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Flüchtlingskinder an Schulen – Gymnasium in Duisburg-Marxloh geht neue Wege

DUISBURG. Wie lassen sich Hunderttausende Flüchtlingskinder ins Bildungssystem integrieren? In Duisburg erprobt ein Gymnasium neue Wege. Das Modell wird wissenschaftlich begleitet und ist in der Form wohl bundesweit ohne Beispiel. Es soll später möglichst vielen zugutekommen.

Sind Flüchtlingskinder besser zunächst in Willkommensklassen aufgehoben - oder sofort in Regelklassen?

So manches Flüchtlingskind hat noch nie eine Schule von innen gesehen.

Shizal ist elf, hat in Afghanistan nie Schreiben und Lesen gelernt. Das schüchterne Mädchen besucht eine Internationale Klasse (IK) am städtischen Gymnasium in Duisburg-Marxloh. Dass sie an einem wohl bundesweit neuartigen Projekt teilnimmt, ist ihr nicht bewusst. Musik steht auf dem Programm. Die Herausforderung für die Schüler aus Syrien, Afghanistan, Bulgarien oder Albanien: Den Text an der Tafel «Ich liebe Duisburg» lesen, singen, verstehen. Shizal sagt nichts. Aber als alle die Strophen gemeinsam aufsagen, zeigen ihre lautlosen Lippenbewegungen: Sie kann die Worte lesen. Nach acht Wochen am Elly-Heuss-Knapp-Gymnasium.

Zu den Besonderheiten des wissenschaftlich begleiteten Modells gehört: Es richtet sich auch an Zugewanderte, die etwa wegen ihrer Flucht kaum oder keine Schulerfahrung haben. In gemischten Teams arbeiten Lehrkräfte mit Deutsch als Zweitsprache, eine Sozialarbeiterin und eine interkulturelle Beraterin Hand in Hand, planen gemeinsam. Eltern werden in Bildungspartnerschaften eingebunden. Die Uni Duisburg-Essen ermittelt für die einzelnen Schüler den Sprachstand, will später daraus ein Diagnose-Instrument für alle Schulen entwickeln.

Die Ergebnisse aus der Praxis sollen im zweiten Schritt möglichst vielen Kommunen und Schulen zugute kommen, kündigt Projektmanagerin Karen Dietrich von RuhrFutur an.

Der Bedarf dürfte groß sein. Nach Schätzungen sind bundesweit allein 2015 bis zu 400 000 Flüchtlinge im schulpflichtigen Alter gekommen. Ihre Integration ins Bildungssystem gilt als eine gewaltige Aufgabe.

Die Kinder der IK II sind eifrig bei der Sache. Die Schüler – viele haben Krieg und Entbehrung hinter sich – lernen unbeschwert, konzentriert. «Universität» scheint unaussprechlich für den elfjährigen Vasko. «Arzt» ist schwierig für Razma. «Lieben und Leben ist etwas anderes», verdeutlicht Klassenlehrerin Anja Gesthüsen die Bedeutung der korrekten Aussprache: «Ich lebe in Deutschland, aber ich liebe meinen Mann». Die Klasse hat verstanden: «Ich liebe meine Mama» und «ich liebe meine Fußball» schallt es aus dem Raum.

Ein paar Türen weiter steht Mathe in der 6c an. Wie man auf das Ergebnis kommt, weiß Majd (12) aus Syrien sofort, nennt die korrekten Zahlen. Um den Lösungsweg zu erklären, reicht sein deutscher Wortschatz aber noch nicht. Elmedina springt ein, übernimmt an der Tafel. Beide haben zuerst einige Monate in einer IK gelernt, sind dann schnell «aufgestiegen» zu Regelschülern und lernen jetzt schon mit den einheimischen Kindern zusammen.

«Das Projekt hat sich wirklich bewährt», sagt Schulleiter Holger Rinn nach knapp einem Jahr – und damit zur Halbzeit. «Die Anlaufphase war schwierig. Viele Lehrer waren an der Grenze der Belastbarkeit. Es hat Kraft gekostet – zumal wir grundsätzlich eine Schülerschaft haben, die viel Zuwendung braucht», sagt Rinn mit Blick auf den hohen Migrationsanteil. «Wir haben es organisatorisch, didaktisch und pädagogisch gut geschafft und wollen das in Bausteinen auch alles zur Anwendung an andere Schulen weitergeben.»

Einige Kinder aus den zwei IK-Modellklassen sind bereits komplett fit für den allgemeinen gymnasialen Unterricht, werden aber noch durch Förderstunden unterstützt. Andere Jungen und Mädchen wechseln fächerweise in die «normalen» Klassen. Eine dritte IK hat sich gegründet, die Plätze sind begehrt. Das Zweijahresprojekt finanziert die Mercator-Stiftung. RuhrFutur bietet Fortbildungen an, in einem Stadtteil, der sonst oft mit Kriminalität Schlagzeilen macht.

«Zwei Jahre sind sehr knapp, um Deutsch so zu lernen, dass es für den Fachunterricht in Physik oder Geschichte ausreicht», meint Gesthüsen. Vor allem, wenn es anfangs noch Probleme bei der Alphabetisierung gebe. «Wir sind ins kalte Wasser gesprungen. Aber es funktioniert jetzt gut. Wir arbeiten differenzierter als in den Regelklassen.» Die Pädagogin meint: «Um das Konzept zu optimieren, wäre eine durchgängige Doppelbesetzung nötig.»

Das Projekt trage Früchte, betont Sozialarbeiterin Ina Leyendecker. Sie macht auch Hausbesuche, hilft Familien bei sozialen Problemen, unterstützt auch die Eltern, lädt sie regelmäßig ein. «Es geht um schulische, aber auch soziale und gesellschaftliche Integration. Schule muss da mehr tun – und das machen wir.» Der Stadtteil wird gemeinsam erkundet, Kontakte werden vermittelt. «Die Kinder sollen nicht zur Schule gehen wie auf eine Insel. Wir schlagen eine Brücke, und dafür brauchen wir die Eltern», sagt sie. «Das Vertrauen wächst.»

Mirella Dobra ist stolz auf ihre elfjährige Tochter. «Ana hat bei Null angefangen. Sie macht große Fortschritte. Sie bekommt hier eine Chance auf eine gute Zukunft.» Samer Baida, Schmied aus Syrien, freut sich über den Erfolg seiner Tochter Razal, die schon für ihn übersetzt: «Sie ist eine gute Schülerin. Sie soll Ärztin werden.» Auch er beginnt nun einen Deutschkurs. Razal verspricht: «Ich helfe meinem Papa dann bei den Hausaufgaben.» Von Yuriko Wahl-Immel, dpa

Ein Kommentar

  1. Schön. Aber wird auch bi- bzw. Multilingual unterrichtet? Deutsch erscheint immer noch und gerade auf dem den deutschen akademiker- und mittelstand tragenden und daher auch die grundlagen der homogenen monolingualen tradierendem gymnasium. Die erwähnte uni setzt sich übrigens sehr für multilingualen unterricht ein. Wieso wurde es also nicht übernommen? Und die aussage, dass in der schule sowieso eine heikle situation (sprich: eigentlich eine NORMALE Heterogenität!)vorherrscht, wird nicht mit migration und sozialen problemen erklärt, sondern nur mit den migrantenkindern. Eine kulturalisierung, die so nicht statthaft ist.

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