Quo vadis, Bildung? Die Digitalisierung warf ihre Schatten auf die Frankfurter Buchmesse

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FRANKFURT/MAIN. Die Frankfurter Buchmesse hat sich in diesem Jahr so jung wie selten präsentiert. Hunderte Jugendliche, grell geschminkt und bunt gewandet als Comic-Figuren, Disney-Prinzessinnen oder Harry-Potter-Protagonisten, tummelten sich zwischen den Verlagsständen. Grund für den Ansturm der Kostümierten: Die Messe bot in diesem Jahr einen großen Cosplay-Bereich, in dem Comic- und Fantasie-Fans mit einem ausgedehnten Händlerbereich und einer „Gamingzone“ angesprochen wurden. Ein Weltrekordversuch  („Dafür müssen mindestens (!) 1.000 Personen im Harry-Potter-Kostüm an einem Ort zusammenkommen“) sowie ein „Ball der träumenden Bücher“ setzten zusätzliche karnevalistische Anreize.

Das Internet bedrängt den Buchmarkt. Am Ende auch die Bildung in Deutschland? Zuhörer bei einer Diskussionsrunde auf der Buchmesse. Foto: Frankfurter Buchmesse

Der bunte Trubel täuschte ein wenig darüber hinweg, dass der Buchbranche langsam, aber stetig der Lesernachwuchs ausgeht. Zwischen 2013 und 2017, so ergab unlängst eine vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels herausgegebene Studie,  ist die Zahl der Käufer auf dem Publikumsbuchmarkt, also ohne Schul- und Fachbücher, um satte 6,4 Millionen (minus 17,8 Prozent) zurückgegangen. Im vergangenen Jahr kauften noch fast 30 Millionen Menschen mindestens ein Buch. Das entspricht fast 45 Prozent der Bevölkerung ab zehn Jahren in Deutschland. Klingt erst mal noch gar nicht so schlecht. Aber: In allen Altersgruppen gibt es Rückgänge, die stärksten in den Altersgruppen 40 bis 49 Jahre (minus 37 Prozent), die geringsten bei den 20- bis 29-Jährigen (minus 24 Prozent), wobei deren Kaufbereitschaft vorher schon auf vergleichsweise niedrigem Niveau lag.

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In gleichem Maße, in dem das Interesse an Büchern zurückging, stieg die Internetnutzung: Allein von 2016 auf 2017 kletterte die tägliche Verweildauer im Netz bei Menschen zwischen 14 und 29 Jahren noch einmal um 29 Minuten auf eindrucksvolle viereinhalb Stunden, bei Menschen zwischen 30 und 49 Jahren um 35 Minuten auf über drei Stunden, wie eine aktuelle Online-Studie von ARD und ZDF zeigt. Heißt: Das Internet verdrängt das Buch. Das hat zunächst mal wirtschaftliche Folgen: 2017 wurden auf dem Publikumsmarkt noch 367 Millionen Bücher verkauft, 2013 waren es noch fast 400 Millionen. Aber ist das auch tatsächlich ein Kulturverlust, wie die Zahlen nahelegen? Oder wechseln die Leser nur das Medium und die Formate? Denn gelesen wird ja zweifellos auch am Bildschirm.

Besucher auf der Frankfurter Buchmesse. Foto: Messe Frankfurt

Auch gelernt. Der EDU-Bereich der Buchmesse, in dem Vertreter der Bildungsbranche auftreten, präsentierte sich als dynamisch wachsende Sparte, und EdTech – das Technologie-unterstützte Lernen – erwies sich dabei einmal mehr als Innovationstreiber. Selbst das altehrwürdige Goethe Institut lockte sein Publikum mit Virtual Reality. Die Start-up Area für junge Bildungsunternehmen, die von EDUvation und der Messe angeboten wurde, machte die Zukunft des Lernens anschaulich. Zwei Dutzend Gründer aus dem Bildungsbereich, darunter professionell bereits weit entwickelte Start-ups wie binogi, Sofatutor, StudyHelp und Brainyoo, demonstrierten an den Ständen des gut besuchten Gemeinschaftsauftritts ihre Lernangebote, und die sind vor allem, klar, digital, aber darüber hinaus an den Interessen der Lerner (und weniger der Bildungsinstitutionen) orientiert. Insbesondere den jugendlichen Besuchern der Messe mag das als Selbstverständlichkeit erscheinen, im Schulsystem ist es das noch lange nicht.

Grundbildung für Lesen

Aber wie steht’s um die Grundlagen? Zerstört die Digitalisierung nicht womöglich, was sie zu fördern vorgibt – nämlich den Zugang aller Menschen zu einer Grundbildung, die jeden weiteren Wissenserwerb, das als neues Idealbild geltende “Lebenslange Lernen” also, überhaupt erst möglich macht?

Die bayerische Grundschullehrerin Sabine Czerny, die vor acht Jahren eine bundesweite Diskussion über den Sinn von Noten angestoßen hatte, berichtete im „Pädagogischen Quartett“ (einer vom renommierten Bildungsjournalisten Christian Füller in der Start-up Area moderierten Diskussionsrunde) von einer höchst besorgniserregenden Entwicklung – dass nämlich immer weniger Grundschüler bis zum Übergang in die weiterführende Schule so gut lesen lernen, dass sie 100 Wörter in der Minute aufnehmen können. Dies aber sei die kritische Schwelle, unterhalb der es kaum möglich sei, sinnentnehmend und kompetent Lesen zu können. Die Folge, so Czerny: „Es gibt immer mehr Kinder, die nur noch Bilder und Überschriften wahrnehmen.“  Ihre Schlussfolgerung: Erst müsse die Basis für Bildung gelegt werden, dann könne die Digitalisierung gerne kommen.

Dann doch lieber am Bildschirm… Junger Besucher auf der Buchmesse. Foto: Frankfurter Buchmesse

Der Schweizer Pädagoge Philippe Wampfler widersprach: Es sei falsch, einen Gegensatz von Digitalisierung und Bildung zu konstruieren. Der Bildschirm gehöre heute selbstverständlich zur Erfahrungs- und Lebenswelt von Kindern, und wer den aus Klassenzimmern verbannen wolle, erzeuge aus Sicht der Schüler nur eins: Langeweile. (Wobei die Vorstellung, dass Schüler mit dem Tablet arbeiten, schon oldschool sei – künftig gehe es um virtuelle Lernwelten, die sich experimentell und/oder spielerisch erschließen lassen). Jungunternehmerin Mieke Frank, die Programmier-Kurse für Kinder entwickelt hat, pladierte für ein Sowohl-als-auch – digitale Medien im Unterricht zwar einzusetzen, aber eben nur dann, wenn sie dort einen echten Mehrwert bieten.

Auch wenn sich darüber in der Runde Konsens erzielen ließ, geht’s am Ende im Schulsystem, so machte Moderator Füller deutlich, dann doch um die Verteilung knapper Ressourcen. Wohin mit den Mitteln – in die tradierten Inhalte oder ins zusätzliche digitale Programm? Heißt: Die Kontroverse wird uns noch lange begleiten. Andrej Priboschek / Agentur für Bildungsjournalismus

Ein Hirnforscher zu den Folgen der Digitalisierung

FRANKFURT/MAIN. Inwieweit beeinflusst die Digitalisierung unser Leseverhalten? In einem Interview mit der FAZ hat sich dazu der Hirnforscher Wolf Singer geäußert. Empirische Befunde darüber, dass die zunehmende Zeit, die Menschen an Bildschirmen verbringen, ihr Leseverständnis beeinträchtigt, gebe es zwar nicht. “Doch, allgemeiner gefasst, glaube ich schon, dass der Umgang mit den neuen Medien etwas mit uns macht.”

Prof. em. Wolf Singer war Mitglied der Max-Planck-Gesellschaft und Direktor der Abteilung für Neurophysiologie am Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt am Main. Foto: Mathias Schindler / Wikimedia Commons CC BY-SA 3.0

Das betreffe zum Beispiel die Modulation der Aufmerksamkeitsspanne. Singer: “Es wird durch die elektronischen Medien oft vorgegeben, wann ich was zu verarbeiten habe. Vor allem dann, wenn die Inhalte so programmiert sind, dass das, was ich sehe, sich ständig bewegt oder fließt. Das ist in hohem Maße unnatürlich. Normalerweise bin ich es, der sich aussucht, was und in welchem Rhythmus ich etwas anschaue oder lese. Die neuen Medien wollen aber Attraktivität erzeugen, es werden Bewegungsreize eingebaut, in den Videosequenzen gibt es viele schnelle Schnitte.” Das führe nachweislich zur Verringerung der Aufmerksamkeitsspanne.

“Menschen, die stark auf diese Weise sozialisiert worden sind, bekommen durchaus Schwierigkeiten, einen Satz von Thomas Mann zu lesen. Sie sind verloren, wenn sie warten müssen, dass irgendwann am Ende eines langen Satzes die Auflösung kommt. Komplexe, verschachtelte Zusammenhänge sind für sie dann schwer aufzulösen”, meint Singer.

Hier geht es zum vollständigen Interview in der FAZ.

Digitale Bildung: „Wenn Konzepte fehlen, bleibt es bei der Pseudodigitalisierung – bisschen was klicken, bisschen was hin- und herschieben“

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