Berufsorientierung: Forscher empfehlen Neugewichtung, um die Ausbildung zu stärken

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BONN. Allen Bemühungen aus Wirtschaft, Politik und Bildung zum Trotz: Nach wie vor streben immer mehr Schulabgänger ein Studium an. Doch warum entscheiden sich Abiturienten überhaupt für eine Ausbildung? Das Bundesinstitut für Berufsbildung hat die Gründe untersucht.

Die Rede vom „Akademisierungswahn“ ist in der letzten Zeit aus den Schlagzeilen geraten. Doch nach wie vor bevorzugen immer mehr Schulabgänger ein Studium gegenüber einer Ausbildung. Daran trägt aber keineswegs nur der Arbeitsmarkt Schuld. Wissenschaftler des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) machen auch die Berufsorientierung als Problemfeld aus.

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Das Spektrum der Ausbildungsberufe kann viele berufliche Interessensfelder abdecken, sind die BIBB-Wissenschaftler überzeugt. Foto: Senior Airman Kyle Gese (Public Domain)
Das Spektrum der Ausbildungsberufe kann viele berufliche Interessensfelder abdecken, sind die BIBB-Wissenschaftler überzeugt. Foto: Senior Airman Kyle Gese (Public Domain)

In einer aktuellen Studie gingen die FOrscher der Frage nach, was eigentlich Gymnasiasten zur Aufnahme einer beruflichen Ausbildung bewegt und entwickelten daraus Anregungen für die Berufsorientierung. Zur Analyse nutzten sie Daten des Nationalen Bildungspanels, In Diesem Rahmen wurden 2.500 Jugendliche, meist 17 bis 18 Jahre alt und in der Abschlussklasse am Gymnasium, befragt. 16 Prozent von ihnen nannten eine Ausbildung, 84 Prozent ein Studium als realistischen Plan für ihren weiteren Bildungsweg.

Für die Entscheidungsfindung der Schüler kristallisierten sich in der Untersuchung drei wesentliche Faktoren heraus. Es zeigte sich, dass neben Einflüssen des sozialen Umfelds sowie der Kosten-, Nutzen- und Chanceneinschätzungen der Jugendlichen auch der Berufsorientierungsprozess von Bedeutung ist.

Die Pläne der Jugendlichen sind zunächst stark durch die Erwartungshaltung der Eltern geprägt. Nur wenige Jugendliche, die ein Studium anstreben, vermuten, dass ihre Eltern sich statt eines Studiums eine Ausbildung für sie wünschen. Die Wahrscheinlichkeit, eine Ausbildung in Betracht zu ziehen, erhöht sich indessen, wenn die Jugendlichen vermuten, dass sich auch mit einer Ausbildung ein Beruf ergreifen lässt, der vom Niveau her ähnlich oder besser ist als die von den Eltern ausgeübten Berufe.

Dies führt die Autoren zu der Anregung, bei Berufsorientierungsmaßnahmen neben den individuellen Interessen und Zielen der Schüler auch die sozialen Prozesse zu verdeutlichen, unter deren Einfluss sie stehen. Wenn sie sich dessen bewusst würden, könnten sie dies bei ihrer Entscheidungsfindung bedenken.

Sowohl Studien- als auch Ausbildungsinteressierte erwarten von einem Studium einen hohen Nutzen. Doch nur Ausbildungsinteressierte sehen dies auch für eine Ausbildung so. Die Wahrscheinlichkeit, eine Ausbildung für sich in Betracht zu ziehen, steigt also mit der Überzeugung, damit auch attraktive Berufschancen zu haben. Eine bessere Aufklärung über die Karriereperspektiven nach Ausbildungsabschluss könnte daher aus Institutssicht des zu einer Attraktivitätssteigerung der Ausbildung beitragen.

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Die Untersuchung zeigt ferner, dass die Wahrscheinlichkeit, eine Ausbildung anzustreben, umso höher ist, je konkreter die eigenen beruflichen Vorstellungen sind. Die Ergebnisse verdeutlichen aber auch, dass ein Teil der Jugendlichen offensichtlich meint, ihre beruflichen Interessen besser in einem Studium realisieren zu können. Dies gilt zum Beispiel für jene mit Interesse an forschend-abstrakten oder künstlerisch-sprachlichen Tätigkeiten. Dass auch eine Vielzahl von Ausbildungsberufen derartige Tätigkeitsaspekte bieten, spricht aus Sicht der BIBB-Fachleute dafür, in der Berufsorientierung stärker auch auf solche Berufe einzugehen, so zum Beispiel auf Labor- oder IT-Berufe.

„Um die Attraktivitätsverluste der beruflichen Bildung in den Griff zu bekommen, braucht es eine gesamtgesellschaftliche Debatte über den Wert von Berufen.“, fasst BIBB-Präsident Friedrich Hubert Esser die Studienergebnisse zusammen. Esser formulierte einen deutlichen Appell: Es gelte zuvorderst, Tiefe und Tragweite des Attraktivitätsproblems zu erkennen sowie Maßnahmen zu erdenken, die wirklich helfen, um den Akademisierungstrend aufzuhalten. (zab, pm)

• BIBB-Artikel „Abi – und dann? Was Gymnasiastinnen und Gymnasiasten zur Aufnahme einer beruflichen Ausbildung bewegt“ (kostenloser Download)

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4 KOMMENTARE

  1. Man kann auch einfach das Abitur wieder zu einer Studierbefähigung machen. Dann schaffen es zwar nur noch 30% eines Jahrgangs, aber dafür quellen die Universitäten nicht mehr mit Studenten über, die das Studium abbrechen oder von ihrem Abschluss nicht leben können, und der Fachkräftemangel löst sich in Nichts auf.

  2. Unattraktiv machen Ausbildungsberuf auch die deutlich schlechtere Bezahlung und die geringeren Aufstiegschancen im Verhältnis zu einem Beruf nach einem Studium. Ich gebe xxx aber Recht, dass man andere Abschlüsse als Abitur wieder in den Mittelpunkt rücken müsste.

    • Man frage am besten jede, die beide Seiten kennen.
      Postitiv: Wer eine Berufsausbildung mach kann relativ schnell Geld verdienen. In der selben Zeit ist einem Studenten soetwas nicht möglich, da er sich primär auf sein Studium zu konzentrieren hat. Macht der Student auch noch seinen MA dann kommt der ehemalige Azubi sogar noch besser weg. Auch wenn der Student das bessere “Einstigesgehalt” hat, heißt das noch lange nicht, das der Student auch wirklich Ahnung hat. Der Student weiß wie es in der Theorie funktionieren sollte, die Praxis steht oft auf einem anderen Blatt Papier. Der einstige Azubi bekommt von Anfang an alle Einblicke in seinen Job, auch die weniger schönen (Dinge die Praktikanten gerne nicht gezeigt werden!!).
      Schlechtere Bezahlung oder gar Behandlung (Gastronomie, Körperpflege….) will ich nicht unter den Tisch kehren, aber wir sind ja auch selbst Schuld, dass diese Berufe so mieserabel bezahlt werden, weil die Kundschaft möglichst wenig Geld für Leistungen und Waren ausgeben will!!!!!! Seit bereit mehr zu zahlen und die Azubis und Gesellen sowie ihr Chef haben am Ende auch wieder mehr!
      Also nicht immer auf die Berufe meckern sonder sich selbst mal reflektieren, wie viel man bereit ist für Waren und Leistungen zu zahlen.
      Dass es auch schwarze Schafe gibt, beschönige ich nicht und ich will es auch nicht verschweigen, aber immer hübsch selbst anschauen und dann weiter denken!

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