Modellprojekt: Uni bildet geflohene Lehrer für den Einsatz in Deutschland fort

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BIELEFELD. Unterstützen, ermutigen, helfen: Seit ein paar Stunden sind Shogine Kamoyan (40) und Marwa Sulaiman (29) wieder in ihrem Element. Die beiden Lehrerinnen aus Armenien und Syrien hospitieren an der Gesamtschule Rosenhöhe in Bielefeld. Erst waren sie beim Englischunterricht in einer fünften Klasse, nun helfen sie Schülern bei Mathe. «Der Umgang mit den Kindern hat mir sehr gefehlt», sagt Kamoyan danach. «Ich denke, ich bin als Lehrerin geboren – ich muss wieder zurück zur Schule gehen.» Im kommenden Jahr könnte es so weit sein.

Die Syrerin Amani (Name geändert) ist 24 und Lehrerin. Als ihre Schule geschlossen wurde, unterrichtete sie ihre Schüler zuhause - bis auch das zu unsicher wurde und sie das Land verlassen musste. Foto: DFID - UK Department for International Development / flickr (CC BY 2.0)
Die Syrerin Amani (Name geändert) ist 24 und Lehrerin. Als ihre Schule geschlossen wurde, unterrichtete sie ihre Schüler zuhause – bis auch das zu unsicher wurde und sie das Land verlassen musste. Foto: DFID – UK Department for International Development / flickr (CC BY 2.0)

Kamoyan und Sulaiman sind zwei von 25 Teilnehmern eines Modellprojekts in NRW. Das Programm «Lehrkräfte Plus» der Universität Bielefeld richtet sich an Flüchtlinge, die gut Deutsch sprechen und in ihrer Heimat als Lehrer gearbeitet haben. Sie können das ein Jahr dauernde Vollzeitprogramm absolvieren und danach etwa als Vertretungslehrer an Schulen in NRW arbeiten. 270 Bewerbungen gab es. Nun nehmen acht Frauen und 17 Männer aus Afghanistan, Armenien, Guinea, Irak, Pakistan und Syrien daran teil.

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Das erste halbe Jahr machen sie einen Sprachkurs, der sie auf das Niveau C 1 bringen soll – das berechtigt zum Studium. Besser ist nur C 2 – das Niveau der Muttersprachler. «Ein sehr sicheres Deutsch ist notwendig, damit die Lehrer später von den Schülern ernst genommen werden», erklärt Renate Schüssler von der Uni Bielefeld. Auf den Sprachkurs folgen Praktika in Schulen und eine Qualifizierung für das Schulsystem in NRW.

Kamoyan und Sulaiman sind an diesem Praktikumstag glücklich, ihrem Beruf wieder nahe zu sein. Kamoyan hat in Armenien mehr als 18 Jahre als Englisch- und Spanischlehrerin gearbeitet, die 29 Jahre alte Marwa Sulaiman war in Syrien Englischlehrerin. Beide sprechen mittlerweile fließend Deutsch. «Mit diesem Programm wird mein Traum in Erfüllung gehen, wieder als Lehrerin zu arbeiten», sagt Sulaiman.

Vorbilder für Migrantenkinder

Die Anregung zu dem Projekt und finanzielle Unterstützung kommen von der Bertelsmann-Stiftung. Deren Experten waren über die Universitäten Potsdam und Göttingen aufmerksam geworden. Fachleute dort haben ähnliche Projekte entwickelt. In NRW kooperieren nun mit der Uni Bielefeld neben der Bertelsmann-Stiftung das Schulministerium sowie die kommunalen Integrationszentren.

Claudia Hoppe, die Direktorin der Gesamtschule in Bielefeld, erhofft sich Vorteile für Kinder mit Migrationshintergrund – dazu gehört die Hälfte ihrer Schüler. Ihnen könnten diese Lehrer nicht nur mit der Sprache helfen, sie könnten auch ein Vorbild sein.

In welcher Form die Teilnehmer nach Abschluss des Kurses eine Beschäftigung an Schulen erhalten, ist offen. Neben dem Einsatz als Vertretungslehrer könnten sie im herkunftssprachlichen Unterricht eingesetzt werden, etwa in Arabisch. «Eine Garantie für eine Übernahme in den Schuldienst gibt es für die Teilnehmer nicht», sagt ein Sprecher des Schulministeriums in Düsseldorf.

Es fehle an Lehrern in NRW – und Menschen mit dieser besonderen Erfahrung seien eine Bereicherung für die Schulen. Nach der Universität Bielefeld startet nun auch an der Hochschule in Bochum ein Ausbildungsprojekt für Flüchtlinge mit Lehrerberuf.

An der Universität Potsdam haben die ersten 26 Teilnehmer bereits abgeschlossen. «Alle von ihnen hätten in Brandenburg als Assistenzlehrer anfangen können», sagt Prof. Miriam Vock von der Hochschule. Zwölf arbeiten als Lehrer, der Rest schaffte im ersten Anlauf die Sprachprüfung nicht und muss wiederholen.

Für Kamoyan und Sulaiman ist der Weg zum Zertifikat noch lang, die Sprachprüfung ist schwer. Doch beide sind motiviert, bald wieder in ihrem Traumjob zu arbeiten. Von dem Unterricht an der Gesamtschule waren sie beeindruckt: «Sehr interaktiv, ziemlich gut», sagen beide. In einem Punkt wäre aber Kamoyan strenger. «Im Englischunterricht sind bei mir andere Sprachen als Englisch verboten!» Von Kristin Kruthaup, dpa

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