Ist heute wirklich noch ein Schüler-Austausch zwischen West und Ost nötig?

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BERLIN. Auch knapp drei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung streitet Deutschland über Ost-West-Probleme. Können mehr Schüleraustausche da helfen, wie der neue Präsident der Kultusministerkonferenz meint? Die Idee stößt bei Politikern auf wenig Begeisterung. In der Praxis sieht das schon anders aus.

Gibt es die Mauer noch immer?                                         Foto: Raphaël Thiémard / flickr / CC BY-SA 2.0

An der Europaschule im nordrhein-westfälischen Rheinberg werden in der sechsten Klasse regelmäßig die Koffer gepackt. Auf freiwilliger Basis geht es dann zum Schüleraustausch. Allerdings nicht nach Frankreich oder Spanien – sondern nach Sachsen. Seit rund 20 Jahren pflegen die Rheinberger den Austausch mit dem Lessing-Gymnasium in Hohenstein-Ernstthal, wie der zuständige Lehrer Christian Drummer sagte. Ein deutsch-deutscher Austausch 28 Jahre nach der Wiedervereinigung? Drummer: «Wir sind der Meinung, dass das sehr viel bringt.»

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Das Projekt, das einst im Rahmen der Städtepartnerschaft mit Hohenstein-Ernstthal zustande kam, dürfte Thüringens Bildungsminister Helmut Holter (Linke) erfreuen. Als neuer KMK-Präsident sprach er sich am Montag für mehr Ost-West-Schüleraustausch aus. «Ich stelle immer wieder fest, sowohl bei Jugendlichen als auch bei Erwachsenen, dass insgesamt zu wenig über die Geschichte in der alten Bundesrepublik und in der DDR bekannt ist», sagte Holter im Gespräch. Mehr Begegnungen, mehr Gespräche könnten da helfen.

Die Schüler aus NRW und Sachsen stellen laut Drummer durchaus Vergleiche an. «Der Lebensalltag ist schon unterschiedlich, die Schulsysteme sind unterschiedlich.» Bei den gegenseitigen Austauschen bekämen die Schüler Einblicke. «Und es entstehen auch Freundschaften.» Dass es ins Erzgebirge und nicht nach Barcelona geht, sei für die Schüler überhaupt kein Problem. «Das macht denen wahnsinnig viel Spaß. Ich habe noch keinen erlebt, der das langweilig fand», sagte Drummer.

Keine ideologischen Mauern konstruieren

Holters Vorstoß für mehr Austausch sieht dessen Kollege Marco Tullner aus Sachsen-Anhalt allerdings kritisch. «Im Jahr 28 nach der Deutschen Einheit sollten wir keine ideologischen Mauern konstruieren, wo keine mehr sind», sagte der CDU-Politiker. Es gebe bereits unzählige gemeinsame Projekte zwischen Schulen aus unterschiedlichen Bundesländern. «Es muss vielmehr darum gehen, Gemeinsamkeiten statt Unterschiede zu betonen», sagte Tullner.

Seine NRW-Kollegin Yvonne Gebauer (FDP) erklärte, Schüler sollten ihr Land kennenlernen und deutschlandweit Kontakte knüpfen. Aber: «Die heutigen Schüler sind die Nach-Wende-Generation und für sie ist die deutsche Teilung oftmals nur noch eine Epoche aus dem Geschichtsbuch. Statt eines Ost-West-Austauschs brauchen wir einen unverstellten Blick auf die deutsche Geschichte und eine aktive Erinnerungskultur an die Opfer von Krieg, Unrecht und Unfreiheit im letzten Jahrhundert in unserem Land.»

Holter selbst will nach eigener Auskunft keine Programme ins Leben rufen. «Mir geht es nicht um großen Aufwand. Sondern mir geht es darum, möglichst niederschwellig Begegnungen zu organisieren», sagte er. Ob gemeinsame Projektarbeiten oder Jugendcamps – «Begegnungen sind möglich». Mehr Austausch könne einen Beitrag zur Demokratiebildung liefern, was sein Schwerpunkt als KMK-Präsident sei.

Den Historiker Klaus Schroeder von der Freien Universität Berlin erinnert der Vorschlag Holters an ähnliche Schüleraustausche in den 1990ern. Damals hätten die Jugendlichen allenfalls festgestellt, dass sie aus unterschiedlichen Milieus kämen und seien dann wieder auseinandergegangen, sagt der Leiter des Forschungsverbunds SED-Staat. «Es ist schnell versandet und hat nicht viel gebracht.»

Auch Iris Gleicke, die Ostbeauftragte der Bundesregierung, kann mit der Forderung nach einem verstärkten Schüleraustausch zwischen Ost- und Westdeutschland wenig anfangen. Holter habe dies “sicherlich gut gemeint”, sagte Gleicke der “Berliner Zeitung”. Der Vorschlag sei aber “nicht mehr zeitgemäß”. Sie habe solche Schülerreisen nach der Wende selbst organisiert. Doch über ein Vierteljahrhundert nach der Einheit gehe es Jugendlichen nicht mehr um die geografische Herkunft, sagte Gleicke (SPD). Es sei gut, “dass für die jungen Leute aus Ost und West keine deutsch-deutschen Besonderheiten und Befindlichkeiten mehr im Vordergrund stehen”. News4teachers / mit Material der dpa

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