Wirtschaftswissenschaftler: Frühe Einschulung schadet der Karriere nicht

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ESSEN. Mit der Schule beginnt „Der Ernst des Lebens“ besagt die Großelternweisheit. Für viele Eltern ist die Frage, ob es für ihre Kinder früher ernst werden soll, als eigentlich vorgesehen eine schwierige Entscheidung. Doch auch im Regelfall liegt zwischen den Schüler einer Klasse naturgemäß ein Altersunterschied von bis zu einem Jahr und die jüngeren schneiden in der Schule häufig schlechter ab. Ihrer späteren Karriere schadet dies aber nicht, meldet jetzt das Essener RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung.

Alljährlich, wenn das letzte Kindergartenjahr am Horizont aufscheint stellen sich viele Eltern die Frage, ob es – wo möglich – nicht besser wäre, das Kind ginge bereits früher als vorgesehen zur Schule, anstatt sich ein weiteres Jahr im Kindergarten „zu langweilen“. Den richtigen Zeitpunkt für die erreichte „Schulreife“, zu finden ist nicht immer leicht.

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Dass die Altersspanne der Schulanfänger ein – entwicklungsintensives – Jahr umfasst lässt sich prinzipiell kaum vermeiden. Auch das Hin und Her einiger Bundesländer beim politisch festgelegten Stichtag für den Beginn der Schulpflicht hat bei Eltern Verunsicherung hinterlassen. Die meisten Versuche das Einschulungsalter schrittweise nach vorn zu verlegen sind mittlerweile abgebrochen.

Das Alter bei der Einschulung wirkt sich laut der RWI-Studie kaum auf Kompetenzen im Erwachsenenalter aus. Foto: Lars Plougmann / flickr (CC BY-SA 2.0)
Das Alter bei der Einschulung wirkt sich laut der RWI-Studie kaum auf Kompetenzen im Erwachsenenalter aus. Foto: Lars Plougmann / flickr (CC BY-SA 2.0)

In den meisten Bundesländern erleichtern indes „Kann-Kinder“-Regelungen Eltern eine vorzeitige Einschulung ihrer Sprösslinge. Welche Faktoren Eltern dazu bringen, diese in Anspruch zu nehmen ist nur wenig erforscht, bei vielen spielt aber bereits der Blick auf einen früheren Bildungs- und Karrierestart eine Rolle spielen, denn je früher die Einschulung, desto eher auch das Ende der Schulzeit.

Dafür spricht auch der rückläufige Trend bei den Früheinschulungen, für den Experten besonders einen neuen Blick auf die Kitas verantwortlich machen. Som stellt etwa Dirk Zorn, Schulexperte der Bertelsmann Stiftung fest: «Eltern erleben Kitas zunehmend nicht nur als Betreuungs-, sondern auch als Bildungseinrichtungen.» Gute Kitas förderten Kinder in der Sprachentwicklung und führten sie an die Welt der Zahlen heran. «Damit sinkt auch der Druck für Eltern, Kinder möglichst früh einschulen zu müssen.»

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Forscher der FU Berlin und des Essener RWI Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung haben indes untersucht, wie sich eine frühe Einschulung auf die Karriere auswirkt. Tatsächlich schnitten jüngere Schulkinder in Tests in Mathematik und Deutsch durchschnittlich schlechter ab als ihre älteren Klassenkameraden. Dieser Unterschied sei jedoch größtenteils auf die Schulzeit begrenzt. Im Erwachsenenalter blieben kaum Nachteile bestehen – lediglich beim Wortschatz zeigen sich langfristige Effekte.

Die wichtigsten Ergebnisse der nun in den Ruhr Economic Papers veröffentlichten Untersuchung: Das Alter bei der Einschulung hat im späteren Leben keinen Einfluss auf die Kompetenzen in Mathematik oder das Textverständnis.

Die jüngeren Kinder in der Klasse gehen im Durchschnitt seltener auf ein Gymnasium. Dies könnte nach Ansicht der Wissenschaftler auch eine Erklärung für den geringeren Wortschatz sein. Während die Basiskompetenzen in Mathematik und Leseverständnis in allen Schulformen der Sekundarstufe gleichermaßen vermittelt würden, werde der Wortschatz im Gymnasium vermutlich stärker trainiert.

Trotz der unterschiedlichen Schullaufbahn wirke sich das Einschulungsalter nicht auf spätere Bildungsabschlüsse aus. Zwar machten jünger eingeschulte Kinder seltener Abitur, jedoch studierten sie genauso häufig oder absolvierten eine duale Berufsausbildung wie ihre älteren Mitschüler.

Da der höchste berufliche Abschluss in Deutschland für den beruflichen Erfolg und das Einkommen eine wichtigere Rolle spiele als der Schulabschluss, schätzen die Studienautoren die Auswirkungen des Einschulungsalters auf den Arbeitsmarkterfolg eher gering sein.

„Die schulischen Nachteile eines jungen Einschulungsalters spielen keine Rolle mehr, wenn die Kinder älter werden. Sie sind im Erwachsenenalter unbedeutend für die erworbenen Basiskompetenzen, die wiederum maßgeblich für den Arbeitsmarkterfolg sind“, sagt Koautorin Katja Görlitz, Juniorprofessorin an der FU Berlin. „Unsere Ergebnisse legen nahe, dass sich Eltern bei normalem Entwicklungsstand ihres Kindes unbesorgt für eine reguläre Einschulung entscheiden können, auch wenn ihr Kind damit zu den Jüngsten in der Klasse gehört.“ (zab, pm)

• Ruhreconomic Papers #792: The Long-Term Eff ect of Age at School Entry on Competencies in Adulthood

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4 KOMMENTARE

  1. Die Ergebnisse werden aber schon sehr merkwürdig interpretiert:

    “Die jüngeren Kinder in der Klasse gehen im Durchschnitt seltener auf ein Gymnasium. ”
    “Zwar machten jünger eingeschulte Kinder seltener Abitur,”
    “Die schulischen Nachteile eines jungen Einschulungsalters spielen keine Rolle mehr, wenn die Kinder älter werden.”

    Man hätte also auch schreiben können:
    Viele Kinder, die früher eingeschult werden, haben in der Schulzeit Nachteile.
    Obwohl sie früher oder später dazu in der Lage sind, einen gleichwertigen Beruf zu ergreifen, besuchen sie seltener das Gymnasium, legen seltener das Abitur ab und haben damit auf dem Weg zum Beruf einen längeren Weg.
    Die früher Einschulung bedeutet zwar einen früheren Start in den Bildungsweg, gleichzeitig aber auch, dass der Weg dadurch länger wird.

    Zudem geht es zuerst um eine FRÜHERE Einschulung, in der letzten Aussage dann um eine REGULÄRE. Um welche Vorgehensweise geht es denn und wessen Kinder werden vorzeitig oder verspätet eingeschult?

    • Genau dieselben Fragen stellte ich mir gerade auch und schließe mich diesem Leserbrief voll und ganz an.
      Ich finde auch, dass die genannten Ergebnisse gegen eine vorzeitige Einschulung sprechen.
      Und die Diskrepanz zwischen “vorzeitig” und “regulär” würde ich auch gerne geklärt bekommen.

      • Wer Kopffüßler zum Zeitpunkt der Einschulung malt, der hätte zurückgestellt werden müssen, etwa in nicht mehr vorhandene Vorschulen oder eine Sprachförderschule bei entsprechenden Defiziten eingeschult werden müssen. Und wer hat die Früheinschulung propagiert ? Es war der allgemeine Tenor der Beschleunigung der Lernphase, damit die abnehmende Zahl der potentiellen Arbeitnehmer eher, schneller und länger dem Arbeitsmarkt später zur Verfügung stehen.
        Wir haben uns massiv dagegen gewehrt, unsere Tochter inklusiv beschult in das allgemeinbildende Schulsystem einzuschleusen. Allerdings war uns auch nicht klar, welche Vorteile eine Sprachförderschule mit einem getrennten Unterricht von Kindern ohne ein Handicap in kleineren Klassen bietet. Es war wieder einmal eine dieser Ideen aus dem Elfenbeinturm, die sich dort Bahn gebrochen hat und ohne eine valide Studie von den Glücksrittern der Bildungspolitik eingeführt wurde.
        Das selbe lief auf bei der Einführung von G8 ab. Beide politischen Lager hatten ihren Anteil am Reformierungswahnsinn des Schulsystems. Experimente ohne großangelegte Feldversuche, wie auch die chaotische, und schädliche Inklusion, Methoden des eigenständigen und schülergesteuerten Lernens im scheinbaren Individualunterricht.

  2. Etliche Jugendliche sind meiner Meinung nach auch nicht Ausbildungsreif, da ihnen doch das notwendige Verständnis für Konsequenzen fehlt. (Was wohl ein eklatanter Mangel im Elternhause ist!). Ihnen hätte ein Jahr Kindergarten wesentlich besser getan.

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