G8 oder G9? Schulen streiten über das richtige Tempo zum Abitur

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  LAICHINGEN/EHINGEN. Turbo-Abi nach acht Jahren oder besser Tempo raus und sich neun Jahre Zeit nehmen: wo Eltern die Wahl haben, melden sie ihre Kinder fast immer für eine langsamere G9-Klasse an. Doch einige Schulleiter sehen G8 zu Unrecht an den Pranger gestellt. Zwei Beispiele aus Bayern zeigen die Unterschiede.

  Von einer 40-Stunden-Woche kann Celine nur träumen. Der Schultag der Siebtklässlerin aus Laichingen (Alb-Donau-Kreis) beginnt morgens um 7.00 Uhr an der Bushaltestelle und zieht sich oft bis in den späten Nachmittag. Ziemlich genau 40 Stunden sei ihre Tochter jede Woche für die Schule aus dem Haus – und dann kämen noch die Hausaufgaben dazu, erzählt die Mutter Ursula Dürner am Freitag. Das ist der Preis für das Abitur nach acht Jahren am Gymnasium. Dort, wo die Eltern im Rahmen eines Schulversuchs die Wahl zwischen G8 und G9 haben, entscheiden sie sich fast immer für den gemächlicheren Weg zur Hochschulreife. Doch es gibt auch Schulen, die auf das Turbo-Abi schwören.

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Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: An den 44 Schulen, die im Rahmen eines Schulversuchs das Abitur sowohl nach acht als auch nach neun Jahren anbieten, fällt G8 durch. Rund 10 Prozent der Kinder wurden dort bislang für G8 angemeldet, 90 Prozent für G9.

Eingang eines Gymnasiums (Ausschnitt)
An immer mehr Gymnasien kann wieder das Abitur nach 13 Schuljahren erworben werden. Foto: bbroianigo / pixelio.de

Hermann Persch, der Schulleiter am Albert-Schweitzer-Gymnasium in Laichingen, ist deshalb froh, dass er den Eltern seit diesem Schuljahr wieder die Wahl zwischen G8 und G9 lassen kann. Das Ergebnis war eindeutig: Die Fünftklässler werden jetzt alle in G9-Klassen unterrichtet, niemand macht freiwillig G8. «Das zusätzliche Jahr nimmt etwas Schärfe von dem Leistungsdruck», findet der Schulleiter.

Und auch pädagogisch gebe es Vorteile. Im Matheunterricht zum Beispiel. «G8-Schüler sind nicht schlechter im mathematischen Denken. Aber sie können nicht mehr gut rechnen, weil ihnen schlichtweg die Übungszeit fehlt», sagt Persch. Auch das Alter spiele eine Rolle. Bei G8 müssten sich die Schüler schon mit 15 Jahren mit der griechischen Demokratie beschäftigen. Bei G9 seien sie schon ein Jahr älter, wenn das Thema drankommt. «Dieses eine Jahr ist viel Wert. In dem Alter kann man die Schüler schon viel besser dafür begeistern.»

Sein Kollege Wolfgang Aleker vom Johann-Vanotti-Gymnasium in Ehingen (Alb-Donau-Kreis) sieht das anders. Dort haben Lehrer und Eltern ganz bewusst auf G8 gesetzt. Der Druck sei zwar höher – aber das könne dem Unterricht und den Schülern auch zugutekommen. «Man ist gezwungen, die Themen konzentrierter anzugehen», sagt der Schulleiter. «Früher haben der Deutschlehrer, der Englischlehrer und der Französischlehrer mit den Schülern durchgesprochen, wie man einen Roman interpretiert. Heute müssen sich die Lehrer da besser absprechen, um Doppelungen zu vermeiden.»

Dafür seien die Schüler dann ein Jahr früher mit der Schule fertig und hätten die Zeit, um etwas ganz anderes zu machen. «Dass sie ein soziales Jahr machen oder ins Ausland gehen, das hat bei den G8-Schülern sicherlich wesentlich zugenommen.»

Viele Schulen gerade auf dem Land hoffen trotzdem, dass G9 nicht nur ein Modellversuch bleibt. «Viele Eltern bei uns legen einfach viel Wert darauf, dass ihre Kinder nachmittags zu Hause sind. Das ist anders als in den Städten, wo eine Ganztagsbetreuung eine viel größere Rolle spielt», sagt Matthias Pröhl, Schulleiter am Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium in Metzingen.

Ursula Dürner ist nach den Erfahrungen mit ihrer Tochter jedenfalls froh, dass es am Albert-Schweitzer-Gymnasium in Laichingen nun auch wieder G9 gibt. «G8 ist schon richtig heftig. Ich weiß nicht, ob man so furchtbar viel Disziplin von Kindern erwarten darf», sagt sie. Ihren zwei Jahre jüngeren Sohn hat sie deshalb wieder in einer G9-Klasse angemeldet. «Sonst hätte ich ihn vermutlich auf die Realschule geschickt, um ihm den Stress zu ersparen.» Marc Herwig/dpa

(26.4.2013)

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