Eltern in Bayern begehren gegen das Übergangsverfahren nach Noten auf (“fehlerhaft”) – Initiative fordert freie Schulwahl

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MÜNCHEN. Eltern machen gegen das streng nach Noten ausgerichtete bayerische Übergangsverfahren auf die weiterführende Schule mobil. So hat sich eine „Bürgerinitiative für die Abschaffung der verbindlichen Schulempfehlung in Bayern“ formiert, die die scheinbar objektive Auswahl nach Noten kritisiert – aus gutem Grund: Wie eine Erhebung der Initiative zeigt, fällt der prozentuelle Anteil der Kinder mit einer Empfehlung für das Gymnasium zwischen den verschiedenen Landkreisen extrem unterschiedlich aus. Ist die schulische Leistungsfähigkeit von Kindern tatsächlich regional derart unterschiedlich ausgeprägt? Oder fehlt es schlicht an einem einheitlichen Bewertungsmaßstab? Auch der Bayerische Elternverband zeigt sich unglücklich mit dem Verfahren.

Welche Schulform ist die richtige? Foto: Shutterstock

Die Quoten der Viertklässler mit Gymnasialempfehlung reichen von 38 Prozent in Schweinfurt bis zu 71 Prozent in Starnberg. Ähnlich ungleich verhält es sich mit der festgestellten Realschuleignung – hier schwanken die Zahlen zwischen 12,4 Prozent (Hof Stadt) und 20,1 Prozent (Wunsiedel). „Bemerkenswert ist, dass diese Unterschiede zwischen den Landkreisen stabil sind“, meint der Mathematiker und Psychologe Prof. Dr. Michael Zehetleitner, der die Daten ausgewertet hat. „Es gibt innerhalb der Landkreise keinen wesentlichen Aufwärts- oder Abwärtstrend.“ Einen Zusammenhang erkennt der Wissenschaftler mit dem Bildungshintergrund der Eltern. Den größten Einfluss auf die Eignungsquote habe der Akademikeranteil im Landkreis: Je größer der sei, desto größer falle der Anteil der Kinder aus, die eine Gymnasial- oder Realschulempfehlung bekämen.

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„Das Kultusministerium preist immer wieder das bayerische Übertrittsverfahren als objektiv und valide an. Dass das Übertrittszeugnis mit seiner Empfehlung oft prinzipiell mit großer Unsicherheit und Fehlern behaftet ist, beweisen die Schüler, die mittels Probeunterricht auf eine höhere Schulart wechselten“, so heißt es in einer Pressemitteilung der Initiative.

Schüler, die mit dem Übertrittszeugnis nicht an ihre Wunschschule übertreten dürfen, können in Bayern einen dreitägigen Probeunterricht am Gymnasium oder an der Realschule absolvieren. Und, so betont die Initiative: „Von diesen Kindern, die den Probeunterricht am Gymnasium gemacht haben, bekommen im Schnitt 70 Prozent die Möglichkeit auf das Gymnasium überzutreten. Von den 3500 Schülern, die pro Jahr durch den Probeunterricht auf eine höhere Schulart übertreten, verlassen im Schnitt nur 150 Schüler nach der 5. Klasse die Schule wieder. Das Übertrittsgutachten bescheinigt damit 3350 Schülern pro Jahr, dass sie nicht für eine höhere Schulart geeignet sind – obwohl sie dann offensichtlich auf der höheren Schule bestehen.“

Vergiftetes Klima zwischen Eltern und Lehrern

Fazit von Gabriele Elsinger, Sprecherin der Initiative: „Die Eignungsempfehlungen sind nicht ausreichend objektiv, verursachen eine Bildungsungerechtigkeit und vergiften die Bildungspartnerschaft zwischen Eltern und Lehrern. Leidtragende sind hierbei vor allem die Kinder, aber auch die Eltern und die Lehrer, die sich oft voller Misstrauen begegnen. Daher fordert unsere Bürgerinitiative die Abschaffung der verbindlichen Schulempfehlung, sodass die Entscheidung über den weiteren Bildungsweg des Kindes letztendlich die Eltern nach einer ausführlichen Empfehlung und Beratung durch die Grundschulen treffen können.“

Weiter betont sie: „Die Erfahrung aus den anderen Bundesländern zeigt: Den Eltern das letzte Wort bei der Wahl der weiterführenden Schule zu lassen, zieht keine Bildungskatastrophe nach sich. Denn die meisten Eltern richten sich nach den unverbindlichen Schulempfehlungen der Grundschulen.“

Dass die Empfehlung für die weiterführende Schulart allein an Noten fest gemacht werde, kritisiert auch der Bayerische Elternverband (BEV). Noten bildeten nur einen geringen Teil der Stärken eines Kindes ab. „Dass eine derart einseitige Sicht auf ein Kind so weitreichende Folgen nach sich zieht, ist nach wie vor nicht zufriedenstellend“, kritisiert BEV-Vorsitzender Martin Löwe – und spricht von „großem Druck, der das ganze Familienleben überschatten kann“. Er rät trotzdem zu Gelassenheit. „Eltern sind gut beraten, ihr Kind nicht unter allen Umständen und mit knappstem Notendurchschnitt dem Druck einer möglichst ‘hohen’ Schulart auszusetzen“, sagt Löwe.

Politisch streitet der Verband allerdings dafür, die Entscheidung über die weiterführende Schule nach hinten zu verschieben – dafür hätten sich in einer Umfrage des Verbands im vergangenen Jahr 85 Prozent der befragten Eltern ausgesprochen. Agentur für Bildungsjournalismus

Petition für freie Schulwahl

Auf change.org wurde eine Petition zur Freigabe des Elternwillens bei der Wahl der weiterführenden Schule in Bayern gestartet. Unter dem Titel „Gerechtigkeit für Kinder – freie Schulwahl jetzt“ sammelt die Initiatorin, die Mutter Nathalie Tews, ab sofort Unterschriften. „Die Anforderungen von Schule zu Schule, teilweise von Klasse zu Klasse, sind nicht gleich! Die einen Kinder müssen mehr leisten als andere für gleiche Noten“, so schreibt sie zur Begründung.

„Wir Mütter unterhalten uns und unsere Kinder gehen auf verschiedene Grundschulen in Bayern in die gleichen Klassen.  Die Proben sind unterschiedlich  und der Stoffumfang und die Aufbereitung variiert“, so erklärt sie. Weiter heißt es: „Die Übertrittszahlen sind unterschiedlich und dies kann nicht daran liegen, denke ich,  dass die Kinder an bestimmten Orten so viel intelligenter bzw. weniger intelligent sind.“ Eltern sollten ihre Kinder nicht in Watte packen. Sie hätten ihre Kinder auch schon vor einem Druck zu schützen, der zu psychischen Erkrankungen führen könne.

Hier geht es zur Petition.

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

Lehrerverband macht gegen zu viel Druck in den vierten Grundschul-Klassen mobil: „Wir werden Kindern in keiner Weise gerecht!“

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50 KOMMENTARE

  1. Ich habe mir die Petition einmal angeschaut. Sie ist klar aus Elternsichtweise geschrieben und es sind Missverständnisse enthalten.
    Schon alleine, wie das Ganze formuliert ist, zeigt, wie wahnsinnig wichtig der Übertritt genommen wird und wie viel Stress sich Eltern machen und dabei auch ihren Kindern machen. Wie man danach keine Chance mehr hätte. Dabei hat das bayerische Schulsystem sehr viele Möglichkeiten qualifizierte Abschlüsse zu machen.
    22 Proben sind stressig, ohne Frage und die Anzahl gehört längst verringert.
    Dann kommt das typische elternliche Vergleichen von Klassen: die einen sind so weit, die anderen so weit, die einen schreiben schwerere Proben, die anderen leichtere Proben.
    Das ist für Außenstehende gar nicht beurteilbar, denn die Leistungsnachweise ergeben sich aus den Schwerpunkten des Unterrichts. Für die einen Schüler ist eine Aufgabe völlig unbekannt und fällt somit in einen höheren Anforderungsbereich, während für andere Schüler dieselbe Aufgabe nur ein Transfer oder sogar nur eine Reproduktion darstellt. Wichtig ist, dass der Lehrer die Anforderungsbereichein den richtigen Prozentzahlen passend zur Notengebung mischt. Die Proben werden ja unter dieser Promisse zusammengestellt. Deswegen passen sie von den Anforderungen viel besser zu den einzelnen Klassen, wie wenn man alles gleich machen würde. Wenn man alles gleich machen würde, muss der Unterricht mit haargenau demselben Arbeitsmaterial im selben Zeitumfang von derselben Lehrkraft gehalten werden. Aber das geht schon gar nicht von der Klassenzusammensetzung her. Deswegen muss man das anpassen.
    Oft haben Kinder größere Schwierigkeiten, einen Lückentext auszufüllen als freie Antworten zu geben, wo der Sinn dann stimmen muss. Also, das, was den Stoff betrifft und die Benotung stimmt so nicht. Zudem sind wir Lehrer darin aus- und fortgebildet, wie Leistungsnachweise zu gestalten sind.
    Freier Elternwillen halte ich für sehr bedenklich, weil dieser oft vom Wunschdenken ausgeht und die Lehrerberatung nicht für ernst genommen wird. Das Kind, das dann an der Schule ist, das ihm einige Nummern zu groß ist, hat dann mehr zu leiden. Diesen Stress später halte ich für größer und fürs Leben prägender. Denn da fühlt man sich erst recht in der sensiblen Pubertätsphase als Versager.

    Wenn man “egoistisch” denkt: Für uns Grundschullehrer kann es nur gut sein, wenn wir nur noch eine Empfehlung aussprechen müssten. Dann können wir endlich im 4. Schuljahr wieder Grundschulunterricht machen, hätten keinen Leistungs- und Stoffstress und viel weniger Stress mit den Eltern. Den schwarzen Peter haben dann andere, wir nicht mehr.
    Den Elternwillen finde ich sehr fragwürdig, aus Reaktionen von Lehrerkreisen anderer Bundesländer weiß man, dass dies keine gute Lösung ist. Aber: Wie wäre es, wenn jede aufnehmende Schule so einen Art Eignungstest macht? Dann wären auch nicht unbedingt die falschen Schüler an einer Schule.

    • Sie treffen den Nagel auf den Kopf, ysnp. Ich war froh, obwohl ich das für bedenklich hielt, als in Niedersachsen der Elternwille entscheidend wurde für die Wahl der weiterführenden Schule. Das ersparte uns Lehrern viel Ärger und Stress mit den Eltern und ihrem Wunschdenken.
      Wie gesagt: Genauso wie Sie finde ich diese Regelung falsch. Die Gründe dafür haben Sie bereits treffend ausgeführt.

      • Recht auf freie Berufs- und Studienwahl.

        Jeder hat das Recht sich frei für einen Beruf oder ein Studium zu entscheiden – auch wenn das nicht das Richtige für ihn ist.

        Warum gilt das nicht für die Wahl der weiterführenden, allgemeinbildenden Schulen?
        Warum kein allgemeinverbindlicher Unterricht für alle SuS bis zum Ende der 8. Klasse an einer gemeinsamen Schulform der SekI mit anschließender Aufteilung in einen berufs- und studienvorbereitenden Zweig.

      • Weshalb hat sich dann in Baden-Württemberg der Anteil der Gymnasiasten um nur 2,7% erhöht, als 2012 der Elternwille freigegeben wurde?

        • Weil in Baden- Württemberg so um die Zeit die Gemeinschaftsschulen eingerichtet wurden, so hatten die Eltern noch eine andere Alternative (gerade bei Zweifelfällen). Das ist bei der Prozentzahl gar nicht mitgerechnet.
          Woher haben Sie denn diese Zahlen? Können Sie eine Quelle nennen?

    • So habe ich als Grundschullehrerin auch gedacht. Ganz genau so. Es soll nachher kein Kind an der weiterführenden Schule überfordert sein und darunter leiden müssen. Durch meine eigenen Kinder musste ich aber einiges noch einmal genauer von der anderen Seite her durchdenken. Es gab schon eigenartige Situationen. Beispiel: Mein Mann sieht einem der Kinder bei einer sehr schwierigen Mathehausaufgabe in der Grundschulzeit über die Schulter und reibt sich die Augen:”Das schaffen ja nicht mal meine Hauptschüler!” Er meinte damit aber nicht 5.und 6.Kläßler, sondern Klasse 7-9. In der Klasse unseres Kindes bekamen damals weniger als 20% eine Gymnasialempfehlung.Anderes Beispiel, Kind 2: 2. Schuljahr, Lehrerin:” In Deutsch, Rechtschreibung fallen die Leistungen Ihres Kindes nach unten raus!” Beratungslehrer: ” Hier in X. sind die Schüler so gut, dass die Lehrer sehr schnell vorwärts machen und die mittelmäßigen Schüler nach unten rausfallen!” Diese Kind hätte fast keine Realschulempfehlung erhalten und schaffte später sogar ein gutes Abitur. Die Empfehlung für die Realschule erhielt es nur, weil rechtzeitig gezielt geholfen werden konnte und weil eine engagierte Lehrerin sich mit Erlassen zum Thema Legasthenie ausführlich befasst hat. Kind 3 lernte wegen einer chronischen Erkrankung und einem ADHS sehr langsam und sollte deshalb auf die Sonderschule. Beratungslehrer:” In so einer kleinen Klasse(16Schüler) kann man so ein Kind mitziehen!” Das Kind macht später einen mittleren Bildungsabschluss.Ich kenne ähnliche Beispiele aus dem Bekanntenkreis. .Insgesamt muss ich leider sagen, dass wir in der Grundschulzeit unsere Kinder (trotz Begleitung) weniger in ihren Noten wiedererkannt haben als später in den Abschlüssen. Vor allem frage ich mich, warum manchmal die Empfehlungen ZWEI Schularten entfernt liegen von dem Abschluss, den ein Schüler später schafft.
      Die Lösung, die es bisher in Bayern gibt(3 Tage probeweise auf die Wunschschule) ist immerhin schon viel besser als die restriktive Handhabung in allen Bundesländern in früheren Jahren. Auch sehe ich die Problematik einer vollkommen unverbindlichen Empfehlung. Eignungstests sind ähnlich wie Aufnahmeprüfungen in den Sechzigern oder zentrale Orientierungsarbeiten in den Siebzigern. Dies war auch mit einigem Stress verbunden.

      • “Die Lösung, die es bisher in Bayern gibt (3 Tage probeweise auf die Wunschschule)” …

        Das muss ich richtigstellen. Das nennt sich zwar Probeunterricht, ist aber eine Aufnahmeprüfung über 3 Tage verteilt. In den ersten beiden Tagen schreiben die Schüler 2x eine Matheprüfung, einen Aufsatz, eine Rechtschreib- und Grammatikprüfung, d.h. zwei “Probearbeiten” an einem Tag. Am dritten Tag ist ein mündlicher Unterricht der Prüflinge in Deutsch und Mathematik, wo die mündlichen Fähigkeiten der Schüler überprüft werden.

        Sie meinen eher “Schnuppertage”. Das bieten unsere örtlichen weiterführenden Schulen schon an. Realschule und Gymnasium machen am Nachmittag Schulhausführungen, die örtliche Mittelschule lädt alle vierten Klassen wirklich zu einem Schnuppertag ein, wo man in verschiedene Unterrichtsstunden nach einem Stationenbetriebsschema hineinschnuppern kann.

        • Ich meine nicht “Schnuppertage”. Ich habe mich mit ….”3Tage probeweise auf die Wunschschule” bezogen auf folgende Textstelle im Artikel: “Schüler, die mit dem Übertrittszeugnis nicht an ihre Wunschschule übertreten dürfen, können in Bayern einen dreitägigen Probeunterricht am Gymnasium oder an der Realschule absolvieren”.
          Offensichtlich ist diese Textstelle irreführend.

          • Die Aufnahmeprüfung heißt “Probeunterricht”. Der Begriff ist irreführend, aber leider wurde er für die Aufnahmeprüfungen offiziell so gewählt und ist sogar in den Schulgesetzen so verankert.

      • Zur Beratung:
        Beraten kann man immer aus der augenblicklichen Situation und der Beobachtung des Schülers in der Grundschule. Zukunftsprognosen kann keiner erstellen, man kann aber erahnen. Eine Möglichkeit wären noch verschiedene Tests der Schulberatung, die in Bayern angeboten werden um das Potential zu sehen.
        Wenn auch in Bayern die Auslese strikt ist, hat Bayern auf der anderen Seite das Schulsystem mit dem meisten Möglichkeiten, wo Spätentwickler weitermachen können.
        https://www.km.bayern.de/schueler/schularten.html

        Ich kann mich noch erinnern, dass man in einer aufnehmenden Schule (Realschule und Gymnasium) eine Art Probezeit (halbes Schuljahr oder ein Schuljahr) hatte. Diese musste man bestehen. Das wäre auch eine Möglichkeit nochmals zu schauen, ob ein Kind wirklich für diese Schulart geeignet ist.

        Wie man aufs Ganze gesehen Stress möglichst vermeiden kann und dennoch begabtengerechte Bildungsabschlüsse erreichen kann, darüber muss man sich Gedanken machen. Eine optimale Lösung gibt es wohl nicht.

    • @ysnp In Baden-Württemberg halten sich 80% an die Lehrerempfehlung. Von den 20%, die sich nicht daran halten, wählt nur ein Teil eine höhere Schulart gegen die Empfehlung. Viele wählen auch eine niedrigere gegen die Empfehlung. Natürlich wird es Schüler geben, di an der höheren Schule gestresst und überfordert sind. Aber rechtfertigt das die riesige Belastung die alle Grundschulen in Bayern dann trifft? Lieber sind alle gestresst als ein paar wenige? Tatsächlich sind nach Freigabe des Elternwillens in BW nur 2,7% mehr auf das Gymnasium übergetreten. Das zeigt, dass das Problem gar nicht so sehr die Gymnasien treffen würde, auch wenn dort sicherlich nach Freigabe das Elternwillens ein paar nicht geeignete Schüler sitzen würden. Ich schätze eher, dass es eine größere Verschiebung von der Mittelschule zur Realschule gäbe.

      Auch ist es so, dass die Stress-Studie zum Übertritt von Prof Reinders belegt, dass die bildungsfernen Kinder nochmals deutlich mehr Stress haben, als die bildungsnahen. Das bedeutet doch, dass der Stress nicht von den verrückten Eltern aus geht. Oder wir interpretieren Sie das?

      Meine Erfahrung ist: Die Eltern bemühen sich sehr, den Stress der Kinder nach unten zu regulieren und den Selbstwert zu stärken. Wenn ein Kind für eine HSU-Probe 20 Seiten lernen muss, und eine Note 3 als durchgefallen erlebt wird, dann ist es eine irrsinnige Belastung, wenn es damit allein gelassen wird. Genau das zeigt die Stress-Studie.

      Ich halte es wirklich für einen Irrtum, dass die Eltern am Stress schuld sind. Schuld ist das System. Auch bewirkt die Übertrittsregelung nicht, dass die Bildungsabschlüsse in Bayern bildungsgerechter verteilt werden. Das ist ja immer das Narrativ des Kultusministeriums. Es klappt aber nicht, das beweisen auch die Eignungsquoten. Der Elternwille ist zudem nach unter freigegeben. Natürlich sind es wieder die bildungsfernen Kinder, die dann nicht das Gymnasium oder die Realschule besuchen, obwohl sie die Eignung hätten.

      Ich geb Ihnen Recht: Eine optimale Lösung gibt es bezüglich der Bildungsgerechtigkeit nicht. Oder kennt jemand Studien dazu, wie es gehen könnte?

      • @ Ilona: “Ich geb Ihnen Recht: Eine optimale Lösung gibt es bezüglich der Bildungsgerechtigkeit nicht. Oder kennt jemand Studien dazu, wie es gehen könnte?”
        Bezüglich des Übertritts nach der Grundschule gibt es nur die Lösung, es so zu machen, wie fast überall in der Welt, auf die Selektion von 10-jährigen zu verzichten.

        • In meinen Augen gibt es viele Lösungsmöglichkeiten, sofern sie kein Sparmodell sind.
          – längeres gemeinsames Lernen
          – Einheitsschule mit differenzierenden Angeboten, wo jeder das findet, das seiner Begabung am ehesten entspricht
          – nicht wertendes, sondern spezialisiertes Schulprofil jeder einzelnen Spezialschule
          – bessere Anerkennung von Abschlüssen von den Ausbildungsbetrieben
          – Modelle zur Stärkung der Lernbereitschaft von älteren Schülern
          – breit gesteuerte Aufbaumöglichkeiten
          – ein Schulsystem, wo man von Stufe zu Stufe geht und immer entsprechende Abschlüsse macht, von wo aus man dann in einen Beruf einsteigen kann

          So lange das dreigliedrige Schulsystem als wertend empfunden wird, wird sich nichts ändern. So lange Mittelschüler weniger Chancen haben eine Lehrstelle zu bekommen als Realschüler, ändert sich nichts. Die Freigabe des Elternwillens ändert in der Beziehung der Bewertung der Schularten nichts, im Gegenteil, die Wertung der Schularten wird eher unterstützt. Letztendlich geht es da ja um den ungehinderten Zugang zum Gymnasium – was man deutlich in Interviews der Initiatorin sehen kann. Darin heißt es z.B., sie hoffe, dass in 3 Jahren der Elternwille freigegeben wird, damit ihre beiden Töchter ungehindert aufs Gymnasium gehen können. Ihr Sohn hat es jetzt geschafft, aber mit großem Stress.

          Überall, wo selektiert wird, unterstützt man selektives Denken in einer Gesellschaft. Schade, dass die Einheitsschulen in Ba-Wü umstritten sind und nicht das bringen, was man sich erhofft hat.

          Und noch eine Frage: Von Privatschulen hört man meist nichts Negatives. Warum sind Kinder auf Privatschulen wie Montessori oder Waldorf besser aufgehoben und ich behaupte einmal glücklichere Schüler?

  2. Die strenge Auswahl in Bayern bringt wahrscheinlich eine Menge Leistungsdruck und Stress ins vierte Schuljahr. Es wäre einmal interessant zu wissen, ob die bayrischen Gymnasiasten erfolgreicher/besser sind als anderswo, wie viele Schüler das Gymnasium wieder verlassen müssen, wie viele letztendlich dort Abitur machen. In Bayern gibt es doch die FOSen, die einen großen Stellenwert haben. Das müsste die Lage an den Gymnasien eigentlich entschärfen.
    Ich wette, die gutbetuchten bayrischen Akademikereltern schaffen es trotzdem irgendwie ihre Sprösslinge ins Gymnasium zu schaffen, trotz Notengrenze. Ich habe eine Zeitlang am Starnberger See gearbeitet und habe ganz deutlich die “Macht” der dortigen Eltern gespürt, vor denen SL und LuL in “Habachtstellung” waren….

  3. Aus NRW höre ich, dass man den freien Elternwillen beim Übergang wieder abschaffen will, weil sich das nicht bewährt hat. Zu viele Gymnasiasten müssen nach der Orientierungsstufe das Gymnasium wieder verlassen (per Konferenzbeschluss, also wohlfundiert).

    • Wird NRW – zumindest die derzeitige schwarz-gelbe Regierung – nicht tun, da das den Zulauf zu den GE befördern würde. Wenn mein Kind nicht an ein GY kann, dann soll es Abi an einer GE machen können.
      Die Möglichkeit Abi an einem BK zu machen ist in NRW nicht so verbreitet wie in BaWü oder BY.

    • btw – der Konferenzbeschluss bezieht sich auf den Versetzungsvermerk. Abschulen dürfen in NRW die GY auch nicht so einfach, sie müssen genauso wie alle anderen individuell fördern. Nur Sitzenbleiben ist ebenfalls nicht erwünscht – ist bei Schwarz-Gelb nicht anders als bei Rot-Grün – also gibt es jede Menge pädagogische Empfehlungen an die Eltern die wahl der Schulform zu überdenken, da das Kind sonst ohne Abschluss bleiben würde. – Nur GY können am Ende der sekI genauso wie alle anderen Schulformen der SekI den HA und den HSA sowie den MSA vergeben.

      • Ich stimme Herr Möller in Bezug auf einen späteren Übertritt in weiterführende Schulen zu, um sich später entwickelnden Schülern den gymnasialen Zweig zu ermöglichen bzw. eine überfordernde Fehleinschulung mit einem nachfolgenden und frustrierenden Schulwechsel nach der 6. Klasse zu vermeiden.
        Ergänzend dazu ist noch anzumerken, dass im übrigen die inkludierten Förderschüler an den Gymnasien auch keinen Schulabschluss erhalten, an anderen Schulen wahrscheinlich eher auch nicht, während dies an speziellen Sprachförderschulen, wie der Martin-Luther-King-Schule in Münster, dieses bildungspolitische Ziel in eben sehr viel kleineren Klasse möglich und wahrscheinlicher ist, so dass sich doch noch berufliche Perspektiven für diese Absolventen ergeben, denn schließlich soll eine Inklusion von Menschen mit sprachlichen Beeinträchtigungen in die Gesellschaft gelingen, ohne dass diese Menschen in betreuten Werkstädten enden und lebenslang abhängig von diesen Institutionen bleiben.

  4. Bei meinen Grundschulklassen, die ich nach der 4. abgebe, denke ich manchmal: “Was wäre, wenn man die jetzt einfach so weiterführte?” Klar gibt es “gute und schlechte” Schüler, aber das hatte ihnen ja bisher auch nicht geschadet. Man müsste in verschiedenen Leistungsstufen weiterarbeiten und verschiedene Abschlüsse und Schuldauer anbieten.

    • “Man müsste in verschiedenen Leistungsstufen weiterarbeiten und verschiedene Abschlüsse und Schuldauer anbieten”

      Genau das tun Hauptschule, Realschule und Gymnasium.

      • Man darf zwar als selbstverständlich unterstellen, dass die Sorge um das Wohl des Kindes bei der Laufbahnempfehlung der Lehrkräfte eine wichtige Rolle spielt; das gilt auch für Schulleiter.
        Bei einer Untersuchung der Universität Regensburg bestätigten mehrere Schulleiter aber, dass sie

        „bei Kindern unterer Sozialgruppen, bei denen das Leistungsprofil nicht klar die höhere Schulempfehlung nahe lege, dazu tendierten, eher die niedrigere Empfehlung zu schreiben […]. Wenn sie den Eindruck hätten, dass die Familien die von den weiterführenden Schulen meist erwartete Unterstützung nicht leisten könnten, rieten sie den Eltern vom Besuch insbesondere des Gymnasiums ab; man sollte dann dem Kind einen möglichen Misserfolg ersparen“ (Fölling-Albers, M. (2005). Chancenungleichheit in der Schule – (k)ein Thema? Überlegungen zu pädagogischen und schulstrukturellen Hintergründen. In: ZSE : Zeitschrift für Soziologie der Er-ziehung und Sozialisation 25 (2); S. 209).
        Diese Haltung (positive Diskriminierung) ist menschlich durchaus verständlich, allerdings wenig professionell, da sie sich nicht mit Erkenntnissen der Lernforschung deckt, „wonach eine adaptiv-anspruchsvolle Bildung vor allem Kindern unterer sozialer Schichten zugutekommt“ (ebd.).

        Je früher die Übergangsentscheidung, desto stärker sind die familiären Herkunftseffekte.
        Bedeutsam ist, dass derartige Disparitäten der Bildungsbeteiligung insbesondere an den Stellen der Bildungskarrieren sichtbar werden, an denen Entscheidungen über Bildungswege zu treffen sind, an den Übergängen im Bildungssystem. Je früher solche Entscheidungen getroffen werden müssen, umso stärker schlagen die Einflüsse der familiären Herkunft durch. Da aber die Nutzung von Lerngelegenheiten sehr stark davon abhängig ist, welches Vorwissen jeweils erworben worden ist, tendieren die Qualifikationsunterschiede während der Bildungskarriere dazu, sich ständig zu vergrößern.

        • @ Pensionist
          Eine wesentliche, in der pädagogischen Forschung – und eben auch vom maßgeblichen Bayerischen Staatsinstitut – durchgängig bestätigte Ursache für das Nichtgelingen der Sortierung von Schülerinnen und Schülern nach Leistungskriterien ist der starke Einfluss von Herkunftseffekten, so dass beispielsweise Renate Valtin anhand der Erkenntnisse des Chancenspiegels 2012 deutliche Kritik äußert:
          „Diese Zahlen belegen, dass wir in Deutschland keine leistungsgerechte Zuweisung zu den weiterführenden Schulen haben. Wir haben keine Leistungs-, sondern eine Herkunftselite, ein Befund, der in eklatanter Weise die strengen Vorgaben der Kultusministerkonferenz verletzt: ‚Jedem Kind muss – ohne Rücksicht auf Stand und Vermögen der Eltern – der Bildungsweg offen stehen, der seiner Bildungsfähigkeit entspricht‘ (KMK 2010)“ (Valtin, R. (2012). Auf dem Weg zu einer besseren Schule – bildungspolitische Folgerungen aus der 2. Jako-o Bildungsstudie, in Killius, Dagmar, Tillmann, Klaus-Jürgen (Hg): Eltern ziehen Bi-lanz. Ein Trendbericht zu Schule und Bildungspolitik in Deutschland, Waxmann., S. 172).

          Auch die Kinderkommission des Bundestages sieht einen Zusammenhang von früher Differenzierung und sozialen Ungleichheiten:
          “Besonders deutlich wird die Benachteiligung armer und armutsgefährdeter Kinder im Bildungsbereich. Dass es einen starken Zusammenhang zwischen der sozialen Herkunft eines Kindes und seinem Bildungserfolg gibt, ist zwar seit Langem bekannt, doch im Wesentlichen hat sich gerade in den letzten Jahren wenig daran geändert. […]. Problematisch ist die frühe Differenzierung in den deutschen Schulsystemen. Je nach Bundesland geschieht der Übergang zur Sekundarschule nach der vierten oder der sechsten Jahr-gangsstufe. Die meisten Bildungsforscherinnen sind der Auffassung, dass eine solch frühe Differenzierung die Entstehung sozialer Ungleichheiten im Bildungswesen besonders befördert. (Kommission zur Wahrnehmung der Belange der Kinder 2017, S. 4–5)
          Hier reicht nicht der Platz die vielen weiteren empirischen Belege aufzuführen.

        • In Bayern und Sachsen ist der erreichte Notenschnitt ausschlaggebend, nicht die Wortgutachten.
          Da wären dann nach dieser Theorie die reinen Empfehlungen ohne Notenschnitt anfälliger.

          • @ ysnp
            Keineswegs: auch die sicherlich begründeten Noten, können nicht den weiteren Lernentwicklungswegweg der Schülerinnen und Schüler sicher voraussagen und sie lassen sich nicht über Klassen hinweg vergleichen. Dazu schreiben Sie weiter oben ja selber: “Zukunftsprognosen kann keiner erstellen, man kann aber erahnen.” Erahnen ist eine schöne Umschreibung von Unsicherheit bzw. Nichtwissen. Das soll kein Vorwurf an Sie sein, sondern an das System.

            Und im Übrigen: In den bayerischen Realschulen sind beim Übergang mehr Kinder mit Gymnasialempfehlung als mit Realschulempfehlung. Wenn auch keine Daten zum sozioökonomischen Hintergrund vorliegen, kann man m.E davon ausgehen, dass dies vorwiegend Schülerinnen und Schüler aus unteren Sozialschichten sind, die wenig Unterstützung in ihren Elternhäusern haben. Hier scheinen die Beratungen der Lehrkräfte einen entscheidenden Einfluss zu haben, im Sinne von “positiver Diskriminierung”, wie Fölling-Albers dies treffend beschreibt.

          • Da ziehen Sie in Bezug auf die Realschulen aber ganz falsche Schlüsse. Ich bin alle 2 Jahre in den Übertritt involviert. Normalerweise ist es so, dass Eltern rein nach dem Notenschnitt entscheiden, wohin ihr Kind geht und unterschiedlich bei einem knappen Notenschnitt nicht unbedingt das Gespräch mit der Lehrkraft suchen. Wer sich etwas in den Kopf gesetzt hat, hört auch nicht auf die Lehrkraft. Da schätzen Sie den Einfluss der Lehrkraft viel zu groß ein. Wer will, sucht das Gespräch, um sich zu bestätigen lassen. Diejenigen, die unsicher sind, weil eben das Kind knapp steht, suchen noch am ehesten ein Gespräch.

            Warum tun viele Eltern ihr Kind trotz des erreichten Schnitts ihr Kind auf die Realschule? Hier einige Aussagen von Eltern meiner vergangener Klassen:
            – Mein Kind will auch noch Freizeit. Nach der Realschule kann er/ sie auf die FOS gehen.
            – Ich möchte keinen Stress für mein Kind mit den 2 Fremdsprachen, vor allem mit der 2. Fremdsprache im 6. Schuljahr.
            – Das G 8 ist zu stressig, über die Realschule kann man auch weitermachen, wenn mein Kind noch Lust hat. (Inzwischen zieht das Argument nicht mehr, denn wir haben wieder das G 9)
            – Mein Kind lernt nicht gern.
            – mein Kind lernt nicht gerne, ich musste schon immer in der Grundschule hinterher sein, das ist nicht leistbar. Nach der Realschule kann mein Kind immer noch weitermachen, wenn es will.

            Fazit: Man will keinen Stress. Man weiß, dass ein gutes Kind auch über die Realschule das Abitur schafft. In Bayern kann man inzwischen sogar nach der Realschule über ein Zwischenjahr in die Oberstufe des Gymnasiums. Unsere Realschule z.B. wirbt im Inofabend damit, dass selbst Lehrer oft über diesen Weg zum Studium kamen. In Bayern gibt es 2 Infoabende zu weiterführenden Schulen von Externen gehalten. Im 4. Schuljahr stellen sich die örtlichen Schularten den interessierten Eltern mit ihren Schulprofilen vor. Außerdem gibt es Schulführungen.

            Bei sehr guten Schnitten 1,66 und 2,0 versuche ich Argumente für das Gymnasium einzubringen, aber der zu erwartende Lerndruck hält Eltern davon ab.

            Bei manchen Kindern, die 2,33 habe ich auch manchmal Bedenken für Gymnasium, vor allem wenn die 3 in Mathematik oder Deutsch ist. Da muss man darauf schauen, in welchen Bereichen nur mittelmäßige Leistungen erbracht wurden.

          • Nachtrag:
            Jeder, der 2,66 erreicht hat, geht auf die Realschule. Freiwillig ist in den Jahren mit 2,66 noch nie jemand auf die Mittelschule gegangen. Ich weiß von keinem Fall und hatte auch keinen. Auch hier kann ich bei einer wackeligen drei einmal Bedenken haben und den Eltern gegenüber äußern, dass es in diesem Fach schwierig werden könnte.
            Wenn ich so meine wackeligen Fälle anschaue (ich schaue immer auf die Leistung und das Arbeitsverhalten), muss ich sagen, dass ich in den meisten Fällen, wo ich Bedenken hatte, diese sich bewahrheitet hatten. Aber kein Lehrer legt den Eltern bzw. Kindern Steine in den Weg. Wenn der Schnitt erreicht ist und sie meine, sie können es stemmen, sollen sie es ausprobieren. Die Verantwortung liegt so oder so bei den Eltern. Wir haben die Aufgabe, Eltern zu beraten und wir machen das professionell mit besten Wissen und Gewissen, aufgrund dessen, was wir die ganze Zeit über die Leistung und das Arbeitsverhalten beobachtet haben. Wir führen Lenrentwicklungsgespräche, schreiben ausführliche Zeugnisberichte. In diesem Bereich der Schülerbeoabchtung sind wir sehr gut aufgestellt.

  5. Was viele nicht wissen, die bayerischen Eltern vorwerfen, ihr Kind um jeden Preis ans Gymnasium zu schicken: Die Hälfte der Kinder, die eine bayerische Realschule besuchen, hat die Eignung fürs Gymnasium.

    • @ ysnp
      Zunächst ganz herzlichen Dank für Ihre engagierten Ausführungen. Es wird deutlich, dass Sie sich sehr um eine objektive Beurteilung beim „Übertritt“ bemühen.
      Bei Ihren Ausführungen wie auch bei Frau Fölling-Albers von der Uni Regensburg wird aber auch deutlich, dass sowohl bei Lehrkräften wie bei Eltern in Bayern ein Bild vom bayerischen Gymnasium vorherrscht, das nur mit Unterstützung des Elternhauses oder bei „Überfliegern“ zu bewältigen ist. Lerndruck scheint hiernach fester Bestandteil dieses Bildungsweges zu sein. Sie schreiben: „Bei sehr guten Schnitten 1,66 und 2,0 versuche ich Argumente für das Gymnasium einzubringen, aber der zu erwartende Lerndruck hält Eltern davon ab.“
      Ich ziehe daraus die folgenden Schlüsse:
      Entweder ist das Bild über das Bayerische Gymnasium ein Zerrbild, dann muss in den Beratungen den Eltern, vor allem aus den sog. „bildungsfernen Schichten“, mehr Mut gemacht werden, dass auch ihre Kinder das schaffen können, was für bildungsnahe Elternhäuser selbstverständlich ist. Die wissen nämlich aus eigener Erfahrung, dass auch am bayerischen Gymnasium nur mit Wasser gekocht wird, sie haben es ja auch geschafft.
      Oder: das bayerische Gymnasium ist so konstruiert, dass es ohne Lernunterstützung der Eltern für den „Normalschüler“ nicht möglich ist, erfolgreich die gymnasialen Anforderungen zu bewältigen. Dies will ich mir eigentlich nicht vorstellen, denn dies würde ja eine systemische Benachteiligung von Kindern aus unteren sozialen Schichten bedeuten. Hier nochmals das Zitat der KMK: „Jedem Kind muss – ohne Rücksicht auf Stand und Vermögen der Eltern – der Bildungsweg offen stehen, der seiner Bildungsfähigkeit entspricht“ (KMK 2010)

      In der 2. Alternative wären dann die Gymnasien in Bayern gefordert, Kinder besser in ihrem Lernfortschritt zu unterstützen und die unterschiedlichen Lern- und Unterstützungserfahrungen im Elternhaus auszugleichen .
      Mich würde interessieren, wie Sie meine beiden Alternativen aus Ihrer Erfahrung beurteilen.
      Viele Grüße aus dem Bayerischen Wald, wo die Übertrittsquote auf das Gymnasium noch nicht einmal halb so groß ist wie in München Land

      • Die Kinder mit den Schnitten, die ich im Kopf hatte, die lieber auf die Realschule gingen, kamen nicht aus bildungsfernen Schichten, sondern aus Beamten- und Akademikerkreisen, die ihre Kinder dort nicht haben wollten oder die gesehen haben, dass ihr Kind (meistens Jungen) nicht gerne lernt.
        Man darf nicht vergessen, dass in bayerischen Gymnasien bis zum Abitur etwa 60 Prozent der Schüler verbleiben. Der Rest geht irgendwann auf die Realschule oder den M- Zug “runter” oder wechselt nach der 10. Klasse auf die FOS. Viele machen nach der Realschule weiter.
        Nicht wenige Eltern haben selbst die Erfahrung gemacht.

        Ich bin der Meinung, dass man immer in die Schule gehen sollte, die man ohne großen Stress bewältigen kann. Ich finde es einen Krampf, wenn man in einer Schule nur bestehen kann, wenn man mit x- Fördermaßnahmen und Nachhilfe dort nur überleben kann. Das ist der gesunden Entwicklung eines Menschen abträglich und sicher nicht förderlich für das Selbstbewusstsein eines Kindes. Es gibt auch noch eine Kindheit und eine Zeit als Jugendlicher neben der Schule.

        Kinder mögen schon keine Hausaufgaben, weil sie das als zusätzliches Arbeiten empfinden. Mit Lernen vollgepfropft zu werden und sie mit Fördermaßnahmen zu überfordern, das ist doch nur quälend.
        Wir bieten immer einmal wieder zusätzliche LRS- Kurse, Dyskalkuliekurse und Sprachförderkurse an. Man kann sich selbst ausrechnen wie “gern” die Kinder diese zusätzlichen Fördermaßnahmen besuchen.

        • Nachtrag:
          Wer fürs Gymnasium die kognitive Begabung und die entsprechende Lerneinstellung mitbringt, der besteht auch dort ohne elterliche Unterstützung. Da ist die Schichtherkunft völlig egal.
          Wer am Gymnasium ständig Unterstützung braucht (oder auch an der Realschule), da stelle ich mir die Frage, ob er dieser Schulart wirklich gewachsen ist.

          In diesem Zusammenhang möchte ich auf die Frühförderung (ich meine jetzt nicht Frühenglisch, sondern die Basics) hinweisen. Ich habe den Eindruck, dass Kinder von Eltern, die sich von kleinauf darum gekümmert haben, dem Kind unterschiedliche “Bildungs”eindrücke zu verschaffen (wenn es auch nur das regelmäßig sinnvolle Spielen mit den Kindern ist) , größere Bildungschancen haben. Übrigens sind Kinder von Kollegen in dieser Beziehung besonders gefördert, so nebenbei erwähnt.
          Wir müssen z.B. in der Beratung von manchen förderbedürftigen Kindern Eltern darauf hinweisen, einfach einmal ein Memoryspiel mit den Kindern zu machen, was für andere selbstverständlich ist.

    • Diese Eltern bekommen ja ihren Willen. Die freie Wahl fordern ja in erster Linie die Eltern, deren Kinder die Qualifikation für das Gymnasium nicht schaffen, sie sie aber unbedingt dort untergebracht sehen wollen. Ihr Argument, Willi, führt also ins Leere.

  6. ysnp, Sie schreiben:
    “Man darf nicht vergessen, dass in bayerischen Gymnasien bis zum Abitur etwa 60 Prozent der Schüler verbleiben.” und an anderer Stelle
    “Ich bin der Meinung, dass man immer in die Schule gehen sollte, die man ohne großen Stress bewältigen kann. Ich finde es einen Krampf, wenn man in einer Schule nur bestehen kann, wenn man mit x- Fördermaßnahmen und Nachhilfe dort nur überleben kann….”
    Ich halte Sie für eine engagierte Kollegin. Finden Sie nicht auch, dass es Zeit wird, dass sich das bayerische Gymnasium endlich Gedanken macht, ob es nicht mehr Verantwortung für den Lernerfolg ihrer Schüler durch Lernunterstützungsmaßnahmen übernehmen müsste und sich die pädagogische Frage stellt, ob nicht die Schule für die Schüler da ist und nicht umgekehrt.

    • Zusatz:
      Ich stimme Ihnen voll zu, wenn Sie schreiben : “Das ist der gesunden Entwicklung eines Menschen abträglich und sicher nicht förderlich für das Selbstbewusstsein eines Kindes. Es gibt auch noch eine Kindheit und eine Zeit als Jugendlicher neben der Schule. ”
      Ich verstehe nun auch, wenn Sie und andere Kollegen der Grundschule Bauschmerzen haben, Kindern, die keine Unterstützung im Elternhaus haben, Mut zu machen, das Gymnasium zu besuchen. Hier sollten Sie und die Kollegen aber m.E. nicht hinnehmen, dass das Gymnasium keine Verantwortung für die Förderung dieser Schüler übernimmt.
      Noch eine Frage: Sie schreiben:”Wer fürs Gymnasium die kognitive Begabung und die entsprechende Lerneinstellung mitbringt, der besteht auch dort ohne elterliche Unterstützung.”

      Hier habe ich Bauchschmerzen: wie stellt man fest, wer die kognitive gymnasiale Begabung hat?

      • Zu Ihrer letzten Frage: Wer sich im Unterricht langweilt, sichtlich unterfordert ist und trotzdem nur gute und sehr gute Leistungen bringt, hat kognitiv eine gymnasiale Eignung. Wenn eines dieser drei Kriterien nicht erfüllt ist, muss man schauen, bei zwei oder drei nicht erfüllten Kriterien habe ich Zweifel. Die Erfassung dieser Kriterien ist pädagogische Aufgabe der Lehrkraft und ist nach bestem Wissen und Gewissen auszuführen. Begangene Fehler können bis Ende Klasse 6 problemlos in jede Richtung korrigiert werden.

        • Geht es noch absurder?
          Wer sich nicht im Unterricht langweilt und nicht unterfordert ist, hat nach Anwendung logischer Regeln nach der Argumentation von XXX nicht die kognitive Eignung für das Gymnasium

          • Wenn Sie logisch falsch invertieren, hätten Sie recht. Unter den Schülern, die in der Grundschule nicht unterfordert war, finden Sie eine ganze Menge, die für das Gymnasium nicht geeignet wären. Desweiteren verweise ich auf den Kommentar von Carsten60 von 15:41 Uhr. Er entspricht ja in etwa meiner Ansicht.

        • @xxx
          Da haben Sie eine falsche Vorstellung, wie Unterricht in der Grundschule stattfindet. Das ist nicht die Regel, dass sich ein begabtes Kind in der Grundschule langweilt. Eher umgekehrt: Begabte Kinder bringen durch ihre gute Ideen und Erkenntnisse den Unterricht weiter. Ich bin froh, dass ich sie habe. Durch Differenzierungsmöglichkeiten und offene Unterrichtsphasen finden sie genug Ansprache.

      • Zu den Bauchschmerzen:
        “Kognitive Fähigkeiten” ist heutzutage oft eine Umschreibung für Intelligenz, so auch in den Berichten über standardisierte Tests. Wer also hinreichende Intelligenz, ein hinreichend gutes Gedächtnis und dann noch eine passende Lerneinstellung (oder Arbeitsmoral, d.h. nicht allzu faul) mitbringt wie ysnp das oben beschrieb, der sollte eigentlich an normalen Gymnasien ohne Nachhilfeunterricht auskommen.
        Man könnte mal bei professionellen Nachhilfeinstituten nachfragen, woran es denn meistens hapert. Ich vermute, das sind die o.g. drei Punkte, nicht primär die soziale Herkunft.

        • @ xxx: Ich habe weder logisch falsch invertiert noch Ihre Aussage interpretiert, sondern lediglich Ihre Aussage nach den Regeln der zweiwertigen Logik zur Kenntnis genommen ==> mein obiger Kommentar.

          Der Kommentar von Carsten60 benutzt Kriterien, die sehr vage sind (hinreichend, passend). Auf dieser Basis ist es kaum verantwortbar, Lernwege von 10-jährigen zu bestimmen und ihnen Lernmöglichkeiten zu verwehren (unterschiedliche Curricula in den 3 Schulformen).
          Meine Schlussfolgerung: Es ist nicht möglich und auch unnötig, Kinder in diesem Alter in Lernschubladen zu sortieren.

      • Ich habe die Schüler zwei Jahre in allen Fächern. Ich sehe, wie gut sie welchen Stoff auffassen, ich sehe ihre Unterrichtsbeiträge und ihre Denkweise besonders bei speziellen Unterrichtsmethoden und den sg. offenen Aufgaben. Moderner Unterricht in der Grundschule ist sehr vielfältig. Man sieht auch Interesse an Unterrichtsthemen, wie Kinder sich einbringen. Von daher hat die BLLV- Vorsitzende Frau Fleischmann Recht, dass die Lernentwicklung und andere Kriterien viel mehr in die Übertrittsüberlegungen mit einbezogen werden müssen. Es gibt aber auch Kinder, die bei Proben eine Leistung abrufen können, was sie im Unterricht noch nicht so zeigen. In den Proben bekomme ich auf die Dauer ein Bild, wie Kinder die unterschiedlichen Anforderungsbereiche bewältigen können. Bei vielen ist das im 3. und 4. Schuljahr ähnlich.

  7. Inzwischen wurden wohl Teile des Begleittextes der Petition geändert.

    Diese Aussagen:
    “Der Anspruch wird immer heftiger und die Bewertungen und Fragen in den Proben immer skurriler! …. Teilweise konnten studierte Erwachsene Fragen in den Proben nicht nachvollziehen – wie sollen es dann 9-10 jährige Kinder?”

    …weise ich als Lehrkraft, die im 3. und 4. Schuljahr in By unterrichtet, klar von mir! Das stimmt so nicht und ich kann mir das nicht vorstellen, dass eine Schule generell so unprofessionell arbeitet… Im Gegenteil: Das Niveau ging in den letzten 10 – 15 Jahren schleichend herunter. Inzwischen habe ich das Gefühl, dass der Iniatorin jedes Mittel recht ist und der neuste Text zeigt auch, dass man hier auf Konfontation mit den Lehrkräften aus ist und überall Schuldige (außer bei den Eltern) sucht.

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