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Gastbeitrag: Flüchtlinge „14 aus Millionen; oder: Jedes Kind mag Schokolade“- Teil 5 (Abschluss)

DÜSSELDORF. Erinnerung an Begegnungen mit geflüchteten Kindern: Flüchtlinge begegnen uns in den Medien allerorten. Doch in der „echten“ Realität erleben die meisten von uns nur selten ein wirkliches Zusammentreffen. Abgesehen von professionellen Betreuern und engagierten Bürgern bilden Lehrer und Schüler noch die Ausnahme. Sie haben in ihrem beruflichen Alltag direkt mit geflüchteten Kindern und Jugendlichen zu tun. Zu engeren Beziehungen kommt es aber auch dabei in der Regel kaum.

Bei der 19-jährigen Schülerin, die uns den folgenden Text geschickt hat, ist das anders. Aus einem Schulprojekt heraus entwickelte sich eine komplexe Begegnung mit Flüchtlingen, die sie in einem literarischen Aufsatz verarbeitet hat, den wir hier in mehreren Fortsetzungen veröffentlichen.

5. Teil
(zum Beginn des Berichts gelangen Sie hier…)

Der Weg veränderte sich: von Teer zu Asphalt und schließlich zu Erde, es wurde rutschiger und steiler, das Rauschen kam näher.
Vor uns konnten wir die Lichter sehen und die rauen Stimmen der jungen Fackelträger hören, die, voller Heimweh, mit ihren schwermütigen Liedern die Stille ausfüllten.
Den Dichter sah und hörte ich nicht.

Am Fluss angelangt, entfachten die Betreuer in einer mitgebrachten Feuerschale ein größeres Feuer, in das die Jungen ihre Stäbe warfen. Nun kamen die Messer zum Einsatz, denn für das vorbereitete Stockbrot mussten passende Stöcke her. Ich war Gast. Ich saß mit einem fertigen Ast in der Hand irgendwo im Dunkeln auf meinem Rucksack, fror und wusste, dass mein Geschenk – eine in der Not rasch verzierte und verpackte, gute Schokolade – schmolz.

Verschüchterte Kinder, die staunend vor der bunten Warenwelt in unseren Supermärkten stehen, diese Klischeevorstellung von Flüchtlingen geht an der Realität meist vorbei. Foto: garycycles / Wikimedia Commons (CC BY 2.0)

Verschüchterte Kinder, die staunend vor der bunten Warenwelt in unseren Supermärkten stehen, diese Klischeevorstellung von Flüchtlingen geht an der Realität meist vorbei. Foto: garycycles / Wikimedia Commons (CC BY 2.0)

Bald gesellten sich der männliche Betreuer namens Werner und seine Schützlinge N. und RH. zu mir. Das Feuer brannte gut! Ein Kreis bildete sich und wir begannen, unser Stockbrot zu braten. Nur Habibi blieb stumm außen vor.

N. und RH, die beide Iraner sind, diskutierten mit Werner über den Schah und über gute und schlechte Politik. Er erklärte ihnen, woher das Wort „Prügelperser“ stammt und nahm schließlich N. für ein Vieraugengespräch beiseite. Drüben, auf der anderen Seite der Feuerschale, stellten sie sich da gerade für ein Gruppenfoto auf. Die beiden Mädchen blieben unbeteiligt. Ich war auch nicht dabei, weil ich zwei Stöcke übers Feuer halten musste, da RH aufgesprungen und hinübergerannt war. Alle Jungs lächelten Arm in Arm in die Kamera.
Da erkannte ich den Dichter, eingeklemmt zwischen Nigger und Clown. Fröhlich sah er nicht aus, eher abwesend, wie nicht ganz von dieser Welt. Was um ihn herum geschah, all die Gespräche, er schien es kaum zu registrieren.

Sein 18. Geburtstag also – festgehalten in Farbe. Wie mochte sich das anfühlen, nun hier zu stehen, an einem Ort in der Nacht, der nicht seine Wahl war, während er gleichzeitig wusste, dass seine Liebsten und Freunde tot waren, verschwunden oder weit fortgegangen? Wie hatte er es sich wohl vor Jahren erträumt?
Ich wandte den Blick wieder ab; ich musste mich auf die Stöcke konzentrieren und sie wenden, damit der Teig nicht verbrannte.
Das Gruppenbild löste sich auf.

Plötzlich saß er neben mir und legte den Arm um meine Schultern.
„Hey, lange nicht gesehen…“
„Ja, stimmt“, sagte ich leise. Es hatte sich nichts verändert. Ich war immer noch genauso befangen und lahm. Wir begannen ein Gespräch, vorsichtig, auf jedes Wort bedacht. Wussten wir doch, dass Werner hinter uns war und aufmerksam zuhörte. Allerdings nicht, weil er böse Absichten gehabt hätte.
Erstaunt stellte ich fest, dass der Dichter alle meine Nachrichten aus den letzten Wochen gelesen hatte. Auch wenn er nur selten reagiert hatte. Er erinnerte sich an vieles und fragte mich sogar, wie es in Polen war. Ich hatte ihn eindeutig unterschätzt, diese Unterhaltung zeigte alles, was ich empfand, in einem ganz anderen Licht.

Er hatte sich einen lang gehegten Wunsch erfüllt: Er durfte endlich umziehen und ein eigenes kleines Zimmer in der Oberstadt bewohnen, berichtete er. Morgen schon würde er das Haus in der Rheinstraße verlassen.
Angenervt von den vielen Regeln und seinen Mitbewohnern, insbesondere den Afghanen, hatte er sehnsüchtig auf eine Möglichkeit gewartet. Nun war er 18, nun durfte er es unter Aufsicht des Jugendamtes. Das Zimmer hatte er selbst einrichten müssen.

„Gehst du nach den Sommerferien in die 11. Klasse? Bleibst du hier an der Bali?“, fragte ich ihn. „Ich…weiß nicht… Ich kann jetzt nichts machen… Ich gehe oft nur einen Tag in der Woche zur Schule. Dann…Ich war lange krank, weißt du. Ich habe Kopfschmerzen… Ich weiß nicht. Ich gehe nicht zur Schule. Ich mache gar nichts.“
Das Feuer knackte laut, wenn die Äste brachen…
Regi rief nach ihm. Der Dichter sprang auf und ging zu den Cliquenleuten, versprach aber, wiederzukommen.

N. und RH waren respektvoll zur Seite gerutscht, damit der Dichter sitzen konnte. Nun kamen sie zurück. Und plötzlich war ich beide Stöcke los, weil N. beschlossen hatte, dass er mir einen Gefallen tun und das Stockbrot für mich braten wollte. RH drückte mir stattdessen seins in die Hand. Ich sollte es essen, Protest zwecklos. Auch eine Tüte Chips wurde herumgereicht.
„R., reich mir mal das Bier, bitte!“, hörte ich Großmutter rufen. „Entschuldigung, wir sind eine Wohngruppe, es gibt kein Bier!“ „Auf welcher Kiste sitzt du denn jetzt? Cola? Dann gib mir das!“ „Na auf dem Bier!“ Wir lachten. Es war der einzige wirklich lustige Moment an dem Abend, den ich mitbekam.

Wir tranken Cola und Bier aus Plastikbechern und hatten eigentlich ein perfektes Lagerfeuer, musikalisch begleitet von Rap und Pop-Songs aus Niggers Box. Aber das Schöne wollte, es konnte nicht kommen. Ich wusste, was es war und wusste es gleichzeitig doch nicht, sondern fühlte es nur, dieses Etwas, das unausgesprochen über allem lag.
Es war da, wenn die Jungen zu singen begannen oder wenn man wie beiläufig erfuhr, dass die Stadt in der Provinz Herat in Afghanistan, der Ort des letzten Anschlags von vor ein paar Tagen, E.s Heimat war.
Man spürte, dass hier niemand wirklich freiwillig, locker und glücklich war, obwohl kaum einer den Kopf hängen ließ. Der Alltag war immer präsent. Wir konnten ihn hier nicht ausblenden, indem wir den Fernseher ausschalteten und die Zeitung wegwarfen, denn die Jungen waren echt und zwangen uns, schonungslos die Wirklichkeit hinter den Buchstaben zu sehen. Verdrängen, was sich nicht verdrängen lässt oder zumindest nicht oft daran denken, das war hier angesagt.

Ja, es war tatsächlich das gemütlichste und traurigste Lagerfeuer, das ich je erlebt hatte. Und es wurde mir deutlich gemacht, dass ich nur Zuschauer sein durfte, dass ich nicht erwünscht war in diesem Kreis, sondern nur geduldet. Ich durfte nicht teilhaben an den Gesprächen, auch nicht, wenn Werner mit N. auf Deutsch über ganz alltägliche Dinge sprach. Immer, wenn ich versuchte, auf normalem, höflichem Weg in die Unterhaltung einzusteigen, kam von N. oder RH so etwas wie: „Ist alles in Ordnung? Brauchst du etwas?“ Ich verneinte und schwieg.
Für sie war ich ein Gast, eine Frau, eine Prinzessin. Jemand, um den man sich kümmerte, der sich geehrt fühlen sollte, nur dabei zu sitzen, aber niemand, den man aufnehmen wollte. Ich hatte zufrieden zu sein und den Mund zu halten.

„Kennst du die Leiden des jungen Werther?“, hörte ich mit einem Mal die Stimme des Dichters fragen. Sein Gesicht erschien über mir in der Dunkelheit, im Schein des Feuers schimmerte es matt orange.
Ich war so überrascht von diesem gegensätzlichen Verhalten, dass ich beinahe vergaß zu antworten. „Ja natürlich. Wir lesen es hier in der Schule!“
„Ich habe es auf Arabisch gelesen. Es ist eine gute Geschichte!“

Offensichtlich war ich doch nicht für jeden eine Prinzessin! Es fühlte sich gut an.
Wir redeten über das Buch, dann schwiegen wir wieder eine Weile.

„Werner“, begann RH irgendwann, „was ist das, was der Fluss macht? Das Geräusch? Ich mag das, ich schlafe gerne so!“ Mit seiner verkohlten Stockspitze deutete er hinter sich.
„Rauschen“, antwortete Werner prompt, „der Fluss rauscht!“ RH wiederholte es.
„In den Sommerferien, wenn das Wetter gut ist, können wir mal mit dem Paddelboot auf die F. hinausfahren, ich kenne eine andere Wohngruppe, die so ein Boot hat!“, fuhr der Betreuer fort, „dann können wir hier auch mal übernachten!“
„Gut!“, befand RH.
„Es ist eigentlich nicht erlaubt in Deutschland so wild zu campen. Aber für eine Nacht würde das schon gehen. Wir hätten dann auch keinen Strom und so weiter. Dann brauchen wir Taschenlampen, Schlafsäcke…“

Neben mir hob der Dichter langsam den Kopf. Er hatte sich auf den steinigen Boden gehockt und das Gesicht in den Armen vergraben. „In Syrien ist das normal, bei mir. Dort gibt es jetzt einmal am Tag kurz Strom. Oder gar nicht. Lange nicht. Kein Licht.“
Er ist nicht hier, dachte ich. Er ist fort, so weit fort. Er sitzt in einer Dunkelheit, in die ihm kein Fackelträger folgen kann.
Ich schaute hinüber zu Nigger, der etwas weiter links von mir saß. Aus seiner Box erklangen jetzt andere Lieder – fremde, wilde, schöne Melodien. Tiefe Gesänge, die für mich als Europäerin mitten aus dem Herzen der Wüste zu kommen schienen. Sie waren so anders und für mich nicht einzuordnen. Es war nicht arabisch und auch kein bestimmter Stil. Es war neu.
Sein Blick ruhte in den Flammen. Er wandte sich zum Dichter um, schwieg.

Dessen Stimme klang ausdruckslos, als er weiterredete. „Mein Bruder hat dann etwas gebaut. Er hat Strom für uns gemacht!“ Mit seinem Stock stieß er grob in die Glut vor sich, dass es sprühte.
Die Betreuer hatten aufgehört, Holz nachzulegen, weil wir bald aufbrechen wollten.
„Andere Leute hatten das nicht. Sie müssen immer warten auf eine Stunde Strom am Tag oder 10 Minuten.“ Erneut stoben die Funken in alle Richtungen. „Er konnte das sehr gut, weißt du.“

„Dann“, sagte Werner freundlich in die Stille hinein, als wäre es für ihn völlig normal, sich hier mangels Strom einen Generator zu bauen, und er hätte gerade eine schöne Beobachtung gemacht, „dann wollten die Leute wohl immer ganz schnell ihre Handys laden!“
A. und Clown kamen vom Flußufer zurück, wo sie es geschafft hatten, in leeren Marmeladengläsern Glühwürmchen zu fangen. Nun sollten sie beim Aufräumen helfen.
Etwas verloren stand ich in der Gegend herum, da tauchte N. wieder neben mir auf. „Ich mach das schon!“ Und er nahm mir meinen Plastikbecher aus der Hand, für den ich ordnungsgemäß einen Müllbeutel gesucht hatte und warf ihn ohne zu zögern einfach in hohem Bogen über den nächsten Busch in die F. In der Dunkelheit konnte ich mir ein Grinsen nicht verkneifen.
Er führte mich von den anderen weg, wieder zurück auf den Trampelpfad, auf dem wir gekommen waren. Dort ließ er mich stehen. Mein Gastgeber, der Dichter, wartete auf mich. Diesmal liefen wir voraus.

„Du schweigst ja immer noch“, bemerkte er irgendwann.
„Was soll ich denn erzählen?“, erwiderte ich und trat ihm versehentlich auf den Fuß, als ich versuchte, einigen Fahrradfahrern auszuweichen. Er zuckte die Achseln. Schließlich sprachen wir über das Fasten und über den Auftritt von Aeham Ahmad. Das entlockte ihm eine ungewohnte Anzahl an Sätzen. Sie hatten wohl lange miteinander geredet, wussten sie doch beide um das Lager Yarmouk und die Situation dort.

Nigger holte uns ein, als wir gerade schweigend an einer menschenleeren Straßenüberquerung warteten. In jeder Hand hielt er eine brennende Wunderkerze.
„Dein Geburtstag, Bro…“, flüsterte er.
Aus der Box erklang Stromae, Formidable. Nigger begann zu tanzen. Er tanzte und tanzte vor uns her, bis wir die Rheinstraße erreichten. Er war immer nur kurz zu sehen, wenn gerade ein Laternenpfosten in der Nähe stand.
Ich hätte nichts sagen können, ohne augenblicklich in Tränen auszubrechen. Denn mit dem Lied war alles gesagt, wirklich alles, mehr noch, es brachte die Stimmung so exakt auf den Punkt, dass es regelrecht wehtat: „Formidable… Fooormidable…Tu étais formidable, j, étais fort minable…”

„Zehn!“
Der Dichter warf Nigger im Licht seines Handydisplays eine Tüte mit getrockneten Pflänzchen zu, als wir vor der WG kurz stehen blieben. Der fing das Päckchen geschickt mit einer Hand auf, nickte und verschwand im Hinterhof.

„Ich bring dich noch nach Hause.“ Wir bogen ab. Und plötzlich wurde mir bewusst, dass das hier der endgültige Abschied war. Es war nicht vorgesehen, dass ich das Ende der Feier in der Rheinstraße miterlebte.
Ab morgen würde der Dichter weg sein und dann würde es niemanden mehr dort geben, der sich über einen Besuch von mir freute. Nigger lächelte inzwischen höflich, wenn ich ihn in der Schule erkannte und grüßte, aber mehr würde es nie sein.
Es war schon ungewöhnlich, dass er mich überhaupt offen ansah, hatte ich gelernt. Meistens sähen Männer in Libyen auf den Boden, wenn sie eine Frau begrüßten. Sein Cousin, den ich an jenem Abend, an dem ich bei den Afghanen sitzen durfte, kurz begrüßte, drehte sogar ganz den Kopf weg, während er mir die Hand gab.

Ich schaute zurück. Dieses Haus in der Rheinstraße, es hat tausend Gesichter und verbirgt tausend Wahrheiten. Es ist ein Mikrokosmos, eine eigene, in sich geschlossene Welt, die ich nun nicht mehr betreten würde.
Hinter der stillen, unauffälligen Fassade herrscht ein angespanntes, fragiles Gleichgewicht, das ständig zu kippen droht. Kein Besuch kann einem anderen dort gleichen. Es passiert so viel Unvorhergesehenes…
Wer unten im Wohnzimmer sitzt und von Großmutter Anna eine heile Welt präsentiert bekommt, kann kaum ahnen, dass im Stockwerk obendrüber jemand liegt und leidet.
Ich hab den Betreuern gar nicht gedankt und tschüss gesagt, dachte ich, als wir in meinem Hausflur standen.

„War das blöd, dass die Betreuer die Afghanen mit auf deine Feier genommen haben, wo du sie doch gar nicht leiden kannst?“
„Ach. Ist schon in Ordnung. Manchmal machen sie Scheiße, aber wir haben acht Monate zusammen gewohnt, weißt du. Und-„, er hielt einen Atemzug lang inne – „nicht nur ich habe meine Brüder verloren.“
„Ich verstehe.“ Ich hatte wirklich ein Talent, mich in Sackgassen zu manövrieren.

Wir waren am oberen Ende der Treppe angelangt. Aus purer Gewohnheit bot ich ihm an, einzutreten.
„Ich muss zurück.“
„Klar….“
An die Wand gestützt ging er langsam rückwärts. „Du musst mich besuchen kommen! Ich schreibe nicht oft, aber ich rede mit dir, ok? Ich lese, was du schreibst. Wir sehen uns. Und dann – “ Kurz schien es, als würde er noch etwas hinzufügen wollen, doch dann sagte er nur: „Versprochen!“ und war verschwunden
Im Stillen beendete ich den Satz für mich mit einer hoffnungsvollen Vision: Und dann machen wir ein großes Grillfeuer, so wie wir es im November mit Habibi überlegt haben: Wir werden ein ganzes Schwein grillen, auf die Burg hinaufwandern und die Sonne genießen. Alle sind eingeladen, mit uns scharfen Raki zu trinken und Herr Infinitiv wird auch dort sein und lachen! Gemeinsam werden wir das Friedenslied fertigstellen, singen und Briefe an die Zeitungen schreiben, um den Leuten unsere Botschaft mitzuteilen. Es wird großartig sein!

Vergessen? Nein, vergessen wird dabei gar nichts. Nur aufgehoben. Ganz sicher. Das ist noch nicht das Ende aller Abenteuer.
Später einmal, wenn wir uns erinnern an die Zeit, in der wir Jugendliche waren, werden wir sagen: “Ja, das war für manche eine Zeit der Depression, in der sie das Lachen verlernten und nicht wussten, ob die Sonne je wieder aufgehen würde. Erschauernd werden wir berichten, wie es wirklich war, damit es niemand verleugnen kann. Und es soll uns für immer eine Mahnung sein, dass der Krieg nichts Glorreiches hat, sondern eine menschengemachte Grausamkeit ist. Damit wir aufstehen und mit dem Herzen rufen können: NIE WIEDER!

Versprochen!

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Ausblick:

Die Geschichte der Jungen hört auch mit dem Schluss der Fortsetzung noch nicht auf. Ein kleiner Ausblick, was weiter geschah:

Vor Kurzem hielt R., der von den Jungen mit 14 Jahren der Jüngste ist und am wenigsten Deutsch spricht, zugleich aber als der Frechste und Mutigste unter ihnen auftritt, bei einem Festakt in der Bali eine kleine Rede auf Deutsch. Er bedankte sich für die Aufnahme an der Schule, erzählte, wie ihm und seinem zwei Jahre älteren Bruder S., der neben ihm auf der Bühne stand, hier geholfen wurde und von dem Morgen, an dem einige aus der Klasse, so wie er, zum ersten Mal überhaupt eine Schule betraten.
Von fremden Sitten berichtete er, aber auch davon, wie er hier Nowruz, das afghanische Neujahrsfest im Herbst, feiern und neue deutsche Freunde dazu einladen konnte.
Als er schließlich schwieg, erhob sich tosender Applaus.

Habibi: Wird in diesen Tagen volljährig und plant ebenfalls seinen Auszug aus der Rheinstraße in eine eigene Wohnung. Hat einen Ausbildungsplatz als Bäcker gefunden, was ihn mindestens für die Dauer der Ausbildung vor der Abschiebung nach Albanien schützt.

Herr Infinitiv: Wird von allen Jungen sehr vermisst und vermisst alle Jungen sehr. Träumt weiterhin von seinem eigenen Auto: „Irgendein großer Mercedes!“.

Der Dichter: Hat sein Schicksal noch selbst in der Hand. („Die Fähigkeit der Phantasie und die Kraft der Erinnerung sind es, was wir brauchen, um im Exil zu leben!“)
Verfällt dennoch immer wieder den Drogen, dem Alkohol und der Orientierungslosigkeit. Besucht – in besseren Wochen – zusammen mit Clown, der viel gewachsen, aber nicht weniger sprunghaft geworden ist, Nigger, der Rapper werden möchte (Kindergärtner als Alternative aber auch okay findet, wie er erklärte) und einigen der Afghanen die 10. Klasse, in der Hoffnung, nächsten Sommer einen deutschen Realschulabschluss in der Tasche zu haben.
Dichtet weiterhin mit großer Ernsthaftigkeit und zitiert auf Deutsch am liebsten Goethe. Bleibt ansonsten unsichtbar und möchte nicht viel reden, wie er mich spüren ließ. Seine Gedichte sprechen für ihn. Sie handeln von Entfremdung, Heimweh und Hilflosigkeit; aber auch Dankbarkeit und Liebe spielen eine große Rolle.

Blume: Scheint sich mit ihrem Schicksal auf Lesbos, Griechenland fürs Erste abgefunden zu haben und hat den Kopf frei genug, um alle Mädchen in des Dichters Umkreis, die sie erreichen kann, zielstrebig und ohne Scheu in klarem Englisch zu kontaktieren und die Verhältnisse klarzustellen. Es handelt sich dabei offensichtlich um eine Art von Test, mit dem sie herausfinden will, ob Gründe für Eifersucht vorliegen. Da ich mir diesbezüglich nichts vorzuwerfen habe, ließ ich mich mit freundlichem Interesse darauf ein, gewann ihr Vertrauen und befinde mich nun im Austausch von kulturübergreifenden Nettigkeiten der Sorte: „Wir müssen uns unbedingt mal kennenlernen – wenn…!“ und „du bist ein nettes Mädchen, ich freue mich, dich zu lesen“.

Für sie hoffentlich eine willkommene Abwechslung im Camp-Alltag mit Möglichkeit zu Tratschen, für mich neu, faszinierend und auch sehr überraschend.

Nigger: Bringt mit drei Worten und vier bunten Straßen-Fotos zum Ausdruck, was alle Rheinstraßen-Jungs so gerne kundtun: M. IST SCHÖN!

Ich danke allen, die an diesem Aufsatz beteiligt waren, ob sie nun darin vorkommen oder nicht und denen, die ihn gelesen haben!

Ende

• Teil 1 (16.10.2016)
• Teil 2 (23.10.2016)
• Teil 3 (30.10.2016)
• Teil 4 (06.11.2016)

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