Start Praxis Abi-Wutrede: Stecken hinter der hohen Durchfallquote innerschulische Querelen?

Abi-Wutrede: Stecken hinter der hohen Durchfallquote innerschulische Querelen?

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SCHWERIN. Aus einer Wutrede ist inzwischen ein Politikum geworden. Nachdem eine ungewöhnlich hohe Durchfallquote beim Abitur eines Gymnasiums in Hagenow zunächst die Medien und dann das Schulamt beschäftigte, soll nun das Institut für Qualitätsentwicklung die Vorgänge an der betroffenen Schule untersuchen. Das Bildungsministerium von Mecklenburg-Vorpommern kündigt Befragungen von Schülerinnen und Schülern, Eltern und Lehrkräften an. In einer Sondersitzung des Landtags haben Abgeordnete mit Schulamt sowie Vertretern von Schülern und Eltern beraten. Dabei war von «atmosphärischen Störungen» die Rede. Die GEW deutet an, dass die Verantwortung dafür nicht allein in der Schule liegt. 

Ein Fall für…? (Symbolbild.) Illustration: Shutterstock

Die ungewöhnlich hohe Durchfallquote bei den Abiturprüfungen an einem Gymnasium in Hagenow beschäftigt nun auch das Institut für Qualitätsentwicklung des Schweriner Bildungsministeriums. Ein geschultes Team werde unter anderem Schülerinnen und Schüler, Eltern sowie Lehrkräfte befragen und auf dieser Grundlage einen Evaluationsbericht erstellen, wie das Ministerium mitteilte.

«Es ist wichtig, die Ursachen dafür, dass am Robert-Stock-Gymnasium ungewöhnlich viele Schülerinnen und Schüler die Abiturprüfungen nicht bestanden haben, schnell zu ergründen», sagte Bildungsministerin Simone Oldenburg (Linke) demnach. Am Mittwoch hatte der Bildungsausschuss des Landtags in einer (nicht öffentlichen) Sondersitzung gemeinsam mit dem Staatlichen Schulamt Schwerin, der Schule selbst sowie Landeseltern- und Schülerrat beraten.

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Jeder dritte Schüler durchgefallen

An dem Gymnasium im Landkreis Ludwigslust-Parchim waren 18 von 51 zur Prüfung zugelassenen Schülerinnen und Schülern durch die Abiturprüfung gerasselt. Rechnerisch wären das rund 35 Prozent. Eine Person sei nicht zur Abiturprüfung zugelassen worden, hieß es vom Ministerium. Für Wirbel gesorgt hatte ein Videoclip von der Abschlussrede einer Schülerin des Gymnasiums, in dem sie unter anderem Vorwürfe gegen einige Lehrkräfte erhob und die hohe Zahl nicht bestandener Abiturprüfungen kritisierte.

«Sind wir wirklich alle zu blöd gewesen? Haben wir nicht gelernt? Oder liegt es vielleicht an anderen Dingen?» Sie sprach unter anderem von «ständigem Lehrerwechsel» und «zwei Jahren kein vernünftiger Matheunterricht» sowie von Lehrkräften, die seit Jahren «die gleichen Arbeitsblätter und exakt die gleichen Unterrichtsinhalte» verwendeten, obwohl sich Prüfungsanforderungen veränderten. Zugleich betonte sie ausdrücklich, sie wolle «natürlich auch nicht alles schlecht darstellen», und dankte mehreren Lehrkräften für ihre Unterstützung. Für bundesweite Aufmerksamkeit sorgte vor allem der Schlusssatz ihrer Rede: «An die, die unserem Jahrgang die Durchfallquote gönnen – ganz ehrlich: Fickt euch einfach nur alle.»

In einem späteren Gespräch mit dem Nordkurier erklärte die ehemalige Schülerin, sie würde diese Wortwahl heute nicht mehr wählen, halte aber an ihrer inhaltlichen Kritik fest. Sie schilderte unter anderem aus ihrer Sicht auffällige Ergebnisse in den Mathematikprüfungen, beantragte gemeinsam mit ihren Eltern Einsicht in ihre Prüfungsunterlagen und sprach sich dafür aus, mögliche Ursachen der außergewöhnlich hohen Durchfallquote umfassend prüfen zu lassen.

Dem Ministerium zufolge sollen die Ereignisse nun schulintern und extern bewertet werden. Voraussichtlich Ende Oktober sollen die Erkenntnisse ausgewertet und konkrete Maßnahmen vereinbart werden.

Probleme an der Schule?

Zu den Geschehnissen beigetragen haben könnte die Kommunikation zwischen Schülerschaft, Eltern und Lehrkräften, erklärte der Parlamentarische Geschäftsführer der Linksfraktion im Landtag, Torsten Koplin, nach der Sitzung. «Deshalb gab es seitens der Schule und des Schulamtes bereits umfangreiche Gesprächsangebote, die auch in den nächsten Wochen aufrechterhalten werden.»

Das Bildungsministerium wolle die Situation zudem zum Anlass nehmen, das aktuelle Frühwarnsystem vor Abiturprüfungen weiterzuentwickeln, sagte Koplin. Dabei geht es darum, schon früh zu wissen, wenn es Probleme geben könnte.

Die Obfrau im Bildungsausschuss für die SPD-Fraktion, Nadine Julitz, teilte mit: «Auch wenn die finale Evaluation noch andauert und erst im Oktober vorliegt, hat das Bildungsministerium klargemacht, dass die Vorgänge an der Schule mit konkreten Problemen vor Ort zusammenhängen.» In der Sitzung sei von «atmosphärischen Störungen» bis hin zu «Angst» im Umgang miteinander berichtet worden, so hieß es – bei Schülern, Lehrern und Eltern.

Mehr Transparenz über schulinterne Zustände

Die bildungspolitische Sprecherin und Parlamentarische Geschäftsführerin der Grünen-Fraktion, Jutta Wegner, sagte anschließend: «Die entscheidende Frage lautet nicht, wie zugespitzt Kritik formuliert wurde, sondern wie es überhaupt zu einer solchen Situation kommen konnte.» Es brauche mehr Transparenz darüber, wie es den Schulen im Land tatsächlich gehe. Nur so könne man erkennen, wo es Probleme gebe und Unterstützung nötig sei.

«Die allermeisten Schulen in Mecklenburg-Vorpommern leisten jeden Tag hervorragende Arbeit», sagte der Sprecher der FDP-Gruppe, David Wulff. «Wer Vertrauen in unsere Bildungsabschlüsse stärken will, muss bereit sein, genau hinzusehen und aus besonderen Fällen die richtigen Lehren zu ziehen.»

CDU und GEW fordern bessere Aufklärung

Die kulturpolitische Sprecherin der CDU-Fraktion, Katy Hoffmeister, kritisierte, dass die geplante Aufarbeitung nicht unabhängig genug sei: «Wenn die Schulaufsicht, das Institut für Qualitätsentwicklung und ein Schulleiter aus MV die Untersuchung begleiten sollen, dann prüfen sich hier im Grunde Beteiligte selbst.» Zumindest prüfe hier niemand, der nicht auch in einem direkten Abhängigkeitsverhältnis zum Bildungsministerium stehe.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW MV) hatte im Vorfeld der Sitzung ebenfalls eine transparente Aufklärung gefordert. «Aus unserer Sicht darf die Aufklärung ausdrücklich nicht durch das bislang zuständige Schulamt vorgenommen werden», sagten die Landesvorsitzenden Sandra Astáras und Ulrike von Malottki demnach. Es gebe Anlass zu der Annahme, dass Unstimmigkeiten dort mit zu haltlosen Zuständen an der betroffenen Schule geführt haben könnten. «Dabei geht es vor allem um das Stellenbesetzungsverfahren für die Schulleitungsstelle in Hagenow, das beklagt worden ist. Uns sind Probleme in mindestens einem weiteren Verfahren anderswo bekannt geworden.» News4teachers / mit Material der dpa

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8 Kommentare
ed840
25 Tage zuvor

 das aktuelle Frühwarnsystem vor Abiturprüfungen weiterzuentwickeln,“

Wäre natürlich interessant zu erfahren, wie dieses System bisher aussieht und wie gut es bisher funktioniert hat.

Karl Heinz
25 Tage zuvor

@ ed840
Ich vermute mal:
Gar nicht

Es ist bezeichnend für die geradezu erbärmliche Arbeit der offiziellen Behörden:

– „Wutrede“ (aka jemand sagt mal die Wahrheit)
– Das „beschäftigt“ dann die Medien
– Daraufhin REagiert überhaupt erstmal das Schulamt (weil man ja nun genötigt ist, was zu tun
– Und dann wird ei. „Institut für Qualitätsentwicklung“ eingeschaltet…

Warum gucken diese Institute nicht vorher – also regelmäßig – hin.
Warum lässt man alles so vor sich hin versagen bis es zu spät ist.

Und mal ehrlich
Bald interessieren sich „die Medien“ auch nicht mehr für Brandbriefe und Wutreden, weil die zu oft kommen.
Welche Eskalationsstufe braucht es dann??

Küstenfuchs
25 Tage zuvor
Antwortet  Karl Heinz

Wobei man auch vorsichtig sein sollte, wenn eine Schülerin, die durchs Abitur gefallen ist, rumpöbelt und die Schuld bei allen anderen sucht, nur nicht bei sich selbst.

ed840
25 Tage zuvor
Antwortet  Küstenfuchs

Sagen Schüler*innen und Eltern denn nicht grundsätzlich die reine Wahrheit, wenn sie sich über Lehrkräfte auslassen? (Ironie aus)

Soweit ich informiert bin, haben bei der Abschlussfeier in Hagenow übrigens zwei Schüler*innen gesprochen.

dickebank
25 Tage zuvor
Antwortet  Küstenfuchs

Ich sach ma so, Rumpöbeln geht anders. Die Rednerin hat doch nur diejenigen verflucht, die den Anschein erweckt haben, sie hätten Gefallen daran, dass die 13 Abiturient*innen durchgefallen sind.

Chris
21 Tage zuvor
Antwortet  dickebank

Es wird als Wutrede verkauft, das muss nur bedingt sachlich und vor allem nicht ausgewogen sein.
Laut der schülerin war es vielen in vorraus klar das sie nicht bestehen, wirkt für mich auch nach schwachen vornoten die wiederum nicht mit alten Materialien zu erklären sind. Je nach Fach müssen alte Materialien auch nicht schlecht sein, und vor allem haben wir keine Ahnung von Umfang. Wenn bekannt alte Materialien verwendet werden, macht dies zudem in der Regel leichter auf reguläre Klausuren vorzubereiten und da sind schülerschafften in der Regel koordiniert genug das dies geschieht.

Bildungsnah
25 Tage zuvor
Antwortet  Karl Heinz

Simple Frage: Haben sie sich das Video der Rede angeschaut?

Se Länd
24 Tage zuvor

„Stecken hinter der hohen Durchfallquote innerschulische Querelen?“ – Bei dieser Überschrift juckt es mir wirklich in den Fingern, auf Pipi-Popo-Kacka-Humor umzusteigen.