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Ganztagsschulverband fordert: Qualität von Ganztagsschulen verbessern

BAD CAMBERG. Der Ganztagsschulverband stellt in einer Pressemitteilung fest: „Ganztagsschulen sind erfolgreich. Ganztagsschulen steigern die Schulqualität. Ganztagsschulen ermöglichen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Ganztagsschulen stärken die psychosozialen Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler. Aber echte Fortschritte in der Bildungsqualität und in der Verbesserung der Bildungschancen benachteiligter Gruppen lassen auf sich warten. Warum?

Zurzeit sind in Deutschland die Bildungschancen der Kinder noch viel zu stark von ihrer Herkunft, den politischen Schwerpunktsetzungen und der Finanzkraft der Länder und der Schulträger abhängig. In den meisten Bundesländern liegt der Schwerpunkt der Entwicklung auf der Ausweitung der Betreuung. Sind wir auf dem Weg in die Betreuungsrepublik? Gemessen an der Wirtschaftskraft unseres Landes sind die Bildungsausgaben immer noch zu niedrig. Wir vom Ganztagsschulverband halten das für beschämend, es ist gemessen an der Bedeutung der Bildung für die Zukunft unseres Landes ein Armutszeugnis.

Zwei Veröffentlichungen zeigen den Entwicklungsbedarf mehr als deutlich. Da ist zum einen die Studie des StEG-Konsortiums „Ganztagsschule: Bildungsqualität und Wirkungen außerunterrichtlicher Angebote – Ergebnisse der Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen 2012–2015“ vom 14.4.2016 und die „Studie zum Bundesländervergleich gebundener Ganztagsschulen“ der Bertelsmann Stiftung unter der Leitung von Prof. Dr. Klaus Klemm und Dr. Dirk Zorn vom 28.4.2016.

Beide Studien betonen die Erfolge der Ganztagsschulentwicklung, legen aber ebenso deutlich offen, wo dringender Handlungsbedarf für Politik und Verwaltung besteht.

Besonders aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang der in seinen Ergebnissen alarmierende Bundesländervergleich der Bertelsmann Stiftung. Ausgehend von der Prämisse des hohen Potentials der Ganztagsschule zur Verwirklichung der Chancengerechtigkeit und der Verbesserung der Leistungsfähigkeit des deutschen Schulsystems sind sich die bildungspolitisch Verantwortlichen in Bund und Ländern einig: Die Ganztagsschule kann soziale Benachteiligungen verringern und die Lernmöglichkeiten verbessern. Deshalb hat sich die Ganztagsschulentwicklung in den letzten Jahren so rasant vollzogen.  Aber: Die Schwerpunkte der Entwicklung lagen überwiegend auf der quantitativen Ausweitung des zeitlichen Angebots sowie auf der Verbesserung der räumlichen Ausstattung.

Ein verbindlicher Qualitätsrahmen für die inhaltliche Gestaltung eines rhythmisierten Ganztagsschulsystems fehlt bisher und die Frage nach der personellen Ausstattung wird kaum adäquat und von Land zu Land höchst unterschiedlich beantwortet. Die Bertelsmann-Studie bestätigt eindringlich die vom Ganztagsschulverband schon mehrfach angemahnten Defizite in der Ganztagsschulentwicklung. Die Studie sagt: Es fehlt an verbindlichen Standards. Zusätzliche Lernzeit und zusätzliches Personal divergieren in den Ländern so stark, dass von Gleichwertigkeit der Lernchancen nicht einmal im Ansatz die Rede sein kann. Einzig Berlin und das Saarland stellen ausreichend Personal für eine gelingende individuelle Förderung an gebundenen Ganztagsgrundschulen bereit. In der Sekundarstufe I schafft das nur Rheinland-Pfalz. Gute Personalressourcen sind die zentrale Voraussetzung für die vollständige Entfaltung der Bildungspotentiale der Ganztagsschule. Das gilt sowohl für das Lehrpersonal als auch andere pädagogische Professionen. Nur mit einer adäquaten personellen Ausstattung kann das „Mehr an Zeit“ auch tatsächlich wirksam werden.

Der Ganztagsschulverband bestätigt aus den Kenntnissen und Erfahrungen seiner Mitgliederschaft ebenso das Fazit des StEG-Konsortiums. Die meisten Schulen in Deutschland (mittlerweile 60%) arbeiten als Ganztagsschulen mit einem erweiterten Bildungsangebot und vielen Kooperationspartnern in der jeweiligen Region. Es besteht aber akuter bildungspolitischer Handlungsbedarf, weil durch eine sehr unterschiedlich Auslegung der Ganztagsschuldefinition der KMK eine kaum überschaubare Diversität in der Qualität der Angebote entstanden ist. Die Definition der KMK setzt keinen wirklich relevanten Qualitätsrahmen für ganztägige Schulen.

Für das StEG-Konsortium existiert sogar die Gefahr, dass Ganztagsschulen auf ihre zusätzlichen Betreuungszeiten reduziert würden, „sodass pädagogisch motivierte Ziele aus dem Blick geraten – wie etwa die konzeptionelle Verbindung von außerunterrichtlichen Ganztagsangeboten mit dem Unterricht, die bislang nur an jeder zweiten Ganztagsschule realisiert wird.“ Dabei erscheint aus Sicht unseres Verbandes gerade eine den Vor- und Nachmittag verzahnende  Rhythmisierung unterrichtlichen und außerunterrichtlichen Lernens unabdingbar, um die in den Studien deutlich betonten, fördernden Effekte von Ganztagsschulen auf Bildung und Erziehung von Kindern und Jugendlichen weiter zu entwickeln und in die Fläche zu bringen. Nur ein verlässlich angebotenes und kontinuierlich genutztes sowie pädagogisch rhythmisiertes Bildungsangebot kann die gewünschten Bildungs- und Sozialisierungserfolge entscheidend befördern.

Die moderne Lernforschung bestätigt, dass Kinder keine Betreuung brauchen, sondern Lernanregungen, die ihren natürlichen Lernwillen anregen und sie so zur Selbstständigkeit erziehen. Wenn Eltern „Betreuung“ nachfragen, impliziert das für den Ganztagsschulverband immer den Wunsch nach einem pädagogisch und fachlich hochwertigen Angebot. Dies ist unserer Ansicht nach nur mit einer sicheren und fachlich entsprechend ausgebildeten personellen Ausstattung der Schulen zu leisten. Kooperationen und das Ehrenamt dürfen in den Ganztagsschulen eine wichtige, aber eben eine ergänzende Funktion haben, der Kern der Arbeit muss in professionellen Händen liegen.

Der Ganztagsschulverband erinnert deshalb zum wiederholten Male an seinen folgenden Forderungskatalog und fordert die mit Bildung und Erziehung beauftragten politischen Vertreter zu entsprechendem Handeln auf:

Es ist höchste Zeit für die Aufhebung des aus unserer Sicht unsinnigen Kooperationsverbotes im Grundgesetz und einer dem IZBB vergleichbaren gemeinsamen Anstrengung von Bund und Ländern, um die bekannten qualitativen Defizite in der bundesdeutschen Schullandschaft gezielt und effektiv zu bekämpfen.

Um die Qualität ganztägig arbeitender Schulen weiterzuentwickeln, müssen Schulen großzügig mit qualifiziertem pädagogischen Personal versorgt werden. Nur so kann sichergestellt werden, dass alle Kinder und Jugendlichen eine ihnen angemessene differenzierte, individuelle und inklusive Förderung und Lernbegleitung erhalten.

Der Ganztagsschulverband fordert, dass für jeden Schüler und jede Schülerin eine gebundene Ganztagsschule in zumutbarer Nähe erreichbar sein muss. (Stichwort: flächendeckendes Angebot).

Die Ganztagsschule muss offen für alle sein, sie darf niemanden ausschließen (Stichwort: Keinerlei Gebühren für zusätzliche Angebote).

Wir schließen uns daher abschließend der Forderung der Verfasser der Bertelsmann-Studie an: Es ist höchste Zeit, einen Prozess anzustoßen, der die Entwicklung einheitlicher Qualitätsstandards für die personelle und zeitliche Ausstattung der gebundenen Ganztagsschulen in ganz Deutschland zum Ziel hat und parallel dazu für eine entsprechende wissenschaftliche Begleitung durch die Schulentwicklungsforschung sorgt.“

Zum Bericht: Konsortium: Ganztagsschulen fördern die Persönlichkeit, nicht die Leistungen

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