Start Themenmonate Aus- und Fortbildung Langzeitstudie: Welche Fähigkeiten Lehramts-Studierende brauchen – und wann

Langzeitstudie: Welche Fähigkeiten Lehramts-Studierende brauchen – und wann

15
Anzeige

PADERBORN. Hochschulen vermitteln Lehramtsstudierenden Lernstrategien, beraten sie beim Studienstart und bieten Unterstützungsangebote etwa zum Zeit- oder Stressmanagement an. Eine neue Langzeitstudie legt nun nahe: Solche Angebote greifen oft zu kurz, wenn sie alle Studierenden gleichermaßen ansprechen. Denn die Kompetenzen, die im Studium wirklich helfen, verändern sich im Laufe der ersten Studienjahre.

Fit fürs Studium? (Symbolfoto.) Foto: Shutterstock

Wer ein Lehramtsstudium beginnt, braucht vor allem Orientierung, funktionierende Lerngruppen und Unterstützung beim Ankommen an der Hochschule. Zwei Jahre später verschieben sich die Herausforderungen jedoch deutlich: Nun werden Zeitmanagement, der Umgang mit Stress und die Fähigkeit, Prokrastination zu vermeiden, wesentlich wichtiger. Zu diesem Ergebnis kommt eine jetzt veröffentlichte Langzeitstudie von Forschenden der Universität Paderborn im Journal for Educational Research Online.

Für ihre Untersuchung begleiteten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler 144 Lehramtsstudierende über zwei Jahre. Dieselben Studierenden wurden zu Beginn ihres Studiums sowie erneut im dritten Studienjahr befragt. Im Mittelpunkt standen dabei drei Fragen: Wie stark erleben die Studierenden Stress? Wie zufrieden sind sie mit ihrem Studium? Und wie beurteilen sie die Studienbedingungen? Diese Angaben wurden mit verschiedenen studienrelevanten Kompetenzen in Beziehung gesetzt – darunter Lernstrategien, Kooperation, der Umgang mit mehreren Unterrichtsfächern, Stressbewältigung und Prokrastination.

„Künftige Bachelorstudiengänge könnten und sollten ihre Angebote an die spezifischen Bedürfnisse der Studierenden je nach Studienphase anpassen“

Die zentrale Erkenntnis formulieren die Autorinnen und Autoren bereits im Titel ihrer Studie: „Fähigkeiten helfen – aber sie helfen nicht alle gleichzeitig.“ Genau darin sehen sie den entscheidenden Befund. Zwar seien studienrelevante Kompetenzen grundsätzlich in allen Studienphasen wichtig. Welche davon den größten Einfluss auf Stress und Studienzufriedenheit haben, verändere sich jedoch im Verlauf des Studiums deutlich.

Besonders auffällig ist die Entwicklung bei der Zusammenarbeit mit Kommilitoninnen und Kommilitonen. Zu Studienbeginn wirkt Kooperation in mehrfacher Hinsicht positiv: Sie geht mit weniger Stress einher, erhöht die Studienzufriedenheit und trägt dazu bei, die Studienbedingungen günstiger wahrzunehmen. Zwei Jahre später verschwindet dieser Zusammenhang weitgehend. Offenbar haben viele Studierende ihre sozialen Netzwerke inzwischen aufgebaut und benötigen diese Form der Unterstützung nicht mehr in gleichem Maße.

Genau umgekehrt entwickelt sich die Bedeutung von Stressbewältigung und Prokrastination. Zu Beginn spielen beide Faktoren für das subjektive Erleben kaum eine Rolle. Im dritten Studienjahr zeigt sich dagegen ein deutliches Bild: Wer Aufgaben häufig aufschiebt, erlebt mehr Stress und bewertet auch die Studienbedingungen negativer. Umgekehrt sind Studierende, die Belastungen aktiv bewältigen können, zufriedener mit ihrem Studium und fühlen sich weniger gestresst.

Interessant fällt auch der Befund zu Lernstrategien aus. Sie erhöhen insbesondere zu Beginn des Studiums die Zufriedenheit mit dem Studium. Gleichzeitig gehen sie aber dauerhaft mit einem höheren Stressempfinden einher. Die Forschenden erklären dies damit, dass engagiertes und intensives Lernen zwar den Studienerfolg fördere, zugleich aber auch mit größerem Einsatz und entsprechend höheren Belastungen verbunden sei. Lernstrategien machten das Studium erfolgreicher, nähmen den Studierenden jedoch nicht automatisch den Druck.

Für die Lehrkräftebildung ziehen die Autorinnen und Autoren daraus konkrete Konsequenzen. Künftige Bachelorstudiengänge könnten und sollten „ihre Angebote an die spezifischen Bedürfnisse der Studierenden je nach Studienphase anpassen“ („future bachelor programs can and should adapt to the specific needs of students according to their phase of study“), schreiben sie.

Aus ihrer Sicht sprechen die Ergebnisse dafür, Unterstützungsangebote nicht mehr nach einem einheitlichen Muster anzubieten. Stattdessen sollten Hochschulen den jeweiligen Studienabschnitt stärker berücksichtigen. Für Studienanfänger seien vor allem Kooperation, Orientierung und der Aufbau funktionierender Lernstrukturen wichtig. In späteren Semestern sollten dagegen Trainings zur Stressbewältigung sowie zum Umgang mit Prokrastination in den Vordergrund rücken.

Die Forschenden leiten daraus auch Konsequenzen für die Studienberatung ab. Beratung könne gezielter werden, wenn typische Herausforderungen einzelner Studienphasen bekannt seien. Das helfe Hochschulen, „Studierende wirksamer zu begleiten, wenn sie Beratung benötigen“ („to guide students more effectively when they need counseling“).

Die Ergebnisse reichen nach Einschätzung der Autorinnen und Autoren über das Studium hinaus. Viele der untersuchten Kompetenzen – etwa Kooperation, Selbstorganisation oder Stressbewältigung – seien nicht nur für den Studienerfolg bedeutsam, sondern gehörten zugleich zu den Anforderungen des späteren Lehrerberufs. Wer sie im Studium entwickle, profitiere daher doppelt.

Gleichzeitig weisen die Forschenden auf Grenzen ihrer Untersuchung hin. Die Studie basiert auf einer vergleichsweise kleinen Gruppe von 144 Lehramtsstudierenden, die über zwei Jahre hinweg begleitet werden konnte. Mit dem dritten Studienjahr endet die Entwicklung nach Einschätzung der Forschenden allerdings nicht. Vielmehr dürften sich die Anforderungen im weiteren Verlauf des Lehramtsstudiums erneut verschieben. „Es ist wahrscheinlich, dass sich gegen Ende des Studiums weitere Veränderungen ergeben“, schreiben die Forschenden. Welche Kompetenzen angehende Lehrkräfte dann beim Übergang in den Beruf besonders brauchen, sei bislang kaum untersucht – darin sehen sie die Aufgabe weiterer Forschung. News4teachers 

Hier geht es zur vollständigen Studie. 

Hier geht es zu allen Beiträgen des News4teachers-Themenmonats „Aus- und Fortbildung“.

Referendariat abgeschlossen? Zehn Tipps für junge Lehrkräfte zum Berufseinstieg

Anzeige

Info bei neuen Kommentaren
Benachrichtige mich bei
15 Kommentare
Unfassbar
13 Tage zuvor

Der Artikel klingt so, als ob die Befragten Studenten mit Selbstorganisation, Umgang mit Lernstress usw. erst an der Universität konfrontiert wurden. Wie wäre es, wenn diese Aspekte schon in der Schule relevant werden? Oder möchte man den Wattebausch erst zu Beginn des Referendariats oder des Berufs entfernen?

447
13 Tage zuvor
Antwortet  Unfassbar

Halt! Stop!
Das darf in Schule nicht geschehen.
Weil, äh! Und so.

Autor
12 Tage zuvor
Antwortet  Unfassbar

Wir argumentieren in der Studie, dass wir zu viele Lehramtsanwärter:innen bereits in der Ausbildung (Studium und Ref) verlieren. Ein passgerechteres Angebot zur Kompetenzentwicklung ist dabei ein guter Schritt in die richtige Richtung. Forschung, die Befunde zu Fähigkeiten aus der Praxis an die Universitäten bringt, bleibt gleichzeitig die Priorität. Es geht nicht darum, weniger Ansprüche an Studierende zu stellen, sondern darum, gezielter Fähigkeiten zu vermitteln.

Lera
13 Tage zuvor

Im Ref sind Opportunismus, Rhetorik und Schauspielkunst definitiv am wichtigsten.

Fräulein Rottenmeier
13 Tage zuvor
Antwortet  Lera

🙂

Schademarmelade
13 Tage zuvor
Antwortet  Lera

So liebe Leute nun lasst uns doch Mal eine Stunde besprechen was der/die Kollegin alles falsch gemacht hat. Wer besonders viele Fehler entdeckt hat und sich darüber besonders gut profilieren kann bekommt dann auch ein Leckerli.
Also los geht’s. Aber bitte sagt am Ende ein oder zwei Fadenscheinigen Dinge die gut gelaufen sind.

Kazoo
13 Tage zuvor
Antwortet  Schademarmelade

Waren wir zusammen im Seminar?!?!

dickebank
13 Tage zuvor
Antwortet  Schademarmelade

Du hast eine echt abgefahrene Frisur

Kazoo
13 Tage zuvor
Antwortet  Lera

Gebückter Gang und stark gegelte Frisur soll der Junglehrkraft Schaden auch nicht sein.

447
13 Tage zuvor
Antwortet  Lera

Jepp.

dickebank
12 Tage zuvor
Antwortet  Lera

Und Anpassungsfähigkeit, weil was bei FL A gewünscht wird, kann von FL B vollkommen abgelehnt werden. Und dann gibt es auch noch den Hauptseminarleiter.
Besonders wundersam wird es wenn während des Vorbereitungsdienst der Fachseminarleiter eines Fachseminars ausgewechselt wird, um die Flexibilität zu erhöhen.

Ale
12 Tage zuvor
Antwortet  dickebank

Wieso kommt mir das so bekannt vor, Lehrprobe 1 (GGK): Einstieg mit Karikatur => geht überhaupt nicht, man darf mit einer Karikatur nicht einsteigen (Aussage Prüferin). 2. Lehrprobe in GGL Fachleiterin + Prüferin aus erster Lehrprobe: wieder Einstieg mit Karikatur (Fachleiterin hat das im Seminar befürwortet). Plötzlich hatte auch die andere Prüferin kein Problem mehr mit der Karikatur.
Lehrprobe BWL: zum Glück haben Sie keine Wertstrommethode benutzt (na ja, genau das hatte ich gemacht nur vergessen selbige zu benennen).

PetraOWL
13 Tage zuvor

Digitales Arbeiten fürs Homeschooling

Defence
12 Tage zuvor

Wenn ich sehe, was für Menschen teilweise vor die Klassen gestellt werden, brauchen die Lehrmtsstudierenden eigentlich nur Anwesenheit. Der Rest geht schon irgendwie

Es unterrichten mittlerweile wirklich viele Hinze und Kunze!

447
11 Tage zuvor
Antwortet  Defence

Neue stets gesucht. 🙂