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GEW zum Holocaust-Gedenktag: „Erinnern, um für Gegenwart und Zukunft zu lernen“ – Höcke und die AfD provozieren weiter

FRANKFURT/MAIN. Mit Blick auf den heutigen 72. Jahrestag der Befreiung der Konzentrationslager Auschwitz hat die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) die Bedeutung einer lebendigen Erinnerungskultur für die Demokratie betont. „Völkisches und nationalistisches Denken werden wieder stärker, rechtspopulistische Stimmungsmache sowie rassistische Hetze und Gewalt nehmen in Deutschland und Europa zu: Auch deshalb muss die Erinnerung an die NS-Verbrechen wach gehalten werden“, mahnte GEW-Vorsitzende Marlis Tepe am Freitag in Frankfurt am Main. Unterdessen provoziert die AfD weiter: Funktionär Björn Höcke wollte an einer Gedenkveranstaltung in Buchenwald teilnehmen, von der er zuvor ausgeladen worden war. Und Fördergelder für eine Gedenkstätte sollen nach dem Willen der AfD gestrichen werden.

Zynischer Spruch am Eingang des Konzentrationslagers Buchenwald. Foto: Motorfix / Wikipedia Commons (CC BY-SA 3.0)

„Jedem das Seine“: zynischer Spruch am Eingang des Konzentrationslagers Buchenwald. Foto: Motorfix / Wikipedia Commons (CC BY-SA 3.0)

„Erinnern bedeutet, für Gegenwart und Zukunft zu lernen“, sagte GEW-Chefin Tepe. Sie hob die wichtige Rolle der Gedenkstätten als Orte des Demokratielernens hervor. Die Auseinandersetzung mit Krieg und Gewaltherrschaft, mit menschenverachtenden Ideologien und politischer Verfolgung im 20. Jahrhundert seien unverzichtbarer Bestandteil historisch-politischer Bildung und für ein friedliches Zusammenleben in der Migrationsgesellschaft zentral. „Dafür tragen wir Pädagoginnen und Pädagogen eine besondere Verantwortung, die wir gerne und engagiert wahrnehmen. Wir müssen über neue Zugänge und Vermittlungsformen sowie Perspektivenvielfalt in der Auseinandersetzung mit Geschichte und Wirkung des Holocaust nachdenken. Wir dürfen uns jedoch nicht von der Erinnerungspolitik verabschieden“, betonte die GEW-Vorsitzende mit Blick auf die von der AfD losgetretene Debatte.

„Wir haben die Aufgabe, die Erinnerungs- und Gedenkstättenpädagogik sowie Ansätze der Menschenrechtsbildung kontinuierlich weiterzuentwickeln“, sagte Tepe. Dies gelte insbesondere, da die Distanz zu den historischen Ereignissen wächst, persönliche Begegnungen mit Zeitzeugen bald nicht mehr möglich sind und sich Gegenwarts- sowie biografische Bezüge der Menschen für das Lernen aus der Geschichte ändern. „Die gesellschaftlichen Verhältnisse ändern sich, aber die moralische Verantwortung für das ‚Nie wieder!‘ ist hochaktuell und bleibt es auch für nachfolgende Generationen“, unterstrich Tepe.

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Auch der Zentralrat der Juden in Deutschland rief dazu auf, die Erinnerung an die Schrecken der Nazi-Herrschaft wach zu halten. „Gerade angesichts des wachsenden Rechtspopulismus und einer immer diffuseren rechtsextremistischen Szene in Deutschland sowie eines immer komplexer werdenden Antisemitismus ist das Gedenken wichtiger denn je“, erklärte der Zentralrat.

Der Thüringer AfD-Fraktionsvorsitzende Höcke, der in der vergangenen Woche das Holocaust-Mahnmal in Berlin ein „Denkmal der Schande“ genannt hatte, provoziert hingegen weiter. Er wollte heute an einer Gedenkveranstaltung in Buchenwald teilnehmen, obwohl er von der Gedenkstätte zuvor ausgeladen worden war. Die Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora hatte damit auf Äußerungen Höckes zur Gedenkkultur reagiert. Der Landtagsabgeordente schrieb in einem Brief an Stiftungsdirektor Volkhard Knigge: „Es steht Ihnen schlicht nicht zu, zu entscheiden, wer für ein Verfassungsorgan an dieser offiziellen Gedenkveranstaltung teilnimmt und wer nicht.“ Deswegen werde er selbstverständlich am Freitag seiner Trauer um die Ermordung der deutschen und europäischen Juden Ausdruck verleihen. Die Gedenkveranstaltung war für 14.30 Uhr angesetzt.

Wie die „Zeit“ berichtet, habe der AfD-Politiker tatsächlich versucht, zur Gedenkstätte zu gelangen, sei aber von Mitarbeitern am Zugang gehindert worden. Eine MDR-Reporterin konnte sehen, dass Höcke Hausverbot erteilt wurde. Er sei daraufhin umgekehrt und weggefahren.

Höcke hatte eine „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“ gefordert. Über das Holocaust-Mahnmal in Berlin sagte er: „Wir Deutschen, also unser Volk, sind das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat.“

Die baden-württembergische AfD hat unterdessen einen ähnlichen Kurs eingeschlagen wie Höcke. Jörg Meuthen, Fraktionsvorsitzender im Stuttgarter Landtag, verteidigte einem Bericht der „FAZ“ zufolge nicht nur Höckes Aussagen über das Holocaust-Mahnmal, seine Fraktion beantragte im Haushaltsausschuss nun auch, die Fördergelder für die NS-Gedenkstätte Gurs in Frankreich zu streichen. Nach Gurs hatten die Nationalsozialisten jüdische Bürger aus dem badischen Landesteil deportiert. Die Erinnerungsstätte wird jährlich mit 120.000 Euro gefördert. Agentur für Bildungsjournalismus / mit Material der dpa

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Hintergrund

Der 27. Januar ist seit 1996 ein bundesweiter, gesetzlich verankerter Gedenktag. Er wurde von dem kürzlich verstorbenen Ex-Bundespräsidenten Roman Herzog als „Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“ ins Leben gerufen. Der Jahrestag bezieht sich auf die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau am 27. Januar 1945 sowie der beiden anderen Konzentrationslager Auschwitz durch die Rote Armee Ende des Zweiten Weltkriegs. Die Vereinten Nationen haben den 27. Januar im Jahr 2005 zum „Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust“ erklärt. Seit fast 50 Jahren veranstaltet die GEW mit ihrer israelischen Partnergewerkschaft Histadrut Hamorim deutsch-israelische Seminare, um das Gedenken an den Holocaust im Bildungsbereich wach zu halten.

7 Kommentare

  1. Man will von Seiten der AfD die Gelder für eine Gedenkstätte in Frankreich kürzen.
    Da freut sich der deutsche Biedermann und stimmt, was in hiesigen Kommentaren über die AfD zum Ausdruck kommt, verbrüdernd durch seine Kommentare zu .
    Die Strategie der AfD scheint langsam aufzugehen. Entweder sind jene, welche sich auf die Seite der AfD-Position schlagen Provokateure der AfD , und diese versuchen durch langwierige ,verschleiernde und kettenartige Argumentationen den naiven Bürger in Richtung ihrer Meinung zu ziehen.
    Oder sie sind einfach nur naiv und haben entsprechende Ressentiments angelegt, welche ihnen den Anschluss an ein derartiges Denken ermöglichen .

    • Ziehen sie auch die Möglichkeit in Betracht, dass Menschen, die weder AfD noch naiv sind, sich über ungenaue, einseitig negative oder falsche Darstellungen der AfD ärgern und durch ihren Widerspruch zu einer besseren Diskussionkultur in Deutschland beitragen wollen?
      So ist z.B. (anders als im Beitrag oben dargestellt) strittig, was Höcke mit seinem „Denkmal der Schande“ genau gemeint hat. Ich habe nicht jede Einzelheit der Debatte verfolgt und weiß daher nicht, was letztlich herauskam, weil mich die AfD nicht interessiert. Aber dass nicht als Tatsache hingestellt wird, was nur Mutmaßung ist, das interessiert mich sehr. Können Sie verstehen, was ich meine?

      • Erbitte Verzeihung für den Schreibfehler, gemeint ist „Ziehen Sie …“

      • Pfälzer

        Natürlich kann man die Äußerungen eines Herrn Höcke über das Holocaust-Mahnmal auch anders interpretieren. Das ist ja gerade das zweischneidige an seiner Äußerung und er wollte über diese Äußerung in die Diskussion kommen, um Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit zu erzielen, was ihm durchaus gelungen ist.
        Aber inzwischen wissen wir ja, dass es die Masche der AfD ist, mit Provokationen in der Öffentlichkeit ,etwa durch Appelle an niederer Instinkte in uns, wie der Angst vor Überfremdung,der Angst vor dem Islam, die Aversion gegen eine NS-Schuld,was wir auch nicht sind, an einem Nationalstolz, der durchaus vorhanden sein kann, etc, auf Stimmenfang zu gehen.
        Und deshalb deute ich diese Äußerungen eines Herrn Höcke und seiner geistigen Gesinnungsgenossen eben genauso, wie ich es tat.

      • Pälzer,

        es ist überhaupt nicht strittig, was Höcke gesagt hat. Er hat vor einer pöbelnden Horde (die etwa Höckes Erwähnung der Bundespräsidenten mit „Volksverräter“-Rufen begleitet hat) wörtlich gesagt – wie News4teachers und andere Medien glasklar dokumentiert haben: «Wir Deutschen, also unser Volk, sind das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat.»

        Der deutsche Gemütszustand sei der «eines brutal besiegten Volkes». «Anstatt die nachwachsende Generation mit den großen Wohltätern, den bekannten, weltbewegenden Philosophen, den Musikern, den genialen Entdeckern und Erfindern in Berührung zu bringen, von denen wir ja so viele haben, …vielleicht mehr als jedes andere Volk auf dieser Welt…, und anstatt unsere Schüler in den Schulen mit dieser Geschichte in Berührung zu bringen, wird die Geschichte, die deutsche Geschichte, mies und lächerlich gemacht», sagte Höcke.

        Kein Wort darüber, dass der Judenmord zu verurteilen wäre – Höckes nachträgliche Behauptung , mit „Schande“ ja nicht das Denkmal, sondern den Holocaust gemeint zu haben, folgt dem Muster der im Dezember öffentlich gewordenen (und ja auch immer wieder praktizierten) AfD-Strategie: Erst provozieren, um die rechtsradikale Klientel zu mobilisieren, sich dann als missverstandenes Opfer hinzustellen, um die Bürger wieder zu beruhigen und bei denen auf einen Mitleidsbonus zu setzen. Das war mit der Debatte um den Schießbefehl an der Grenze so, das war mit der Diskussion um Boateng und farbige Deutsche so – und jetzt mit dem Holocaust.

        Die AfD ist die Partei der Brandstifter, und hier noch das Märchen zu verbreiten, die Partei werde verzerrt in den Medien dargestellt, ist entweder bodenlos naiv oder perfide. Sie machen sich hier zum Handlanger einer Strategie, auf die nur noch die Allerdööfsten hereinfallen, Pälzer.

  2. Die Kommentare der AfD Leute werden wieder darauf abzielen, dass wir Deutschen nicht für ein
    Holocaust-Denkmal in Frankreich nicht zahlen müssen . Daran wird sich dann wieder ein langwieriger Diskussionsprozess anschließen.Mehrere AfD-Leute schalten sich ein und befeuern den Dialog. Die Folge ist, dass einige Biedermänner aufspringen und sich bei direkten Angriffen auf die AfD-Leute sich auf deren Seite schlagen und empört sind über die aggressive Tonart.Und dann hat die AfD wieder einige für sich gewonnen.
    Eine alternative Methode ist ein gezieltes Fragespiel mit den vermeintlichen AfD Leuten.Durch Fragen gezielt verunsichern.

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