Startseite ::: Praxis ::: Neue Erhebung zu Flüchtlingskindern zeigt: Zahl niedriger als angenommen – und: Die Länder haben ihre Hausaufgaben erledigt

Neue Erhebung zu Flüchtlingskindern zeigt: Zahl niedriger als angenommen – und: Die Länder haben ihre Hausaufgaben erledigt

KÖLN. Im Jahr 2015 sind rund 200.000 Kinder und Jugendliche im schulpflichtigen Alter, also zwischen sechs und 18 Jahren, neu nach Deutschland zugewandert – weniger als bislang angenommen. Damit hat sich ihr Anteil an der Gesamtschülerschaft seit 2014 von einem auf zwei Prozent verdoppelt. Das zeigt eine Untersuchung des Mercator-Instituts für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache und des Zentrums für LehrerInnenbildung der Universität zu Köln. Laut „Mediendienst Integration“ sagen die Bundesländer, sie hätten im Schuljahr 2015/2016 rund 13.000 zusätzliche Lehrerstellen geschaffen, im Schnitt also eine Stelle für 15 zu unterrichtende Flüchtlingskinder.

Syrisches Flüchtlingskind. Foto: MaximillianV / flickr (CC BY 2.0)

Syrisches Flüchtlingskind. Foto: MaximillianV / flickr (CC BY 2.0)

Zum Vergleich: Im Schuljahr zuvor gab es in Deutschland für rund elf Millionen Schüler 795.478 Lehrkräfte – im Schnitt also auf 14 Schüler eine Lehrkraft (wovon allerdings mehr als ein Drittel nur teilzeitbeschäftigt war). Heißt sum­ma sum­ma­rum: Die Bundesländer haben ihre Hausaufgaben weitgehend erledigt. Berücksichtigt ist dabei allerdings nicht der höhere Förderbedarf der Flüchtlingskinder, die vor allem sprachlich schnell integriert werden müssen. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) hatte 25.000 zusätzliche Lehrkräfte gefordert – allerdings war sie dabei von 300.000 neu zu beschulenden Flüchtlingskindern ausgegangen.

Die Unterschiede zwischen den Regionen haben sich laut Mercator-Institut 2015 gegenüber dem Vorjahr sichtbar verstärkt: Während der Anteil neu Zugewanderter an der Gesamtzahl 6 bis 18-jähriger in Brandenburg bei 1,4 Prozent liegt, verzeichnen das Saarland und Bremen 3,6 Prozent. 2014 lag der Durchschnitt in allen Bundesländern zwischen 0,6 und 1,8 Prozent. Nicht nur regional, sondern auch zwischen den Schulformen zeigt sich ein deutliches Ungleichgewicht: Mehr als ein Drittel der neu Zuwandernden im schulpflichtigen Alter ist zwischen 15 und 18 Jahre alt und benötigt Bildungsangebote an Gymnasien oder beruflichen Schulen. „Diese Tendenz hat sich gegenüber dem Vorjahr noch einmal verstärkt. Daher kommt es jetzt darauf an, insbesondere im Berufsschulbereich und am Übergang zwischen Schule und Arbeitsmarkt neue Angebote zu schaffen“, fordert Mona Massumi, abgeordnete Lehrerin am Zentrum für LehrerInnenbildung und Mitautorin der Studie.

Kaum Veränderungen hat es seit 2014 bei der Regelung der Schulpflicht gegeben. Es hängt noch immer vom Bundesland ab, wann die Schulpflicht für Asyl suchende Kinder greift. In einigen Bundesländern gilt sie von Anfang an, in anderen erst nach drei oder sechs Monaten Aufenthalt. „Die Kultusministerkonferenz hat zwar erklärt, dass schulische Angebote von Anfang an bereit gestellt werden und nicht zwischen geflüchteten und nicht geflüchteten jungen Menschen unterschieden wird. Die Studie zeigt jedoch, dass es hier noch enormen Handlungsbedarf gibt, denn der Zugang zu Bildung für Asyl suchende Kinder ist noch immer erschwert. Es ist Aufgabe der Länder, den Schulzugang gesetzlich zu verankern und die Umsetzung sicherzustellen. Kein Kind sollte vom Schulbesuch ausgeschlossen werden“, sagt Dr. Nora von Dewitz, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Mercator-Institut und Mitautorin der Studie.

Dauerhafte Migration

„Das Bildungssystem muss sich nicht nur auf die Kinder und Jugendlichen einstellen, die derzeit neu nach Deutschland zuwandern, sondern auch jene im Blick behalten, die schon länger hier sind. Sie benötigen weiterhin Sprachförderung im Deutschen. Migration ist ein dauerhaftes Phänomen. Wir begrüßen daher, dass die Kultusministerkonferenz sich in der letzten Woche dazu bekannt hat, Strukturen, Konzepte und Qualifizierungsangebote auf Dauerhaftigkeit auszurichten“ schlussfolgert Prof. Dr. Michael Becker-Mrotzek, Direktor des Mercator-Instituts. Auch dürfen laut Institut die Über-18-Jährigen Flüchtlinge nicht aus dem Blick verloren werden: Erweitert man die Gruppe auf Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 0 bis 25 Jahren, die potenziell Zugang zu Angeboten im Bildungssystem benötigen, steigt die Zahl nämlich rapide an – auf 640.000.

Und: Obwohl der Zahl der Neuankömmlinge 2016 deutlich gesunken ist, kommen nach wie vor Flüchtlinge nach Deutschland. Experten schätzen laut „Mediendienst Integration“ die Zahl der schulpflichtigen Kinder und Jugendlichen bis Jahresende auf 90.000 bis 120.000.

Für die Studie des Mercator-Instituts wurden Daten des Statistischen Bundesamtes aus dem Jahr 2015 und des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) aus dem Jahr 2015 sowie der ersten Jahreshälfte 2016 ausgewertet. Die aktuelle Untersuchung baut auf einer im Oktober 2015 veröffentlichten Auswertung auf. Agentur für Bildungsjournalismus

Zum Bericht: Suchen KMK tagt in Bremen zum Thema Flüchtlingskinder: Lehrkräfte sind knapp – Geld auch

3 Kommentare

  1. wurde auch erhoben, wie viele der u18 nur auf Anraten der Schleuser wegen der intensiveren Betreuung von u18 unabhängig vom tatsächlichen Alter u18 angekreuzt haben?

  2. “ Laut „Mediendienst Integration“ sagen die Bundesländer, sie hätten im Schuljahr 2015/2016 rund 13.000 zusätzliche Lehrerstellen geschaffen,…“

    Ja, die Stellen wurden GESCHAFFEN, aber nicht besetzt. Zu erheben wäre, wie groß der Bedarf an Schulen wäre, angesichts der Stunden, die laut Erlasslage angefordert werden könnten … und wie viele dieser Stunden wirklich in den Schulen ankommen.

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