Giffey nimmt Geld in die Hand, um den Erzieherberuf attraktiver machen

7

BERLIN. Erst ein Kita-Gesetz mit klingendem Namen, jetzt der nächste Zug von Familienministerin Giffey: Mehr junge Leute sollen Erzieher werden. Kein einfaches Unterfangen in einem Beruf, in dem viele bisher sogar Schulgeld mitbringen müssen.

Macht Dampf in Sachen Kita: Bundesfamilienministerin Franziska Giffey. Foto: SPD Schleswig-Holstein / flickr (CC BY 2.0)

Die Familienministerin wird laut, leidenschaftlich, fast inbrünstig: Ja, ihr Förderprogramm sei nicht riesig und ja, es sei auch erstmal befristet. Aber sie fange wenigstens an, sagt Franziska Giffey (SPD) am Dienstag in einer Berliner Schule – und andere müssten jetzt nachziehen. Man hat fast den Eindruck, die Ministerin sei auf einem Feldzug. Die Ausgangssituation ist kritisch: Deutschlands Kitas gehen die Erzieher aus.

Anzeige


Einer Studie für das Familienministerium zufolge werden bis 2030 fast 200.000 Fachkräfte in Kindergärten und Grundschulen fehlen. Schlechte Bezahlung in der Ausbildung und zu wenig Aufstiegschancen seien Gründe dafür, sagt Giffey. Um den Beruf für junge Leute interessanter zu machen, hat sie ein Förderprogramm aufgelegt. Das Ziel: «Es muss attraktiver werden, eine Ausbildung anzufangen, sie abzuschließen und danach im Beruf zu bleiben.»

AUSBILDUNGSVERGÜTUNG: Derzeit bekommt nicht einmal jeder fünfte Erzieher-Azubi während der Ausbildung Geld, teils müssen sie sogar noch Schulgeld zahlen. In anderen Berufen werden Azubis besser bezahlt, deshalb entscheiden sich viele, die eigentlich interessiert wären, dann doch gegen die Erzieher-Ausbildung. Giffey will, dass mehr Erzieher-Azubis vergütet werden. Der Bund fördert in zwei Jahrgängen 5000 Fachschüler: Im ersten Ausbildungsjahr bekommen sie sie 1140 Euro brutto, im zweiten 1202 Euro, im dritten 1303 Euro. Das Geld kommt allerdings nur im ersten Ausbildungsjahr komplett vom Bund. Im zweiten Jahr müssen die Träger 30 Prozent, im dritten Jahr 70 Prozent zuschießen.

AUSBILDUNGSQUALITÄT: Die Betreuung in den Kitas soll besser werden, damit weniger angehende Erzieher ihre Ausbildung abbrechen. Dafür sollen mehr Mentoren ausgebildet werden, die in den Kitas mit den jungen Leuten arbeiten. Der Bund übernimmt Fortbildungskosten und finanziert auch, dass die Mentoren Zeit bekommen, sich um die Azubis zu kümmern.

AUFSTIEGSBONUS: Fast jeder vierte Nachwuchs-Erzieher steigt in den ersten fünf Jahren aus dem Beruf aus. Das liegt laut Giffey auch an mangelnden Aufstiegschancen. Erzieher im öffentlichen Dienst verdienen als Einstiegsgehalt derzeit rund 2680 Euro brutto im Monat. Giffey kündigt einen Aufstiegsbonus von bis zu 300 Euro an, wenn sie besondere Aufgaben übernehmen.

DAS GELD: Von Mitte 2019 bis 2022 will der Bund für diese Maßnahmen rund 300 Millionen Euro investieren. Das Geld gibt es zusätzlich zu den 5,5 Milliarden Euro aus dem sogenannten Gute-Kita-Gesetz. Doch es ist klar, dass damit nicht so viele Erzieher gefördert werden können, wie man eigentlich bräuchte. Giffey setzt deshalb darauf, dass Länder und Kommunen zusätzliche Beiträge leisten. «Wir wollen, dass da mehr mit aufspringen», sagt sie. Das Bundesgeld könne nur ein zusätzlicher Impuls sein, sie wolle keine Länderkompetenzen an sich ziehen. Im Bundeshaushalt sind für 2019 nur 40 Millionen Euro für das Programm vorgesehen. Der Rest muss in den nächsten Jahren noch bewilligt werden.

DIE LÜCKE: Ihr Förderprogramm alleine werde die Fachkräftelücke nicht stopfen, räumt Giffey ein, aber es sei ein Beitrag dazu. Nach Berechnungen für das Familienministerium könnten durch die flächendeckende Einführung einer Ausbildungsvergütung bis 2030 rund 50.000 Erzieher gewonnen werden. Wenn man dafür sorgen könnte, dass weniger Erzieher aus dem Beruf aussteigen, hätte man 35.000 mehr. Gelänge es, den Männer-Anteil von derzeit rund sechs auf zehn Prozent zu steigern, könnte das fast 30.000 Fachkräfte bringen. Würden in den Kitas genauso viele Menschen mit Migrationshintergrund arbeiten, wie in anderen Berufen, brächte das noch einmal fast 50.000 Erzieher.

DIE REAKTIONEN sind ganz unterschiedlich: Der Deutsche Gewerkschaftsbund bezeichnete Giffeys Programm als guten Schritt. «Wer mehr und bessere Kitas will, darf beim Personal nicht sparen», erklärte die stellvertretende DGB-Vorsitzende Elke Hannack. Verdi-Vorstand Wolfgang Pieper forderte die Länder zum Handeln auf, damit die Bundesförderung kein Topfen auf den heißen Stein bleibe. Die von Giffey vorgeschlagenen Standards seien dringend nötig, da die Bedingungen für Erzieher in einigen Ländern derzeit sogar schlechter würden. Die Kultusministerin von Baden-Württemberg, Susanne Eisenmann, begrüßte die Förderung – hier bekommen angehende Erzieher allerdings in vielen Fällen bereits jetzt eine Ausbildungsvergütung.

Kritik dagegen kam aus der Opposition: Die angekündigten 300 Millionen seien viel zu wenig, um den Fachkräftemangel in den Kitas zu beseitigen, erklärte der Linken-Abgeordnete Norbert Müller. Außerdem sei die deutlich höhere Anschlussfinanzierung nicht gesichert. Vor allem die Arbeitsbedingungen in den Kitas müssten besser werden. Auch der FDP-Abgeordnete Matthias Seestern-Pauly bezeichnete Giffeys Programm als unzureichend. «Denn weder erreicht sie die breite Masse, noch verbessert sie die konkreten Arbeitsbedingungen vor Ort», kritisierte er. Die Chance habe Giffey mit ihrem Kita-Gesetz gehabt, aber nicht ergriffen. Von Theresa Münch, dpa

Wird wirklich Zeit: Ministerin Giffey will Ausbildung für Erzieher vergüten

 

Anzeige


7 KOMMENTARE

  1. Zweifellos ist es gut und richtig, mehr Erzieher auszubilden; ihnen eine Ausbildungsvergütung zu zahlen und die Gehälter zu erhöhen.

    Ich frage mich nur, wenn dadurch die Berufswahl Erzieher attraktiver gemacht werden soll, woher sollen denn die vielen neuen Erzieher kommen? Ich meine, wo sind die jetzt und was machen die jetzt gerade? Und wo dürfen/sollen diese Leute dann fehlen? Denn wenn sich jetzt Auszubildene in Größenordnungen entscheiden, Erzieher zu werden und doch nicht ???, dann haben wir wohl woanders künftig einen Personalmangel, oder? Ist das nicht ein bisschen linke Tasche – rechte Tasche oder die übliche Klientelpolitik?

    Ähnliches hatten wir ja schon im Altenpflege- und medizischen Bereich. Da sollte auch die Attraktivität gesteigert werden. Nur wenn die nun alle Erzieher werden? Da bleibt dann wohl nur “gezielte Zuwanderung” (Stichwort Einwanderungsgesetz)???

  2. Einerseits ist es absurd, dass Azubis eine Vergütung bekommen, aber Erzieher-Nachwuchs nicht. Andererseits wird ja oft gefordert, die Erzieher-Ausbildung in die Hochschulen zu verlegen mit einem Bachelor am Ende. Studenten bekommen normalerweise aber gerade keine Vergütung. Beides zusammen geht nur im sog. “dualen Studium”. Soll das letztlich die Lösung sein?

    • Ja, das dachte ich zuerst auch.

      Andererseits, Studenten bekommen auch kein Geld während ihres Studiums.
      (Bafög bekommt man nur “nach Bedürftigkeit” und muss man meist zurückzahlen.)

      Im Referendariat bekommen künftige Lehrer dann auch Geld, ja.
      Was genau ist der Unterschied, dass die einen Geld bekommen und die anderen nicht?

      • Ich nehme an, es liegt daran, ob man “bereits arbeitet” oder ob man nur ausgebildet wird (theoretisch). Der Azubi und der Referendar arbeiten ja bereits teilweise, erbringen also Leistungen, die vergütet werden.

        Wer “nur studiert”, erbringt noch keine Arbeitsleistung. Das ist wohl der Unterschied. Wie ist das in der Erzieherausbildung? Wird dieses Prinzip jetzt durchbrochen?

        Dann werden wohl bald auch Studenten ein Gehalt fordern?
        (Ja, ich weiß, die sprudelnden Steuereinnahmen werden auch das finanzieren.)

        • Erzieher-Azubis, die in einer Kita tätig sind, werden genauso arbeiten bzw. nicht arbeiten wie Azubis im Handwerk auch. Was soll der Unterschied sein? Sie können etwa Teilgruppen betreuen/beaufsichtigen, sie können erkrankte Erzieher vertreten etc. In Teilzeit gehen sie dann etwa in ihre Berufsschule, so wie andere Azubis auch.

          • Ist das denn so?

            Arbeiten Erzieher-Azubi von Anfang an auch in Teilzeit in den Kindergärten und Horten?

          • Man könnte es doch so arrangieren, oder nicht? Das wäre eine praxisorientierte Ausbildung wie bei Azubis im Handwerk. Hat sich doch angeblich bewährt.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here