in Medien erklärt. Jetzt bezeichnet er es als Fehler, sich damals nicht deutlicher ausgedrückt zu haben. In einem Briefwechsel mit der Deutschen Presse-Agentur schreibt von Hentig: «Sexuelle Handlungen an, mit und vor Kindern sind falsch, auch wenn sie mit deren Einwilligung geschehen. Wer sie vollzieht, begeht ein schweres Unrecht, für das es keine Entschuldigung gibt. Sie werden „abscheulich“, wenn Täuschung, Gewalt und Erniedrigung im Spiel sind.»

Von Hentig zog Anfang der 90er Jahre vom westfälischen Bielefeld nach Berlin. Dort wohnte er mit dem 2010 gestorbenen Ex-Schulleiter Becker in einem Haus, aber in zwei Wohnungen. Von Hentig wurde Mitwissertum vorgeworfen. Er bestreitet das. Becker stand in den 70er und 80er Jahren an der Spitze der Schule.

Der dpa schreibt von Hentig, dass es für ihn bis zum Jahr 2010 keinen Grund gegeben habe, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Das Thema sexuelle Übergriffe in der Schule sei für ihn neu gewesen. «Die kindlichen und jugendlichen Opfer der Straftaten haben mein tiefes Mitgefühl. Keines von ihnen hat seinen Schulleiter „verführt“ – dies habe ich auch nie behauptet, wie man mir unterstellt. Es war ein Fehler, dies nicht immer schon als Erstes gesagt zu haben.»

Bei «Spiegel Online» stellte von Hentig bereits 2010 klar, dass Becker kein Lebensgefährte, sondern Freund und Nachbar gewesen sei. Der Pädagoge betont heute, dass er damals mehrfach falsch zitiert und verstanden worden sei. Rechtfertigen will er sich aber nicht. «Wenn mein Lebenswerk nicht für mich einsteht, wird das die Richtigstellung von Zitaten gewiss nicht bewirken», teilt er mit.

Das Lebenswerk des Pädagogen von Hentig umfasst fast 70 Buchveröffentlichungen (etwa «Wie hoch ist die Höhere Schule?», 1962). Nachdem von Hentig 2010 in den Sog des Odenwald-Skandals geriet, wurde es ruhiger um den in Posen geborenen von Hentig. Er schrieb weiter, allerdings für die Schublade, wie er bedauert. Die Verlage wollten seine Werke nicht mehr drucken.

Seine Ideen sind eng verbunden mit einer neuen Schullandschaft in Deutschland. Schule sollte nicht trennen, Inklusion zählte für von Hentig von Anfang an dazu. Lernen durch Verstehen und die Trennung von strikter Notengebung basieren ebenso auf seinen Überlegungen wie die Gesamtschule.

Die Schule sollte nicht nur ein Ort sein, wo Kinder und Jugendliche in Hauptschule, Realschule oder Gymnasium Lernstoff vermittelt bekommen, sondern als Modell stehen für das Leben in der Gesellschaft.

Als eines seiner Hauptmotive für sein lebenslanges Interesse an der Pädagogik nennt von Hentig das Verhindern eines zweiten 1933, also einer Machtübernahme von Nazis. Eine zeitgemäße Pädagogik sollte dazu beitragen, einen neuen Faschismus zu verhindern.

Wofür steht der Reformpädagoge und Latein-Lehrer von Hentig? «Nichts lehren, was mir selber nicht wichtig ist», lautet einer seiner Grundsätze. Schüler sollten etwas erfahren und nicht bloß belehrt werden («Erkennen durch Handeln»).

An der Uni Bielefeld gründete von Hentig 1974 die Laborschule und das Oberstufenkolleg. Mit diesen staatlichen Versuchsschulen revolutionierte er die Bildungslandschaft der Bundesrepublik. Mit seiner Forderung, dass Lehramtskandidaten – vergleichbar mit angehenden Ärzten an Unikliniken – im Studium auch direkt Praxis üben und unterrichten, setzte sich der Professor allerdings nicht durch. Von Carsten Linnhoff, dpa

Zum Bericht: Stiftung entzieht Hentig den Comenius-Preis

Zur Nachricht: Missbrauchsbeauftragter Rörig: Übergriffe an Odenwaldschule aufarbeiten

Zum Interview: „Es gab keine Regeln“ – „Die Auserwählten“-Regisseur war selbst an der Odenwaldschule

22 Kommentare

  1. Noch nie war ich von einem „Vorbild“ so enttäuscht wie von Hartmut von Hentig. In den 80er Jahren habe ich mich sehr viel mit ihm beschäftigt, bin in Vorträge gegangen und seine Reformpädagogik war ein Teil meiner Zulassungsarbeit. Als rauskam, dass er lange der Lebensgefährte des Odenwald-Schulleiters Becker und somit auch bestimmt etwas von den „Vorgängen“ dort wusste war, habe ich jegliche Achtung verloren.

    • Hallo, Mississippi !
      im Jahr 2007 ging ich nach 37 Lehrerjahren – davon 19 Jahre als Konrektor an einer GHWRS- in Pension. Während meines Studiums an der Päd. Hochschule Freiburg (1967 -1970) wurde uns Lehramtsstudenten Hartmut von Hentig als Lichtgestalt und Koryphäe mit stetigem Nachdruck und Überzeugung vermittelt, sozusagen „um die Ohren gehauen“! Ganz oben stand er auf der Literaturliste. Der Reformpapst schlechthin. Weihnachten 2007 wollte mir meine Tochter mit der Biografie Hartmut von Hentigs ( auf Empfehlung der Buchhandlung) eine Freude machen.
      Beim Lesen jedoch schlichen sich allmählich Zweifel ein, vor allem sein Urteil über sich selbst: eine einzige Selbstbeweihräucherung, manchmal subtil, aber meistens offen ausgedrückt. Gerold Becker hinten und vorne, u.s.w. Vor allem das Kapitel:“ irritierte mich, ebenso das Schlusskapitel:. Dann kam 2010 der Missbrauch an der OWS ans Tageslicht. Ich griff erneut zu dieser Autobiografie und mit einem Schlag taten sich Abgründe auf! Maßlose Enttäuschung und Entsetzen. Das „Vorbild“ stürzte ab ins Bodenlose. Die Verlage reagierten mit Ablehnung, er schreibt für die Schublade. Auf ebay kann man seine Schriften zu „Flohmarktpreisen“ erstehen. Hentig aber schreibt: „Mein Freund bleibt mein Freund.“ Er hielt Gerold Becker bis zu dessen Tod 2010 die unverbrüchliche Treue! Heißt nicht ein Sprichwort: “ Sage mir, mit wem du umgehst und ich sage dir, wer du bist!“ Siehe auch mein Kommentar vom 06.Oktober2915.
      Mit freundlichen Grüßen
      Ottmar Wenger

      • Hallo Mississippi,

        habe leider beim Tippen meiner Antwort vom 06.10.2015 einen Halbsatz gelöscht!
        Es muss heißen: Vor allem das Kapitel > Der pädagogische Onkel< irritierte mich,..

        MfG
        Ottmar Wenger

      • Hallo Ottmar Wenger,

        Da haben wir ähnliche Erfahrungen. Ich habe in den 80er Jahren in Bayern studiert, da wurden auch die Odenwaldschule und die Reformpädagogik angepriesen. Schade, dass einzelne Menschen so viel kaputt machen können.

    • Hallo Mississippi,
      der ganze Satz ging daneben. Es muss heißen: : Vor allem das Kapitel > Der pädagogische Onkel Ein alter Mann in Berlin<.

      MfG
      O.Wenger

  2. Hentigs erste Stellungnahmen zum Odenwald-Skandal vor ein paar Jahren erinnere ich als sehr, sehr beschönigend. Sind er und Becker nun „Lebensgefährten“ im vielfältigen Sinn oder nicht? oder ist es nicht wünschenswert, das genauer zu wissen?

    • Hallo,
      Sie fragen sich,ob Hentig und Becker „Lebensgefährten“ im vielfältigen Sinn waren. Ja, das waren die beiden.
      Hartmut von Hentig zitiert in seiner Autobiografie Gerold Becker so oft wie keine andere Person. Er gerät geradezu ins Schwärmen. Er nennt Gerold Becker „mein engster und ausdauerndster Freund“. Ich verweise auf meinen Kommentar vom 05.Oktober 2015.

      Mit freundlichen Grüßen
      Ottmar Wenger

  3. «Sexuelle Handlungen an, mit und vor Kindern sind falsch, auch wenn sie mit deren Einwilligung geschehen. Wer sie vollzieht, begeht ein schweres Unrecht, für das es keine Entschuldigung gibt. Sie werden „abscheulich“, wenn Täuschung, Gewalt und Erniedrigung im Spiel sind.»

    Bitte genau lesen. Hätte Hartmut von Hentig geschrieben: „“Sie werden „abscheulich“, WEIL Täuschung, Gewalt und Erniedrigung im Spiel sind““… dann hätte ich ihm die späte Einsicht vielleicht sogar abgenommen. So liest sich das aber wie eine dieser unzähligen, kognitiv verzerrten Ergüsse auf den einschlägigen Homepages. Nur eleganter. Die Beschreibung für entsprechende Aktivitäten, für das ein „F“-Wort benutzt wird, dem ein „lieb“ voran gestellt ist. Nur hat es mit nichts so wenig zu tun wie mit Liebe.
    Aber Eines muss ich Hartmut von Hentig lassen: sprachlich auf jesuitischem Niveau. Wer auf sowas steht, sollte sich dran erfreuen. Ich tue es nicht. Ich hatte frühzeitig genug mit dem Pädopack zu tun.

    Angelika Oetken, Berlin-Köpenick, eine von 9 Millionen Erwachsenen in Deutschland, die in ihrer Kindheit und/oder Jugend Opfer schweren sexuellen Missbrauchs wurden

    • Ich stolpere über den Teil: …“ auch wenn sie mit deren Einwilligung geschehen“…
      Hier ist der Denkansatz schon falsch. Ein Kind ist in seiner Entscheidung nie frei, wenn es manipuliert ist.

      • Ein Kind ist doch gar nicht in der Lage, überhaupt eine freie Entscheidung darüber zu treffen, ob es sich auf irgendwelche sexuellen Aktivitäten mit einem Erwachsenen oder Jugendlichen einlassen sollte oder nicht. Es kann sich weder die Dynamiken, die Sexualität annehmen kann vorstellen, noch welche Folgen das langfristig hat.
        Das mit der „Freiwilligkeit“ ist ein Klassiker der Scheinargumente, die Pädo“phile“ anführen, wenn es um ihre sexuellen Kontakte zu Kindern geht. Und kaum etwas veranschaulicht mehr, wo es bei diesen Leuten hakt. Sie projizieren eigene Ambitionen auf andere. Sind unfähig, zwischen sich und anderen wirklich zu unterscheiden. Folge der frühkindlichen Beziehungsstörung, welche die Grundlage für diese schwere psychiatrische Erkrankung bildet.

  4. Ex-Odenwaldschüler

    Der Mann will seine Biographie retten.Der schöne Schein ist bei der protestantischen Mafia wichtig und lügen haben die spätestens ab 1945 gelernt….waren ja alle mehr oder weniger im Widerstand….hahaha…

  5. Ex-Odenwaldschüler

    und dann später unter der Bettdecke von Kindern und Jugendlichen…und dann weiter gelogen bis in Grab hinein Goethe zitierend…was für eine verlogene Bagage….

    • Ja, dann warten wir doch mal ab, wer aus der Riege der WissenschaftlerInnen und JournalistInnen genug Hintern in der Hose hat, um darzustellen, warum die protestantische Mafia so eine beliebte Projektionsfläche für das damalige Deutschland abgab.
      Und auch das kollektive „Nicht-Bemerken“ von Missbrauch in den Familien könnte so evtl. erklärt werden. Die Täterinnen und Täter saßen nämlich überall mit am Kaffeetisch. Ein paar Jährchen vorher hatten sie noch Männer, Frauen und Kinder, die sie zwecks Geldgier diffamierten und entrechteten zu Tode gequält. Jetzt begnügten sie sich – meistens jedenfalls – damit, Kinder zu Sexklos zu degradieren. Wunderbares Deutschland! Bis vor Kurzem (2010) wurde das noch eifrig ignoriert. Von wegen „Leistungsgesellschaft“….

  6. Mit Genugtuung ist festzustellen, dass Hartmut von Hentig in keinem der hier geschriebenen Kommentare geschont wird. Auf Grund des Artikels von Carsten Linnhoff (dpa) habe ich mich auf Spurensuche begeben. Hentigs Autobiografie :“ Mein Leben, bedacht und bejaht -Schule, Polis, Gartenhaus“ bringt den aufmerksamen Leser aus der Fassung. Aufschlussreich sein Kapitel „Der pädagogische Onkel“. Unbedingt zu lesen ( im Internet) ist auch seine Laudatio anlässlich der posthumen Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an Janusz Korczak 1972! Da wurde mir schwindelig! Nur zwei kurze Zitate aus seiner Rede damals: „Die eigentliche Botschaft (Korczaks) lautete: dass wir die Kinder nicht genug, nicht wirklich achten.“ … „Nicht uns gibt Korczak viele schöne Vorschriften und Ratschläge – er gibt dem Kind eine Sicherung gegen das, womit wir es beherrschen, überwachen, unterwerfen: die Verfügung über seinen Körper , über seine Gegenwart, über seine Identität. Kinder definieren wir gerade dadurch, dass sie diese Verfügung über sich nicht haben.“ Hentigs späte Einsicht nehme ich ihm nicht ab, pure Heuchelei! Dass Gerold Becker sein Lebensgefährte war ist evident. Seine Liebe zu Gerold lässt er an viele Stellen durchblicken. (Siehe Personenregister) Den Entschluss Beckers, an die Odenwaldschule zu gehen, empfindet er als tödliche Niederlage. Zitat S.294: „Tödlich“ war ja nicht nur die Trennung von dem mir verwandtesten Geist, der mir am nächsten stehenden Person in der Hentig-Gruppe, tödlich war vor allem die geheime Wahrnehmung, dass er den glücklicheren…. Weg ging“. Seltsamer Satz:“ Gerold verliebte sich derweil in diesen pädagogischen Zauberberg…Seinem Ausscheiden hatte ich nichts als Trauer entgegenzusetzen.“ S.209 schreibt Hentig über Gerold B. “ der mein engster und ausdauerndster Freund wurde..“ Zweimal bereist er mit Gerold Indien, bei einem Abstecher nach Java gerät er ins Schwärmen:“ ….in diesem naturschönen Land… würden Gerold und ich, so sagten wir einander, gerne leben.“ (S.241)
    Im Schlusskapitel seiner Autobiografie „Ein alter Mann in Berlin“ ist er immer noch von Beckers Unschuld überzeugt. Beide Wohnungen verbindet eine „sehr steile „Schiffsleiter“ von Wohnzimmer zu Wohnzimmer. Seit 1994 wohnen Hentig und Becker am Kurfürstendamm zusammen. Das Wort „unsere“ kommt jetzt oft vor. Er schreibt S.634 : „So sieht das „geteilte“ Leben aus. … Es ist nicht mehr.. „mein Leben“ sondern „unser Leben .“
    …wir haben einander schon alles gesagt; die Anwesenheit des anderen, die gegenseitige Hilfe, die sich auf alle Lebensbereiche erstreckende Vertrautheit,….. “
    Hartmut von Hentig hat sich selbst demaskiert. Mehr ist nicht zu sagen.

    • Angelika Oetken

      Sehr geehrter Herr Wenger,

      Danke für Ihre Recherche und deren schlüssige Darstellung.

      Ich schätze, so wie Ihnen geht es vielen Menschen, die sich dem Thema mehr oder minder unvorbereitet und damit vermutlich auch unbelastet nähern. Was von außen betrachtet absurd und im Hinblick auf die SchülerInnen, die geopfert wurden auch schon teuflisch wirkt folgt einem pathologischen Muster, das aus den meisten anderen Missbrauchskontexten nur zu gut bekannt ist.
      Falls Sie ein paar Euro für einen wirklich sehr guten Artikel zur Pathogenese und Therapie von Pädosexualität ausgeben mögen, kann ich Ihnen „Hans-Hagen Haases „Pädophile Perversion, sexueller Missbrauch und Pädosexualität“ (Karger) sehr empfehlen. Darin wird veranschaulicht, wie Pädo“phile“ ticken. Der Rest zum Falle OWS erschließt sich dann ganz von selbst.

      MfG,
      Angelika Oetken

      P.S. die Kommentare zum in der taz erschienenen Artikel „Die Angst vor sich selbst“ sind auch lesenswert

      • Sehr geehrte Frau Oetken,

        herzlichen Dank für Ihre schnelle Antwort und Ihr Lob bezüglich meines Kommentars zu Hartmut von Hentig. Danke auch für die Literatur-Hinweise! In meiner Antwort auf den Kommentar von „Mississippi“ erfahren Sie noch mehr über meine begründete Betroffenheit. Ich schreibe Ihnen später wieder. Antoine de Saint Exupéry schreibt in seinem Buch “ Die Stadt in der Wüste“ folgendes : „Ich liebe nicht die Sesshaften des Herzens. Alle, die nichts austauschen werden zu nichts. Und das Leben hat nicht dazu gedient, sie reifen zu lassen.“

        Mit freundlichen Grüßen
        Ottmar Wenger

        • Angelika Oetken

          Sehr geehrter Herr Wenger,

          ich freue mich darauf, mehr von Ihnen zu Lesen.

          Eine Anmerkung. Oben in einer Antwort auf einen Beitrag von „Mississippi“ schreiben Sie:
          „Beim Lesen jedoch schlichen sich allmählich Zweifel ein, vor allem sein Urteil über sich selbst: eine einzige Selbstbeweihräucherung, manchmal subtil, aber meistens offen ausgedrückt.“

          Die Pädophilie gilt in der Psychoanalyse als schwerste Form des pathologischen Narzissmus. Es handelt sich dabei gar nicht um „Liebe“ im eigentlichen Sinne, schon gar nicht um eine zu sich selbst, sondern eher um das Gegenteil davon. Der Narzisst findet sich selbst in Folge seiner krankhaften persönlichen Entwicklung so wenig liebenswert, dass er glaubt, ihm bleibe nichts weiter übrig, als anderen un sich selbst ständig zu bestätigen, wie toll er doch sei. Narzissten spiegeln sich sozusagen im Gegenüber. Die anderen Menschen sehen sie dabei nicht wirklich. Und die wiederum bringen auch lediglich der projizierten Inszenierung so was wie Bewunderung oder Zuneigung entgegen. Was die beiderseitige Wahrnehmungsverzerrung nur noch verstärkt.
          Ich finde so ist es auch erklärlich, dass Becker, von Hentig und Kentler so beweihräuchert wurden. Vermutlich hat, wie unter Fachleuten üblich, kaum jemand deren Werke mehr als überflogen und die Autoren verstanden es vermutlich gut, die Eitelkeiten ihrer Bewunderer zu pflegen. Nach dem Motto „es reicht, wenn wir uns alle gegenseitig toll finden und das Allerwelt verkünden“.

          Eine Methode die ja auch die Konkurrenz vom anderen Ende der Gesinnungsskala bevorzugt(e). Siehe Aloisiuskolleg, Ettal, Canisiusschule… nicht ohne Grund auch Schulen an denen systematisch über einen langen Zeitraum vor aller Augen missbraucht wurde.

          Auf die Kinder hat nämlich niemand wirklich geguckt. Die Erwachsenen waren zu sehr mit sich selbst, vermutlich auch mit vielen unbewältigten Traumen, unerfüllten Sehnsüchten beschäftigt. Auch irgendwie typisch für diese Zeit.

          Mit freundlichen Grüßen,
          Angelika Oetken

          • Sehr geehrte Frau Oetken,

            Sie freuen sich darauf, mehr von mir zu lesen, das ehrt mich. Jedoch möchte ich keine „Eulen nach Athen tragen“. Es geht Ihnen ja- wie mir scheint- bei diesem Thema: „Sexueller Missbrauch“ um neue Aspekte.
            Daher möchte ich Sie bitten, mir mitzuteilen, welche Bücher Sie dazu schon gelesen haben. Dass Sie als Betroffene sich intensiv mit dieser Thematik auseinandersetzen, zeigen Ihre Kommentare in einem weiteren Forum : Der Freitag – Kultur ! Ich habe den Eindruck, dort wird sehr wissenschaftlich – analytisch argumentiert. Es bleibt aber die Frage: Gibt es Heilung und in welchen Umfang für einen „Seelenmord?“
            Der Suche nach dem Täter und seinen Motiven steht die Suche nach dem eigenen, zu tiefst verletzten“ Ich“ gegenüber. Könnte man nicht “ vom Heimweh nach der unverletzten Seele “ sprechen. Was also ist wichtiger, der Täter oder das Opfer?
            Bin gespannt auf Ihre Antwort.
            Mit freundlichen Grüßen
            Ottmar Wenger

  7. Angelika Oetken

    Und noch eine Buchempfehlung: „Jugend im Urlaub“, eine Ausgabe in zwei Teilen, die Helmut Kentler 1969 gemeinsam mit zwei Kollegen schrieb. Ist im Beltz-Verlag erschienen und im Antiquariat erhältlich. Aufschlussreich fand ich weniger die Schilderungen all der Untersuchungen, die diese Männer durchgeführt haben, sondern ihren Blick auf die Objekte ihres Forscherdranges. Erinnert mich an Insektenforscher, die durch Wiesen und Wälder pirschen, Käferchen und Schmetterlinge fangen, sie dann ausdörren lassen, aufspießen und hinter Glas archivieren. Auch eine Art von Liebe.
    Herr Becker sammelte doch auch Photos seiner Beute oder?

  8. Sehr geehrter Herr Wenger,

    falls Sie sich für Buchempfehlungen interessieren, dann möchte ich Folgendes nennen:

    1) „Sexueller Kindesmissbrauch – Zeugnisse, Botschaften, Konsequenzen“ (Fegert u.a.), Beltz-Verlag
    2) „Der Kuss der Pelzkönigin“ (Tomson Highway) Frederking und Thaler
    3) „Die Narben der Gewalt“ Judith Lewis Hermann

    Ich setze mich wie viele andere Betroffene schon lange mit dem Thema auseinander. Und habe das Glück, im Zuge einer ehrenamtlichen Tätigkeit mit sehr engagierten und reflektierten anderen Opfern in Kontakt gekommen zu sein. Wir versuchen die Debatte mit unserer Sicht zu bereichern, stützen uns dabei auch auf Fachliteratur, aber betrachten die traditionelle Wissensvermittlung nicht als unsere Aufgabe. Deshalb bezeichnen wir uns auch als „ErfahrungsexpertInnen“.

    Die Behandlung von Traumafolgeerkrankungen: wer eine Therapie machen möchte, ist sicher gut damit beraten, sich einen Behandler zu suchen, der einem psychotraumatologischen Fachverband angehört und eine entsprechende Qualifizierung aufweist. Es gibt davon derzeit zwei: http://www.degpt.de und http://www.emdria.de. Aber nicht jedes Opfer benötigt Psychotherapie. Es gibt viele Wege, seine Geschichte aufzuarbeiten. Für wichtig halte ich persönlich, dass man das soweit es geht nicht auf Kosten von Menschen tut, die nicht verantwortlich sind. Dazu zählen insbesondere Partner, Freunde: und eigene Kinder.

    Den Begriff „Seelenmord“ betrachten meine MitstreiterInnen und ich sehr kritisch. Als ermordet empfinden wir unser Innerstes nicht. Wohl aber als beschädigt. Im Gegenteil: falls Sie uns auf unseren Zusammenkünften erleben könnten, bekämen sie eine recht vielfältige und ziemlich lebendige Gruppe zu sehen. „Lachen verboten“ oder „Stimmung vermiesen“ gilt bei uns nicht. Der Pragmatismus, die Konstruktivität und nicht zuletzt der schwarze Humor, der uns kennzeichnet, sind sogar häufig Türöffner.

    Will damit sagen: sexuelle oder sexualisierte Traumatisierungen erfordern hilfreiche Behandlung. Auf jeden Fall Aufarbeitung. „Heilung“ im ursprünglichen Sinne ist dabei sicherlich oft nicht möglich. Die Erfahrungen lassen sich nicht auslöschen, wohl aber kontrollierbar machen und einordnen. Ich selbst habe im Zuge der Auseinandersetzung mit meiner eigenen Geschichte erst erkannt, welche Bedeutung sexuelle Gewalt und Ausbeutung in unsere kulturellen Tradition hat. Und dass es sich um ein sehr ambivalentes Thema handelt. Aber bei allen Krankheiten, Behinderungen oder Verletzungen erhebt sich sowieso doch die Frage, inwieweit man sie automatisch als negativ einstufen muss. Häufig sind gerade die Brüche, Verletzungen, das Irreguläre das, was ein enormes Wachstum in Gang setzt. Ich weiß von vielen Missbrauchsopfern, die gerade aus ihrer Traumabiografie den Willen und die Kraft abgeleitet haben, Besonderes hervorzubringen. Sich aber öffentlich nicht als Betroffene zu erkennen geben. Im Wissen um die gesellschaftlichen Vorurteile. Die ja auch eine Funktion haben. Aber das ist ein anderes Thema.

    Zur „Täter-Opfer“-Frage: TäterInnen haben selten nur ein Opfer. Häufig missbrauchen sie, weil sich die Gelegenheit dazu ergab. Und die nutzen sie ihr Leben lang, wo immer sie sich bietet. Oft handelt es sich bei MissbraucherInnen auch um Menschen, die als Kind selbst einmal sexuell traumatisiert wurden. Vielen ist das gar nicht bewusst, weil es sehr früh im Leben geschah. Diese TäterInnen missbrauchen in Zuständen, die man „dissoziativ“ nennt. Ein großer Teil dieser Opfertäter versucht seine Impulse mit Alkohol zu regulieren. So auch Gerold Becker von dessen erheblichem Konsum harter Alkoholika die Insassen seiner Internats“familie“ berichten. Und dann gibt es noch weitere, wichtige Personen, die Verantwortung tragen und sich Schuld aufgeladen haben: die MittäterInnen. Die auch an der OWS zahlreich vorhanden waren.
    Aufklärung und Aufarbeitung ist wichtig. Sowohl was Tatorte wie die Odenwaldschule betrifft, als auch die vielen anderen, die den übrigen Missbrauchskontexten zugerechnet werden. Je mehr wir über Missbrauch wissen, desto besser können wir (be-)handeln und schützen.

    Einen schönen Sonntag wünscht
    Angelika Oetken

  9. Sehr geehrte Frau Oetken,
    selten erreicht mich ein Brief mit dieser Ausführlichkeit. Herzlichen Dank und meine Anerkennung für Ihr Engagement! Auch finde ich es toll, dass Sie sich in dieser Gruppe aufgehoben und wohl fühlen!
    Den Begriff „Seelenmord“, da stimme ich Ihnen jetzt zu, kann man so nicht stehen lassen. Aber Ihren Satz:“Häufig sind gerade die Brüche, Verletzungen, das Irreguläre das, was ein enormes Wachstum in Gang setzt.“ kann ich nur bedingt nachvollziehen, kann denn der sexuelle Missbrauch in seiner ganzen Tragweite trotz
    allem noch Wachstum in Gang setzen? Es ist doch nicht nur ein Bruch, eine Verletzung oder mit einer Krankheit zu vergleichen. Dies klingt nach Abschwächung.
    Andreas Huckele alias Jürgen Demers hat das Buch geschrieben: „Wie laut soll ich denn noch schreien“ Die Odenwaldschule und der sexuelle Missbrauch“ (Rowohlt). Dort erfährt man, dass einige Betroffene sich das Leben genommen haben! Ein zweites Buch möchte ich noch nennen:“ Bruder, was hast du getan? Kloster Ettal, Die Täter,die Opfer, das System“ von Bastian Obermayer und Rainer Stadler (Kiepenheuer & Witsch ) .
    Wenn Sie die beiden Bücher gelesen haben, möchte ich gerne Ihr Urteil darüber erfahren.
    Wünsche Ihnen eine schöne Woche!
    Freundliche Grüße
    Ottmar Wenger

    • Sehr geehrter Herr Wenger,

      mein Statement sollte keine Relativierung von Missbrauchserfahrungen sein. Überhaupt nicht, denn die Wirkung der sexuellen Ausbeutung von Kindern und Jugendlichen geht weit über das individuelle Schicksal hinaus. „Opfer“ werden auch geopfert. Meistens erschreckend banalen Dingen. Der Mangel an Liebe, der in Missbrauchsgefügen herrscht ist erschreckend. Ich nenne es „psychosoziale Verwahrlosung“. Mit solcherart deformierten Erwachsenen sollte kein Kind zu tun bekommen. Aber die Welt ist nun mal nicht ideal.
      Zu den von Ihnen angeführten Titeln: ich habe in den vergangenen Jahren viele Bücher, Aufsätze und Interviews von anderen Betroffenen gelesen. Darunter auch „Wie laut soll ich denn noch schreien“. Andreas Huckele, der bei Erscheinen des Buches noch unter seinem Pseudonym „Jürgen Dehmers“ schrieb, führt darin sehr offen, klar und mutig auf, wie der Missbrauch an der Odenwaldschule funktioniert hat und was er bei den Betroffenen angerichtete. Was die Ettaler Opfer betrifft, kenne ich deren sehr gut geführte Hompage und ziehe meinen Hut vor ihrem umsichtigen und hartnäckigen Engagement.

      Wovor ich allerdings warnen möchte ist, bei den Opfern den Fokus ausschließlich auf tatsächliche, mutmaßliche oder sogar vorgebliche Schädigungen zu legen. Hochgerechnet leben in Deutschland 9 Millionen Erwachsene, die in ihrer Kindheit und/oder Jugend Opfer von Missbrauch wurden, wie er im Strafrecht als „schwer“ eingestuft und mit „beischlafähnliche Handlungen“ definiert wird. Längst nicht alle diese Betroffenen sind schwer krank, geschweige denn haben sie durchweg Suizid begangen. Die meisten haben sich gegen viele Widerstände, die ihnen oft genug aus dem nächsten Umfeld entgegen schlugen, einen Platz im Leben erkämpft. Ihr Anteil in biopsychosozialen Berufsfeldern, also im Helferbereich und im Ehrenamt ist überdurchschnittlich hoch. Ein großer Teil der Betroffenen hat den Kampf gegen übelste Täterintrojekte gewonnen und lebt in Frieden mit sich und seinen Mitmenschen. Einigen davon ist das gelungen, obwohl ihnen nicht mal die einfachsten Ressourcen zur Verfügung standen. Zu ihnen zählen missbrauchte Ehemalige Heimkinder und die sexuell ausgebeuteten Insassen von Missbrauchseinrichtungen wie sie die Odenwaldschule war. Oder wie ich immer mal wieder sage, wenn jemand in meiner Gegenwart sich abfällig über Opfer äußert: „diese Menschen haben schon als Kinder gelernt unter Bedingungen zu überleben, die viele von uns sich nicht einmal vorstellen können. Wer weiß, vielleicht sind wir demnächst sogar dankbar, dass sie ihre Überlebens-Fähigkeiten mit uns teilen“. Die Lebensleistung eines Menschen können wir auch relativ bemessen. Dann schneiden Betroffene sehr gut ab. Auch die welche sehr krank sind, stark leiden oder Selbstmord begangen haben. Denn die Bedingungen für Missbrauchsopfer sind besonders ungünstig. Das liegt nicht an den einzelnen Opfern, sondern am Thema. Missbrauch gilt als „Igitt“ und weckt kollektive Ängste.

      Es ist angemessen, Menschen, denen schweres Unrecht geschehen ist Mitgefühl und Anteilnahme entgegen zu bringen. Um die notwendigen politischen Aktivitäten durchzusetzen reicht das aber nicht. Im Gegenteil: einige meiner MitstreiterInnen engagieren sich schon Jahrzehnte in der Politik. Sie berichten, mit wie viel Angst und Unsicherheit viele Verantwortliche auf Opfer reagieren. Den Wenigsten ist ja klar, dass sie überall Betroffenen begegnen. Ohne es zu wissen. Diese KämpferInnen der ersten Stunde haben enorm viel geleistet. Weil sie über viele Kompetenzen, Durchhaltevermögen und eine große Flexibilität verfügen. Hätten sie bei ihrem Gegenüber vor Allem Mitgefühl, oder sogar Mitleid hervorgerufen, wäre ihnen das wohl nicht gelungen.

      Viele Grüße von
      Angelika Oetken

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