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Ein Drittel aller Schulanfänger mit Sprachproblemen: Logopäden kritisieren Kinderärzte und fordern frühere Therapien

BERLIN/ERFURT. Rund ein Drittel aller Schulanfänger hat Sprachprobleme, mit zum Teil dramatischen Folgen. Angesichts von Sprachtests und Förderprogrammen im Kita-Alter, die mittlerweile in allen Bundesländern etabliert sind, müssten derart hohe Zahlen eigentlich verwundern. Doch die Tests würden oft nur mangelhaft ausgeführt, und vielen Kinderärzten fehle das Problembewusstsein, kritisieren Logopäden. Auch der schulischen Sprachförderung stellen sich nach Ansicht von Lehrerverbänden noch hohe Hürden.

Gegen Schulprobleme aufgrund von Sprachdefiziten bei Kindern könnte nach Einschätzung von Lehrern und Logopäden deutlich mehr getan werden. «Wir beobachten seit vielen Jahren eine Zunahme dieses Problems», sagte etwa der Landesvorsitzende des Thüringer Lehrerverbands (TLV), Rolf Busch. Zu spät gestellte Diagnosen, tiefgreifender Personalmangel und Bürokratie seien große Hürden. Auch der Bundesverband für Logopädie (DBL) schätzt das Problem als groß ein. Aus den Schuleingangsuntersuchungen geht dem Verband zufolge hervor, dass zwischen 25 und 30 Prozent aller Schulanfänger «sprachlich auffällig» sind.

Je früher Sprachprobleme erkannt und angegangen werden, desto besser, befinden Logopäden. Foto. Liz Wieskerstrauch Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)

Je früher Sprachprobleme erkannt und therapiert werden, desto besser, befinden Logopäden. Foto. Liz Wieskerstrauch Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)

Eine Trendermittlung zeigt sich allerdings derzeit schwierig. Nicht zuletzt wirken sich die Reformen im Grundschul- und Kita-Bereich auch auf die Datenerhebung aus, so dass sich aussagekräftige Trends besonders im frühkindlichen Bereich nur eingeschränkt ermitteln lassen.

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Offiziellen Zahlen zufolge ist beispielsweise der Förderbedarf wegen Sprechproblemen bei Kindern im in Sachsen leicht rückläufig. Während laut Bildungsministerium im Schuljahr 2015/16 noch 1050 Schüler gefördert werden mussten, waren es im aktuellen Schuljahr rund 980. Aussagekräftig seien diese Zahlen jedoch wenig, warnte Busch. Seit Einführung der Inklusion wird in den ersten Schuljahren nicht mehr richtig diagnostiziert.» Rückläufige Zahlen seien deshalb wenig verwunderlich.

Spezielle diagnostische Verfahren zur Analyse des Sprachvermögens seien in dieser Zeit im frühkindlichen Breich tatsächlich nicht vorgesehen, heißt es dazu aus dem Schulministerium. Bereits der Begriff «Sprachdefizit» laufe dem aktuellen pädagogischen Ansatz zuwider. «Es geht im frühkindlichen Bereich nicht um die Feststellung von Defiziten, sondern um die Förderung der jeweiligen Stärken der Kinder», sagte Sprecher Frank Schenker.

Ähnlich komplex ist die Datenlage in Berlin: An der «Qualifizierten Statuserhebung», für die jährlich in einem längeren Zeitraum die Sprachkenntnisse von Kita-Kindern untersucht werden nahmen 2016 knapp 24.000 Kinder teil. 3704 von ihnen hatten einen Sprachförderbedarf, rund 16 Prozent. 2015 waren es knapp 17 Prozent. Allerdings waren die untersuchten Kinder in jenem Jahr jünger, weil noch das geringere Einschulungsalter galt, bestätigt auch die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie.

Deutlich zeige sich aber, dass Kinder, die keine Kita besuchen deutlich häufiger Sprachdefizite aufweisen. Der Berliner Test «Deutsch Plus 4» für Vierjährige, die nicht in einen Kindergarten gehen ergab Sprachförderbedarf bei 84 Prozent der 692 dieses Jahr getesteten Kinder. Ihr Anteil wächst seit drei Jahren.

Die Ursachen für Sprachprobleme sind vielfältig. Gründe können psychischer, physischer und sozialer Natur sein, erklärt Frauke Kern vom DBL-Bundesvorstand. Hörprobleme, aber auch verschiedene Krankheiten wie Meningitis oder Behinderungen wie das Down-Syndrom könnten die Sprachentwicklung kleiner Kinder stören. Einen der Hauptgründe für die zunehmenden Sprachdefizite sehen die Experten in der Mediennutzung. «In den Familien wird immer weniger gesprochen, das gemeinsame Essen wird seltener», so TVL-Vorsitzender Busch. Bemerkbar mache sich das unter anderem in zunehmenden Grammatikproblemen.

Die Folgen seien zum Teil drastisch: Kern spricht von einem Rückzug der Kinder, von Lernblockaden und kindlicher Depression. Schwierig sei es, Sprachdefizite festzustellen, wenn Kinder und Jugendliche schon kompensieren, damit ihre Sprachschwäche nicht auffällt. In diesen Fällen könne Schweigen, auffälliges Gestikulieren und letztlich sogar schlechte Noten und angebliche Unkonzentriertheit im Schulunterricht ein Zeichen sein, dass ein Sprachdefizit vorliegt.

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Im Bereich der Therapie liegt nach Meinung der Verbandsvertreter noch Einiges im Argen. So betont etwa die Thüringer Landesverbandsvorsitzende des DBL, Nicole Beyer, wie wichtig eine frühestmögliche Diagnose sei. «Je früher wir mit einer Sprachtherapie beginnen können, umso besser sind die Fortschritte». Sie verwies auf den «Verordnungsgipfel», der alljährlich im Zuge der Schuleingangsuntersuchungen entsteht: Während im vergangenen Jahr bei den bis Fünfjährigen rund 4400-mal eine logopädische Therapie verordnet wurde, waren es bei den Fünf- bis Zehnjährigen etwa 18 300 Rezepte etwa wegen Lispelns oder Stotterns.

«Wir beobachten, dass viele Ärzte bei Kleinkindern sehr zurückhaltend mit Verordnungen für eine Sprachförderung sind», sagte Beyer. Dabei sei es wichtig, Defiziten so früh wie möglich zu begegnen. Der DBL will Ärzte deshalb mit speziellen Informationskampagnen sensibilisieren.

Frauke Kern vom DBL-Bundesverband findet deutliche Worte: Das Problem seien Kinderärzte, die das Problem verniedlichen mit «Das wächst sich aus» und zu selten logopädische Förderung verordnen. Die Tests würden oft «mangelhaft» ausgeführt, die Ärzte hätten zu wenig Zeit für eine belastbare Diagnose. «Wir sind der Meinung, dass Eltern mit ihren Kindern direkt zum Logopäden kommen sollten und nicht erst zum Arzt, sagte Kern. Das sei aber nicht durchsetzbar: «Die Ärzte wollen die Bestimmer bleiben.»

Wenn Sprachdefizite beim Schuleintritt behoben seien, erleichtere das den Schulalltag für die Kinder ungemein – auch in den Naturwissenschaften, sagte Lehrervertreter Busch. «Sprache ist der Schlüssel und die Grundlage für alles. Je früher man auf Probleme eingeht, umso weniger können sich diese verfestigen.» Der Schritt hin zu mehr gemeinsam Lernen von Schülern mit und ohne Handicap sei zwar grundsätzlich richtig, in der aktuellen Form sei es aber eher ein Sparmodell, weil teure Förderschulen wegfielen. «Wenn wir die vielen an uns gestellten Aufgaben bewältigen sollen, brauchen wir dringend mehr Personal.» Der Zugang zu Hilfsangeboten müsse einfacher werden, die Kommunikation zwischen Schule und Kindergärten dürfe nicht den Datenschutzvorschriften zum Opfer fallen. (News4teachers mit Material der dpa)

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9 Kommentare

  1. Dumm gefragt: Schauen Kinderärzte nicht hauptsächlich auf die körperliche Entwicklung? Sprache gehört meines Wissens nicht dazu.

    Abgesehen davon sollte es doch Aufgabe der Eltern sein, ihren Kindern bis zum Eintritt in den Kindergarten (bzw. bis spätestens 4 jahren) vernünftig Sprechen beizubringen.

    • Nicht jeder Kinderarzt zieht aus den dokumentierten Defiziten der Kinder seine Schlüsse und sorgt für die nötigen Interventionen durch pädiatrische Audiologen oder Kinderpsychologen ,später dann der Logopäden und der Ergotherapeuten.
      Nebenbei dürfen die gar nicht soviel verschreiben, da sonst das eigene Budget überschritten wird.
      Und die erfolgreich Tomatis-Therapie bei auditiven Reizleitungsstörungen wird auch von der gesezlichen Krankenkasse und der Privaten nicht bezahlt.Da benötigt man spezielle Gutachten vom Kinderpsychologen und kann dann in Verbindung mit anderen Beeinträchtigungen einen Antrag bei der zuständigen Stadt-Gemeindeverwaltung stellen.

      • Das größte Problem ist tatsächlich die Budgetierung der Ärzte. Jedes Jahr bei der Schulanmeldung hören wir, wie viele Eltern sich um Logopädie bemüht haben und von den Ärzten mit der Spruch „wächst sich raus“ abgewickelt werden. Aus Sicht der Ärzte irgendwie verständlich, aus Sicht der Kinder eine Katastrophe, das letztendlich auch zu diversen Lernproblemen führen kann.

      • „Nebenbei dürfen die gar nicht soviel verschreiben, da sonst das eigene Budget überschritten wird.“
        Auch ich sehe das als Problem und habe es auch hier schon mehrfach geschrieben.
        Vielen Familien ist es unmöglich, ein Rezept für Logopädie oder Ergotherapie zu erhalten.
        Manche rennen von Arzt zu Arzt, bis sie ggf. doch erfolgreich sind,
        andere warten 1 Jahr oder länger auf einen Termin im nächsten SPZ oder einer zentralen Kinder- und Jugendpsychatrie, um dort den Vorschlag zu erhalten, sie könnten Medikamente (Methylphenidat) verabreichen,
        wieder andere geben in der Schule als Antwort, der Arzt habe gesagt, das sei alles nicht nötig und zuletzt gibt es noch diejenigen, die die Notwendigkeit nicht einsehen wollen, selbst wenn alle darauf drängen, dass das Kind eine Therapie machen solle.

        Die Wartezeiten oder die verstreichenden Zeiten sind häufig 2 Jahre oder mehr
        „aus Sicht der Kinder eine Katastrophe, das letztendlich auch zu diversen Lernproblemen führen kann.“ Vieles davon könnte erheblich einfacher und für die Kinder leichter sein, wenn frühzeitig gemeinsam gefördert würde.
        Dabei geht es nicht darum, Kinder zu früh in eine Ecke zu stellen oder ihre Stärken nicht wahrzunehmen, sondern Kinder in ihrer Entwicklung nicht allein zu lassen.

        Wer Inklusion so versteht, alles laufen zu lassen, kein Kind mehr entsprechend zu beobachten und gezielt zu fördern, macht sich m.E. schuldig an den Kindern und unterstützt das Sparkonzept, das in allen Bundesländern gefahren wird. Es geht bei der Inklusion gerade nicht darum, Kinder mit Förderbedarf gleich welcher Art allein zu lassen, sondern ihnen Förderung zu geben, damit die Kinder teilhaben können. Dies muss in allen Systemen gewährleistet sein und ist nicht mit allgemeinen Angeboten getan. Bei Kindern, die Logopädie benötigen, reichen ein paar Sprachspiele im Sitzkreis des KiGa oder der Schule nicht aus; sie sind sinnvoll, ersetzen aber keine Therapie.

        • Da spielen egoistische, aber selbst erhaltende Motive eine größere Rolle als das Wohl der Kinder.Diese Falle des Regresses wurde von der Politik zur Erzielung von Einsparungen selbst so gestaltet.Wohl dem , der sich finanziell gut gebettet findet und sich derartige Leistungen leisten kann.Aber generell gibt es bei der Anfrage an ärztliche und nicht ärztliche Fördermaßnahmen teilweise ein Mauer des Schweigens.
          Mir ist ein in Düsseldorf wohnhafter HNO-Arzt bekannt, der Deutschland weit als selbst ernannter Fachmann die Diagnosen von Kinderpsychiatern zu ADS/ADHS in Frage stellt und die Verordnungspraxis der geeigneten Medikamente für mich populistisch in Frage stellt und mit seinen Vorträgen eine Menge Geld verdient.
          Und natürlich sind dann die niedergelassenen Kollegen, aber auch die Eltern verunsichert. Wer möchte denn seinen Kindern durch Medikamente schaden.
          Da verschreibt man dann lieber homöopathische Globuli.Die helfen zwar nicht, schaden aber durch das Weglassen der benötigten Medikamente.

  2. Doch, bei den U-Untersuchungen wird auch die geistige Entwicklung getestet und ein erfahrener Kinderarzt kann alle möglichen Defizite erkennen. Ohne den Artikel richtig gelesen zu haben: Es geht schon im Säuglingsalter los. Mehrfach konnte ich beobachten, dass stillende Mütter nebenher an ihrem Handy daddeln. Säuglinge suchen da normalerweise Blickkontakt mit der Mutter. Ich habe das sooogenossen und ganz viel mit meinen Kindern geredet. Das fällt heute vielfach den modernen Medien zum Opfer. Es geht doch so weiter mit Handy am Esstisch und er Aufbau einer Sprachkultur mit Menschen, die neben einem sitzen geht verloren. Es gibt Eltern die schieben ihren Kindern lieber abends eine DVD im Kinderzimmer in die Kiste, anstatt ihnen vorzulesen. Sehr, sehr schade und alles schadet der sprachlichen Entwicklung. Warten beim Kinderarzt….wir haben früher unseren Kindern die Bilderbücher erklärt und vorgelesen, die heutigen Mütter schicken die Kinder zum Maltisch, damit sie in Ruhe am Handy daddeln können.

    • Sie beschreiben die Situation der Kinder recht gut. Hinzu kommt ein übermäßiger Fernsehkonsum und das Abhängen am Computer.
      Sprache lernt man am besten im häuslichen Umfeld in der direkten Kommunikation mit den Geschwistern und Eltern, aber auch durch gemeinsames Vorlesen von kindgerechten Büchern oder dem gemeinsamen Singen von Kinderliedern.
      Negativ wirken sich eine Vernachlässigung im häuslichen Umfeld aus. Dazu gehören auch die übertriebenen Formen des Medienkonsums.

    • Damit kann man aber nicht alle Kinder, die diese oder andere Therapien benötigen, über einen Kamm scheren. Es gibt durchaus Kinder, die nicht durch den Medienkonsum zu Sprachstörungen kommen.
      Auch Kinder aus Elternhäusern, die sich sehr wohl um ihre Kinder kümmern, haben Bedarf an Therapien.

      Feststellen kann ich, dass sich diese Eltern beim Kinderarzt eher durchsetzen und die Rezepte erhalten, während die anderen abgewiesen werden. Den Kindern hilft es aber nicht, wenn die Förderbedürftigkeit nicht attestiert und nicht therapiert wird.
      Auch als Lehrkraft kann ich nicht wegsehen, weil ich der Meinung bin, die mangelnden Leistungen sind auf den erhöhten Handy-Konsum der Mutter zurückzuführen.

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