Umfrage: Mehrheit gegen soziales Pflichtjahr für Jugendliche

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HAMBURG. Die Idee einer sozialen Dienstpflicht für Jugendliche stößt in Deutschland auf Vorbehalte. Das geht aus einer Befragung des Hamburger Zukunftsforschers Horst Opaschowski hervor. Die Bürger, mutmaßt Opaschowski, wollen sich ihre Freiheit nicht nehmen lassen. 

Freiwilliges Jahr - Bundesfreiwilligenddienstszene
Mehr als 80.000 Menschen absolvieren laut Bundesfamilienministerium jedes Jahr einen Freiwilligendienst. Foto: BMFSFJ / Bertram_Hoekstra

Nur eine Minderheit will der Umfrage zufolge Jugendliche nach der Schulzeit für ein Jahr zu einer sozialen Tätigkeit verpflichten. In der repräsentativen Befragung, die Zukunftsforscher Opaschowski vorlegte, befürworten lediglich 37 Prozent ein soziales Pflichtjahr. In Ostdeutschland fiel die Zustimmung mit 47 Prozent deutlich höher aus als in Westdeutschland, wo 35 Prozent für eine Dienstpflicht sind.

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Eine sehr große Mehrheit aller Befragten (87 Prozent) unterstützt jedoch die Aussage: „Für Egoismus ist in unserer Gesellschaft immer weniger Platz. Wir müssen mehr zusammenhalten.“ Die Bürger wollten sich ihre Freiheit nicht nehmen lassen und setzten mehr auf Gemeinschaftsdienste auf freiwilliger Basis, erklärte Opaschowski und resümierte: „Nicht das soziale Jahr wird mehrheitlich abgelehnt, sondern das ‚Pflicht‘-Jahr: Pflicht wird als lästig und Verlust an Selbstbestimmung empfunden.“

Freiwilligendienste sind beliebt
Nach dem Aussetzen der Wehrpflicht und damit auch des zivilen Ersatzdienstes für junge Männer hat Deutschland den Bundesfreiwilligendienst eingeführt. Er unterscheidet sich kaum vom Freiwilligen Sozialen Jahr. Im Juni 2019 wurden knapp 38.000 Bundesfreiwilligendienstleistende gezählt. Im Vorjahresmonat waren es deutlich über 40.000. Insgesamt absolvieren nach Angaben des Bundesfamilienministeriums jedes Jahr mehr als 80.000 Menschen einen Freiwilligendienst.

Vor knapp einem Jahr hatte die damalige CDU-Generalsekretärin und heutige Parteivorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer eine Debatte über eine allgemeine Dienstpflicht angestoßen. Im Gespräch war, dass Männer und Frauen ein Jahr lang etwas für die Allgemeinheit tun, bei der Bundeswehr oder in sozialen Einrichtungen, dem Technischen Hilfswerk oder der Feuerwehr.

Die Debatte über eine allgemeine Dienstpflicht hatte die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer angestoßen. Foto: Claude Truong-Ngoc / Wikimedia Commons – cc-by-sa-3.0

Bedenken gegen den Vorstoß kamen vor allem von SPD und Grünen, aber auch von Kirchen und Sozialverbänden. Sie sprachen sich für eine Stärkung der Freiwilligenarbeit aus. Im März beschloss der Bundestag auf Initiative von Familienministerin Franziska Giffey (SPD), Freiwilligendienste in Teilzeit zu ermöglichen. Mehr Menschen sollen die Möglichkeit bekommen, sich zu engagieren. Gegen eine allgemeine Dienstpflicht wurden vor allem rechtliche Bedenken geäußert. Wie sollte sie begründet und durchgesetzt werden?

Frankreich als Vorbild?
Kramp-Karrenbauer lobte jüngst die Einführung des „Service National Universel“ in Frankreich als „spannendes Modell“. Allerdings ist diese Art von Sozialpraktikum für Schülerinnen und Schüler im Alter von 15 oder 16 Jahren vorläufig noch freiwillig, erst 2026 soll der vierwöchige Dienst verpflichtend werden. Die CDU-Chefin hob zwei Aspekte hervor: Ein Pflichtdienst wie in Frankreich geplant könne Toleranz, Respekt und Verantwortungsbewusstsein stärken, außerdem die Integration fördern, wenn auch Menschen ohne deutsche Staatsbürgerschaft ihn ableisten müssten.

Die Ablehnung einer Dienstpflicht ist in Deutschland indes nicht so stabil. Frühere Umfragen stellten auch schon fest, dass eine Mehrheit sie befürwortet. Im August 2018 sprachen sich laut ZDF-„Politbarometer“ gut zwei Drittel (68 Prozent) für die Idee von Kramp-Karrenbauer aus.

Auch eine Befragung des Marktforschungsinstituts Toluna, die im Auftrag der Versicherungskammer im Februar 2019 durchgeführt wurde, ergab eine Mehrheit. Etwa zwei Drittel (64 Prozent) sagten, ein Gesellschaftsjahr nach der Schulzeit sollte Pflicht sein. Allerdings stimmten nur 26 Prozent dieser Aussage „voll und ganz“ zu, während 38 Prozent „eher“ dafür waren. Bei den 18- bis 29-Jährigen sank die Zustimmungsrate insgesamt auf 53 Prozent.

Ob das Modell des französischen Dienstes in Deutschland mehrheitsfähig wäre, ist fraglich, wenn man die Details der Ausgestaltung kennt. In Frankreich sollen Jugendliche zwei Wochen außerhalb ihrer Heimatregion in Internaten untergebracht werden. Der Dienst soll zudem nach Vorstellung des Pariser Bildungsministeriums morgens mit einem Fahnenappell in Uniform und dem Singen der Nationalhymne „Marseillaise“ beginnen. dpa

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4 KOMMENTARE

  1. Ich finde die Idee eines “sozialen Jahres” eigentlich sehr gut, aber ich hätte doch Bedenken, wenn Jugendliche das gegen ihren Willen machen müssen und dann in “sensiblen Bereichen” (alte Leute, Kinder, Tiere …) mehr Schaden anrichten als Nutzen zu bringen.

    Ich hatte im Bekanntenkreis junge Männer, die freudestrahlend davon erzählten, wie sie mit Tieren im Tierpark Schabernack trieben, als sie dort mal eingesetzt waren. Ich hörte als Erwachsener von jungen Leuten, denen das Gericht “Sozialarbeit” aufgebrummt hatte und die nur eine Belastung für die regulären Arbeitskräfte waren, weil sie lustlos waren, ständig zu spät kamen und sich rasch krankmeldeten.

    • Die von Ihnen im Beispiel angesprochene gerichtlich angeordnete Sozialarbeit gilt als Strafersatz und ist eigentlich von der Motivationslage der Betroffenen und dem Hintergrund des Entschädigungs- und Sühneauftrags eine vollkommen andere Leistung, eben eine soziale Entschädigungsleistung, bei der man weder eine finanzielle Zuwendung erhält, noch diese Zeit, im Gegensatz zum freiwilligen Sozialen Dienst, im Rentensystem nicht berücksichtigt wird.
      Dem gegenüber bietet ein freiwilliger Sozialdienst die Möglichkeit zur erweiterten beruflichen Orientierung, sowie der inneren Festigung der Bindung an unsere Gesellschaft, und zusätzlich erhält man Zeit, um über den weiteren beruflichen Lebensweg nachzudenken und diesem eine andere Perspektive zu bieten, da man praktische berufliche Erfahrungen über ein Jahr sammeln kann. Somit hat man eine doppelte Gewinnsituation was die Entscheidung dafür erleichtert.

      • Es ging darum, dass ich Bedenken habe, die jungen Leute GEGEG ihren Willen zu solchen sinnvollen und lobenswerten sozialen Leistungen zu verpflichten!

        • * GEGEN

          Bzw. man sollte sie etwas machen lassen, was ihren Neigungen entspricht, bräuchte also ein entsprechendes mannigfaltiges Angebot.

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