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PISA ist ein Riesen-Erfolg für die deutschen Lehrkräfte – angesichts ihrer gewaltigen Herausforderungen. Für die Bildungspolitik weniger

Ein Kommentar von News4teachers-Herausgeber Andrej Priboschek

Der Bildungsjournalist Andrej Priboschek. Foto: Tina Umlauf

Der Bildungsjournalist Andrej Priboschek. Foto: Tina Umlauf

Experten behaupten ja gerne, sie hätten‘s kommen sehen. Soll keiner glauben, sie seien nicht informiert genug. Deshalb dürfen sie sich nicht wie ein gewöhnlicher Unwissender von einem Ereignis überraschen lassen. Ich bekenne trotzdem (auch wenn’s an meinem Experten-Nimbus kratzen mag): Mich überraschen die PISA-Ergebnisse außerordentlich; ich hatte sie so nicht kommen sehen, sondern – nach dem TIMSS-Schock vergangene Woche – mit einem mittelgroßen Debakel gerechnet. Jetzt gilt: Obwohl Deutschland keinen Sprung nach vorne gemacht hat, so hat es doch auch nicht an Boden verloren. (Stimmt die aktuell geäußerte Kritik an der computergestützten Erhebungsmethode, wäre Deutschland sogar nach vorne geschossen.) Und das ist ein Riesen-Erfolg für die deutschen Lehrkräfte – angesichts der  gewaltigen Herausforderungen, die sie aktuell zu bewältigen haben. Für die Bildungspolitik weniger.

Höchst erfreuliche Entwicklung

Tatsächlich sind die Herausforderungen für die Schulen in Deutschland beispiellos. Da sind zuallererst die Hunderttausenden von Flüchtlingskindern zu nennen, die im vergangenen Jahr in die deutschen Schulen kamen – und die kaum bereits gut genug Deutsch sprechen konnten, um einen PISA-Test erfolgreich zu bestehen. Trotzdem wurden sie in die Erhebung einbezogen (ein bisschen unfair, der Vergleich), und sie dürften den deutschen Durchschnitt spürbar gedrückt haben. Fraglich ist also, ob die leichten Verluste in Mathe und in den Naturwissenschaften nicht tatsächlich leichte Gewinne unter den Schülern abbilden, die schon länger als ein paar Monate in Deutschland zur Schule gehen. Und fraglich ist auch, ob sich (so gesehen) hinter der leichten Steigerung im Leseverständnis nicht sogar ein gehöriges Plus in dieser Königsdisziplin verbirgt. Selbst in Sachen Chancengerechtigkeit hat Deutschland zugelegt, so viel wie kaum ein anderes Land – obwohl die Flüchtlinge auch hier das Ergebnis gedämpft haben dürften.

Fazit: Es ist wahrscheinlich, dass sich hinter dem offiziellen PISA-Befund „Stagnation“ eine höchst erfreuliche Entwicklung verbirgt.

Und das, obwohl die Schulen in Deutschland unter einer vermurksten Inklusion leiden – und anderen Bildungsreformen, die außer viel Wirbel und Ärger wenig für ein positives PISA-Ergebnis beigetragen haben (man denke nur an den unsäglichen Zickzackkurs in Sachen G8/G9).  Soll heißen: Die deutschen Schulen haben sich trotz der Bildungspolitik ein gutes Zeugnis verdient, nicht wegen ihr.

So haben nur der Druck der vielen zusätzlichen Schüler aus Syrien, Afghanistan und dem Irak und die derzeit prall gefüllten Staatskassen dazu geführt, dass die Länder auf die Schnelle deutlich mehr Lehrerstellen geschaffen haben; der mit Macht vorangetriebene gemeinsame Unterricht von behinderten und nicht-behinderten Kindern hat ein solches Engagement nicht bewirkt, jedenfalls nicht in jedem Bundesland.

Grundsätzlich gilt für die Schulpolitik: Statt einer konstanten Entwicklung gab’s zumeist Hauruck-Aktionen. Auf dem Arbeitsmarkt ist das Ergebnis einer solchen Politik zu sehen: Lehrer, vor allem Grundschul-Lehrer, sind vielerorts zur Mangelware geworden. Wer will sich das noch antun?

Bei der – notwendigen! – Digitalisierung der Schulen ist wieder das gleiche Muster zu erkennen. Zehn Jahre lang passiert nichts, und plötzlich alles auf einmal: Die Schulen werden in den nächsten Jahren mit Geld geradezu überschüttet, um digital aufzurüsten (wie die Initiative von Bundesbildungsministerin Wanka erkennen lässt). Statt sich aber die Schulen kontinuierlich entwickeln zu lassen und den Lehrkräften die Zeit zu geben, sich die neuen pädagogischen Möglichkeiten umfassend und nachhaltig anzueignen, wird wieder Druck erzeugt. So wird aus der im Grundsatz begrüßenswerten Investition für viele Schulen eine Bedrohung, die noch mehr Arbeit erwarten lässt.

Der aktuelle TIMSS-Misserfolg belegt, dass die Grundschulen unter der Belastung bereits in die Knie gehen. In fünf Jahren sind die bei TIMSS getesteten Viertklässler im PISA-Alter. Das lässt für die nächsten PISA-Studien Böses ahnen.

Aber ich lasse mich gerne wieder durch überraschend gute Ergebnisse eines Besseren belehren. Vielleicht lernt bis dahin ja auch die Politik dazu – und tut endlich das, worauf die Schulen und die Lehrkräfte in einer „Bildungsrepublik“ Anspruch haben: ihnen bei ihrer schweren und so wichtigen Arbeit so viel Unterstützung wie möglich zu geben!

Der Kommentar zum TIMSS-Schock: Die Probleme sind zu einem guten Teil hausgemacht – die vermurkste Inklusion schlägt durch

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