PADERBORN. Hochschulen vermitteln Lehramtsstudierenden Lernstrategien, beraten sie beim Studienstart und bieten Unterstützungsangebote etwa zum Zeit- oder Stressmanagement an. Eine neue Langzeitstudie legt nun nahe: Solche Angebote greifen oft zu kurz, wenn sie alle Studierenden gleichermaßen ansprechen. Denn die Kompetenzen, die im Studium wirklich helfen, verändern sich im Laufe der ersten Studienjahre.

Wer ein Lehramtsstudium beginnt, braucht vor allem Orientierung, funktionierende Lerngruppen und Unterstützung beim Ankommen an der Hochschule. Zwei Jahre später verschieben sich die Herausforderungen jedoch deutlich: Nun werden Zeitmanagement, der Umgang mit Stress und die Fähigkeit, Prokrastination zu vermeiden, wesentlich wichtiger. Zu diesem Ergebnis kommt eine jetzt veröffentlichte Langzeitstudie von Forschenden der Universität Paderborn im Journal for Educational Research Online.
Für ihre Untersuchung begleiteten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler 144 Lehramtsstudierende über zwei Jahre. Dieselben Studierenden wurden zu Beginn ihres Studiums sowie erneut im dritten Studienjahr befragt. Im Mittelpunkt standen dabei drei Fragen: Wie stark erleben die Studierenden Stress? Wie zufrieden sind sie mit ihrem Studium? Und wie beurteilen sie die Studienbedingungen? Diese Angaben wurden mit verschiedenen studienrelevanten Kompetenzen in Beziehung gesetzt – darunter Lernstrategien, Kooperation, der Umgang mit mehreren Unterrichtsfächern, Stressbewältigung und Prokrastination.
„Künftige Bachelorstudiengänge könnten und sollten ihre Angebote an die spezifischen Bedürfnisse der Studierenden je nach Studienphase anpassen“
Die zentrale Erkenntnis formulieren die Autorinnen und Autoren bereits im Titel ihrer Studie: „Fähigkeiten helfen – aber sie helfen nicht alle gleichzeitig.“ Genau darin sehen sie den entscheidenden Befund. Zwar seien studienrelevante Kompetenzen grundsätzlich in allen Studienphasen wichtig. Welche davon den größten Einfluss auf Stress und Studienzufriedenheit haben, verändere sich jedoch im Verlauf des Studiums deutlich.
Besonders auffällig ist die Entwicklung bei der Zusammenarbeit mit Kommilitoninnen und Kommilitonen. Zu Studienbeginn wirkt Kooperation in mehrfacher Hinsicht positiv: Sie geht mit weniger Stress einher, erhöht die Studienzufriedenheit und trägt dazu bei, die Studienbedingungen günstiger wahrzunehmen. Zwei Jahre später verschwindet dieser Zusammenhang weitgehend. Offenbar haben viele Studierende ihre sozialen Netzwerke inzwischen aufgebaut und benötigen diese Form der Unterstützung nicht mehr in gleichem Maße.
Genau umgekehrt entwickelt sich die Bedeutung von Stressbewältigung und Prokrastination. Zu Beginn spielen beide Faktoren für das subjektive Erleben kaum eine Rolle. Im dritten Studienjahr zeigt sich dagegen ein deutliches Bild: Wer Aufgaben häufig aufschiebt, erlebt mehr Stress und bewertet auch die Studienbedingungen negativer. Umgekehrt sind Studierende, die Belastungen aktiv bewältigen können, zufriedener mit ihrem Studium und fühlen sich weniger gestresst.
Interessant fällt auch der Befund zu Lernstrategien aus. Sie erhöhen insbesondere zu Beginn des Studiums die Zufriedenheit mit dem Studium. Gleichzeitig gehen sie aber dauerhaft mit einem höheren Stressempfinden einher. Die Forschenden erklären dies damit, dass engagiertes und intensives Lernen zwar den Studienerfolg fördere, zugleich aber auch mit größerem Einsatz und entsprechend höheren Belastungen verbunden sei. Lernstrategien machten das Studium erfolgreicher, nähmen den Studierenden jedoch nicht automatisch den Druck.
Für die Lehrkräftebildung ziehen die Autorinnen und Autoren daraus konkrete Konsequenzen. Künftige Bachelorstudiengänge könnten und sollten „ihre Angebote an die spezifischen Bedürfnisse der Studierenden je nach Studienphase anpassen“ („future bachelor programs can and should adapt to the specific needs of students according to their phase of study“), schreiben sie.
Aus ihrer Sicht sprechen die Ergebnisse dafür, Unterstützungsangebote nicht mehr nach einem einheitlichen Muster anzubieten. Stattdessen sollten Hochschulen den jeweiligen Studienabschnitt stärker berücksichtigen. Für Studienanfänger seien vor allem Kooperation, Orientierung und der Aufbau funktionierender Lernstrukturen wichtig. In späteren Semestern sollten dagegen Trainings zur Stressbewältigung sowie zum Umgang mit Prokrastination in den Vordergrund rücken.
Die Forschenden leiten daraus auch Konsequenzen für die Studienberatung ab. Beratung könne gezielter werden, wenn typische Herausforderungen einzelner Studienphasen bekannt seien. Das helfe Hochschulen, „Studierende wirksamer zu begleiten, wenn sie Beratung benötigen“ („to guide students more effectively when they need counseling“).
Die Ergebnisse reichen nach Einschätzung der Autorinnen und Autoren über das Studium hinaus. Viele der untersuchten Kompetenzen – etwa Kooperation, Selbstorganisation oder Stressbewältigung – seien nicht nur für den Studienerfolg bedeutsam, sondern gehörten zugleich zu den Anforderungen des späteren Lehrerberufs. Wer sie im Studium entwickle, profitiere daher doppelt.
Gleichzeitig weisen die Forschenden auf Grenzen ihrer Untersuchung hin. Die Studie basiert auf einer vergleichsweise kleinen Gruppe von 144 Lehramtsstudierenden, die über zwei Jahre hinweg begleitet werden konnte. Mit dem dritten Studienjahr endet die Entwicklung nach Einschätzung der Forschenden allerdings nicht. Vielmehr dürften sich die Anforderungen im weiteren Verlauf des Lehramtsstudiums erneut verschieben. „Es ist wahrscheinlich, dass sich gegen Ende des Studiums weitere Veränderungen ergeben“, schreiben die Forschenden. Welche Kompetenzen angehende Lehrkräfte dann beim Übergang in den Beruf besonders brauchen, sei bislang kaum untersucht – darin sehen sie die Aufgabe weiterer Forschung. News4teachers
Hier geht es zur vollständigen Studie.
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