BERLIN. Der Übergang von der Kita in die Grundschule gilt seit Jahren als eine der sensibelsten Phasen in der Bildungsbiografie von Kindern. Fachlich ist vieles geklärt, politisch wird Kooperation beschworen – doch in den Einrichtungen selbst stoßen diese Ansprüche auf strukturelle Grenzen. Eine neue bundesweite Befragung von mehr als 5.000 Kitaleitungen zeigt, wie groß die Diskrepanz zwischen Anspruch und Alltag ist. „Ein gelingender Übergang braucht Ressourcen“, mahnt der Bundesvorsitzende des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE), Tomi Neckov. Genau daran fehlt es offenbar systematisch.

Im Zentrum der jetzt vorgestellten Ergebnisse steht der sogenannte Kitaleitung-Meinungstrend, der im Rahmen des Deutschen Kitaleitungskongresses (DKLK) veröffentlicht wurde. Grundlage ist eine Befragung von 5.008 Leitungskräften aus ganz Deutschland, durchgeführt zwischen Oktober 2025 und Januar 2026. Die Studie versteht sich als indikative Bestandsaufnahme, liefert aber ein konsistentes Bild der Lage in den Einrichtungen.
Besonders deutlich wird die strukturelle Überlastung beim Blick auf die Leitungszeit. Mehr als die Hälfte der Kitaleitungen gibt an, dass die vertraglich vorgesehene Zeit für Leitungsaufgaben nicht ausreicht. Laut Studie wenden 71,2 Prozent tatsächlich mehr als 60 Prozent ihrer Arbeitszeit für Leitungsaufgaben auf, während nur 49 Prozent dafür auch formal freigestellt sind. In über der Hälfte der Fälle liegt die reale Arbeitsbelastung damit über dem vertraglich vorgesehenen Umfang.
„Die Daten zeigen kein Belastungsproblem einzelner Einrichtungen – sondern ein System, das nur funktioniert, weil Leitungen dauerhaft über ihre Grenzen gehen“
Hinzu kommt, dass ein Teil der Leitungen überhaupt keine vertraglich geregelte Leitungszeit hat. 8,4 Prozent arbeiten ohne formale Freistellung, ein erheblicher Anteil von ihnen investiert dennoch mehr als 60 Prozent der Arbeitszeit in Leitungsaufgaben. Diese Diskrepanz zwischen formalen Strukturen und realer Praxis verweist auf ein System, das auf informeller Mehrarbeit basiert.
Der VBE-Vorsitzende Neckov beschreibt die Situation entsprechend deutlich: „Die Daten zeigen kein Belastungsproblem einzelner Einrichtungen – sondern ein System, das nur funktioniert, weil Leitungen dauerhaft über ihre Grenzen gehen.“ Diese strukturelle Überforderung hat Folgen für die Attraktivität des Berufs. Fast 40 Prozent der Befragten würden ihre Tätigkeit nicht weiterempfehlen.
Die hohe Belastung spiegelt sich auch in anderen Kennzahlen wider. 45,6 Prozent der Kitaleitungen berichten, in den vergangenen zwölf Monaten in mehr als einem Fünftel der Zeit Überstunden geleistet zu haben. Neun Prozent geben sogar an, dies in über 60 Prozent der Zeit getan zu haben. Gleichzeitig stimmen über 90 Prozent der Aussage zu, dass die hohe Arbeitsbelastung zu erhöhten Fehlzeiten und Krankschreibungen führt.
Eng verbunden mit der Arbeitsbelastung ist die Personalsituation. Zwar hat sich die Lage auf dem Arbeitsmarkt aus Sicht der Leitungen leicht entspannt, dennoch berichten weiterhin 52,2 Prozent, dass es schwieriger geworden ist, offene Stellen mit geeigneten Fachkräften zu besetzen. Nur 14,7 Prozent sehen eine Verbesserung. Auch hier zeigt sich ein differenziertes Bild mit regionalen Unterschieden, das jedoch insgesamt von anhaltendem Personalmangel geprägt ist.
Besonders gravierend sind die Auswirkungen auf die Betreuungssituation. Die Fachkraft-Kind-Relation liegt in vielen Einrichtungen deutlich über den wissenschaftlichen Empfehlungen. Am häufigsten genannt werden Relationen von 1:5 oder 1:4, während der empfohlene Schlüssel von 1:3 im U3-Bereich nur von rund 13,8 Prozent nach eigenen Angaben erreicht wird. Mehr als ein Viertel der Leitungen berichtet sogar von Relationen, die doppelt so hoch sind wie empfohlen.
Diese strukturellen Defizite wirken sich unmittelbar auf die pädagogische Arbeit aus – insbesondere auf den Übergang von der Kita in die Grundschule, der 2026 als Schwerpunktthema der Befragung gewählt wurde. Zwar sehen die Leitungen die zentralen Aufgaben klar: Mehr als die Hälfte nennt sozial-emotionale Kompetenzen als wichtigsten Bereich, rund ein Drittel die sprachliche Bildung. Doch die Umsetzung entsprechender Konzepte wird durch fehlende Ressourcen erschwert.
Ein zentrales Problem ist die Kooperation mit Grundschulen. Zwar gehört sie für die Mehrheit der Einrichtungen zum Standardrepertoire, doch bleibt sie oft punktuell. 40 Prozent der Kitaleitungen geben an, nur ein- bis zweimal jährlich mit Schulen zusammenzuarbeiten. Lediglich ein Viertel berichtet von mindestens monatlichen Kontakten. Gleichzeitig nennen fast 80 Prozent mangelnde Zeit- und Personalkapazitäten als größtes Hemmnis für eine intensivere Zusammenarbeit.
Wo Kooperation stattfindet, konzentriert sie sich häufig auf den Austausch über einzelne Kinder. Strukturelle Formen wie gemeinsame Planung oder regelmäßige Abstimmung bleiben weniger verbreitet. Auch hier zeigt sich, dass die vorhandenen Ressourcen eher für akute Anforderungen genutzt werden als für systematische Entwicklungsarbeit.
Ähnlich ambivalent fällt das Bild bei der Beteiligung von Kindern und Eltern aus. Zwar berichten fast 90 Prozent der Einrichtungen von zumindest gelegentlicher Einbindung von Kindern in den Übergangsprozess. Doch echte, kontinuierliche Partizipation bleibt die Ausnahme: Nur etwa ein Drittel der Leitungen spricht von systematischer Beteiligung. Bei den Eltern dominiert eine Rolle als Zuhörende oder Teilnehmende, während nur rund zehn Prozent aktiv in die Gestaltung eingebunden sind.
Die Ergebnisse verdeutlichen damit ein grundlegendes Spannungsfeld: Die fachlichen Anforderungen an einen gelungenen Übergang sind weitgehend definiert, ebenso die pädagogischen Ziele. Doch die strukturellen Rahmenbedingungen in den Kitas – geprägt von Personalmangel, Zeitknappheit und hoher Arbeitsbelastung – stehen ihrer Umsetzung entgegen.
Vor diesem Hintergrund richtet der VBE seine Forderungen ausdrücklich an die Politik. Es gehe um eine „gemeinsame Verantwortungsübernahme“, um bessere Arbeitsbedingungen, verlässliche Leitungszeiten und die Sicherstellung von Personalschlüsseln. Auch die Gesundheit des Personals müsse stärker in den Fokus rücken. News4teachers
Hier geht es zu allen Beiträgen des News4teachers-Themenmonats “Frühe Bildung”.
Briefe von der Grundschule: Wie Kindern die Einschulung erleichtert wird (Praxistipp)








