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Messen mittels Diagnose-Software: Ein sinnvolles Hilfmittel für Lehrkräfte – oder schlicht Zeitverschwendung?

FRANKFURT/MAIN. Der Computertest für Grundschüler trägt den Phantasie-Namen «quop» und zeigt ihre Fortschritte beim Lesen und Rechnen. Beim Einsatz der Software ist Hessen Vorreiter. Davon sind aber nicht alle begeistert – die GEW kritisiert eine „permanente Vermessung der Kinder rein nach Leistung“. Bildungsforscher entgegnen: Darum geht es gar nicht. 

Maß nehmen mit digitaler Unterstützung - sinnvoll für den Unterricht? Foto: pixabay

Maß nehmen mit digitaler Unterstützung – sinnvoll für den Unterricht? Foto: pixabay

Dritt- und Viertklässler füllen am Computer einen Lückentext über Fabeln aus. Dabei werden Grammatik und Textverständnis überprüft. Anschließend beantworten sie Fragen zum Ankreuzen über Inhalt und Aussage des Textes. Zehn bis zwölf Minuten dauert das. Je acht solcher Tests in Deutsch und Mathe sind pro Schuljahr vorgesehen, wie Ulrich Mayer vom Softwareentwickler hfp in Kelkheim sagt. Das Programm «quop» wird vom neuen Schuljahr an nach und nach in Hessen eingeführt – vor allem an Grundschulen. Damit geht die schwarz-grüne Landesregierung weiter als andere Bundesländer, wo die Software nur vereinzelt eingesetzt wird. Die Teilnahme ist in Hessen freiwillig – und sie ist umstritten.

Jeder Test im Laufe eines Schuljahrs sei gleich schwer, erläutert Mayer das Prinzip. So zeigten sich die Lernfortschritte jedes Schülers, aber auch, ob er stagniere oder gar Rückschritte mache. Noten gibt es nicht.

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Mit den Ergebnissen der Lernverlaufsdiagnose-Software lasse sich jeder Einzelne genau fördern, sagt der Vater von «quop», der Psychologe Elmar Souvignier von der Universität Münster. Dies sei notwendig, weil die Klassen sehr heterogen und die Lernverläufe der Schüler unterschiedlich seien. So zeigten die Ergebnisse eben auch, wenn ein Schüler ein anderes Angebot zum Lernen brauche, weil er keine Fortschritte mache. Viele Lehrer nutzten die Erkenntnisse gerne als Grundlage für Elterngespräche.

Der geschäftsführende Direktor des Deutschen Instituts für internationale Pädagogische Forschung (DIPF), Marcus Hasselhorn, hält «quop» auch für ein «nutzbringendes Instrument». Es gehe darum, «Schülern und Lehrkräften eine Rückmeldung zu geben, wo sie im Lernprozess stehen und was die nächsten Schritte sind, die einen produktiven individuellen Lernverlauf ermöglichen».

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Lehrer und Eltern sind aber skeptisch: Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) hält die «permanente Vermessung der Kinder rein nach Leistung» für keinen guten Weg. Gerade Grundschulkinder müssten vor allem wachsen sowie soziale und emotionale Kompetenzen entwickeln, mahnt die stellvertretende GEW-Landesvorsitzende, Karola Stötzel. Sie sieht die Gefahr, dass sich der Unterricht zu sehr auf die Test-Fragen konzentriert, obwohl diese nicht benotet würden.

Hasselhorn wendet ein: «Diagnostik ist in den Köpfen der Schulverantwortlichen als Bewertung und Benotung verankert. Und von der Behördenseite wird es oft als Monitoring unseres Bildungssystems verstanden», stellt der Direktor des Leibniz-Instituts DIPF fest: «Beides ist bei der Lerndiagnostik genau nicht der Fall.» Landesschulsprecher Fabian Pflume ist auch von «quop» überzeugt. «Das ist ein Weg, wie die Digitalisierung unser Leben verbessern kann», sagt der 18-Jährige.

Der Landesvorsitzende des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE), Stefan Wesselmann, mahnt: «Für den Grundschulbereich wird hier anfangs sicher nicht nur der Lesefortschritt gemessen, sondern auch die Fähigkeit, einen Computer sicher zu bedienen.» Diese sei jedoch gerade bei Grundschulkindern sehr unterschiedlich. Beide Gewerkschaften sind sich mit dem Landeselternbeirat und der Landesschülervertretung einig, dass vielen Schulen die notwendige technische Ausstattung fehlt.

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Sie sehen zudem ein weiteres Manko: «Diagnose ist wichtig, aber darf nicht alleine stehen bleiben», sagt Wesselmann. Schule müsse auch Zeit für die individuelle Förderung bekommen. Dieses Problem löse «quop» nicht. «Es macht den Lernverlauf für die Lehrkräfte, die Lernenden und die Eltern sichtbar. Das ist gut, aber kein Wundermittel.»

Das sieht der Vorsitzende des Landeselternbeirats, Reiner Pilz, ähnlich: Die automatisierte Auswertung setze Förderkapazitäten voraus, die die Defizite der Schüler auffangen. «Daran mangelt es», stellt Pilz fest und verweist auf Brandbriefe von Grundschulen an das Ministerium, in denen eine desaströse Lage an den Schulen beklagt wird. «Im Endergebnis ist das mehr Aktionismus, als es bringt.»

Stötzel von der GEW sieht in den normierten Tests sogar einen Eingriff in die Unterrichtsfreiheit der Lehrer. «quop» solle die Lehrer entlasten, werte aber stattdessen ihren Beruf ab.

Privater Anbieter

Die GEW bemängelt auch, dass das Angebot von einem privaten Unternehmen komme. Das sieht auch Hasselhorn kritisch. Es gebe aber keine Alternative. «Wenn erste positive Berichte von „quop“ bekannt werden, könnte ich mir gut vorstellen, dass Bund und Kultusministerkonferenz gemeinsam darauf hin wirken, dass solche Systeme auch frei von kommerziellen Interessen betrieben werden.» Landesschulsprecher Pflume sagt: «Solange es kein eigenes Angebot vom Land gibt, wäre es unverantwortlich, das den Schülern zu verwehren.»

Die Leiterin der Emely-Salzig-Schule in Geisenheim, Anke Thies-Ruß, ist von «quop» überzeugt. Sie hat die Software zusammen mit 79 anderen Schulen beim Pilotprojekt im Schuljahr 2014/15 erprobt und ihre Schule für das neue Schuljahr angemeldet. Allerdings machen noch nicht alle Lehrer mit.

Eine andere Pilotschule, die Carlo-Mierendorff-Schule in Wiesbaden, hat sich anders entschieden. Auf ihrer Homepage heißt es, trotz positiver Ergebnisse habe der zeitliche Aufwand «in keinem Verhältnis zum Nutzen» gestanden. Die Skepsis zeigen auch die bisherigen Anmeldezahlen: Von den rund 1100 Grundschulen im Land nehmen im neuen Schuljahr erst knapp 90 teil. Von Ira Schaible, dpa

 

Hintergrund: Der standardisierte Kurztest «quop»

Die standardisierten Kurztests «quop» gibt es für die Fächer Deutsch und Mathe in den Klassen eins bis sechs. Die Tests für Englisch in den Klassen fünf und sechs werden seltener genutzt. Das Institut für Psychologie in Bildung und Erziehung der Uni Münster hat die Tests entwickelt und überprüft sie.

Die Schüler machen alle zwei bis drei Wochen den Test am Computer. Alle Tests haben den gleichen Schwierigkeitsgrad, so entsteht aus den Ergebnissen im Laufe des Schuljahres eine Lernfortschrittskurve.

Der Datenschutz soll gewährleistet sein. Schüler können anonym über Identifikationsnummern erfasst werden, personenbezogene Daten sind freiwillig. Alle Daten, die während der Nutzung zwischen dem System und dem Webbrowser übermittelt werden, seien verschlüsselt.

Hier gibt es weitere Informationen.

 

11 Kommentare

  1. So etwas wie Bildung ist nicht messbar. Höchstens kleine Teile davon kann man in maschinell auswertbare Häppchen abfragen. Die Rückschlüsse daraus sind allerdings begrenzt, was diverse Bildungspolitiker, Sozialforscher und Lobbygruppen davon abhält, die Begrenzung aufzuheben. PISA und VERA lassen grüßen.

    • Wenn Schulbildung nicht messbar wäre, dürfte es in der Schule auch keine Tests, Klassenarbeiten und Klausuren geben – und schon gar keine Abschlussprüfungen.

      Es geht aber bei den Diagnose-Instrumenten gar nicht um „Bildung“, sondern – viel einfacher – um Kompetenzen: Beherrschen Grundschüler die Rechtschreibung, können sie das Einmaleins? Beherrschen sie die Vokabeln in Englisch? Und wenn nicht: Wo hapert’s denn noch? Das lässt sich natürlich alles auch per Testbogen auf Papier herausfinden, macht aber viel mehr Arbeit (zumindest wenn die Diagnose-Programme einfach zu handhaben sind und die technischen Voraussetzungen stimmen).

      • Ein guter Lehrer braucht das nicht, die kennt die Stärken und Schwächen seiner Schüler mindestens so gut, wie es das programm auswirft.

      • Klassenarbeiten messen nur momentan abrufbares wissen, keine bildung. Vokabeln und Kopfrechnen lassen sich automatisiert abfragen, komplexe textanalysen nicht. Computergenerierte Fehlerursachenbeschreibungen würde ich derzeit noch nicht vertrauen, weil ein schlechtes Ergebnis im vokabeltest viele ursachen haben kann, insbesondere außerschulische.

  2. Für mich ein absolut passenden Hilfsmittel, die nachweislich ähnlich gut – mittlerweile – Kompetenzen messen wie vormals mit selbst gestrickten Diagnosematerialien

  3. Ich finde es nicht schlecht. Wir messen doch ständig den Fortschritt. Wenn dies über solche Tests automatisiert korrigiert werden würde, wäre das durchaus arbeitserleichternd. Allerdings: Bei sechs Computern, die in unserer Grundschule zur Verfügung stehen, bräuchte man pro Klasse vier Durchgänge, also vier Stunden, in denen die übrige Klasse leise beschäftigt werden muss. Ganz abgesehen davon wissen manche Erst- und ZWeitklässler nicht, wie man eine Maus bedient, weshalb ein solcher Test zumindest in diesen beiden Jahrgängen mehr ein Geschwindigkeitstest für die Lernfähigkeit am Computer wäre als ein Abbild dessen, was im Unterricht gelernt wurde. Da stellt sich ganz eindeutig die Frage nach dem Zeit-Nutzen-Faktor. Und die Frage ist natürlich, ob sich sehr schwache Schüler von diesen Tests entmutigen lassen. Wenn ich selbst Tests stelle, kann ich da entsprechend reagieren und kann auch im Voraus schon Fragen entsprechend stellen.

  4. Was soll das Programm denn leisten und wer zieht einen Vorteil daraus?
    Wenn es um 1:1-Aufgaben geht, gibt es unzählige andere Programme, die dies leisten und die an vielen Schulen seit vielen Jahren genutzt werden. Damit kann man 1×1 abfragen oder Grammatik üben.

    Alles andere braucht mehr Know How, weil Lehrkräfte vieles aus der Fehleranalyse ableiten und nicht allein auf „richtig“ oder „falsch“ schauen. Wenn es also wirklich etwas bringen soll, bräuchte ich keinen Vergleichstest mit wenig Nutzen alle 4 Wochen und hoffentlich flotterer Auswertung, sondern ein sehr komplexes Programm, dass falsche Rechtschreibung oder Rechenwege analysieren kann und Ergebnissse liefert, worin genau ein Kind Schwierigkeiten hat.
    Dazu dann nicht die Empfehlung für Hefte, die der Verlag gerne verkaufen möchte und auf Grundlage der gesammelten Daten stetig verbessern kann, sondern Zeit und Raum für Förderstunden mit diesen Kindern. Um Eltern in einem Gespräch zu sagen, dass das Kind 1×1 trainieren sollte, benötige ich kein digitales Testprogramm.
    Wo wird die Lehrkraft wirklich entlastet oder erhält Hilfe, wo ist versteckte Mehrarbeit oder Kontrolle dabei und wo lässt sich die Lehrkaft das Zepter aus der Hand nehmen und wird weiter in der Tätigkeit abgewertet?

  5. @ palim
    Wo wird die Lehrkraft wirklich entlastet oder erhält Hilfe, wo ist versteckte Mehrarbeit oder Kontrolle dabei und wo lässt sich die Lehrkaft das Zepter aus der Hand nehmen und wird weiter in der Tätigkeit abgewertet?

    Ich habe im Ref gelernt, individuelle Fehleranalysen vorzunehmen. Das ist nicht ganz einfach und kostet irre viel Zeit. hilft mir aber, die fachlichen Schwerpunkte genauer abzustimmen. Seit 2011 nutze ich selbst Online-Test, seit letztem Jahr nur noch.
    Vorher habe ich zweimal im Schuljahr online getestet und danach jeweils mein klassisches Profil. Mittlerweile weiß ich, dass der Onlinetest nunmehr zügiger geht, die AUswertung fix ist und ich ähnlich breit weiß, wo Probleme und Stärken sind. Da fühle ich mich nicht abgewertet, sondern mittlerweile unterstützt.

  6. Zitat:
    „Mit den Ergebnissen der Lernverlaufsdiagnose-Software lasse sich jeder Einzelne genau fördern.“

    Sagt das Programm auch, wie das passieren soll und stellt das Programm auch solche Fördermaßnahmen bereit oder ist es wie immer. Der Lehrer macht das, was er schon immer gemacht hat.

    Zitat:
    „So zeigten die Ergebnisse eben auch, wenn ein Schüler ein anderes Angebot zum Lernen brauche, weil er keine Fortschritte mache.“

    Sagt das Programm auch welche Angebote das sind und stellt das Programm solche Angebote bereit oder ist es wie immer. Es bleibt eh alles am Lehrer hängen, der das macht, was er ohne dieses Programm auch gemacht hätte?

    Zitat:
    „Landesschulsprecher Fabian Pflume ist auch von «quop» überzeugt. «Das ist ein Weg, wie die Digitalisierung unser Leben verbessern kann», sagt der 18-Jährige.“

    Ist schon erwiesen, dass dieses Programm das Leben der Schüler verbessert? Welche Erfahrungen wurden bisher gemacht?

    Diese blinde Digitalisierungsgläubigkeit geht mir auf die Nerven. Langsam wacht ja sogar die Industrie auf – siehe Wannacry 🙂 Selbst größere Unternehmen fahren ihre Digitalisierungsbemühungen zurück, weil die Kosten bisher in keinem Verhältnis zum Nutzen stehen. Vielleicht ist das Internet in 5 Jahren „unbegehbar“ weil so viele Viren und Würmer lauern, dass man es lieber abschaltet.

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