Start Pressemeldungen der Bildungsbranche Aus Hören wird Verstehen: Wie der Raum entscheidet, wer im Unterricht mitkommt

Aus Hören wird Verstehen: Wie der Raum entscheidet, wer im Unterricht mitkommt

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Guter Unterricht braucht verständliche Sprache. Dieser Beitrag zeigt, wie gute Raumakustik das Zuhören und Sprechen erleichtern kann und wie eine Schule ihre Klassenräume konkret verbessert hat. Ein Blick auf Forschung, Unterrichtsalltag und mögliche erste Schritte für Ihre Schule.

Raum 33 – nachher

Die zusätzliche Aufgabe beim Zuhören

Dritte Stunde, Gruppenarbeit. Sie haben die Aufgabe erklärt, das Material liegt bereit, die Tische arbeiten. Hinten geht eine Hand hoch: die Aufgabe, noch einmal. Nicht, weil niemand zugehört hätte. Sie ist nicht angekommen. Sie erklären sie erneut, eine Spur lauter, während die anderen Gespräche weiterlaufen. Am Nachmittag ist die Stimme rau, und Sie schreiben es dem Tag zu.

Gern suchen wir die Ursache in der Klasse oder in den Köpfen der Kinder. Oft ist sie banaler und sitzt unsichtbar zwischen Decke, Boden und Wänden: im Raum, in dem sich jedes Wort gegen die Geräuschkulisse durchsetzen muss.

PhoneLocker, verschließbare Smartphone-Tasche

Denn in einem halligen Raum kommt Ihr Satz nicht isoliert beim Kind an, sondern auch dessen zeitversetzte Wiederholungen prasseln dort wie Querschläger auf das Ohr. Durch diese Reflexionen haben Kind und Lehrperson andauernd die unbewusste und zugleich fundamentale Aufgabe zu lösen: eine eindeutige Abfolge von Lauten aus dauerhaft überlagernden Echos zu identifizieren. Unser Gehirn ist zwar erstaunlich gut darin, nach bekannten Mustern zu filtern. Gleichzeitig bindet das aber konstant kognitive Ressourcen, die dann für Lehr- und Lernaufgaben fehlen.

Diese Hürde in Räumen zu beseitigen ist also ein zentraler Schritt hin zu effektivem Unterricht, denn was nicht ankommt, kann auch nicht verarbeitet werden.

Quellen: Unfallkasse NRW · Klatte, Handlungsleitfaden Psychoakustik

Wie beeinträchtigt Nachhall das Verstehen?

Ein Wort endet, sein Schall bleibt. Er prallt zwischen den harten Flächen des Raums nahezu ungehindert hin und her – und klingt erst allmählich ab. Dieses Abklingen heißt Nachhall, und wie lange das in einem Raum dauert, lässt sich als „Nachhallzeit“ messen. DIN 18041 „Hörsamkeit in Räumen“ legt dabei unter anderem spezifische Nachhallzeiten für Schulräume fest.

Ein Phänomen, das jeder kennt: In lauter Umgebung heben wir die Stimme. Fachleute nennen das den Lombard-Effekt. Jeder wird lauter, und verstanden wird nicht mehr, sondern weniger.

Was schlechte Sprachverständlichkeit bedeutet, beschreiben die Unfallkassen nüchtern: Schülerinnen und Schüler können dem Unterricht nur schwer folgen und ermüden schneller. Hören Sie den Unterschied selbst im Hörvergleich auf unserer Projektseite. Eine gute Raumakustik macht eine Klasse nicht von selbst leise – sie wirkt aber deeskalierend. Pädagogische und methodisch-didaktische Maßnahmen stoßen ohne gute Raumakustik schneller an ihre Grenzen.

„Dass die Akustik in unseren Räumen zum Teil so viel Verbesserungspotential hat, war uns überhaupt nicht bewusst. Erst als die Maßnahmen umgesetzt waren, konnten wir nachvollziehen, wie wichtig eine gute Raumakustik wirklich ist.“Marco Forner, Schulleiter der Auen-Mittelschule Schweinfurt

Quellen: DGUV / Sichere Schule · DIN 18041 · AMIS-Bayern

Welche Auswirkungen hat Nachhall auf den Bildungserfolg?

Wen trifft das zuerst? Eine Studie des Kognitionsforschers Johannes Ziegler und seines Teams in Marseille macht es sichtbar: Zehn Kinder mit einer diagnostizierten Sprachentwicklungsstörung sollten Konsonanten erkennen, verglichen mit zehn gleichaltrigen Kindern ohne diese Störung. In Ruhe lagen die Gruppenleistungen im Mittel nur knapp 5 Prozentpunkte auseinander. Als ein gleichmäßiges Hintergrundrauschen hinzugefügt wurde, lagen die Gruppenleistungen schon knapp 25 Prozentpunkte auseinander. Studien wie diese zeigen, dass ungünstige Hörbedingungen gerade die Kinder treffen, die beim Zuhören ohnehin im Nachteil sind.

Gabriele Pappai, damals Geschäftsführerin der Unfallkasse Nordrhein-Westfalen, fasste es 2020 im Vorwort eines Maßnahmenkatalogs so zusammen: „Insbesondere im Fremdsprachenunterricht, aber auch bei Lernenden mit nicht-deutscher Muttersprache oder mit Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen sowie Lernenden mit eingeschränktem Hörvermögen beeinflusst eine schlechte Raumakustik mit langen Nachhallzeiten die Lernleistungen.“

Das ist keine Randnotiz. PISA 2025 zeigt, wohin die Entwicklung läuft: Beim Lesen hat sich der Anteil der Jugendlichen ohne gesicherte Basiskompetenzen seit 2015 verdoppelt – 2025 ist es fast jede und jeder Dritte. Will man Herkunft und Bildungserfolg entkoppeln, steht ein Schulhaus, in dem Kinder mit sprachlichen Schwierigkeiten zusätzliche bauliche Hürden zu bewältigen haben, diesem Ziel im Weg. Genau wie Barrierefreiheit für Rollstühle gehört deshalb auch die Raumakustik in den Fokus – damit sie jeden Tag, jede Stunde zum Lernerfolg beitragen kann. Die Entkoppelung von Herkunft und Bildungserfolg ist das erklärte Ziel des Startchancen-Programms.

Sprachtest in Ruhe und bei gleichmäßigem Rauschen (Ziegler et al. 2005). Eigene Darstellung.

Quellen: Ziegler et al. 2005 · Unfallkasse NRW, PIN 79 · PISA 2025, Nationaler Berichtsband · Bund-Länder-Vereinbarung Startchancen

Wie kann der Raum die Stimme schonen?

Die Ausstattung der Schule trifft aber auch die Person vor der Klasse. Wer unterrichtet, arbeitet zuallererst mit der eigenen Stimme, viele Stunden am Tag – oft gegen bauliche Hindernisse. Das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit führt „Lärmbelastung und stimmliche Belastung an Schulen“ als eigenes Schwerpunktthema seines Arbeitsmedizinischen Instituts für Schulen, AMIS-Bayern, und fasst die Relevanz in einem Satz zusammen: „Eine gute Raumakustik reduziert die Stimmbelastung der Lehrkräfte, erhöht die Sprachverständlichkeit und ist für den Lernerfolg der Schülerinnen und Schüler wichtig.“

Es ist also lange bekannt, dass die Akustik eines Klassenzimmers auch eine Frage des Arbeitsschutzes ist. Die Technische Regel für Arbeitsstätten ASR A3.7 enthält sogar eigens Anforderungen an die Nachhallzeit in Unterrichtsräumen als Arbeitsräume. Und das aus gutem Grund: Lehrkräfte sind laut der ärztlichen Leitlinie zu Stimmstörungen sehr hohen stimmlichen Anforderungen ausgesetzt. Die Leitlinie verweist hierzu auf internationale Untersuchungen. So sind sie einem systematischen Review zufolge auch deutlich häufiger von Stimmstörungen betroffen als andere Berufsgruppen; rund jede fünfte betroffene Lehrkraft muss sich deswegen mindestens einen Tag krankschreiben lassen, und knapp 30 Prozent berichten, dass ihre Stimme sie bei der Arbeit einschränkt – gegenüber 5 Prozent in anderen Berufen. Lehrkräfte sprechen laut DGUV häufig von „Lärmstress“: Wer sich gegen den Geräuschpegel durchsetzen muss, belastet Stimme und Kehlkopf übermäßig.

Quellen: LGL / AMIS-Bayern · ASR A3.7 · AWMF-Leitlinie 049-008 (Dysphonien) · DGUV Information 202-090

Woran lässt sich Handlungsbedarf erkennen?

Das AMIS widmet dem Thema ein eigenes Projekt. Ob in Ihrem Klassenraum Handlungsbedarf besteht, lässt sich oft schon anhand einer kurzen Reflexion einschätzen: Ist Ihre Stimme rauer geworden? Spüren Sie Anspannung beim Sprechen? Müssen Sie sich zu den hinteren Reihen hin anstrengen, um zu verstehen, was dort gesagt wird? Dann könnte die Nachhallzeit des Raumes eine Hürde zwischen Ihnen und den hinteren Reihen sein. Eine wissenschaftliche Einschätzung Ihrer Problemlage bietet beispielsweise das Arbeitsmedizinische Institut für Schulen in Bayern im Rahmen dieses Projekts für staatliche Schulen in Bayern mit Nachhallmessungen in Klassenräumen an.[1] Ob sich ein genauerer Blick lohnt, können wir aus Erfahrung mit anderen Klassenräumen oft schon anhand grober Angaben zu Ihrem Raum einschätzen.

Quellen: AMIS-Bayern

Wie wurde das Verstehen in Raum 33 erleichtert?

Ein Beispiel aus unserer Praxis ist Raum 33 an der Auenschule in Schweinfurt, ein Klassenzimmer von rund 72 Quadratmetern mit Holzlattendecke, Linoleum, verputzten Wänden und einer Fensterfront. Nach Messung, Simulation und Abstimmung mit Rektorat und Lehrkräften wurden sechs Deckensegel sowie Absorber an den Wänden und über den Fenstern eingebaut. Nach dem Einbau wurde die Nachhallzeit erneut gemessen.

„Es ist auf jeden Fall viel angenehmer. Die Luft reicht jetzt für viel länger.“Tina Fenn, Konrektorin

Inzwischen ist an der Schule ein zweiter Klassenraum umgebaut.

„Es fühlt sich an wie ein Hintergrundrauschen, das endlich verschwindet, obwohl man es schon komplett ausgeblendet hat.“Marc Kunz, Lehrkraft im zweiten umgebauten Raum
„Es macht einen Riesenunterschied. Seit das Kollegium Raum 33 gesehen hat, möchten alle solche Räume, und wir planen bereits die nächsten.“Marco Forner, Schulleiter

Die Messungen vor und nach dem Einbau, die Simulation und die Anordnung der Absorber zeigen wir in der ausführlichen Case Study zu Raum 33.

Raum 33: Raummodell                                                                                        Projektfoto mit Messaufbau.

Raum 33 im Detail: fennext.eu/schulen/raum-33

Quellen: Raum 33, eigene Messungen

Wie kann Verstehen finanziert werden?

Wer entscheidet über einen solchen Raum? Jede Startchancen-Schule hat in jedem Programmjahr Anteil am Chancenbudget. Über dessen Verwendung entscheidet sie zu einem Teil selbst, bei Ausstattung in Abstimmung mit dem Schulträger. Eine raumakustische Maßnahme könnte dafür in Betracht kommen: aus Mitteln, die der Schule zugewiesen sind.

Die Maßnahmen sollen dabei bestimmten Prinzipien folgen: der Entkoppelung von Herkunft und Bildungserfolg, einer passgenauen und adaptiven Förderung und lernwirksamen Lehr-Lernsettings. Ein möglicher Weg führt deshalb über den Zweck. Eine Anpassung des Raums, die besonders benachteiligte Kinder fördert, kann diesen Prinzipien entsprechen.

Ob es im Einzelfall trägt, entscheidet die zuständige Stelle. Fachliche Unterlagen zu Ihrem Raum, etwa Messwerte und eine Maßnahmenbeschreibung, stellen wir Ihnen dafür gerne zusammen. Für größere Vorhaben kommt außerdem der Investitionspfad „Säule I“ in Betracht. Den Antrag stellt dort der Schulträger.

Quellen: Bund-Länder-Vereinbarung Startchancen · StMUK · Verwaltungsvereinbarung Säule I

Was ist in Ihrem Raum möglich?

Auf unserer Seite fennext.eu/schulen/raum-33 finden Sie Raum 33 im Detail – und den Raumguide von FENNEXT. Er steht jeder Schule offen, nicht nur Startchancen-Schulen. Er beginnt bei Ihren Beobachtungen, nimmt vorhandene Maße oder Messungen auf, fragt nach dem schulischen Kontext – was Sie nicht wissen, lassen Sie aus. Kein Konto, kein Passwort, an jeder Stelle abbrechbar. Am Ende steht eine strukturierte Bestandsaufnahme mit Ihren vorhandenen Angaben und offenen Fragen, auf deren Basis wir ein Angebot vorbereiten können.

Quellen: Raumguide

Ein Beitrag der Ruhemanufaktur GmbH · FENNEXT

[1] Zwischen der Ruhemanufaktur GmbH und AMIS-Bayern beziehungsweise dem Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit besteht keine Geschäfts- oder Kooperationsbeziehung.

Hier geht es zu allen Beiträgen des Themenmonats “Schulbau & Schulausstattung”. 

Paradigmenwechsel im Schulbau: Warum der Klassenraum, den wir kennen, ausgedient hat

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