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Neue KMK-Chefin will digitale Bildung voranbringen – mit den Smartphones der Schüler

BREMEN. Das kleinste Bundesland hat im neuen Jahr in punkto Bildungspolitik Großes vor – es übernimmt turnusmäßig den Vorsitz in der Kultusministerkonferenz (KMK). Bremens Senatorin Bogedan will dabei vor allem die Integration der Flüchtlingskinder und die Digitalisierung an den deutschen Schulen voranbringen – letzteres mit einem überraschenden Ansatz.

Binnen fünf Monaten an die Spitze der deutschen Bildungspolitik: Claudia Bodegan. Foto: Foto-AG Gymnasium Melle / Wikipedia Commons (CC BY-SA 4.0)

Binnen fünf Monaten an die Spitze der deutschen Bildungspolitik: Claudia Bodegan. Foto: Foto-AG Gymnasium Melle / Wikipedia Commons (CC BY-SA 4.0)

Seit fünf Monaten ist Claudia Bogedan Bremer Bildungssenatorin. In dem nördlichen Stadtstaat verantwortet sie Kindertagesbetreuung, Schule und Weiterbildung. Am 1. Januar 2016 hat die 40-Jährige nun auch noch die Präsidentschaft der Kultusministerkonferenz (KMK) übernommen Wir haben bei Bogedan nachgefragt, was sie dort bewegen will.

Wo sehen Sie ihre Schwerpunkte als KMK-Präsidentin?

Bodegan: Eine große Herausforderung ist der Umgang mit den geflüchteten Kindern und Jugendlichen, die jetzt ins Bildungssystem kommen. Alle Bundesländer müssen Sprachförderung deshalb in den Mittelpunkt von Schule und Bildungsbemühungen stellen. Und nicht nur in Form von Willkommensklassen oder Vorkursen, wo gezielt Sprachförderung gemacht wird, sondern als kontinuierliche weitere Aufgabe. Ein zweiter Schwerpunkt ist das Thema Digitalisierung und digitale Bildung. Das ist mir ein persönliches Anliegen, weil ich glaube, dass in den digitalen Technologien ganz viele Möglichkeiten stecken, auch zu mehr Chancengerechtigkeit im Bildungssystem zu kommen. Damit können wir dazu beitragen, soziale Herkunft und Bildungserfolg weiter voneinander zu entkoppeln.

Heißt das: Mehr Laptops oder Computer in den Schulen?

Bodegan: Genau das ist für mich digitale Bildung nicht. Mit digitalen Technologien kann auf Hilfsmittel zurückgegriffen werden wie Lernsoftware, die über die Schulen zur Verfügung gestellt wird. Oder ein Erklär-Video, das den Stoff, der morgens an der Tafel erklärt worden ist, noch mal bei den Hausaufgaben präsentiert. Im Prinzip gibt es in 98 Prozent aller Haushalte in Deutschland Internetzugang. Selbst in Schulen in sozialen Brennpunkten haben die meisten Jugendlichen ein Smartphone. Diese sollen als Unterrichtsmittel eingesetzt werden. Schüler lernen so, gezielt damit umzugehen und es nicht nur als Instrument zum Chatten und zum Austausch mit Freunden zu nutzen.

Wie kann der akute Lehrermangel ausgeglichen werden?

Bodegan: Wir sind jahrelang davon ausgegangen, dass mit sinkenden Schülerzahlen zu rechnen ist. Das ist jetzt ein großes Problem, weil Schule auf der Basis von Prognosen die Ressourcen und Kapazitäten der Lehrerausbildung planen. Jetzt haben wir eine ganz massive Schubumkehr durch die hohe Zahl der Flüchtlinge. Das Bestreben muss sein, neue Wege in das Lehramt zu schaffen – wie Seiteneinstiege für Leute, die sich nicht von Anfang an für eine Lehramtsausbildung entschieden haben. Und Möglichkeiten zu schaffen, sich im Nachgang für das Lehramt zu qualifizieren. Wir brauchen auch eine bessere Anerkennung ausländischer Qualifikationen.

Ihre Partei, die SPD, will das Kooperationsverbot kippen? Ist die Bildungshoheit der Länder noch zeitgemäß? 

Bodegan: Gerade bei der Bewältigung der Flüchtlingskrise sind die Bedingungen in den einzelnen Bundesländern sehr unterschiedlich. Deshalb ist Bildungshoheit richtig. In den großen Flächenländern wie Niedersachsen gibt es vielfach große Flüchtlingsunterkünfte. Das erfordert andere Antworten, wie man damit umgehen kann. Wenn hier in Bremen die Menschen am Bahnhof ankommen, können wir sie aufgrund der kurzen Wege auch als Schulbehörde in die Arme nehmen und sagen: Wir bieten Euch ganz schnell eine Beschulung und einen Schulplatz an. Das geht in den Flächenländern nicht, weil die Flüchtlinge oft monatelang in einer Erstaufnahmeeinrichtung bleiben. Da stellt sich die Frage, welche Art von Unterricht, welches Bildungsangebot kann gemacht werden. Der Bund muss aber mehr Kosten übernehmen, beispielsweise für Schulpsychologen und Schulsozialarbeiter bei traumatisierten Kindern.

Zur Person: Claudia Bogedan rückte nach der Bremer Bürgerschaftswahl im Mai ins Kabinett. Die 40-Jährige ist Senatorin für Bildung und Kinder. Sie hat Soziologie und Sozialwissenschaften studiert und an der Bremer Universität promoviert. Vor ihrem Einstieg als Bremer Senatorin arbeitete sie bei der Hans-Böckler-Stiftung. Sie ist mit einem Deutsch-Spanier verheiratet und Mutter eines Sohnes. Interview: Vera Jansen, dpa

Zum Bericht: Was den Lehrerinnen und Lehrern in Deutschland im neuen Jahr blüht – eine Vorhersage

3 Kommentare

  1. Mit Smartphones kann man den Computerraum teilweise, Tablets weitgehend und die unseligen grafikfähigen Taschenrechner nahezu komplett ersetzen. Daher finde ich den Ansatz mit den Smartphones ganz spannend und — ganz wichtig — für die Eltern der Schüler mit so gut wie keine Mehrkosten verbunden.

    Allerdings setzt das voraus, dass jeder, aber wirklich jeder Schüler ein Smartphone besitzt und WLAN in die Klassenräume kommt. Die Unterschiede zwischen Apple und Android sind überwindbar, ggf. müssen die Apple-Schüler Geld für die eine oder andere App ausgeben, für Android gibt es viel mehr kostenlose Apps.

    In Prüfungen können die Smartphones natürlich nicht verwendet werden.*) Man muss sich also überlegen, wie man die digitale Welt auch abprüfen kann ohne, dass die Eltern doch ein Tablet, einen Grafikrechner o.ä.a anschaffen müssen.

    *) Ausnahme: Man macht die Prüfungen so lang und / oder schwer, dass die Kinder keine Zeit haben, sich intensiv im Internet nach den Antworten umschauen zu können. Das wird aber in Bremen, letzter in den PISA-E-Studien, politisch nicht durchsetzbar sein.

  2. Ich habe schon mehrfach versucht mit den Handys der Schüler Unterricht zu machen, sei es dadurch, dass ich Online-Wörterbücher zulasse oder dass die Kinder nachschlagen können, was sie über das entsprechende Land finden, über das gerade gesprochen wird -da reicht uns meist Wikipedia und die Bildersuche, das Wissen vermittel ich, die Kinder sollen nur einen Eindruck erhalten.
    Dabei stellte ich fest, dass etwa 3/4 der Kinder ein Smartphone besitzen. 1/4 gehört einer streng-religiösen Gruppe an, die Technologien ablehnen. Und viele Schüler lassen die Handys auch mal zu Hause liegen, da offiziell Handyverbot gilt. Manche Verträge haben zudem ein zu geringes Datenvolumen oder gar keinen Empfang. Im Gebäude selbst ist der Empfang sehr eingeschränkt. Unterricht mit Handy geht daher nur im Sommer, wenn wir draußen arbeiten können.

    Die Idee ansich finde ich gut, allerdings muss zwingend das WLAN in den Schulen ausgebaut werden, es braucht kostenlose Apps und man benötigt Handys für diejenigen Kinder, deren Eltern aus Prinzip zu Hause keine neuen Medien haben. Außerdem benötigt es feste Regelungen, wann die Kinder Handyfrei haben. Es darf nicht dazu ausarten, dass das Handy zusätzlich mitzubringen ist. Das geht uns Erwachsenen verloren, die Kids wachsen in ständiger Erreichbarkeit auf und wissen gar nicht, dass man die Geräte auch mal ausschalten darf. Die aktuelle Rechtssprechung, die Kindern erlaubt, ihre Freizeit grundsätzlich mit Handys zu verbringen, übersieht leider, dass Kinder dazu angeleitet werden müssen, die Medien nicht zu nutzen.

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