BERLIN. Soziale Netzwerke sind längst Teil des Schulalltags – nicht nur als Kommunikationsraum von Kindern und Jugendlichen, sondern auch als Quelle von Konflikten, Desinformation und Mobbing. Eine neue Umfrage unter mehr als 1.000 Lehrkräften zeigt, dass viele Schulen mit den Folgen digitaler Kommunikation ringen. Besonders häufig berichten Lehrkräfte von suchtähnlichem Nutzungsverhalten, Ablenkung durch Smartphones und Cybermobbing. Gleichzeitig fühlt sich jede zweite Lehrkraft im Umgang mit eskalierenden Social-Media-Konflikten nicht ausreichend sicher. Die Ergebnisse nähren Forderungen nach verbindlichen Schulkonzepten, Fortbildungen und mehr professioneller Unterstützung.

Mehr als zwei Drittel der Lehrkräfte halten die Herausforderungen durch soziale Medien für relevant oder sehr relevant für ihre tägliche Arbeit. Das geht aus einer bundesweiten Befragung hervor, die der Deutsche Philologenverband (DPhV) gemeinsam mit dem Bildungsportal Lehrer-Online im Mai und Juni 2026 durchgeführt hat. An der Umfrage nahmen nach Angaben der Veranstalter mehr als 1.000 Lehrkräfte teil. 15 Prozent der Befragten geben an, akut Unterstützung zu benötigen. Zugleich sagt etwa die Hälfte, dass sie sich im Umgang mit Social-Media-Konflikten unsicher fühlt. Acht Prozent beschreiben sich sogar als überfordert und hilflos.
Als größte Herausforderung nennen 79 Prozent der Lehrkräfte ein suchtähnliches Nutzungsverhalten von Schülerinnen und Schülern. Dahinter folgen Ablenkungen durch Smartphones im Unterricht, mit denen nach eigenen Angaben 70 Prozent regelmäßig konfrontiert sind. Jeweils 63 Prozent berichten von Problemen durch Cybermobbing, Sexting oder Cybergrooming sowie durch Hate Speech und Desinformation. Mehr als die Hälfte der Befragten sieht zudem Defizite bei der Medienkompetenz der Schülerinnen und Schüler. 22 Prozent nennen Schwierigkeiten in der Kommunikation mit Eltern über Social-Media-Themen.
Der DPhV verweist in diesem Zusammenhang auf die Anfang 2026 veröffentlichte Trendstudie „Jugend in Deutschland 2026“. Dort hatten sich 2.012 Jugendliche selbst eingeschätzt; 60 Prozent zeigten demnach Anzeichen eines suchtähnlichen Nutzungsverhaltens. Aus Sicht der Lehrkräfte falle die Problemlage jedoch noch gravierender aus.
„Wer von Lehrkräften erwartet, dass sie solche Social-Media-Krisen allein managen können, muss zu Recht enttäuscht werden“
DPhV-Bundesvorsitzende Susanne Lin-Klitzing sieht darin eine Herausforderung, die weit über einzelne Schulen hinausgeht. „Lehrkräfte erleben täglich, wie Schülerinnen und Schüler in Suchtmechanismen gefangen sind, wie Mobbing über Nacht aus dem Netz in den Klassenraum wandert, wie Falschinformationen Unterrichtsgespräche vergiften. Das ist keine pädagogische Randnotiz – vielmehr braucht es eine politisch-gesamtgesellschaftliche Strategie, die z. B. auch Eltern schon in der Grundschule einbezieht und für ihr eigenes Nutzungsverhalten und somit auch das ihrer Kinder sensibilisiert“, erklärt sie.
Besonders deutlich wird der Unterstützungsbedarf nach Angaben der Befragten in Krisensituationen. Wenn Konflikte um Cybermobbing, Fake News oder Cybergrooming eskalieren, fühlen sich 50 Prozent der Lehrkräfte unsicher oder teilweise hilflos. Lin-Klitzing fordert deshalb klare Zuständigkeiten und rechtliche Orientierung für Schulen. „Gerade in Krisen – wenn ein Kind gemobbt wird, wenn jugendgefährdende Inhalte kursieren oder die Kommunikation mit den Eltern eskaliert – brauchen Schulen und Lehrkräfte klare Handlungsgrundlagen und Rechtssicherheit. Wer von Lehrkräften erwartet, dass sie solche Social-Media-Krisen allein managen können, muss zu Recht enttäuscht werden“, sagt die Verbandsvorsitzende.
Die Umfrage zeigt zugleich, welche Unterstützung sich Lehrkräfte wünschen. 68 Prozent sprechen sich für verbindliche, schuleinheitliche Regeln und Konzepte zum Umgang mit sozialen Medien aus. 59 Prozent möchten mehr Rechtswissen zu Datenschutz, Urheberrecht und strafrechtlichen Fragen erwerben. Gut die Hälfte nennt präventive Konzepte zur Vermittlung von Medienkompetenz als wichtigen Unterstützungsbedarf. 41 Prozent wünschen sich mehr Wissen über Plattformen und deren Funktionsweisen. 29 Prozent halten zusätzliche psychologische Unterstützung in belastenden Fällen für notwendig.
Auch bei Fortbildungen formulieren die Befragten konkrete Erwartungen. 76 Prozent wünschen sich unmittelbar einsetzbare Materialien und Handlungsempfehlungen. 61 Prozent nennen Praxisbeispiele als besonders hilfreich, 55 Prozent Unterrichtsmaterialien. 42 Prozent sprechen sich für schulinterne Fortbildungsformate aus, an denen das gesamte Kollegium beteiligt wird. News4teachers








