Startseite ::: Leben ::: Schlafmediziner empfehlen Schulbeginn um 9 Uhr – „natürlicher Lebensrythmus“

Schlafmediziner empfehlen Schulbeginn um 9 Uhr – „natürlicher Lebensrythmus“

MAINZ. Ob Arbeit oder Schule – in Deutschland geht das Leben zeitig los, nach einer Umfrage des Forsa-Instituts im Durchschnitt frühmorgens um 6.48 Uhr. Frühes Aufstehen gilt als Tugend, der Langschläfer als Faulpelz. Aber die Mehrzahl der Deutschen ist nicht ausgeschlafen und benötigt einen Wecker, um morgens aufzuwachen. Experten sind sich einig: Deutschland steht zu früh auf. Die wissenschaftlichen Hinweise häufen sich, dass das auf Dauer krank macht.

Ob Frühaufsteher oder Morgenmuffel – der Schlaftyp ist genetisch festgelegt. Würden sich alle danach richten, kämen die meisten nicht alltagstauglich um 6 oder 7 Uhr aus dem Bett, sondern eher 2 Stunden später, so Dr. Hans-Günter Weeß, Leiter des Schlafzentrums am Pfalzklinikum Klingenmünster und Tagungspräsident der 23. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) vom 3. bis 5. Dezember 2015 in Mainz.

Wie Studien belegen, sind Frühaufsteher eher selten. „Nur etwa ein Sechstel der Bevölkerung, die sogenannten Morgenmenschen – Chronotyp „Lerche“ – kommen mit den üblichen Arbeits- und Schulzeiten gut zurecht“, so Dr. Manfred Betz, Institut für Gesundheitsförderung und -forschung (IGFF) Dillenburg. Die meisten gehören zum Chronotpy „Eule“, schlafen nach Mitternacht ein und werden erst im Laufe des Vormittags wieder wach. Für sie beginnen Arbeit und Schule zu früh. Sie sind nicht ausgeschlafen und quälen sich durch den Vormittag.

Das Schlafbedürfnis von Kindern und Jugendlichen beträgt im Schnitt neun Stunden. Foto: onkel_wart (thomas lieser) / flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Nur ein Sechstel der Bevölkerung gehört zu den sogenannten Lerchen und steht gerne früh auf. Foto: onkel_wart (thomas lieser) / flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Während fast alle Kleinkinder Frühaufsteher sind, ändert sich das im Laufe der Entwicklung. „Mit Beginn der Pubertät verschiebt sich der Chronotyp bei Jugendlichen zunehmend in Richtung Spättyp (Eule)“, so Dr. Betz. „Jugendliche sind abends lange wach und würden morgens länger schlafen, wenn man sie denn ließe.“ Frühmorgens seien vor allem ältere Jugendliche noch müde und nicht leistungsbereit, so auch Dr. Weeß: „Bei einem Schlafbedarf von neun bis zehn Stunden kommt während der Schulzeit der Schlaf zu kurz. Die meisten Heranwachsenden sind chronisch müde. Viele leiden unter einem Dauerschlafmangel mit Konzentrationsschwierigkeiten und fehlender Lernmotivation. Die Schule beginnt viel zu früh.“

Tatsächlich fängt der Schulunterricht in den meisten Ländern deutlich später an, zum Beispiel in England, Schweden und Portugal erst um 9 Uhr, und ist damit an den natürlichen Lebensrhythmus besser angepasst. Untersuchungen belegen, dass die Schulleistungen am späteren Vormittag deutlich besser sind als frühmorgens: „Ein 1-2 Stunden späterer Schulbeginn in der Oberstufe könnte sich günstig auf Leistungsfähigkeit und Aufnahmebereitschaft auswirken“, so Dr. Betz – vorausgesetzt, dass die Schlafenszeit sich nicht noch weiter nach hinten verschiebt. Dies sei bei der verbreiteten exzessiven Nutzung digitaler Medien in den späten Abendstunden jedoch häufig der Fall.

Wichtige Ansatzpunkte für mehr Leistung und Wohlbefinden seien „flexiblere Arbeitszeiten, die die Bedürfnisse des jeweiligen Chronotyps berücksichtigen, mehr körperliche Aktivität bei Tageslicht sowie der Verzicht auf digitale Medien in den letzten 2 bis 3 Stunden vor dem Schlafen.“ nin

http://www.news4teachers.de/2015/06/frueher-unterrichtsbeginn-in-der-kritik-forscher-pruefungen-nicht-vor-11-uhr/

11 Kommentare

  1. 3 Gründe sprechen dagegen:
    1) logiscche Folge ist eine Ganztagsschule, die bei uns auf dem Land von den meisten Eltern nicht gewünscht wird.
    2) Die Eltern müssen meist auch vor 8:00 Uhr aus dem Haus; die Kinder wären dann nicht betreut.
    3) Im Sommer wird es dann öfters zu heiß zum Lernen.
    Auch das ganze öffentliche Leben würde sich daher nach hinten schieben (Ämter, Ärzte, Geschäfte usw.).
    Ich zweifle auch ein bisschen an diesen „Forschungsergebnissen“, denn seit Jahrtausenden richtet sich doch der Tagesrythmus des Menschen nach der Sonne.

    • Watt machen jetzt die anderen länder wie z.B. Frankreich verkehrt?

      Überall fängt Schule später an als in D. Dafür ist D auch das einzige land, in dem die Busfahrpläne den Schulanfang festsetzen. Der liegt in vielen Schulen eben vor 8:00 Uhr – und zwar bis zu einer halben Stunde.

      Im übrigen ist auch der Schulanfang nicht das Problem, es sind die Fahrtzeiten, die die Kinder und vor allem die Jugendlichen zwingen kurz nach 5:30 Uhr aufzustehen, um pünktlich um 7:30 Uhr an der Schule zu stehen, die dann um 8:00 Uhr anfängt. In Großstädten mit funktionierendem öffentlichen Nahverkehr ist das natürlich alles kein Problem.

      Btw wenn sich der tagesrhytmus der Menschen nach der sonne richtet, warum ist die mehrheit der Deutschen gegen die sommerzeit? Und warum fängt Schule im Sommer wie im Winter unabhängig vom Sonnenaufgang zur gleichen Zeit an?

      • Die Leute sind nicht gegen die Sommerzeit. Sie sind gegen die Zeitumstellung Sommer-Winter bzw. Winter-Sommer. Wenn sie allerdings in der Türkei Urlaub machen, ist das nicht schlimm …

        Die teilweise langen Anreisezeiten sind in der Tat ein Problem. Daran ändert ein späterer Schulbeginn auch nichts, weil dann derselbe Weg zeitlich nur nach hinten geschoben wird. In Ihrem Beispiel verschiebt sich die Unterrichtszeit von 7:30-15:00 Uhr auf 9:00-16:30 Uhr. Nach meiner Erfahrung ist mit vernünftigen Unterricht nach der Mittagspause nicht mehr viel. Je später der Unterrichtsbeginn, desto mehr Unterricht im Nachmittagsbereich. Ich gebe allerdings zu, dass Unterrichtsbeginn um deutlich vor 8:00 Uhr brutal früh ist.

        Der bemängelte Schlafmangel aufgrund von zu späten Bettzeiten lässt sich aber durch weniger Computerspielen und mehr Sport draußen ausgleichen. Denn körperlich ausgepowerte Kinder sind ab spätestens 21:00 oder 22:00 Uhr so kaputt, dass ihnen die Augen von alleine zufallen.

        PS: Ich bin ein Lerchentyp. Auch ohne Wecker wache ich unabhängig von der Schlafenszeit spätestens 6-6:30 Uhr auf und kann dann nicht mehr einschlafen. Ferner bin ich ein Verfechter der Jugendgruppenleiter-Devise „Wer bis mitten in der Nacht daddeln kann, kann auch tags drauf um 8:00 Uhr eine Klassenarbeit schreiben.“

        (Die Originaldevise hat weniger mit daddeln und Klassenarbeit als mit Alkohol trinken, wenn die Kinder ab 22:00 Uhr schlafen, und arbeiten zu tun, ist aber weniger kindgerecht.)

  2. Provokant könnte man sagen: Dadurch dass in Deutschland die Schule schon so früh beginnt, sind die Jugendlichen es schon gewohnt früh aufzustehen. Deshalb ist die Jugendarbeitslosigkeit so gering 🙂

    • Wo soll das denn sein, hier in D jedenfalls nicht.

      Die einen Schulabgänger sitzen in Vorbereitungs- und Qualifizierungsmaßnahmen, die anderen in der schulischen Berufsausbildung am Berufskolleg und der überwiegende Teil der Alterskohorte hat ein Studium aufgenommen. Die sind alle nicht arbeitslos, allerdings auch nicht gegen Entgelt beschäftigt.

      Und der kleine teil, der eine Ausbildung im Dualen System absolviert, wird im regelfall nach einem Jahr der Weiterbeschäftigung nach der Gesellenprüfung gekündigt oder bei einer Zeitarbeitsfirma weiterbeschäftigt. Vermutlich passiert das, damit der ungeheure Facharbeitermangel möglichst lange bestehen bleibt.

  3. Und wenn die Schule dann um 9:00 Uhr beginnt, kommen Forscher und sagen: 10:00 Uhr wäre der optimale Beginn 🙂

  4. In Kamerun ist der natürliche Lebensrhythmus, kurz vor Sonnenaufgang aufzustehen (ca. 5:30) und die umfangreiche Tagesarbeit zu beginnen, damit man zu was kommt, bevor es zu heiß wird. Wie war es damals in der DDR üblich? Und warum stehen Musiker schon um 6 Uhr auf? (Vosicht, nicht mehr zeitgemäßer Witz)

  5. Meine Schule (DDR-Zeit) begann 07.00; die Nachbarschulen allerdings 07.30.

    Ich fände einen Unterrichtsbeginn um 09.00 super. Bin zwar kein ausgeprägter Langschläfer, lasse es aber gern langsam angehen und vor 07.00 Uhr aufstehen müssen (weil man einen langen Fahrweg hat), ist mir ein Graus.

  6. Allerdings hab ich die Erfahrung gemacht, wenn man später los muss, verschiebt sich auch alles „nach hinten“ (man geht auch später ins Bett). Am Ende hat man trotzdem nicht länger geschlafen und steht genauso ungern auf.

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.Benötigte Felder sind markiert *

*