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Jedes Kind soll einen Lehrer als persönlichen „Lerncoach“ bekommen: Fleischmann fordert ein Gymnasium, „das sich den Schülern anpasst“

MÜNCHEN. Ein flexibles, in Modulen strukturiertes System, in dem jeder Schüler seine Lernzeit selbst bestimmen und nach der Grunddschulzeit in acht oder in neun Jahren zum Abitur kommen kann – so sollte dem Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) zufolge das Gymnasium der Zukunft aussehen. BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann stellte es nun auf einer Pressekonferenz in München vor. Das Modell ähnelt stark der von der nordrhein-westfälischen Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) im G8/G9-Streit ins Gespräch gebrachten individuellen Schulzeit. Die GEW spricht sich hingegen für ein „neues“ G9 aus, das ohne weitgehende Strukturveränderungen auskommt.

Jedes Kind soll einen Lehrer als persönlichen „Lerncoach“ bekommen: Fleischmann fordert ein Gymnasium, „das sich den Schülern anpasst“

Jedes Kind soll einen Lehrer als persönlichen „Lerncoach“ bekommen: Fleischmann fordert ein Gymnasium, „das sich den Schülern anpasst“

„Jedes Gymnasium kann ein solches Modulsystem nach der sechsten Jahrgangsstufe einführen“, erklärte BLLV-Chefin Fleischmann. „Es gibt dann (wie bei der ebenfalls diskutierten Wahlfreiheit für die Schulen, d. Red.) keine Gymnasien erster und zweiter Klasse und keine Konkurrenz untereinander.“ Ein solches System sei auch leichter zu organisieren als eine pädagogisch wenig ergiebige ausgedehnte Mittelstufe mit ihren starren Zügen. Die Diskussion um ein acht- oder neunjähriges Gymnasium könne so einen Weg aus der Sackgasse finden, in die sie geraten ist. Der Schulfriede bleibe gewahrt. Für den BLLV sei es letztlich unerheblich, ob das Gymnasium acht, neun oder zehn Jahre dauere, betonte Fleischmann. „Uns kommt es auf die Pädagogik an und darauf, die Situation für Schüler und Lehrkräfte spürbar zu verbessern.“

„Wir sind ganz beim Kultusminister, wenn er immer wieder betont, dass Schüler individuelle Lernzeit benötigen“, sagte die BLLV-Präsidentin mit Blick auf den bayerischen Amtsinhaber Ludwig Spaenle (CSU). Allerdings seien den klugen Worten noch keine Taten gefolgt. Die Neuauflage des Gymnasiums biete nun die Chance, damit ernst zu machen.

Keine zusätzlichen Inhalte

Das Modulsystem basiere auf zwei Voraussetzungen: Erstens: „Der Lehrplan darf nicht wieder aufgebläht und mit zusätzlichen Inhalten überfrachtet werden.“ Zweitens: „Wir denken das Gymnasium von der Schülerin, dem Schüler her – das heißt, wir bieten ein System an, das sich den jungen Leuten anpasst, nicht umgekehrt. Ein System also, das die unterschiedlichen Motivlagen der einzelnen Schülerinnen und Schüler berücksichtigt und flexibel auf mögliche Veränderungen reagieren kann. Das entspricht im Übrigen auch den Vorstellungen des BLLV zum Thema Individualisierung.“

Das Modell im Detail: Das Modulsystem ermöglicht es den Gymnasiasten, aus den Angeboten der Schule verschiedene Module auszuwählen. Dabei wird zwischen Fach- und Zusatzmodulen unterschieden. Zusatzmodule können Förder-, Plus-, Brücken- oder Projektmodule sein. Fachmodule dienen der Vermittlung der Lehrplaninhalte jeweils eines Schuljahres. Innerhalb eines Fachmoduls findet keine Leistungsdifferenzierung statt. Somit ist sichergestellt, dass mit einem erfolgreichen Abschluss der Fachmodule der zehnten Jahrgangsstufe die Oberstufenreife erreicht wird. Zusatzmodule dienen der Individualisierung. Mit den Plusmodulen können individuelle Stärken ausgebaut werden. Fördermodule gleichen im Sinne einer Intensivierung individuelle Schwächen aus. Brückenmodule können gewählt werden, wenn ein zusätzliches Schuljahr einplant wird. Die Projektmodule sollen Möglichkeiten für eigenverantwortliches Lernen eröffnen – dazu sollen auch eigene Lernwerkstätten angeboten werden.

Unvermeidliche Freistunden

„Die Module können über ein halbes oder ganzes Schuljahr laufen oder auch kürzere Zeitspannen umfassen“, erklärte Fleischmann. Je nach Wahlverhalten könnten die Schülerinnen und Schüler die Jahrgangsstufen sieben mit zehn in vier, fünf oder maximal sechs Jahren durchlaufen. „Die zusätzliche Zeit kann zu einer Entzerrung des individuellen Stundenpensums, aber auch zur Vertiefung, Schwerpunktsetzung oder Förderung genutzt werden.“ Zudem entfalle das pauschale Wiederholen aller Fächer einer Jahrgangsstufe beim Verfehlen des Klassenziels in nur zwei Fächern. Es müssten dann lediglich nur die nicht erfolgreich abgeschlossenen Module wiederholt werden. „Wir stellen uns auch vor, dass die Schülerinnen und Schüler die bei der Einführung des Modulsystems unvermeidlichen Freistunden im Sinne des eigenverantwortlichen Lernens in Lernwerkstätten, Lernateliers oder Fachsprechstunden nutzen können.“

Mit Eintritt in die siebte Jahrgangsstufe bis zum Abschluss des Modulsystems soll zudem jedem Schüler eine Lehrkraft als Coach zugeordnet werden. „Wir wollen den jungen Menschen enge und dauerhafte persönliche Beziehungen und eine erheblich bessere Betreuung auch in pädagogischen Fragen ermöglichen“, betonte Fleischmann. Vorgesehen ist zudem im Modulsystem der Unterricht in Doppelstunden. Die BLLV-Präsidentin: „Im Modulsystem überwiegen außerdem die Vorteile des Lehrerraumprinzips, das die Möglichkeit einer förderlichen Lernumgebung eröffnet und mehr Ruhe in den oft zu eng getakteten und hektischen Schultag bringt.“

GEW für „neues“ altes G9

Die GEW hingegen orientiert sich bei ihrem Modell eines „neuen“ G9-Gymnasiums, das sie ebenfalls jetzt vorstellte, strukturell stark am alten: Nach der 10. Klasse soll zunächst von allen Schülern der Realschulabschluss gemacht werden, um dann in der Regel über drei Jahre zum Abitur zu kommen. Die neue Qualifikationsphase kann weiterhin aus zwei Schuljahren bestehen. Ein zusätzliches Jahr vor der Qualifikationsphase soll aber individueller genutzt werden.

Heißt konkret: Die Mehrzahl der Schüler belegt nach der 10. Klasse ein 11. Schuljahr, das das neue G9 ausmachen wird: Ein Jahr zur Vertiefung des Stoffs und zur Vorbereitung auf die Qualifikationsphase. Hier können die Kompetenzen erlangt werden, für deren Durchdringung ein älterer Jugendlicher erst jetzt die notwendige Reife hat: Historische Ereignisse, die zum Beispiel in der 8. und 9. Klasse gelernt wurden, können jetzt in einen größeren Zusammenhang gebracht und in die aktuelle politische Lage eingeordnet werden. „Das neue G9 sorgt für die Hochschulreife, die die Universität verlangt“, meinte der bayerische GEW-Landesvorsitzende Andreas Hofmann. Weiterer Vorteil des Modells aus seiner Sicht: Die  Schulen vor Ort könnten es ohne große Strukturveränderungen umsetzen. Agentur für Bildungsjournalismus

Zum Bericht: Ist das die Lösung im G8/G9-Streit? Alsdorfer Gymnasium geht neuen Weg: Lernen in eigenem Tempo – ein Ortsbesuch

 

 

28 Kommentare

  1. Das ganze klingt in der Theorie für nicht-Lehrer ganz plausibel. Als Lehrer stelle ich mir aber einige Fragen bezüglich der Umsetzung:
    – Wer bereitet das mit welchen Materialien vor?
    – Was passiert bei einem Schulwechsel weg von einem solchen Gymnasium auf ein „klassisches“ bzw. umgekehrt?
    – Wie funktioniert das mit Vokabeltests, Klassenarbeiten, Vergleichsarbeiten wie VERA8 usw.?
    – Woher weiß ein Kind, welches der Zusatzmodule es zu wählen hat?
    – Welche Zusatzmodule kann eine kleine Schule auf dem Land überhaupt anbieten?

    Die fehlende Hochschulreife wird auch vom dafür vollkommen ungeeigneten Lehrplan verursacht, ein zusätzliches Jahr vor der Qualifikationsphase macht das nicht besser. Darüber hinaus müsste man den Realschulabschluss fachlich massiv aufwerten, wenn auch die begabten Schüler danach direkt in die Qualifikationsphase gehen sollen. Man bedenke, dass diese vorher sechs Jahre lang unterfordert waren. Ach nein, dafür gibt es ja die Plus-Module aus dem Schulprogramm, die mangels geeigneter Interessenten aber nie eingerichtet wurden.

    • Hallo xxx,

      vielen Dank für Ihre Rückfragen, die ich Ihnen gerne beantworte. Zunächst zu meiner Person: Mein Name ist Roland Kirschner, ich leite im Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) die Fachgruppe Gymnasium und bin hauptberuflich Lehrer an einem staatlichen Gymnasium in Bayern.

      – Mit den Materialien meinen Sie vermutlich die Zusatzmodule (die Fachmodule basieren ja auf dem aktuellen Lehrplan, hier gibt es ja Schulbücher und das vorhandene Unterrichtsmaterial). Bei den Zusatzmodulen ist es vergleichbar mit Intensivierungsstunden, Fachsprechstunden usw.: Hier kann die Lehrkraft auf vorhandenes Material zurückgreifen oder selbst erstellen.

      – Bei einem Schulwechsel zu einem „klassischen“ Gymnasium berät die aufnehmende Schule, in welche Jahrgangsstufe der Schüler eintritt und welche Angebote dem Schüler ggf. gemacht werden. Ein Wechsel an ein „Modulgymnasium“ ist leicht machbar, da der Schüler dort dann Module entsprechend seines Kenntnisstandes auswählen kann.

      – Die Benotung funktioniert genauso wie bisher auch. Da die Fachmodule ja den Lehrplanstoff abdecken (das Fachmodul Mathematik 8 bspw. den Lehrplaninhalt Mathematik der 8. Jahrgangsstufe), schreibt man in diesem Modul Schulaufgaben, Exen, Tests usw. wie jetzt auch. Auch VERA oder Zentrale Leistungstests finden im zugehörigen Modul statt. Der einzige Unterschied zu jetzt ist, dass (um im Beispiel zu bleiben) im Fachmodul Mathe 8 auch Schüler sitzen können, die in ihrem neunten Schulbesuchsjahr sind (weil sie den Durchlauf gestreckt haben und ein Schuljahr in Mathe ein Brücken- und Fördermodul belegt haben).

      – Da es im Modulsystem keinen Klassenleiter mehr gibt, bekommt jedes Kind mit Eintritt in die Modulphase eine Lehrkraft als „Coach“ zugewiesen, der das Kind bis zum Ende der Modulhase begleitet. Dieser Coach berät das Kind hinsichtlich seiner Fächerwahl. Grundsätzlich ist es so (wieder – in der gebotenen Kürze – ein Beispiel): Ein Schüler war in der 7. Klasse in Englisch schwach. Im aktuellen System müsste er entweder die 7. Klasse freiwillig wiederholen (in allen Fächern) oder er geht mit seinen Lücken in die achte Klasse. Im Modulsystem kann er jetzt in seinem achten Schuljahr in Englisch „aussetzen“. Er besucht also nicht den Englischunterricht der 8. Jahrgangsstufe, sondern ein sog. „Brückenmodul“. In diesem Brückenmodul kann er seine Lücken schließen, sein Wissen festigen usw. In seinem neuten Schuljahr besucht er dann (mit gefestigtem Wissen) das Fachmodul Englisch der 8. Jahrgangsstufe. Daneben kann er auch weitere Zusatzmodule wählen, z.B. ein Plusmodul in Mathe, weil er hier sehr gut ist, und sein Wissen vertiefen will. Oder ein freies Projektmodul usw.

      – Die Fachmodule entsprechen ja den Lehrplaninhalten, können daher an jeder Schule angeboten werden. Aber klar ist: Wenn Schüler mehr Förderung haben sollen (egal ob jetzt um Defizite auszugleichen oder Begabungen zu fördern), dann braucht man dazu mehr Lehrerstellen. Die braucht man aber für ein G9 oder einen Parallelbetrieb G8/G9 auch. Wir fordern daher ja auch die Wiedereinrichtung der Stellen, die im Zuge der G8-Einführung am Gymnasium gestrichen wurden.

      Viele Grüße

      Roland Kirschner

  2. Das riecht doch stark nach einer Anpassung an das Universitätsprinzip. Einzelne Module welche mehr oder weniger frei gewählt werden können. Ein Teil davon ist Pflicht, andere dienen der Vertiefung oder Erweiterung??? Ganz klar Modulsystem einer Uni.

    Ich finde die Idee nicht schlecht und stehe dem sehr offen gegenüber. Probleme gibt es natürlich dann beim Angebot, wenn eine Landschule nicht mit einer Großstadtschule mithalten kann. Und das Problem, dass Kurse aufgrund zu weniger Teilnehmer nicht stattfinden, hat man auch jetzt schon bspw. bei Informatikkursen.

    • Nur dass bei den Universitäten die Studenten in der Regel bereits volljährig sind und damit ganz genau wissen, was sie tun müssen. Außerdem haben sie sich den Studiengang selbst ausgesucht und akzeptieren daher den dadurch vorgegebenen Stundenplan. Bei insbesondere pubertierenden Achtklässlern ist das anders. Bei zu viel Freiheit — nichts anderes ist das Modulsystem ja — machen die alles mögliche, nur nicht arbeiten.

      Nebenbei: Wird es eigentlich auch Förderkurse in Sport, Kunst und Musik geben oder nur bei den üblichen Verdächtigen Mathematik, Deutsch und allen Fremdsprachen?

  3. Es ist einfach immer wieder furchtbar, wenn Leute Bildungsminister werden, die selbst nie als Lehrer gearbeitet haben. 🙁

  4. Ich will das Gymnasium von 1955 wieder haben! Mit der obligatorischen Aufnahmeprüfung nach der 4. oder 5. Volksschulklasse.

    • jawoll!

      Ich will das Gymnasium von 1890 wieder haben! Basta!

      „nicht junge Griechen und Römer, sondern junge Deutsche“ sollen gebildet werden.

      • Ich nehme Ihren Kommentar mal bewusst wörtlich, wohl wissend, dass Sie ihn ganz anders meinen:

        Je nach Stadtteil müssen tatsächlich mehr junge Griechen und Römer (aka Italiener) als junge Deutsche gebildet werden, vom osmanischen Reich als einem geographischen Nachfolger der Babylonier ganz zu schweigen. Allerdings gehörten die Griechen und Babylonier zu den Vorreitern der (Natur-) Wissenschaft. Heutzutage ist davon in den geographischen Umkreisen leider nicht mehr viel übrig geblieben.

        • gut, dass Sie dieses erkannt haben – mit dem „ganz anders meinen“.

          Dann wissen Sie ja auch, wie ich es gemeint habe – mit meiner Antwort auf Pensionist.

    • Die Aufnahmeprüfung wieder einzuführen habe ich während meiner Zeit als Grundschulrektor schon immer für richtig gehalten. Das Theater Mut dem freien Elternwillen schadet nur den Kindern. Allerdings halte ich eine Umstrukturierung der Lernkultur und Abläufe an allen Schulformen auch für dringend geboten. Guckt doch endlich mal nach Finnland und Schweden! Da geht es auch anders -aber da gibt es wohl auch ein besseres Lehrer- Schülerverhältnis.

      • Meinen Sie mit dem Nach-Finnland-Schauen den Absturz von Finnland in den PISA-Rankings, seit sich die neue Unterrichtskultur auswirkt?

    • Ich will gar kein Gymnasium mehr bis Klasse 10 – gemeinsames Lernen bis Ende der sekI und danach eine Gymnasiale Oberstufe für alle, die die Voraussetzungen erfüllen.
      Wer auf’Gymnasium will, soll Dachdecker lernen – ein ehrenwerter Beruf!

      • natürlich leistungsdifferenziert ab spätestens klasse 8, damit die wirklich guten und willigen das abitur in zwei jahren schaffen können. mit dem aktuellen msa+quali ist das nicht möglich.

        • Ab jhg. 8 ist zu spät, Leistungs- und Neigungsdifferenzierung beginnend ab Jahrgangsstufe 7 und in deutlich mehr Fächern als in M, E, D und einer Naturwissenschaft. Aufhebung der fächerintegrierten Lernbereiche nach Klasse 7.
          Vor allem müsste mit der Fachleistungsdifferenzierung, die Differenzierung auf drei Leistungsniveaus einhergehen; Basisqualifizierung, erweiterte Basisqualifizierung und gymnasiale, auf die Anforderungen der Oberstufe angepasste Qualifizierung.

          • Nicht zu vergessen die zweite Fremdsprache ab Klasse 6 oder 7, die für die Oberstufe erforderlich ist. So etwas wie Spanisch neu ab Einführungsphase finde ich eher suboptimal.

            Eine gewisse Vorsortierung nach Grundschulzeugnis ist dann auch schon in Klasse 5 möglich, alternativ eine konsequente Durchmischung in Klasse 5 und 6. Das kann aber jede Schule für sich entscheiden.

            Nachfrage: G8 setzen Sie dann um in gymnasial + 2 Jahre Qualifikationsphase, G9 in erweiterte Basisqualifizierung mit geeigneten Noten, Einführungsphase, 2 Jahre Qualifikationsphase? Wie die Einführungsphase in kleinen 3-4-zügigen Landschulen funktionieren soll, müsste man dann sehen …

          • Dann gehen die kleinen Landschulen auf’m Dorf eben nur bis Klasse 8, danach geht es weiter an Kreisschulen bzw. Schulen regionaler Zentren die ja auch als Zweckverband von mehreren selbständigen gemeinden betrieben werden können..

  5. Ich weiß nicht recht, ich hatte 10 Jahre gemeinsamen Unterricht und dann 2 Jahre Abiturstufe. Was habe ich verpasst? Woran mangelt es mir? Ich konnte immerhin trotzdem Lehrer werden?! 😉

    Ich fände 8 Jahre gemeinsames Lernen und dann 4 Jahre für eine eigenständige Abiturstufe in Ordnung (die anderen weiter zusammen bis Klasse 10). Das wäre für mich ein Kompromiss zwischen dem sozialen und dem Leistungsaspekt.

  6. Wenn man den BLLV-Vorschlag mal schulpraktisch abklopft, dann bleiben nur Sprechblasen zurück.

    1. Dehnung und Entschleunigung, ist bei bis zu drei Nachmittagen für alle im Modulsystem nicht erreichbar
    2. Für je 7 Schüler ein Lerncoach. An dem Gymnasium, an dem ich unterrichte, gibt es 65 Lehrkräfte für 800 Schüler. Für das BLLV-Modell bräuchte man aber über 110 Lehrkräfte.
    3. Ein Wiederholen und Lernzeitverzögerungen gebe es nicht mehr, heißt es. Das ist natürlich Unsinn, weil ja eine flexible Gesamtdauer von 8 bis 10 Jahren vorgesehen ist. Das Ganze ist also nur ein rhetorischer Trick

    Entweder haben die BLLV-Konzeptionäre keine Ahnung vom gymnasialen Schulbetrieb und den Verhältnissen vor Ort oder Sie haben ein Modell gezimmert, das so teuer, unfinanzierbar und komplex ist, dass es ein bloßes Denkmodell ohne jede praktische Relevanz ist.

    • Conny sollte Bildunsgpolitik ruhig und sachlich diskutieren und darüber hinaus korrekt argumentieren.

      zu 1. Dehnung und Entschleunigung ist im BLLV-Modell prizipiell für alle Schüler möglich, hängt aber natürlich auch von individuellen Konstellationen ab. Die Mittelstufe des Gymnasiums, im BLLV-Modell die 7-10 Jahrgangsstufe, bietet die Möglichkeit, die 4 Jahrgangsstufen in 4 Jahren zu durchlaufen (+ 2 Jahre Unterstufe + 2 Jahre Oberstufe = 8 Jahre, vgl. G8), aber auch in 5 Jahren ( –> G9) oder gegebenenfalls auch in 6 Jahren (vgl. G9 + 1 weiteres Jahr). Für die Frage des Nachmittagsunterrichts verweise ich auf die Beispiel-Stundenpläne auf der Homepage des BLLV.

      zu 2. Connys Rechnung ist nicht nachvollziehbar: Ein Gymnasium mit 800 Schülern und 65 Lehrern hat eine Mittelstufe mit etwa 400-450 Schülern (z.B. je 3 x 33 Schüler in 4 Jahrgangsstufen (nach bisheriger Rechnung) =
      396 Schüler). 400 : 65 = 6,15 Schüler pro Lehrer (450 : 65 = 6,9!)

      zu 3. Weil im BLLV-Modell das Wiederholen einer ganzen Jahrgangsstufe zugunsten der Wiederholung in den Fächern, die nicht bestanden wurden, entfällt, gewinnt der Schüler/die Schülerin Zeit für zusätzliche Förderung und kann konzentrierter auf das Bestehen einzelner Fachmodule hinarbeiten. Die maximale Verweildauer beträgt im G9 11 Jahre, im BLLV-Modell 10 Jahre! Wo ist hier ein rhetorischer Trick zu finden?

      zum letzten Absatz: So einfach ist das also: Gymnsiallehrer im BLLV haben keine Ahnung und produzieren bloße Denkmodelle, deren Realisierung unfinanzierbar ist und die viel zu komplex sind. Danke für dieses differenzierte und wohlbegründete Urteil.

  7. Lieber Ulrich,

    interessant ist doch, dass in Bayern niemand, keine Partei, kein anderer Lehrerverbanbd, keine Schulleitervereinigung, kein Bildungspolitiker auf den BLLV-Vorschlag positiv reagiert hat. Sogar SPD und GEW haben sich distanziert.

    Warum? Weil ein Modulögymnasium keine Lösüng für ein Gymnasium ist, das die Schülerinnen und Schüler tatsächlich mehrheitlich von Nachmittagsunterricht und Stoffverdichtung entlastet.

    Jeder, der sich schon einmal mit dem Stundenplan für ein Gymnasium näher befasst hat, weiß, dass bei großer Ausdifferenzierung in Pflicht- und Wahlkurse, Lücken entstehen bzw. zusätzliche Zeitfenster am Nachmittag unabdingbar sind. Das ist auch einer der Gründe, warum die Oberstufenstundenpläne so aussehen, wie sie aussehen. Dies jetzt auch noch in die Mittelstufe zu übertragen und damit übrigens die Unterschiede bei den Kenntnissen noch weiter auseinanderklaffen zu lassen, ist absurd.

    Dass außerdem ausgerechnet ein Lehrerverband, der angeblich immer auf Pädagogik so viel Wert legt („Das Gymnasium muss pädagogischer werden“) die Klassengemeinschaften in der Mittelstufe einfach abschafft, entlarvend genug.

    Als Ersatz wird das Coaching-Modell propagier. Während aber ein Klassleiter seine Klasse mehrere Male pro Woche sieht, muss ein Coach seine „Klienten“ außerhalb seiner Unterrichtszeit zusammentrommeln und betreuen. Also ist das BLLV-Modell auch ein Lehrer-Mehrbelastungs-Modell! Aber klar,- dafü soll es natürlich jede Menge Extra-Anrechnungsstunden geben, die zu finanzieren jede Landesregierung ganz heiß ist.

    Allerdings muss ich gestehen: Ich habe am Anfang geschwindelt,- eine positive Presseerklärung auf das BLLV-Modell gab es denn doch. Als nämlich keine Partei und kein Verband auf die BLLV-Lok aufsprang, schob man am Tag danach noch selbst eine Pressemitteilung mit der Überschrift nach: „Das BLLV-Modell hat Zukunft!“

    Das klang allertdings schon eher nach dem berühmten Pfeifen im Walde …

  8. Once again, dieses Mal ohne bzw. mit weniger Fehlern!

    Lieber Ulrich,

    interessant ist doch, dass in Bayern niemand, keine Partei, kein anderer Lehrerverband, keine Schulleitervereinigung, kein Bildungspolitiker auf den BLLV-Vorschlag positiv reagiert hat. Sogar SPD und GEW haben sich distanziert.

    Warum? Weil ein Modulgymnasium keine Lösng für ein Gymnasium ist, das die Schülerinnen und Schüler tatsächlich mehrheitlich von Nachmittagsunterricht und Stoffverdichtung entlastet.

    Jeder, der sich schon einmal mit dem Stundenplan für ein Gymnasium näher befasst hat, weiß, dass bei großer Ausdifferenzierung in Pflicht- und Wahlkurse, Lücken entstehen bzw. zusätzliche Zeitfenster am Nachmittag unabdingbar sind. Das ist auch einer der Gründe, warum die Oberstufenstundenpläne so aussehen, wie sie aussehen. Dies jetzt auch noch in die Mittelstufe zu übertragen und damit übrigens die Unterschiede bei den Kenntnissen noch weiter auseinanderklaffen zu lassen, ist absurd.

    Dass außerdem ausgerechnet ein Lehrerverband, der angeblich immer auf Pädagogik so viel Wert legt („Das Gymnasium muss pädagogischer werden“) die Klassengemeinschaften in der Mittelstufe einfach abschafft, ist entlarvend genug.

    Als Ersatz wird das Coaching-Modell propagiert. Während aber ein Klassleiter seine Klasse mehrere Male pro Woche sieht, muss ein Coach seine „Klienten“ außerhalb seiner Unterrichtszeit zusammentrommeln und betreuen. Also ist das BLLV-Modell auch ein Lehrer-Mehrbelastungs-Modell! Aber klar,- dafür soll es natürlich jede Menge Extra-Anrechnungsstunden geben, die zu finanzieren jede Landesregierung ganz heiß drauf ist.

    Allerdings muss ich gestehen: Ich habe am Anfang geschwindelt,- eine positive Presseerklärung auf das BLLV-Modell gab es denn doch. Als nämlich keine Partei und kein Verband auf die BLLV-Lok aufsprang, schob man am Tag danach noch selbst eine Pressemitteilung mit der Überschrift nach: „Das BLLV-Modell hat Zukunft!“

    Das klang allerdings schon eher nach dem berühmten Pfeifen im Walde …

    • Hallo Conny,

      Sie sprechen ein paar inhaltliche Punkte aus unserem Konzept an: Lücken im Stundenplan – Unterschiede in den Kenntnissen – Klassenverband – Finanzierbarkeit. Dazu ein paar Anmerkungen:

      1. Lücken im Stundenplan
      Ein Modulsystem lässt sich nur realisieren, wenn man akzeptiert, dass es zu Lücken im Stundenplan kommen kann. Das haben wir auch nie bestritten. In unserem Konzept werden diese Lücken für Lernstudios, Fachsprechstunden usw. genutzt.

      2. Ausdifferenzierung der Kenntnisse
      Nach unserem Modell kann es durchaus vorkommen, dass ein Schüler in seinem neunten Schuljahr in den Fremdsprachen in einem Neuntklass-Kurs sitzt, in Mathematik aber in einem Achtklass-Kurs. Er hat also in Mathe weniger Kenntnisse als andere Schüler, die auch im neunten Schuljahr sind – genauso, wie jetzt auch. Denn auch jetzt sitzen in der neunten Klasse in Mathematik Schüler, die deutlich geringere Kenntnisse in Mathe haben als ihre Kameraden. Allerdings müssen diese derzeit den Stoff der Neunten lernen und parallel dazu ihre Lücken auffüllen. In unserem System hätten sie dazu ein Schuljahr Zeit, sich zu konsolidieren, um dann den Neuntklass-Kurs zu besuchen.

      3. Klassenverband
      Auch hier ist es klar, dass der Klassenverband in einem Modulsystem eine sehr geringe Rolle spielen wird – noch geringer als derzeit (denn auch jetzt existiert oftmals in der Mittelstufe kein fester Klassenverband wegen Kopplungen in diversen Stunden, unterschiedlichen Zweigen bzw. Sprachenfolgen).
      Übrigens muss die Auflösung des Klassenverbandes nicht zwingend negativ sein, z.B. in Mobbingfällen.
      Menschen sind sozial kompetent, wenn sie mit verschiedenen Personen in verschiedenen Situationen kompetent zusammenarbeiten und -leben können. Soziales Lernen findet daher vor allem statt, wenn man in unterschiedlichen Settings mit auch unterschiedlichen Personen zu tun hat. Vor diesem Hintergrund hätte das Modulsystem neben nach Nachteil (Wegfall des Klassenverbandes) auch Vorteile fürs soziale Lernen.

      4. Finanzierbarkeit
      Logischerweise benötigt das Modulsystem mehr Stellen und damit auch mehr Geld. Darauf haben wir auch immer hingewiesen. Wir haben daher gefordert, dass die Stellen, die im Zuge der G8-Umstellung vom Gymnasium verlagert bzw. gestrichen wurden, wieder eingesetzt werden. Übrigens: Auch für eine Rückkehr zum G9 oder für ein Mischmodell werden mehr Stellen und mehr Geld benötigt.

      Viele Grüße

      Roland Kirschner, BLLV

  9. Sehr geehrter Herr Kirschner,

    danke für die prompte, sehr sachliche Antwort, die allerdings meine Bedenken hinsichtlich verschlechtertem Stundenplan, notwendigem Pflicht-Nachmittagsunterricht, Verlust der Klassengemeinschaft und mangelnder Finanzierbarkeit voll bestätigt.

    Nach meinen Erfahrungen ist nicht eine immer weitere Atominsierung und Auffächerung des gymnasialen Angebots in Intensivierungsstunden, Lernbüros, Module, Wahlkurse, Lernlandschaften und Differenzierungskurse die zukunftsweisende Antwort auf die zunehmende Heterogenität der Schülerschaft, sondern eine verstärkte Konzentration auf die gemeinsamen Bildungsziele und die gemeinsam verantwortete Erziehungsarbeit in jeder Jahrgangsstufe und beim Abitur. Im Endeffekt macht die Bildungspolitik bei der Reform des Gymnasiums doch genau die Fehler, die man in der Vergangenheit bei der Konzeption und Weiterentwicklung der Gesamtschulen gemacht hat. Man zerlegt die Schule in lauter Kurse, Projekte, A-, B- und C-Kurse und verliert dabei das eigentliche Bildungsziel aus dem Auge. Es gibt in so einem System auch keine Lehrkraft mehr, die für eine gemeinsame Gruppe, einen Klassenverband diese pädagogogisch-didaktisch-fachliche Verantwortung übernehmen kann.

    Der eigentliche Verlierer in unserem Schulsystem sind doch der „normale“ Durchschnittsschüler, der weder zu der Gruppe der in allen Bereichen förderungswürdigen und geförderten leistungsschwachen Schüler gehört, der keinen Migrationshintergrund hat und der auch nicht zu der Gruppe der Hochbegabten zählt.
    Ich möchte nicht falsch verstanden werden: Ich finde es absolut richtig, dass wir für Kinder mit Migrationshintergrund und für Kinder aus bildungsfernen Schichten heute deutlich mehr tun als früher. Wir haben aber zunehmend bei allen Reformen vorrangig nur mehr Sondergruppen im Blick und vernachlässigen die große Masse der uns anvertrauten Schülerschaft.

    Vor einigen Jahren gab es in Berlin eine Studie zum Übergang von der Primarstufe in die weiterführenden Schulen. Da stellte sich heraus, dass die Verlierer bei diesem Übergang überproportionale Schülerinnen und Schüler sind, die nicht zu einer der inzwischen besonders geförderten Teilgruppen zählt.

    Wer individuelle Förderung ernst nimmt, muss jedes Kind nach seinen Begabungen und Interessen fördern. Das passiert aber bei uns kaum. Wir sind zufrieden, wenn die große Mehrheit den Mindeststandard erreicht. Wieviel Potenzial bei der großen Mehrzahl der Schülerschaft brach liegt und nicht entsprechend gefördert wird, interessiert doch in der Bildungspolitik niemanden, Hauptsache, die Sitzenbleiberquoten gehen zurück und die Abiturientenquoten steigen.

    • Danke, Conny, das haben Sie sehr gut gesagt und auf den Punkt gebracht.
      Bei allen Reformen stehen in der Tat die Minderheiten (Sondergruppen) im Fokus. Um die große Masse der Schüler, ihr Fortkommen und ihre Lernbedürfnisse kümmert sich kaum einer, sie bleiben unter ihren Möglichkeiten und können von der vielbeschworenen Chancengleichheit nur träumen.
      Sie werden durch Vernachlässigung eher ausgebremst, damit die „besonders geförderten Teilgruppen“ durch ein sinkendes Niveau mehr Chancen haben.

      • Ihr Begriff „Minderheiten“ ist nicht ganz richtig, weil eine Elitenförderung so gut wie nicht stattfindet. Projekte wie Jugend Forscht, die diversen Olympiaden, Sprachzertifikate oder Schüleruni zähle ich nicht dazu. Der mit Abstand größte Teil der Sondergruppen bezieht sich auf die von Ihnen genannten Leistungsschwachen und -unwilligen, die auf Teufel komm raus zum politisch gewünschten Abschluss gebracht werden müssen, selbst wenn sie den Abschluss nur greifen müssen, weil er 20cm vor ihrer Hand herumwedelt, während er bei der ignorierten Mitte mindestens 80cm entfernt in einer verschlossenen Box liegt, der Schlüssel aber nur durch harte eigene Arbeit ausgeteilt wird.

  10. Ehrlich gesagt, ich habe das alles wirklich nur überflogen, aber wenn eine Geschichtslehrerin ihr fachliches Handeln auf dem Elternabend einer 9.Klasse mehrmals mit den Worten „Entschuldigung, wir sind immer noch eine gymnasiale Einrichtung“ rechtfertigen muss, dann läuft doch etwas schief in meinen Augen.

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